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Vorstellung

Bugatti EB110 GT: So entstand der Überflieger

Mit V12, vier Turboladern, 60 Ventilen und Allradantrieb schuf Romano Artioli einst das schnellste Straßenauto der Welt. Der Bugatti EB110 – entwickelt und gebaut von italienischen Top-Ingenieuren – war technisch seiner Zeit voraus. Es entstanden weniger als 140 Exemplare ...

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Der Bugatti EB110 GT fahrend von vorne
So muss ein Supersportwagen aussehen! Nur das Bugatti-Hufeisen erscheint arg klein. Foto: RM Sotheby's
Der Bugatti EB110 GT fahrend von hinten
Derek Hill fuhr den EB110 im Renneinsatz und erinnert sich: „Man kann mit 320 km/h dahinrollen – der Bugatti ist ein herausragendes Auto“. Foto: RM Sotheby's
Collage zu Details des Bugatti EB110 GT
Links: Selbst die Türen streben nach Höherem – allerdings lässt sich nicht die gesamte Seitenscheibe öffnen. Oben: Kleine Kunstwerke lassen sich überall am Auto entdecken, etwa dieser perfekt integrierte Air-Duct. Unten: Der automatisch ausfahrende Spoiler sorgt für Abtrieb auf der Hinterachse. Foto: RM Sotheby's
Der Bugatti EB110 GT stehend von schräg vorne
Im Kaufpreis inklusive waren ein Wartungsvertrag und drei Jahre kostenlose Verschleißteile. Foto: RM Sotheby's
Der Bugatti EB110 GT stehend von schräg hinten
Was für ein schnörkelloses Heck – der eingezogene Spoiler machts möglich. Foto: RM Sotheby's
Der Bugatti EB110 GT stehend seitlich
Fahrgestellnummer 39068: der 51. je gebaute EB110 GT – natürlich in Bugatti-Blue. Foto: RM Sotheby's
Das Cockpit des Bugatti EB110 GT
Sportwagenluxus der 90er: knopfloses Lenkrad und eine Sechsgang-Handschaltung. Foto: RM Sotheby's
Die Sitze des Bugatti EB110 GT
Die Türen öffnen bei allen Bugatti EB110 nach oben – das zweifarbige Leder im Interieur war ein Wunsch des Erstbesitzers. Foto: RM Sotheby's
Collage zu Details des Bugatti EB110 GT
Links: Als Schlüssel noch Schlüssel waren: klassisches Accessoire für die Hosentasche. Oben: Schmal, aerodynamisch verkleidet und unverwechselbar: ein Auge des Orkans. Unten: Natürlich auch vom Feinsten: die Stereoanlage von Nakamichi in der Mittelkonsole. Foto: RM Sotheby's
Der Motor des Bugatti EB110 GT
Blickfang: der V12 inmitten von Schläuchen, Nebenaggregaten und Abgassträngen. Foto: RM Sotheby's
Romano Artioli mit einem Buch zum Bugatti EB110 GT
Romano Artioli (geboren am 5.12.1932 in Moglia) war einer der größten Ferrari-Händler, Bugatti-Sammler und Lotus-Eigner. 1987 übernahm er die Markenrechte und führte Bugatti in die Moderne. Foto: Bugatti

Der Bugatti EB110 entstand mit dem geballten Know-how italienischer Supersportwagen-Ingenieure

Was für eine Truppe: Da ist zunächst Nicola Materazzi, ehemaliger Chefingenieur von Boliden wie Ferrari F40 und Lancia Stratos. Der macht aus dem vom großen Paolo Stanzani (Vater von Lamborghini Espada und Urraco) entworfenen Aluminium-Chassis eines aus Kohlefaser, weil sich dessen Leichtmetall-Wabenstruktur als zu wenig verwindungssteif für einen leistungsstarken Mittelmotor-Sportwagen erweist. Dann Marcello Gandini, Schöpfer solcher Ikonen wie Lamborghini Miura und Countach: Er zeichnet verantwortlich für den Konzeptentwurf des neuen Supercars.

