Vorstellung

Mercedes STTS: Transporter mit Tunnelblick und Baby-Benz-Heck

Er arbeitet im Dunkeln, um der Schicht zu dienen: Den Mercedes STTS entwickelte Daimler Anfang der 1990er-Jahre gemeinsam mit AEG als Service-Fahrzeug für den frisch eingeweihten Eurotunnel. Auch mehr als 30 Jahre später ist der kuriose Doppellenker mit Riffelleuchten noch immer im Einsatz.

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Der Mercedes STTS stehend von schräg vorne
Ass im Ärmelkanal: Der Mercedes STTS hält den Eurotunnel seit 1994 als Servicefahrzeug am Leben. Foto: Mercedes
Drei Mercedes STTS stehend von schräg vorne
Zur größtmöglichen Flexibilität kann man in den STTS entweder ein Service-, Feuerwehr- oder Krankenwagen-Modul (v.l.n.r.) einsetzen. Foto: Mercedes
Der Mercedes STTS stehend von schräg vorne ohne Modul
Ohne Modul klafft eine riesige Lücke zwischen den beiden Fahrerhäusern. Vorne und hinten ist jeweils ein Diesel-Fünfzylinder montiert. Foto: Mercedes
Der Mercedes STTS beim Modulwechsel
Über eine Art Rollgerüst lassen sich die Module austauschen. Foto: Imago
Der Mercedes STTS stehend im Eurotunnel
Daheim im Eurotunnel: Um möglichst schnell durch die schmale Röhre zu kommen, entwickelte AEG ein induktives Bodenleitsystem. Foto: Imago

Mercedes STTS: Der Baby-Benz unter den Spezialfahrzeugen

Da entwickelt Mercedes in den 90ern einen genialen, autonom fahrenden Transporter mit zwei Fahrerkabinen und trotzdem fragt man sich zuallererst, wer diesem STTS das Heck des Baby-Benz ins Gesicht geparkt hat. Das Leben ist eben ungerecht. Vor allem, wenn man sein Dasein seit Jahrzehnten in einer knapp fünf Meter breiten Röhre unterm Ärmelkanal fristen muss.

Zum Glück muss man aber nicht selbst dort hinunter, um diesen STTS, diesen Regenwurm unter den Benzern, etwas näher kennenzulernen. Denn wir haben noch tiefer gegraben als einst die Eurotunnel-Staaten Frankreich und Großbritannien, um alle bohrenden Fragen zum Mercedes STTS zu beantworten.

Die Geschichte beginnt im Jahre 1987 mit dem ersten Spatenstich für den Eurotunnel, der das einst so EU-nahe Großbritannien ab 1994 mit dem europäischen beziehungsweise französischen Festland verbinden würde. Zwischen die beiden Röhren für die Eisenbahntunnel bohren die beiden Nationen ein drittes Loch unter den Atlantik, um einen zweispurigen Servicetunnel für Reparaturen und vor allem Evakuierungen in der Hinterhand zu haben.

Mit einem Durchmesser von lediglich 4,8 m verbietet sich die Nutzung von regulären Fahrzeugen, zumal das Sicherheitskonzept vorsieht, Menschen im Falle des Falles innerhalb von höchstens 90 min zurück ans Tageslicht zu bringen. Bei einer Tunnellänge von insgesamt 50,45 km kein ganz so simples Unterfangen.

Der Mercedes 560 SEC von Bruno Sacco im Fahrbericht (Video)

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Video: AUTO ZEITUNG

Doppelt so lang wie eine W140er-S-Klasse und so schmal wie ein Smart

Während französische und britische (Auto-)Hersteller in die Röhre gucken, beauftragt man Mercedes mit der Herstellung des dafür benötigten Sonderfahrzeugs. Die Firma besitzt schon damals ein riesiges Nutzfahrzeug-Know-how und hat jüngst Elektronik-Gigant AEG übernommen, was mit Hinblick auf die Hightech-Anforderungen im Eurotunnel weitere Vorteile mit sich bringt.

