Formel-1-Pilot Max Verstappen (Red Bull): Interview "Ich will mit Red Bull gewinnen"

von Gregor Messer 15.05.2020

Formel-1-Pilot Max Verstappen spricht im Interview mit AUTO ZEITUNG-Redakteur Gregor Messer über Rivalitäten, aggressives Fahren, eine neue Ära junger Fahrer – und wieso er bei Red Bull verlängert hat.

Haben Sie in der vergangenen Saison Ihre angestrebten Ziele erreicht?

Natürlich wollte ich Weltmeister werden. Man will immer Meisterschaften gewinnen. Insofern muss ich sagen: nein. Aber man muss die Umstände sehen. Es war eine gute, aufregende, spannende Saison, besonders zu Beginn des Jahres. Da war ich sehr konstant, hatte viele Ergebnisse in den Top Fünf und drei schöne Siege, acht Podeste und zwei Pole Positions. Daher bin ich in gewisser Weise happy. Mehr zum Thema: Wer holt Michael Schumacher ein??

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Fühlen Sie sich in der Formel 1 gut angekommen?

Ich habe mich bislang in jeder meiner fünf Formel-1-Saisons verbessert. So etwas ist immer gut, andererseits aber auch keine Überraschung. Man sammelt immer an Erfahrung und wird automatisch besser. Aber ich lege stets die Messlatte höher. Ich will mich eben immer verbessern.

Sehen Sie bei sich noch Verbesserungspotenzial?

Auf jeden Fall. Selbst ein Sieg ist mir nicht gut genug. Auch einen Sieg kann man immer noch etwas besser herausfahren. Manche Leute feiern Siege, als wäre alles perfekt gelaufen. Aber ich mache mir selbst dann noch Gedanken. Das war schon immer so bei mir. Mein Vater hatte daran einen großen Anteil. Wenn ich sagte: Ich habe gewonnen, dann sagte er: Ja, aber hier, da und dort hast du Fehler gemacht. Er ging immer kritisch mit mir um, hat jeden Fehler analysiert. Damit war ich damals überhaupt nicht einverstanden. Heute kann ich das alles nachvollziehen. Und somit war diese Erziehung eigentlich immer eine große Hilfe. Schon komisch …

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Sie haben nur noch diese kommende Saison, um der jüngste Formel-1-Champion zu werden. Wie wichtig wäre Ihnen diese rein statistische Bestmarke?

Es wäre ganz nett, ja. Aber ich will immer um Titel kämpfen, ob ich nun der Jüngste bin oder nicht. Ich hoffe, ich habe in dieser Saison die Gelegenheit dazu. Ich werde alles dafür geben. Ich bin mir sicher, dass wir ein gutes Jahr haben werden. Aber wir müssen natürlich abwarten.

Sie sind sehr jung in die Formel 1 gekommen, als 17-jähriger Teenager. Hatten Sie je das Gefühl, etwas verpasst zu haben, was andere Jugendliche erleben konnten?

Überhaupt nicht. Ich liebe Racing, ich war schon als Kid immer auf der Kartbahn. Und da waren auch meine Freunde. Viele haben eine Ausbildung gemacht, haben studiert. Das habe ich nie vermisst. Damals war es das Kart, heute ist es das Formel-1-Auto.

Auf der Strecke agieren Sie extrem aggressiv. Inwieweit respektieren Sie Ihre Konkurrenten? Wo ist Ihre Rote Linie?

Manchmal muss man aggressiv fahren, manchmal nicht. Und Fehler passieren. Wer das nicht haben will, sollte besser einen Roboter ins Auto setzen. Aber: Es ist doch auch ganz gut, Fehler zu machen. Denn nur so kann man lernen. Oft genug sagt man sich: Tu das nicht. Aber man kann das nicht vermeiden. Gerade in einem Rennwagen am Limit ist es einfach, Fehler zu machen. Die Hauptsache ist immer, aus ihnen zu lernen.

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Wie ist Ihr Umgang auf der Piste? Die meisten Fahrer sind ja bereits viel länger dabei…

Bei den Piloten, die man schon vom Kart her kennt, weiß man, wie sie sich verhalten, auch wenn die sich weiterentwickeln. Das mache ich ja auch. Man hat nur mehr Erfahrung miteinander. Letztlich ist es nicht schwieriger oder einfacher, nur manchmal etwas weniger vorhersehbar. Ich komme jetzt in mein sechstes Formel-1-Jahr. Da habe ich jeden genug analysiert.

In der Formel 1 reift jetzt eine neue Fahrergeneration heran. Sie und Ferrari-Pilot Charles Leclerc gelten als die großen Protagonisten. Wie groß ist Ihre Rivalität mit Leclerc?

