Mercedes 500 SEL 6.0 AMG "Red Baron": Wiederentdeckter W126
Es liest sich fast schon mystisch: Jahrzehntelang verschwindet dieser einzigartig getunte Mercedes W126 von der Bildfläche. Einst gebaut für nordamerikanische AMG-Prominenz, startete der Mercedes 500 SEL 6.0 AMG „Red Baron“ unlängst nach 21 Jahren Stillstand zu seinem spektakulären Jungfernflug in sein fünftes Leben.
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Mercedes 500 SEL 6.0 AMG "Red Baron": Die Geschichte einer Tuninglegende
Es gibt diese Autos, die lassen einen nicht los. Eines dieser Modelle ist für viele Autoverrückte die S-Klasse der Generation W126. Schnörkellos und formschön erzählt sie nicht nur aus einer Zeit, in der Mercedes dank der geschickten Linienführung des Meisters Bruno Sacco automobile Statements zauberte, sondern auch aus den Sturm-und-Drang-Tagen jener Fahrzeugveredler, die ein ganzes Jahrzehnt breitgebaut, tiefgeschüsselt und verspoilert in den Köpfen einer Szene verankerten.
Während Firmen wie SGS, Koenig oder Gemballa flügeltürig das Understatement-Flagschiff mit Stern aufhübschten, trieb ein anderer Fahrzeugbauer es gerne bewusst dezent-edel: AMG. Aus jener Ära stammt auch dieser orientrote Zeitzeuge, der Mercedes 500 SEL 6.0 AMG „Red Baron“. Er könnte wohl nicht minder spannende Geschichten wie sein flugverrückter Namensvetter erzählen und ließ seine Erbauer nicht los.
Der Mercedes 560 SEC im Fahrbericht

Auftragsarbeit in Orientrot: Interieur-Veredelung durch Gemballa
Die reichhaltige Geschichte des vierrädrigen Roten Barons beginnt im Jahr 1983, als der US-Amerikaner William "Wild Bill" Witz eine Bestellung nach Affalterbach absetzte. Witz ist eine schillernde Figur im AMG-Kosmos: Als enger Freund des AMG-Gründervaters Hans Werner Aufrecht und Anteilseigner von AMG North America unter Führung von Richard Buxbaum, versteht er das Konzept der Firma wohl wie kein Zweiter.
Entsprechend außergewöhnlich fällt seine gewünschte Anpassung des großen Mercedes aus. Die Karosserie wurde in edlem Orientrot lackiert und durch ein AMG-Aerodynamikpaket komplettiert. Entsprechend Ton in Ton mussten sich auch die 16-Zoll-Penta-Felgen präsentieren. Alles wirkte wie aus einem Guss. Im nicht weniger ausgefallenen Innenraum setzte man auf die Expertise des damaligen AMG-Partners Gemballa, der das Lederpaket erweiterte, die cremefarbenen Sessel und Türpappen mit roten Kedernähten verzierte und ein damals standesgemäßes Clarion-Soundsystem samt Autotelefon installierte.
Auch für das Vergnügen von „Wild Bills“ Gasfuß sollte gesorgt sein. Der 5,0-l-M117-V8 bekam die AMG-Kraftkur in Form eines Tuning-Kits samt Sportabgasanlage und einem „computerisierten“ AMG-Bilstein-Sportfahrwerk. So optimiert, schipperte der Rote Baron über den großen Teich, wo er im Juni 1983 in Chicago anlandete und im September 1983 an Witz übergeben wurde. Drei Jahre blieb er in dessen Besitz – eine Auszeichnung, in Anbetracht Wild Bills nachgesagter automobiler Unersättlichkeit.
Die Transformation vom Fünf- zum Sechs-Liter-V8
1986 verließ der Mercedes 500 SEL AMG dann seinen Erstbesitzer. Er ging zurück in den Besitz von AMG North America. Zeit, sich die Breitreifen platt zu stehen, blieb ihm glücklicherweise nicht. Geschäftsführer Buxbaum vermittelte den Wagen innerhalb kürzester Zeit an den kanadischen Industriellen J. Paul Fingold für 63.449 US-Dollar (187.000 US-Dollar nach Stand 2026).