Es entsteht das Service Tunnel Transportation System, kurz STTS. Die Fahrzeuge sind mit gut zehn Metern Länge knapp doppelt so lang wie eine W140er S-Klasse, aber dabei nur so breit wie ein Smart Fortwo (etwa 1,5 m). Das Ergebnis sieht deshalb auch aus wie eine Straßenbahn mit Mercedes-Stern. Nur, dass die sechs Tonnen Leergewicht von Lkw-Reifen und nicht von Schienenrädern getragen werden.

Der Mercedes STTS stehend im Eurotunnel
Foto: Imago

Und trotzdem fährt der Mercedes STTS wie auf Schienen, was aber nicht nur dem fehlenden Seitenwind bei 40 m unterm Meeresboden zu verdanken ist. Um im Notfall mit bis zu 80 km/h zur Einsatzstelle zu rasen, ohne den Tunnel oder entgegenkommende STTS zu touchieren, hat AEG eine elektronische Spurführung entwickelt. In den Boden ist eine induktive Fahrbahnführung eingelassen, die die Fahrzeuge automatisiert von Folkestone (Großbritannien) bis nach Coquelles (Frankreich) schicken kann. Nur für die Fahrten abseits der Hauptspuren, zum Beispiel in die Verbindungsgänge zu den Zugtunneln, muss die Person am Steuer ins Lenkrad greifen. Ziemlich bemerkenswert, zumal Mercedes gut 30 Jahre später immer noch mit dem autonomen Fahren auf Level 3 hadert.

Sollten Sie jetzt nicht mehr wissen, wo vorne und hinten ist, keine Sorge – das spielt beim Mercedes STTS ohnehin keine Rolle. Da im Servicetunnel selbst einem Smart beim Wenden der Ölschweiß kommt, hat Mercedes beide Enden des Spezialfahrzeugs mit Fahrerhäusern bestückt. Auch diesen Trick kennen wir bereits aus dem Schienenverkehr.

Pannenhelfer, Krankenwagen sowie Feuerwehr in einem – und heute noch immer im Einsatz

Das riesige Loch dazwischen können Module stopfen, die je nach Anforderung verschieden lackiert sind. Gelb steht für den regulären Servicebetrieb, Weiß für den Krankentransport und Rot für die Feuerbekämpfung. Sogar ein blaues Polizeimodul soll aufgebaut worden sein, von dem aber keine Fotos existieren. Wenn man so will, ist der Mercedes STTS also quasi Pannenhelfer, Krankenwagen und Feuerwehrfahrzeug in Einem.

Und wie es sich eben gehört für so einen Malocher, so ein Ass im Ärmelkanal, fungiert jeweils ein Mercedes OM 602 an jedem Fahrzeugende als Antriebsquelle. Dahinter verbirgt sich ein Fünfzylinder-Diesel mit 84 PS (62 kW), der sonst vor allem in der damaligen G-Klasse und im Sprinter anzutreffen ist.

24 Exemplare des STTS soll Mercedes 1994 an den Eurotunnel ausgeliefert haben. Und während sich die Welt an der Oberfläche weiterdreht, Lady Di bei einem tragischen Autounfall ums Leben kommt, der Brexit die britische Insel von der EU trennt und die Queen verstirbt, sind die meisten Fahrzeuge des Service Tunnel Transportation System dort unten noch heute im Einsatz.

Alles hat ein Ende, nur der Mercedes STTS hat zwei. Zu guter Letzt muss man den Brit:innen immerhin zugute halten, dass sie es geschafft haben, der stolzen Grande Nation für den Servicetunnel ihren Linksverkehr aufzuschwatzen. Diese Errungenschaft ist mindestens ebenso faszinierend wie das Baby-Benz-Heck mit den Riffelleuchten am STTS.