Nicht größer als mit anderen Piloten. Ich bin natürlich mit ihm im Kartsport groß geworden und viel länger gegen ihn gefahren als gegen andere Konkurrenten. Er ist ein großartiger Fahrer, ein Riesentalent,  und es ist eine sehr große Chance für ihn, für Ferrari zu starten. Ich erwarte, dass wir uns über viele Jahre hinweg duellieren werden. Auch er ist noch sehr jung. Die vielen jungen, starken Fahrer wie Lando Norris, George Russell oder auch Alexander Albon sind gut für unseren Sport. Wir werden hoffentlich schon bald die Führungsrolle im Grand-Prix-Sport übernehmen. Sonst wird es ja allzu langweilig, wenn Lewis Hamilton immer gewinnt …

Betrachten sie die aktuelle Formel 1 also am Beginn einer neue Ära stehend – ähnlich wie es mit dem Abgang von Michael Schumacher und der Ankunft von Lewis Hamilton und Sebastian Vettel war?

Na ja, Lewis wird älter, er ist jetzt 35. Sebastian ist immer noch erst 31. Lewis wird nicht ewig weiterfahren. Irgendwann wird er aufhören. Aber das hängt letztlich in erster Linie vom Team ab, nicht von Lewis. Denn wenn Mercedes weiterhin gute Autos baut, mit denen er Champion werden kann, wieso sollte er dann aufhören?

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Abgesehen von Leclerc: Wie schätzen Sie Hamilton und Vettel ein?

Hamilton, Vettel und Leclerc sind alle drei großartige Fahrer. Aber alle drei sind sehr unterschiedlich. Jeder hat seinen eigenen Stil. Lewis ist sehr, sehr gut. Er ist einer der besten Fahrer, die es in der Formel 1 je gab. Ich respektiere ihn als sehr starken Racer. Aber wie gesagt: Als Fahrer hängt man sehr von seinem Auto ab. Hätte Fernando Alonso in diesem Mercedes gesessen, hätte er damit auch gewonnen. Es gehört auch dazu, bei einem Team zu sein, das sich letztlich diese Dominanz erarbeitet.

Sie haben bei Red Bull bis 2023 verlängert. Die richtige Entscheidung?

Ich bin glücklich, wo ich bin. Ich will mit Red Bull gewinnen und Weltmeister werden. Sie haben mich in die Formel 1 gebracht. Da zählt auch Loyalität. Ich freue mich wirklich, mit den Menschen dort zusammenzuarbeiten. Eine großartige Gruppe von Leuten. Ich fühle mich bei Red Bull Racing sehr zu Hause. Das ist auch etwas, was sehr wichtig für einen Fahrer ist. Und ich weiß das zu schätzen.

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Eines Ihrer Merkmale ist Ihr unerschütterliches Selbstbewusstsein. Gibt es auch Menschen, die Sie zum Nachdenken bringen?

Na klar. Abgesehen von meinem Vater und meiner Familie sind da natürlich die Leute aus meinem Red Bull-Team – allen voran Teamchef Christian Horner und Red Bull-Berater Helmut Marko.

Was denken Sie über die neuen technischen Regeln, die ab 2021 greifen? 

Die Autos werden langsamer, etwa um rund fünf Sekunden. Das ist ganz schön viel. Möglicherweise ist das zu langsam. Die aktuelle Fahrzeug-Generation ist wunderbar zu fahren. Aber wenn die Regeln dem Überholen und der allgemeinen Spannung helfen, dann ist es umso besser. Denn viele Rennen sind nicht so interessant, sie werden schon beim Start entschieden. Wie die Autos dann aussehen werden, ist mir letztendlich egal. Hauptsache, wir erleben guten Rennsport.

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Für die Zukunft sind 25 Rennen geplant …

Eindeutig zu viele. Es wäre besser, sich nur auf die geschichtsträchtigsten, größten, wichtigsten zu fokussieren und nur 20 wirklich gute Veranstaltungen zu haben.

Im Mai kehrt die Formel 1 nach 35 Jahren in Ihre Heimat nach Zandvoort zurück. Was erwarten Sie?

Ein in orange getauchtes Spektakel. Und ein hektisches Wochenende. Viele Fans werden erstmals bei der Formel 1 dabei sein können.

Andererseits wird es keinen GP Deutschland mehr geben. Vermissen Sie Hockenheim?

Auf jeden Fall. Ich bin da in der Formel 3 gefahren und habe gute Erinnerungen. Deutschland hat eine so lange Formel-1-Historie, so viele Hersteller. Für die Formel 1 ist das wirklich ein großer Verlust.

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