Testfahrt im Renault 4 Plein Sud: Sonne & Lebensfreude
0,73 Quadratmeter – so groß ist das Stoffschiebedach des Renault 4 Plein Sud. Aber es ändert alles: Aus dem freundlichen Alltagshelden wird ein gefühlvoller Experte für die lichten Momente des Lebens, wie unsere Testfahrt zeigt.
- Sonn-Tags-Fahrer: So fährt der Renault 4 Plein Sud
- Retro-Look und Funktion: Sympathieträger mit Extra-Ass im Ärmel
- Der R4 Plein Sud könnte die Rettung des Cabriolets sein
- Überzeugender Cabrio-Botschafter mit vielen Allround-Talenten
- Bodenständig-bürgerliche Elektroantriebsdaten passen perfekt
- Technische Daten des Renault 4 Plein Sud
Sonn-Tags-Fahrer: So fährt der Renault 4 Plein Sud
Wie beim Hütchenspiel in der Fußgängerzone geht das: Man schaut konzentriert hin, ahnt aber längst, dass einem gerade was untergeschoben werden soll. Beim R4 Plein Sud lassen die PR-Expert:innen von Renault die Knobelbecher besonders emsig wirbeln: Im einen Moment wird der Elektro-Kompakte mit Stoffschiebedach ganz selbstverständlich zum Cabriolet erklärt und ein VW T-Roc Cabrio zum Hauptkonkurrenten aufgebaut – leider hat der „natürlich nicht die vielen praktischen Seiten“ des R4. Und im nächsten Moment, weil es wegen des 500 Euro teuren „Extended Grip“-Pakets mit Fahrmodi von Comfort über Sport, Eco und Snow bis All-Terrain und wegen der rustikalen Radhausverkleidungen irgendwie passt, jubelt einem das verwegen flexible Renault-Team den Wagen als „SUV“ unter. Nur eben eines mit Gefühl und Herz, compris?
Der R4 Plein Sud wird so wahlweise zur erfrischenden Alternative unter lauter Mainstream-Langweilern oder zum einzig grundsoliden Angebot neben allerhand gefühligen Spitzbuben ... Dabei wären diese Fingerübungen scharf geschliffener Überzeugungskunst doch überhaupt nicht notwendig, denn dass der Plein Sud ein bemerkenswert sympathisches Exemplar einer neuen Auto-Garde ist, weiß man längst. Nur ein Blick genügt, und die Sache ist klar: familien- und reisetaugliches Raum-Angebot, bodenständig-stimmiges Antriebspaket, bezahlbarer Preis: Er ist einer der Mehr-Auto-braucht-kein-Mensch-Sorte. Weil der Wagen auch noch im Detail sehr sympathisch gemacht ist mit zu Herzen gehenden Retro-Elementen und wohnlichem Interieur, hat einen der R4 bereits für sich gewonnen.
Retro-Look und Funktion: Sympathieträger mit Extra-Ass im Ärmel
Aber tatsächlich legt das gerade mal einen Quadratmeter große Stoffschiebedach der Plein Sud-Variante so bewegend nach, dass man nun kaum noch eine reelle Chance hat, der Charmeoffensive des Franzosen zu entgehen: Knopfdruck – und schon schiebt sich das Dach langsam aus den Dichtungen, knistert beim Nach-hinten-Fahren lasziv, während über einem der Himmel auftaucht. Verheißungsvoll, Zentimeter für Zentimeter, wie der Bühnenvorhang vor einem besonders mitreißenden Akt. Faltschiebedach-Fans wissen um den speziellen Effekt, jenen genüsslichen Freiheitsmoment, der nur einem selbst gehört: tief durchatmen, Licht und Luft und den Duft der Welt hereinlassen, ohne sich selbst herzuzeigen.
Cabriolets haben ja einen entscheidenden Konstruktionsfehler: Man sieht nicht nur, sondern man wird auch gesehen. Das Dach-Öffnen hat dann immer etwas peinlich Extrovertiertes – man sitzt schlagartig vor aller Augen im Freien, so wie das Reh auf der Lichtung, wie die schüchterne Klassenbeste im gnadenlosen Scheinwerferkegel beim Abitur-Abschlussball. Wer sich aber nicht in aller Öffentlichkeit bestaunen lassen will wie das Grill-Hendl auf dem Drehspieß oder der B-Promi am Oktoberfest-VIP-Tisch und trotzdem gern einmal das Offenfahren versuchen möchte, für genau den und die ist der Plein Sud da.
Der R4 Plein Sud könnte die Rettung des Cabriolets sein
Und machen wir uns nichts vor: Der R4 Plein Sud könnte auf seine introvertierte Weise sogar die Rettung des Cabriolets an sich sein. Während diese Gattung im Jahr 2008 nämlich noch respektable 4,2 Prozent aller Neuzulassungen in Deutschland ausmachte, liegt ihre Quote nach einem Absturz um mehr als 70 Prozent heute bei nur noch 1,2 Prozent. – „Na hör mal, immerhin noch ein Prozent!“ sagen Sie? Nun, für den Vergleich: Die Cabrio-Kundschaft befindet sich damit in prozentualer Gesellschaft mit Insektenessenden, Luxusuhrenkaufenden, Körper-Kultist:innen mit Faible fürs Zungenspitzenschlitzen, Dinosaurierknochensammelnden, Wingsuitfliegenden, praktizierenden Okkultist:innen oder Privatjet-Besitzenden … Cabrio-Eigner:innen, die mit einer Patek Philippe am Arm und T-Rex-Schädel im Kofferraum zum Base Jump fahren, dürfen das also in der absoluten Gewissheit tun, wahrlich exklusiv zu sein.
