70er-Supercars im Duell: Lancia Stratos trifft Porsche 911 Turbo

Sie sind berühmt und berüchtigt, ihr Temperament wird verehrt, ihre Manieren sind gefürchtet. Gibt es eine Hackordnung zwischen zwei der schärfsten Sportwagen aller Zeiten? Wir haben Porsche 911 Turbo und Lancia Stratos zum Treffen gebeten.

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Lancia Stratos HF und Porsche 911 (930) Turbo fahrend von vorne.
Lancia Stratos HF/Porsche 911 (930) Turbo Foto: Jürgen Zerha

Porsche 911 Turbo und Lancia Stratos sind berüchtigt dafür, dass sie bellen und beißen können.

Der Lancia Stratos HF fahrend von vorne.
Lancia Stratos HF Foto: Jürgen Zerha

Der Stratos kann alles, nur nicht untersteuern. Übermut tut auch hier nicht gut.

Der Lancia Stratos HF fahrend von hinten.
Lancia Stratos HF Foto: Jürgen Zerha

Mit Tragegriff: Der Dachspoiler verbessert den Geradeauslauf bei hohem Tempo.

Das Cockpit des Lancia Stratos HF.
Lancia Stratos HF Foto: Jürgen Zerha

Abstrakte Kunst im Stratos. Der Drehzahlmesser verdrängt den Tacho. Das Lenkrad ist nicht original, passt aber perfekt zum Auto.

Die Sitze des Lancia Stratos HF.
Lancia Stratos HF Foto: Jürgen Zerha

Im Urzustand wurde der Stratos in Rot/Beige ausstaffiert. Schwarze Stoffe gab es auf Wunsch.

Der Motor des Lancia Stratos HF.
Lancia Stratos HF Foto: Jürgen Zerha

Qualitätsprädikat: Jedes Auto, das mit dem Dino-V6 ausgerüstet wurde, gehörte zu den besten seiner Kategorie – auch der Lancia Stratos.

Porsche 911 (930) Turbo und Lancia Stratos HF fahrend von hinten.
Porsche 911 (930) Turbo/Lancia Stratos HF Foto: Jürgen Zerha

Achtung, Heckschleuder: Im Grenzbereich ist mit den beiden nicht zu spaßen.

Der Porsche 911 (930) Turbo fahrend von vorne.
Porsche 911 (930) Turbo Foto: Jürgen Zerha

Stabile Seitenlage: Mit Köpfchen gefahren bleibt der Turbo lammfromm.

Der Porsche 911 (930) Turbo fahrend von hinten.
Porsche 911 (930) Turbo Foto: Jürgen Zerha

Erste Serie: Den Einrohr-Auspuff hatten alle Dreiliter-Turbo – und die ersten 3.3er.

Das Cockpit des Porsche 911 (930) Turbo.
Porsche 911 (930) Turbo Foto: Jürgen Zerha

Funktionale Porsche-Armaturen. Das Wichtigste liegt zentral im Blickfeld. Perfekter Stil: Blaupunkt Radio mit Schwanenhals.

Die Sitze des Porsche 911 (930) Turbo.
Porsche 911 (930) Turbo Foto: Jürgen Zerha

Nicht so markant wie Karo-Stoff, aber haltbarer: schwarzes Leder für Sitze und Türtafeln im Turbo.

Der Motor des Porsche 911 (930) Turbo.
Porsche 911 (930) Turbo Foto: Jürgen Zerha

Keine Frage offen: Gelbe Aufkleber mit den korrekten Einstellwerten für Zündung und Ventilspiel im 911.

Porsche 911 (930) Turbo und Lancia Stratos HF stehend seitlich.
Porsche 911 (930) Turbo/Lancia Stratos HF Foto: Jürgen Zerha

Ihr Charakter ist so stark wie ihre Form, ihr Fahrerlebnis so markant wie ihr Sound. Stratos und 911 (930) Turbo sind Zeitgenossen, jeder für sich ein Meisterwerk.