Dann nahm seine Geschichte ordentlich an Fahrt auf. Natürlich musste auch Fingold sich am Roten Baron verewigen. Dies geschah in Form eines Gen-II-AMG-Optikpakets mit SEC-Frontspoiler. Das wichtigste Upgrade fand allerdings unter der Haube statt. Aus einem verunfallten Mercedes 560 SEC schlachtete man das 5,6er-Triebwerk, um es auf sechs Liter Hubraum aufzubohren. Nun begann das bewegte Leben des Mercedes 500 SEL 6.0 AMG „Red Baron“. Zwar angemeldet in Ontario, pflegte der Industrielle seine Autos in Palm Beach zu lagern, um sie von dort zwischen seinen diversen Anwesen in den USA und Kanada hin und her zu schieben.

Der rote Baron geht auf Wanderschaft
Zu dieser Zeit verliert sich die Dokumentation über die Geschichte des Red Baron ein wenig. 1992 verkaufte Fingold den W126 an einen Juwelier aus Ontario, der ihn 1994 mit lediglich 27.958 Meilen (ca. 44.994 km) auf dem farblich angepassten Tacho an einen US-Amerikaner aus Nevada weiterreichte. Bis 2002 soll der neue Besitzer ihn wochenends als Spaßauto genutzt haben, bevor er den SEL bedingt durch einen Umzug in Florida einlagerte.
Dort führte der große Benz 21 Jahre lang ein Schattendasein, bis er schließlich 2023 mit 39.750 Meilen (ca. 63.971 km) erneut das Tageslicht erblickte. Durch eine gemeinsame Bekanntschaft erfahren Buxbaum und Witz vom Überleben ihres einstigen Sahnestücks. Kurzerhand entschieden sie sich, den Mercedes 500 SEL 6.0 AMG gemeinsam zu kaufen.
Das fünfte Leben des 500 SEL 6.0 AMG
Ohne Rücksicht auf Kosten und Mühen stellte Buxbaum ein Team aus Expert:innen zusammen, das dem speziellen AMG wieder zu altem Glanz verhelfen sollte. Von September 2024 bis Januar 2026 hauchte man dem altersschwachen Baron neues Leben ein, in Form von Arbeit und Material, das sich auf 50.000 Dollar belief.
In mühseliger Kleinarbeit wurde versucht, die lückenhafte 40-jährige Lebensgeschichte der Wagens zusammenzustückeln, was zum Großteil auch gelang. Im Juni 2025 war der Mercedes 500 SEL 6.0 AMG „Red Baron“ einer der Stars bei der exklusiven Pre-Merger AMG Reunion in Chicago. Wenige Monate später zog er beim Fuelfeds Zuffengruppe-Treffen in Wisconsin erneut Aufmerksamkeit auf sich. Im Februar 2026 stand der AMG „Red Baron“ bei RM Sotheby's zum Verkauf. Wie viel der oder die neue glückliche Besitzer:in gezahlt hat, lässt sich nicht sagen – der veranschlagte Schätzpreis lag allerdings zwischen 150.000 und 200.000 Dollar. Ein Herr aus hohem Hause verkauft sich eben nicht unter Wert!
Fazit
Der Red Baron ist mehr als ein spektakulär zusammengestellter W126. Er ist ein Artefakt aus AMGs (amerikanischer) Frühzeit, einer Epoche, die geprägt war von unternehmerischem Wagemut, technischen Grenzgängen und Persönlichkeiten mit speziellem Gestaltungswillen. Seine Geschichte brauchte fast vierzig Jahre, um rekonstruiert zu werden. Manche Details werden wahrscheinlich für immer im Halbschatten bleiben. Doch gerade das macht seinen Reiz aus.






