Und jetzt kommt der Renault 4 daher, kostet tatsächlich bezahlbare 36.300 Euro, will erkennbar nichts mit dem Fürsten der Finsternis zu tun haben, sondern ist einfach eine Lichtgestalt. Ein rundum vernünftiges Alltagsauto als heimliche Cabrio-Reanimations-Strategie. Dankeschön, Renault! Natürlich schauen bei dieser Danksagung 99 Prozent aller Neuwagenkäufer:innen verdutzt drein – weil sie überhaupt nicht wissen, was ihnen bisher entgangen ist und sich daher wundern, wofür die Begeisterung gut sein soll. Genau die laden wir nun also zu einer kleinen Sonn-Tags-Runde ein. Gern dürfen Sie mit aller verständlichen Skepsis zuerst einmal im Fond Platz nehmen, um sich das gefühlvolle Treiben aus sicherer Distanz anzusehen.
Überzeugender Cabrio-Botschafter mit vielen Allround-Talenten
Dort sitzen Sie nun in der erfreulich großzügigen zweiten Sitzreihe, haben unverkrampften Platz auch für lange Beine, genug lichte Höhe überm Kopf und gehen bereits in Gedanken durch, was man alles im Kofferraum mitnehmen könnte … Und dann zischt langsam das eben noch geschlossene Stoffdach nach hinten. Legt sich über Ihnen in ordentliche Falten, während Sonnenstrahlen durchs Interieur ziehen und den blauen Stoff der Sitzbezüge schimmern lassen.
Mitzählen: Knapp zehn Sekunden dauert es von Zu bis Auf, und man kann diesen Offenbarungseid bei Geschwindigkeiten bis zu 90 km/h leisten. Logo, das Stoffschiebedach hat ja – anders als ein Cabrio-Dach – beim Öffnen kein Problem mit dem Fahrtwind. Apropos: Von hier hinten können Sie gut beobachten, wie sich kurz nach den ersten Zentimetern eine Art schmale Netzstoff-Leiste in den Fahrtwind schiebt. Die ist dafür da, dass man auch mit geschlossenen Seitenscheiben oben offen fahren kann ohne das typische Luftdruck-Wummern im Innenraum. Der Plein Sud ist also aerodynamisch sauber gemacht, lässt die Sommerbrise genüsslich simmern, und wenn man alle Scheiben versenkt, füllt sich das Interieur mit Weltschmerz und Fernweh.

Bodenständig-bürgerliche Elektroantriebsdaten passen perfekt
Über die Ramblas von Barcelona fahren wir hinunter an den Hafen, baden im Duft der Stadt, schnüren dann entlang der Kurvenstraße in Aussichtslage über dem Meer nach Süden. Salzige Seeluft mischt sich mit dem Geruch der Macchia, mit Kräutern, Pinienharz und warmer Erde. Geblähte Nüstern, gelassener Ruhepuls – so geht es hinter Sitges hinein ins Landesinnere zu den verschnörkelten Sträßchen Kataloniens. Runter in den Parc del Foix und hinter den Bergen in Richtung Manresa. Weinberge, kleine Dörfer, raues Land. So lange, bis am blauen Horizont die Klippen des Montserrat-Gebirges auftauchen.
Und die ganze Zeit macht der R4 Plein Sud seinem Namen alle Ehre: Genau nach Süden – so lautet sein innerer Kompass. Der kräftige Elektroantrieb ist dabei eine absolute Idealbesetzung, R4-Fahren geht mühelos und einfach. Der Franzose turnt elegant über Serpentinenstrecken, zieht mit breiter Brust die steilsten Berge hinauf, schleicht auf leisen Zehenspitzen durch Dörfer im Mittagsschlaf. Kein Motorgeräusch – das macht die Sache nur noch schöner. Wie Segeln ist es, dieses leichtfüßige und geräuschlose Dahinfliegen mit ausgewogener Lenkung, kraftvollen Bremsen, freundlichem Komfort und aufgewecktem Handling.
Ansonsten stellt sich der R4 entschlossen zur neuen Garde der bürgernahen Elektroautos: Während die Hightech-Elektriker mit Doppelmotor-Ultrapower, Riesen-Akkus, XL-Reichweiten und 300-kW-Plus-Ladeleistung teuer bezahlt werden wollen, trauen sich moderate Vertreter wie der R4 reale 350 km Reichweite und überschaubare 100 kW Ladeleistung – und das ist völlig in Ordnung. Mit den Werten des R4 kommt man ohne jede Mühe durch den Alltag und schafft selbst weite Reisen in den sonnigen Süden, wenn man das Hetzen sein lässt und sich unterwegs ein klein wenig mehr Zeit für Ladepausen gönnt. Café au lait, Croissant oder Croque Monsieur unterwegs – und weiter gehts. Plein Sud.
Technische Daten des Renault 4 Plein Sud
AUTO ZEITUNG 18/2026 | Renault 4 Plein Sud |
|---|---|
Technische Daten | |
Motor | Stromerregte Synchronmaschine |
Antrieb | Konstantübersetzung; Vorderrad |
Leistung | 110 kW / 150 PS |
Max. Drehmoment | 245 Nm |
Kapazität / Spannung | 52,0 kWh (netto), 800 V |
Karosserie | |
Außenmaße (L / B / H) | 4144 / 1808 / 1552 mm |
Leergewicht / Zuladung | 1537 / 443 kg |
Kofferraumvolumen | 420 – 1405 l |
Fahrleistungen | |
Beschleunigung (0 – 100 km/h) | 8,2 s |
Höchstgeschwindigkeit | 150 km/h |
Verbrauch auf 100 km | 15,1 kWh |
Reichweite | 409 km |
Kaufinformationen | |
Grundpreis | 36.300 € |
Marktstart | Juni 2026 |
Alle Daten Werksangaben | |
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