Lancia Stratos HF und Porsche 911 Turbo im Duell

Wären diese Autos Hunde einer bestimmten, als gemeingefährlich eingestuften Rasse, ließe man sie nur mit Maulkorb und polizeilichem Führungszeugnis Gassi gehen. Doch bei Sportwagen vertraut der Gesetzgeber allein der mit dem Führerschein erworbenen Kompetenz – sogar wenn den Autos der Ruf vorauseilt, sie seien in Extremsituationen selbst von Profis schwer unter Kontrolle zu halten. Legalität hin oder her: Wer diesem Duo beim ersten Treffen nicht mit Achtsamkeit begegnet, riskiert ein Gemetzel.

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Porsche 911 Turbo und Lancia Stratos sind berüchtigt dafür, dass sie bellen und beißen können. Vom ersten Zündfunken an fordern sie lautstark Respekt ein. Wenn sie freien Auslauf haben, schwillt das Gekläff zu einem drachenhaften Grollen an. Der Porsche erreicht bei 180 km/h 83 dB(A) und bleibt damit nur knapp unter dem gesetzlichen Grenzwert, ab dem am Arbeitsplatz das Tragen von Gehörschutz vorgeschrieben wird.
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Der Porsche 911 Turbo S (2025) im Fahrbericht (Video):

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Video: AUTO ZEITUNG

Im Lancia im Auge des Sturms, im Porsche ein sanfter Rhythmus

Im Lancia Stratos HF treibt der Motor direkt hinter den Ohren sein Unwesen. Er knurrt schon im Leerlauf, als träte ihm jemand auf die Zehen. Bei Tempo 180 zeigt das Messgerät im Auge des Sturms 92 dB(A) an. Wer danach mit klingelnden Ohren in den Porsche umsteigt, empfindet dessen rhythmisches Rumpeln als sanfte sinfonische Untermalung einer furiosen Naturgewalt. Turbolader und Ladeluftkühler dämpfen das Ansauggeräusch, doch der charismatische Krawall des luftgekühlten Porsche-Sechszylinder-Boxermotors mit seinen schwirrenden Lüfterflügeln dringt auch in leicht gefilterter Form ungehindert ins zentrale Nervensystem vor und löst dort unwillkürliche Reaktionen aus: Erhöhte Muskelspannung, hellwache Reaktionsbereitschaft, schnellerer Pulsschlag und intensivere Atmung sind typische Begleiterscheinungen beim Fahren eines Porsche Turbo.

911 Turbo beisst bei 4000 Touren wie ein Rottweiler

Dazu passt die aufrechte und in ihrer Zweckmäßigkeit auf Dauer doch gut auszuhaltende Sitzposition hinter dem steil vor der Brust stehenden Lenkrad. Der Blick fällt durch die käferartige Frontscheibe auf den Asphalt, wie Leitplanken erheben sich links und rechts die Kotflügel. Solange sie mit dem Straßenverlauf fluchten, hält der Porsche seinen Kurs. Auf Gasbefehle reagiert er leicht verzögert, dann aber gewaltig aufbrausend. Wer heutige Turbolader mit variabler Geometrie als Maßstab heranzieht, ist erstaunt über den Drehzahlhunger des Porsche.

Zwischen 2000 und 4000 Touren frischt der Wind kontinuierlich auf. Was passiert, wenn der rechte Fuß dann mutig weiter aufs Gaspedal tritt, nennen Porsche-Fans "eine herrliche Herausforderung" – in der Meteorologie würde das Hurrikan genannt. Der Turbo verbeißt sich mit der Entschlossenheit eines Rottweilers in den trockenen Asphalt, hechelt, röhrt, schnalzt mit der Zunge und schießt wie ein Projektil Richtung Horizont.

An der Traktionsgrenze angelangt, bricht er so schroff mit dem Heck aus, dass "beim Fahrer zumindest gediegene Rennerfahrung vorausgesetzt werden sollte", urteilte AUTO ZEITUNG-Testchef Günter Wiechmann nach ersten Messfahrten mit der 3,3-l-Version im März 1978. Die Furie lässt sich gottlob mit beiden Händen am Lenkrad auf Kurs halten, denn Schaltvorgänge sind weitgehend überflüssig. Ein früher 911 Turbo kommt mit vier Vorwärtsgängen aus, die sogar lang übersetzt sind. Bei Höchstgeschwindigkeit dreht der Motor 5750/min und hat noch viel Luft nach oben, denn erst bei 6700/min streicht die Nadel des Drehzahlmessers über die rote Warnlinie.

