Opel Bertone Slalom: Ein Calibra auf Abwegen
Ende der 1990er-Jahre neigte sich die Ära der großen Karosseriebetriebe ebenso dem Ende wie die der klassischen Coupés. Der von Bertone eingekleidete Opel Slalom versuchte es mit einem Schlingerkurs entlang der gängigen Karosserieformen. Seit 2026 steht der alternative Calibra-Nachfahr ausgerechnet im Fiat-Museum.
Opel brauchte einen Calibra-Nachfolger, Bertone einen Nachfolge-Auftrag
Nach beinahe 50 Jahren an der Spitze seines Unternehmens steht Nuccio Bertone vor einem Problem. Womöglich dem größten Problem seiner gesamten Karriere. Der Mann aus Turin (Italien), der bereits mit 20 Jahren in den Karosseriebetrieb seines Vaters einstieg und die Firma in den folgenden Jahrzehnten zu einem der bedeutendsten Designstudios und Fertigungsspezialisten der Welt formte, fürchtet um sein Vermächtnis.
Anno 1996 leitet Bertone mit 81 Jahren noch immer die Geschicke des Familienunternehmens, das zunehmend unter Druck gerät. Inzwischen betreiben alle großen Automobilhersteller ihre eigenen Designstudios und erschwerend kommt hinzu, dass sie auch die Fertigung von kleinvolumigen Serienmodellen seltener an externe Dienstleister wie Bertone, Pininfarina und Co. abgeben.
Not macht erfinderisch – besonders, wenn man rund 1500 Angestellte jeden Monat zu bezahlen hat. Deshalb plant Signore Bertone einen echten Blickfang für den Genfer Autosalon 1996: den Slalom. Zugegebenermaßen klingt der Modellname nicht nach einer Direktverbindung in Richtung schwarze Zahlen. Aber eine Opel-Studie aufzubauen, schon eher: Die damalige GM-Tochter lässt zu diesem Zeitpunkt das Astra Cabrio im Bertone-Werk Grugliasco fertigen und hat mit dem in die Jahre gekommenen Calibra einen Image-Träger im Programm, der in naher Zukunft einen Nachfolger verdient hätte.
In dem Wissen, dass das Opel-Studio bereits am Calibra II tüftelt, wagt Nuccio einen radikalen Schritt: weg vom klassischen Coupé, hin zum Allzweck-Designerstück. Wie bedeutsam der Opel Slalom für die Carrozzeria tatsächlich ist, lässt schon seine Lackierung erahnen, die das Bertone-Showcar schlechthin zitiert – den Lancia Stratos Zero.
Der Opel Astra im Fahrbericht (Video)

Elemente des Opel Bertone Slalom schafften es bei Renault und Ford in die Serie
Aber auch abseits des Lacks ist an der Calibra-Basis nichts mehr, wie es einmal war. Die gut 15 cm längere Karosserie besitzt nun ein Kombi-Coupé-Heck mit einem in die Linienführung integrierten Panoramaglasdach. An Opel erinnert hier nur noch das aus dem Kühlergrill aufblitzende Markenlogo. Am Bug nimmt der Slalom das Gesicht von Renault Vel Satis und Avantime um mehrere Jahre vorweg. Besonders Letzterer besitzt mit seinen optisch verlängerten Scheinwerfern ein frappierend ähnliches Stilmittel wie der Bertone-Opel.
Am Heck wiederum riecht es ebenfalls nach einem etwas später präsentierten Modell eines Konkurrenten: Die aufrecht stehenden Leuchten und die spitz zulaufende Scheibe gehen 1998 mit dem New-Edge-Design des ersten Ford Focus in Serie, besonders gut erkennbar am Dreitürer. Apropos Dreitürer: Im Sinne der Variabilität erhält natürlich auch der Slalom eine dritte Tür in Form einer großen Kofferraumklappe.
Den variableren Coupé-Entwurf denkt Bertone aber nicht nur außen, sondern auch innen. So lassen sich die Rücksitze nach vorne und hinten schieben, um wahlweise mehr Platz für die Beine oder eben fürs Gepäck zu haben. Zusätzlich sorgen die großen Glasflächen für eine Übersichtlichkeit, von der die heutige SUV-Kundschaft nur träumen kann.
Die Turiner Firma gestaltet für den Messeauftritt sogar ein neues Armaturenbrett für ihren Hoffnungsträger, dessen Ästhetik sich anhand der damaligen Pressefotos aber nur noch erahnen lässt. Ein netter, wenn auch nicht ganz gelungener Gag sind die Lederbezüge der faltigen Sitze, die die Form des Panoramadachs imitieren. Zumindest wäre das unsere Deutung des orangen Parabelmusters.
Nach dem Slalom beginnt der wirtschaftliche Schlingerkurs bei Bertone erst so richtig
In einem Allzweck-Coupé steckt der Name Allrad ja schon fast drin, weshalb Bertone den Calibra Turbo 4x4 als Basis für den Slalom wählt. Mit 204 PS (150 kW) markiert er die stärkste Ausbaustufe der Calibra-Familie. Da Bertone keine Änderungen am Antriebsstrang vornimmt, dürfte sich an der Sprintzeit von knapp sieben Sekunden von 0 auf 100 km/h und am Vmax von 245 Sachen nicht sonderlich viel ändern. Und obwohl die Studie auf dem Genfer Salon nicht nur Fahrspaß verspricht, sondern auch fahrbereit ist, verschwindet sie anschließend still in der Bertonschen Asservatenkammer.
Der Slalom gehört dann auch zu den allerletzten Projekten von Nuccio Bertone, bevor der Patriarch 1997 im Alter von 82 Jahren verstirbt. Seine Mühen sollten jedoch noch ein letztes Mal Früchte tragen: Anfang der 2000er entstehen Astra G Coupé und Cabrio – Ersteres zumindest ansatzweise Nachfolger des Calibra – bei Bertone. 2008 rutscht die Firma dann in die Insolvenz und muss sich sowohl vom Werk in Grugliasco als auch später von der hauseigenen Concept-Car-Sammlung inklusive des Opel Slalom trennen. Seit 2026 ist der Designer-Calibra wieder öffentlich ausgestellt – ausgerechnet bei Opels Stellantis-Konzernschwester, nämlich in Fiats Heritage Hub Turin.
Die genannten Produkte wurden von unserer Redaktion persönlich und unabhängig ausgewählt. Beim Kauf in einem der verlinkten Shops (Affiliate Link bzw. mit Symbol) erhalten wir eine geringfügige Provision, die redaktionelle Selektion und Beschreibung der Produkte wird dadurch nicht beeinflusst.


















