Vorstellung

Mercedes 230 SL Speciale: Pininfarinas Pagode ohne Pagode

Mercedes und Pininfarina vereinen zusammengerechnet bereits mehr als 200 Jahre feinsten Automobilbaus. Dennoch lassen sich die Berührungspunkte zwischen Turin und Stuttgart an einer Hand abzählen. Der Mercedes 230 SL Speciale hätte dies ändern können.

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Der Mercedes 230 SL Speciale stehend von vorne
Sieht seltsam vertraut und doch ganz fremd aus: Der Mercedes 230 SL Speciale von Pininfarina kombiniert Mercedes-Details mit Ferrari-Linien. Foto: Gooding & Company
Der Mercedes 230 SL Speciale stehend seitlich
Das Einzelstück zeichnete Tom Tjaarda, der später unter anderem das Design von Fiat 124 Spider, De Tomaso Pantera und des ersten Ford Fiesta verantwortete. Foto: Gooding & Company
Der Mercedes 230 SL Speciale stehend von hinten
Dank schmalerer Heckleuchten und geglätteter Flossen hebt sich der Speciale auch von hinten klar von der Serie ab. Foto: Gooding & Company
Das Cockpit des Mercedes 230 SL Speciale
Nur die Technik und das Armaturenbrett ließen Pininfarina stehen, damit eine Serienfertigung möglichst unkompliziert umsetzbar gewesen wäre. Foto: Gooding & Company
Die Sitze des Mercedes 230 SL Speciale
Die Sitze erinnern eher an einen Ferrari-Gran-Turismo als an einen Mercedes. Foto: Gooding & Company

Ausgerechnet das stilbildende Hardtop riss Pininfarina dem SL ab

Ein Pagodenzelt spendet Schatten sowie Wetterschutz und bringt Menschen auf diese Weise zusammen. Damit aber zwei Schwergewichte der Autowelt ins Geschäft kommen können, musste Pininfarina die Pagode ironischerweise abbauen. Die Rede ist in diesem Fall aber nicht vom Zeltdach, sondern vom Mercedes SL (W113), der dank seines Hardtops seit jeher den Pagoden-Spitznamen weg hat.

Den Nachfolger des 190 SL hatte Mercedes gerade frisch präsentiert, als die Carrozzeria die Chance sah, einen der größten Fische der Automobilindustrie als Kunden an Land zu ziehen. Zuvor hatte sich Pininfarina 1956 schon einmal an einem Mercedes 300 Sc versucht, der 2026 beim Concours in Pebble Beach (USA) prämiert wurde.

Was dem schlanken Roadster mit dem Pagodendach nämlich noch fehlte, war ein waschechter Gran Turismo-Ableger. So jedenfalls schrieben es Sergio Pininfarina und Firmenboss Renzo Carli in ihrem Brief an den Daimler-Vorstand, mit dem Wunsch, einen SL für ebenjenen Umbau zur Verfügung gestellt zu bekommen. Mercedes stimmte tatsächlich zu und lieferte einen 230 SL über die Alpen.

Die Aufgabe des Restylings fiel an Tom Tjaarda. Der damals 28-jährige US-Amerikaner war der Sohn des niederländisch-stämmigen Autodesigners John Tjaarda und hatte bereits zuvor bei Ghia mit Entwürfen für den VW Karmann-Ghia Typ 34 für Aufsehen gesorgt. Als Pininfarina-Mitarbeiter hatte er jüngst den Ferrari 330 GT 2+2 ersonnen, der wiederum einen gewissen Einfluss auf Pininfarinas SL-Design haben sollte.

Der Mercedes 560 SEC von Bruno Sacco im Fahrbericht (Video)

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Video: AUTO ZEITUNG

Ein Mercedes im Ferrari-Dress? So entstand der Pininfarina-SL

Dennoch versuchte Tjaarda, die Karosserie lediglich sanft zu überarbeiten. Einerseits, weil der Speciale immer noch als Mercedes SL zu erkennen sein sollte und andererseits, um eine Serienproduktion möglichst unkompliziert zu ermöglichen. Deshalb blieben beispielsweise die stehenden Frontleuchten, aber auch die Technik und einige Teile des Interieurs, unverändert.

Auch der flache Kühlergrill orientiert sich stark am originalen Entwurf von Paul Bracq, ist aber an der Oberkante wie eine Haifischnase stärker nach vorne hin angewinkelt. Um die gesamte Frontpartie etwas flacher gestalten zu können, verlängerte Tjaarda zudem den vorderen Überhang.