Der Porsche 911 (930) Turbo fahrend von vorne.
Foto: Jürgen Zerha

Der spindeldürre Schaltstock mag optisch nicht zur Bärenkraft passen, die auf die Hinterräder losgelassen wird, aber er selektiert mit knochentrockener Präzision die Gänge, Verwechslungen sind bei nur zwei Schaltebenen ausgeschlossen. Alles am Turbo hat eine Funktion, nichts ist nur Kosmetik. Er verzichtet konsequent auf Chromteile, alle Fensterrahmen und Kunststoff-Leisten sind in Schwarz gehalten und passen perfekt zum Design der geschmiedeten Fuchs-Räder.

Nur Ahnungslose halten den breiten Heckflügel für Showtuning: Darunter steckt ein Ladeluftkühler, ohne den standfeste 92 PS (68 kW) Literleistung nur schwer zu realisieren wären. Porsche erlaubte sich damals noch, in der Grundausstattung auf Überflüssiges wie den rechten Außenspiegel zu verzichten. Die Bremsanlage hingegen hatte Format: Mit der Aufrüstung auf 3,3 l Hubraum kamen serienmäßig die gelochten und belüfteten Scheiben mit Leichtmetall-Festsätteln nach Art des 917 zum Einsatz. Mehr Rennsporttechnik für die Straße konnte man 1977 kaum erwarten.

Stratos kombiniert Vulkanausbruch, LeMans-Renner & Wendigkeit

Es sei denn, man ging zum Lancia-Händler und fragte, ob zufällig noch ein nicht verkaufter Stratos irgendwo im Hinterhof parkte. Aus heutiger Sicht klingt es wie ein Märchen, ein schlechter Scherz, eine Farce, aber es stimmt: Für die kleine Homologationsserie des schnellsten Rallye-Autos seiner Zeit fand sich nur schleppend Kundschaft. Noch Ende der 70er-Jahre fanden manche Exemplare nach langer Wartezeit endlich Erbarmen. So charismatisch er geformt ist, der Stratos galt nie als schönes Auto und schon gar nicht als bequem. Dabei ist der Federungskomfort besser als erwartet. Doch wer jemanden beeindrucken wollte, fand zwischen den Energiekrisen elegantere, leisere, kommodere Autos als diesen Faustkeil mit Ferrari-Motor. Ein Stratos erfordert neben großer Gelenkigkeit auch Leidensfähigkeit, was Innenraumtemperaturen und den erwähnten Geräuschpegel betrifft.

Man sitzt in der Stratos-Kanzel wie unter einem Brennglas, diagonal zur Längsachse des Autos, und streckt die Füße am nach innen ragenden Radkasten vorbei. Die rechte Hand landet beim Schalten wie von allein auf ihrem linken Knie. Beifahrende können im Stratos nicht einmal eine Aspirin-Packung ablegen, dafür gibt es in der Türtafel eine Ausbuchtung für den Sturzhelm. Schaut man nach vorn, sieht man keine Fronthaube, sondern eine Art Schneeschieber. Auf der Fahrerseite sitzt man genauso schräg im Cockpit, Lenkrad und Pedalerie liegen nicht auf einer Achse, die Schaltgassen des Fünfgang-Getriebes wiederum scheinen diagonal in die andere Richtung angeordnet zu sein. Dafür liegt das Zündschloss in bester Porsche-Manier links vom Lenkrad.

