Euro-NCAP: Neuer Crashtest-Standard Mehr Schutz für Unfallgegner ab 2020

von Christina Finke 03.04.2019

Ab 2020 gelten neue Standards für den genormten Crashtest der Euro-NCAP. Neben einem neuen Dummy sowie strengeren Maßstäben für Gurte und Airbags wird vor allem der Schutz von Unfallgegnern wichtiger. Für einige Hersteller könnte das teuer werden!

Für eine Bestnote im Euro-NCAP-Crashtest gilt ab 2020 ein neuer Standard: Autos müssen dann mehr Rücksicht auf den Unfallgegner nehmen – knautschen statt aufspießen, sonst gibt es keine fünf Sterne. Außerdem gelten zukünftig strengere Maßstäbe für Gurte und Airbags, auch eine neue Dummy-Puppe kommt zum Einsatz. Vor allem mit Blick auf den anhaltenden SUV-Boom, mit dem immer mehr bullige und schwere Fahrzeuge auf die Straßen rollen, ist das neue Testverfahren ein wichtiger Schritt. Denn große Autos stehen bei einem Crash in der Regel sicherer da als kleine Modelle – auch wenn beide Fahrzeuge zuvor die Topbewertung von fünf Sternen im Euro-NCAP-Crashtest eingefahren haben. Bislang bekommen die Autos eine Bestnote, wenn sie die eigenen Insassen sowie Fußgänger optimal schützen und den Fahrer mit Assistenzsystemen unterstützen. "Wir sehen in der Unfallforschung, dass die Fahrzeuge mit Blick auf die Testverfahren optimiert wurden", sagt Reinhard Kolke, Leiter des ADAC-Technikzentrums. Doch immer wieder fanden die im europäischen Testkonsortium NCAP zusammengeschlossenen Autoclubs und Behörden in den vergangenen Jahren nicht kompatible Knautschzonen, und sie stellten fest: "Partnerschutz leistet auch einen großen Beitrag zu mehr Eigenschutz." Ab 2020 wird mit dem neuen Crashtest-Standard der Euro-NCAP daher auch bewertet, welchen Schaden ein Fahrzeug beim Unfallgegner anrichtet. Nach und nach soll die Gewichtung des Partnerschutzes dann erhöht werden, die nächste Stufe folgt 2022. Mehr zum Thema: Alle SUV-Neuheiten bis 2020

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Ab 2020: Neuer Standard für den Euro-NCAP-Crashtest

Der neue Standard beim Euro-NCAP-Crashtest sieht einen Frontalcrash mit einem normierten Kompaktklasse-Fahrzeug vor. Wer sich dabei nicht partnerschaftlich verhält, bekommt ab 2020 Punkte abgezogen. Bislang krachen Fahrzeuge im Crashtest auf eine nicht verformbare Barriere. Wie sich der Aufprall auf den Unfallgegner auswirkt, kann bei diesem Vorgehen allerdings kaum festgestellt werden. Zukünftig prallen die Autos dann auf eine bewegliche Crash-Barriere mit einem verformbaren Wabenelement, das die Front eines anderen Pkw simuliert. Hier hinterlässt der getestete Wagen einen Abdruck, der zeigt, welche Teile sich im Fall eines Frontalzusammenstoßes besonders tief in die Karosserie eines anderen Autos bohren würden. "Vor allem kleinere Fahrzeuge mit steifer Frontstruktur werden Punkte verlieren", erwartet Volker Sandner, Leiter der Crashtests beim ADAC. Neben den neuen Standards soll auch ein neuer Dummy namens "Thor" den Euro-NCAP-Crashtest ab 2020 einen großen Schritt weiter bringen. "Thor" soll flexibler und mit mehr Messpunkten "gefühlsechter" sein, als der heutige Dummy – vor allem bei schwere Brustkorb- und Bauchverletzungen, die laut Sandner heute bei Frontalzusammenstößen typisch seien. Außerdem zeige er, was passiert, wenn sich der Körper beim Aufprall seitlich verdreht oder der Bauch unter dem Beckengurt durchrutscht.

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Neue Euro-NCAP-Standards erfordern Investitionen

Aufgrund des neuen Standards ab 2020 ziehen einige Autobauer den Euro-NCAP-Crashtest mit den noch geltenen alten Regularien für 2019 vor. Im Durchschnitt testen die NCAP-Mitglieder 40 Fahrzeuge im Jahr. "Dieses Jahr werden es etwa 60 sein", sagt Sandner. Während etwa Honda das Thema Kompatibilität schon früh aufgegriffen habe, hätten andere es aus Kostengründen wieder in die Schublade gelegt, der VW-Konzern habe Nachholbedarf, so Sandner weiter. "Aber jetzt ist das Thema auf dem Tisch." Und wer sich beim Frontalcrash mit einem normierten Kompaktklasse-Fahrzeug nicht partnerschaftlich verhält, bekommt ab 2020 Punkte abgezogen beim Euro-NCAP-Crashtest. Der Testleiter ist sich sicher, dass die Hersteller bei Gurten und Airbags schon reagieren und Verbesserungen hier relativ schnell umgesetzt werden. "Wie schnell das bei den Rohbau-Strukturen geht – da bin ich noch gespannt." Das liegt unter anderem daran, dass Autobauer weltweit mit sinkenden Verkaufszahlen zu kämpfen haben und in den kommenden Jahren viel Geld in die Elektromobilität investieren müssen. Hinzu kommt ab 2022 der von der EU geforderte, verpflichtende Einbau zahlreicher Assistenzsysteme in neuen Modellen, die das Fahren sicherer machen sollen. Doch die Investitionen sind notwendig: Denn die Zahl der Unfallopfer ist im Jahr 2018 wieder gestiegen – 3265 Menschen wurden getötet, fast 68.000 schwer verletzt. Neben all dem Leid, das dadurch ensteht, verursacht das zudem eneorme volkswirtschaftliche Kosten. Die Bundesanstalt für Straßenwesen in Bergisch Gladbach, die ebenfalls NCAP-Crashtests durchführt, beziffert die finanziellen Folgen der Todesfälle und Verletzungen auf 13 Milliarden, die Sachschäden auf 21 Milliarden Euro jährlich. Mehr zum Thema: Lieferzeiten für Elektroautos

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