Der Mercedes 230 SL Speciale stehend seitlich
Foto: Gooding & Company

Größer wirkt der SL Speciale auch wegen seines Verzichts auf Zierleisten an der Fahrzeugflanke. Das Heck wiederum geriet dank der schmaleren Rückleuchten und den begradigten Flossen etwas schlanker. Die größten Änderungen erfuhr der Mercedes aber natürlich am Greenhouse. Dort kommt Pininfarinas Ferrari-Feder ungehemmt zum Einsatz: Sowohl Front- aus auch Heckscheibe erstrecken sich viel flacher über das Cockpit und die Fensterlinie besitzt annähernd den gleichen Schwung wie ein 250 GT Lusso.

Passend dazu sitzt man im Pininfarina SL nicht auf den Benz-Sesseln mit Hasenohren-Kopfstützen, sondern auf Maranello-verdächtigen Ledersitzen. Dahinter hat die Firma aus Turin ein schickeres Gepäckabteil angelegt, dessen verchromte Zierleisten beim Verstauen aber zur Vorsicht mahnen. Auch die inneren Türverkleidungen wurden mit Chrom aufgehübscht. Nur das Armaturenbrett strahlt noch die gewohnte Mercedes-Noblesse aus.

Der Speciale sorgte innerhalb von 25 Jahren zweimal in Pebble Beach für Aufsehen

Obwohl der Mercedes 230 SL Speciale einem Ferrari optisch näher kam als alles andere diesseits des Flügeltürers, lassen sich die Fahrleistungen nicht gerade als berauschend bezeichnen. Die stärkeren 250er und 280er sollten erst ein paar Jahre später folgen und so muss sich die Ex-Pagode mit 150 PS (110 kW) begnügen, die via Vierstufen-Automatik eher elegant als eilig auf die Räder übertragen werden – auch wenn knapp 200 km/h Spitze für die frühen 60er schon als beachtlicher Wert galten.

Auf dem Pariser Autosalon 1964 gehörte der SL mit Stallgeruch zwar zu den Stars, aber Mercedes biss letzten Endes nicht an. Womöglich wollte die Daimler-Chefetage keinen internen Konkurrenten zum W111er-Coupé, das in den kommenden Jahren sukzessive mit stärkeren Sechszylindern und ab 1969 sogar mit V8 Muskeln ansetzen sollte.

Der Speciale landete dennoch in Deutschland, und zwar bei Verlags-Mogul Axel Springer in Hamburg, wo er von dessen vierter Ehefrau Helga Ludewig bewegt wurde. Später zog es das Einzelstück nach Monaco, anschließend über den großen Teich bis nach Kalifornien. Und so oft, wie es den Besitzer wechselte, änderte es auch seine Farbe: Das ursprünglich weiße Auto hatte Pininfarina im Zuge der Karosseriearbeiten in Silber lackiert, später war es dann Schwarz und sogar Rot.

1997 erwarb dann Sammler Preston Hook den SL und ließ ihn in einer Art Tour de Force innerhalb von lediglich zwölf Wochen im Glanze der Pariser-Autosalon-Spezifikation restaurieren, um den Mercedes pünktlich zum Concours in Pebble Beach (USA) präsentieren zu können. Warum er es so eilig hatte? Just in diesem Jahr befanden sich nicht nur Mercedes-Designchef Bruno Sacco, sondern auch Tom Tjaarda höchstpersönlich in der Jury. So überrascht es nicht, dass der Speciale dort nicht nur als Klassensieger gewürdigt wurde, sondern gleich noch mit einem Autogramm seines Designers auf dem Blechkleid.

Erst 2024 fanden Mercedes und Pininfarina zusammen – ironischerweise mit einem SL

Ebendort, nur 25 Jahre später, versteigerte Gooding & Company den Mercedes 230 SL Speciale für umgerechnet gut eine Million Euro, was den besonderen Stellenwert der Pininfarina-Pagode ein weiteres Mal unterstrich. Das Bieterspektakel erlebte Tjaarda nicht mehr mit. Der Designer verstarb 2017 mit 82 Jahren.

Zwischen Pininfarina und Mercedes sollte ebenfalls lange Funkstille herrschen. Erst mit dem gemeinsam entwickelten AMG Pure Speed fanden die beiden Firmen 2024 endlich zusammen. Hier schließt sich der Kreis, denn das (Klein-)Serienmodell basiert, Sie erraten es vielleicht, auf einem Mercedes SL.