Der wird wiederum verfeinert und weiterentwickelt von Giampaolo Benedini, einem Architekten, der auch die „Blaue Fabrik in Campogalliano“ entwirft, wo das Auto gebaut wird. Er ist zudem verwandt mit dem Hauptakteur: Romano Artioli, die treibende Kraft hinter diesem Monsterprojekt. Ein Mann, der 1952 – als 20-Jähriger gelernter Maschinenbauer – nicht versteht, wieso die Produktion von Bugatti im französischen Molsheim eingestellt wird. Den die französische Edelmarke seitdem nicht mehr loslässt.

Und der im Alter von 59 Jahren – als Techniker, Autohändler und erfolgreicher Finanzjongleur – seinen Traum verwirklicht. Den Traum, Bugatti, diese großartige Marke, wieder auferstehen zu lassen. Und zwar mit dem besten und schnellsten Supersportwagen, den die Welt je gesehen hat. Zunächst als GT, als Grand Tourer, für die schönsten Reisen, die man auf diesem Planeten überhaupt absolvieren kann. Der Name: Bugatti EB110 – zu Ehren von Ettore Bugatti und dessen 110. Geburtstag im Jahr 1991.

Dann ist da natürlich die Produktionsstätte – nicht wie erhofft am einstigen Stammsitz im französischen Molsheim. Passende Arbeitskräfte findet Artioli woanders: Selbstverständlich in der Terra di Motori rund um Bologna, wo Lamborghini und Ferrari, Dallara und Ducati, Maserati und DeTomaso firmieren. Artioli greift dafür tief ins Portemonnaie: Er lässt für seinen Traum – nachdem er 1987 Bugatti von Messiers-Bugatti gekauft und 1989 Bugatti Automobili SpA gegründet hat – auf 240.000 m² Fläche die modernste Automanufaktur der Welt hochziehen, und zwar in Campogalliano nahe Modena.

Der Mercedes 560 SEC von Bruno Sacco im Fahrbericht (Video)

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Video: AUTO ZEITUNG

Der EB110 war wortwörtlich ein Überflieger

Zunächst gelingt alles generalstabsplanmäßig: Artioli präsentiert am 15. September 1991 in Paris den Bugatti EB110 erstmal der Öffentlichkeit. Das Auto ist weit mehr als nur eine Sensation: Es ist das erste Auto mit in Serie gefertigtem Carbonchassis, gebaut vom französischen Luft- und Raumfahrtkonzern Aérospatiale, um Toleranzvorgaben und Qualitätsstandards der Luftfahrtindustrie anwenden zu können. Die Türen schwingen beim Öffnen senkrecht nach oben. Ein automatisch ausfahrender Heckspoiler sorgt bei höheren Tempi für genug Abtrieb – im Stand und beim Flanieren dagegen wird die Optik durch den Flügel nicht beeinflusst.

Die Kraft liefert ein V12 mit 60 Ventilen, der von vier Turboladern zwangsbeatmet wird. 560 PS (412 kW) sind der Hammer – es gibt nichts Vergleichbares. Über eine Sechsgang-Handschaltung wird die Power an alle vier Räder verteilt, erreicht allerdings nur zu 27 Prozent die Vorderräder – die Musik spielt hauptsächlich hinten. Es gibt eine zentrale Visco-Sperre und ein hinteres Sperrdifferential mit 50-prozentiger Sperrwirkung. Das alles erlaubt einen Sprint in knapp 3,5 s von null auf 100 km/h und eine Höchstgeschwindigkeit von 341 km/h – wohlgemerkt im Jahr 1991!