Der Lancia Stratos HF fahrend von vorne.
Foto: Jürgen Zerha

Alles im Stratos sieht so asymmetrisch aus, als hätte Miró es entworfen. Wie beim klassischen Sportgetriebe üblich, liegt der erste Gang links hinten, die Wellen zwei bis fünf rechts davon im Karree. Beim Einlegen des Rückwärtsgangs entlarven sich die Unerfahrenen. Falls Sie mal in den Genuss kommen, einen Stratos zu fahren, hier der Ablauf, damit sie wenigstens ohne Offenbarungseid ausparken können: Schalthebel nach unten drücken, nach links und leicht nach vorn schieben und dann in einem flüssigen Bogen gegen den Uhrzeigersinn bewegen, dabei das bleischwere Kupplungspedal tapfer durchgedrückt halten, bis der Hebel sicher einrastet. Passen Sie auf, dass Sie danach beim Ausparken nicht versehentlich ein Wohnmobil rammen, denn abgesehen vom Panoramablick durch die Frontscheibe sind die toten Winkel die größten Segmente im Stratos-Sichtfeld.

Das alles fördert nur die Konzentration und schärft die Sinne in Erwartung des Fahrerlebnisses auf freier Strecke. Ein von kundiger Hand bewegter Stratos ist ein Gesamtkunstwerk und in jeder Hinsicht einzigartig. Kein anderer Sportwagen bietet diese Kombination aus einem akustischen Vulkanausbruch, der Optik einer Onboard-Kamera im Le Mans-Rennwagen und der Wendigkeit eines vor Erregung zitternden Raubtiers. Der röchelnde, ungeheuer charismatische Dino-V6 reagiert spontan auf jede Zehenbewegung des rechten Fußes und bläst ab 4000 Touren unwiderstehlich zur Attacke. Unterbrochen von kraftvoll und zielsicher exerzierten Schaltvorgängen hechtet der Stratos nach vorn, als wolle er seine flache Nase unter den Heckstoßfänger eines vorausfahrenden Wagens schieben und diesen aushebeln.

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Der Porsche mag auf gerader Strecke schneller sein. Trotz aller Dramatik des Turbo-Schubs erreicht der Adrenalin-Ausstoß in ihm jedoch nicht die gleichen Spitzenwerte wie im Stratos, und dabei haben wir zur Nervenschonung bewusst den Kurvengrenzbereich ausgeklammert. Beide Autos repräsentieren heute Marktwerte, die jeder Ausfahrt zusätzlichen Nervenkitzel verleihen. Die Redaktion bedankt sich bei den Besitzern, die diese Fahrmaschinen weiter so verwenden, wie Porsche und Lancia es damals vorgesehen haben.

Technische Daten von Lancia Stratos HF und Porsche 911 (930) Turbo

Classic Cars 05/2017Lancia Stratos HFPorsche 911 Turbo 3.3
Zylinder/Ventile pro Zylin.6/26/2; Turbo
Hubraum2418 cm³3299 cm³
Leistung140 kW/190 PS 7000/min221 kW/300 PS 5500/min
Max. Gesamtdrehmoment bei235 Nm 4800/min412 Nm 4000/min
Getriebe/Antrieb5-Gang-Getriebe/Hinterrad4-Gang-Getriebe/Hinterrad
L/B/H3710/1750/1114 mm4291/1775/1304 mm
Leergewicht980 kg1335 kg
Bauzeit1973-19761977-1982
Stückzahl4925745
Beschleunigung
null auf 100 km/h
6,8 s5,5 s
Höchstgeschwindigkeit235 km/h261 km/h
Verbrauch auf 100 km16,0 l S19,7 l S
Grundpreis (Jahr)49.500 Mark (1976)79.900 Mark (1978)

Fazit

Auf den ersten Blick haben die Rallye-Rakete aus Turin und der Dampfhammer aus Zuffenhausen nichts miteinander zu tun. Erst vis-à-vis im direkten Vergleichstest werden Parallelen deutlich: Beide sind Ikonen ihrer Marken, brachiale Fahrmaschinen mit Spitzenmotoren. Wir fürchten ihre Zick-Zack-Reaktionen im Grenzbereich und bewundern ihre raue Funktionalität. Ihr Charakter ist so stark wie ihre Form, ihr Fahrerlebnis so markant wie ihr Sound. Stratos und 911 (930) Turbo sind Zeitgenossen, jeder für sich ein Meisterwerk. Wo sie sind, ist oben, und da gibt es keine Hierarchien mehr.