Der Bugatti EB110 GT stehend von schräg hinten
Foto: RM Sotheby's

Der EB110 kostet zuerst in Deutschland 690.000 Mark. Inklusive ist ein Wartungsvertrag, der garantiert, dass innerhalb von drei Jahren alle Verschleißteile kostenfrei ersetzt werden. Zur Serienausstattung gehören zum Beispiel Antiblockiersystem, Klimaanlage, Servolenkung, elektrisch betätigte Sitzlehneneinstellung, Stereoanlage und eine infrarotbetätigte Zentralverriegelung. Und immerhin: ein Kofferraum zwischen Motor und Sitzen, der 72 l fasst.

1992 legt Romano Artioli noch eine stärkere und leichtere Version des EB110 mit dem Beinamen SuperSport auf, deren Motor 611 PS (449 kW) leistet. Dieser Bugatti wiegt 1570 kg und benötigt für den Sprint 3,26 s, Top-Speed: 351 km/h. Einen EB110 SS-Kunden kennt jeder: Michael Schumacher. Den wird es nicht gestört haben, dass so ein Supersportler mindestens 30 l Sprit pro 100 km verbrennt – manche sprechen auch von einem Liter Super Plus je Kilometer beim häufigen Abrufen der gesamten Leistung. Der EB 110 SS ist laut Hersteller zu seiner Zeit das schnellste in Serie produzierte Auto der Welt – erst der McLaren F1 löst ihn ab.

Ausgeliefert im August 1994 – und dann regelmäßig genutzt

Das Fotoexemplar auf diesen Seiten ist ein lupenreiner GT – die Nummer 51 von je nach Quelle 85 bis 96 gebauten GT. Er wurde 2016 von RM Sotheby’s angeboten und für 616.000 Euro verkauft. Die Schönheit mit der Fahrgestellnummer 39068 wurde als Modell der zweiten Serie fertiggestellt und verfügt über ein überarbeitetes Kühlsystem und einen modifizierten Heckstoßfänger. Der Erstbesitzer bestellte das Auto im Mai 1994 beim tschechischen Händler Zdenek-Auto in der Farbe „Bugatti Blue“. Innen wünschte sich der Glückliche eine zweifarbige graue Lederausstattung. Er erhielt das Auto im August 1994 und nutzte es nachweislich regelmäßig.

Im Jahr 2001 verkaufte er das Auto an einen Landsmann, der das Fahrzeug umgehend den Spezialisten von Dauer Sportwagen in Nürnberg anvertraute. Dauer hatte 1997 nach der Insolvenz von Bugatti Automobili die offiziell lizenzierte Weiterproduktion, noch nicht fertiggestellte Fahrzeuge und einen großen Fundus an Ersatzteilen sowie die Wartung der EB110-Modelle übernommen – vier bis zehn weitere EB110 sollen dort entstanden sein.

Der EB110 GT verblieb noch bis 2012 in der Tschechischen Republik; anschließend gelangte er nach Italien und wurde auf dem „Auto e Moto d’Epoca“-Concours d’Elegance in Padua ausgestellt. Ein italienischer Sammler erwarb ihn, bis dessen Kollektion Ende 2016 über RM Sotheby’s auktioniert wurde. 2018 ging er an einen Liebhaber in Dänemark, wechselte aber bald wieder den Besitzer. Der bislang letzte ließ das Fahrzeug bei B Engineering in der Emilia-Romagna warten – dem Unternehmen, das heute die Rechte an der EB110-Produktion sowie der offiziell autorisierten Markenwartung hält. Bis dahin ist das seltene Stück knapp 32.000 km gelaufen.

Apropos selten: 1995 ist Schluss mit dem EB110 – Artioli muss angesichts der aufkommenden globalen Wirtschaftskrise am 23. September Insolvenz anmelden. Die Namensrechte an der Marke Bugatti gehen 1998 an den Volkswagen-Konzern, der die Marke mit dem Veyron 2005 erneut belebt. Bis heute wurden 1001 moderne Bugatti gebaut, bevor ab diesem Jahr der brandneue Tourbillon die Tradition weiterführt. Übrigens werden alle Bugatti seit 2005 wieder in Molsheim produziert. So wie sich das Romano Artioli immer gewünscht hat …

Von Roland Löwisch