Vorstellung

Porsche 911 Carrera RSR 3.8: Kilometer-Millionär der anderen Art

Manche Autos werden gefahren. Teure werden gesammelt. Und dann gibt es diesen Porsche 911 Carrera RSR 3.8 „Straßenversion“ bei RM Sotheby's, der offenbar für eine dritte Kategorie geschaffen wurde: das möglichst kostspielige Verstauben.

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Porsche 911 Carrera RSR 3.8 „Straßenversion“ statisch von schräg vorne fotografiert.
Nein, hier hat keine KI Hand angelegt. Dieser einzigartige Porsche 911 Carrera RSR 3.8 „Strassenversion“ sieht tatsächlich wie ein Scheunenfund aus. Foto: RM Sotheby's
Porsche 911 Carrera RSR 3.8 „Straßenversion“ statisch von schräg vorne fotografiert.
Fast zwei Jahrzehnte schlummerte diese polar-silberne Mauritius in einer Sammlung. Seit seiner Entdeckung im Jahr 2015, trägt der Porsche 911 Carrera RSR 3.8 „Straßenversion“ noch immer seine werkseitige Cosmoline-Schutzschicht. Foto: RM Sotheby's
Porsche 911 Carrera RSR 3.8 „Straßenversion“ statisch von schräg vorne fotografiert.
Der Kilometerstand nach 30 Jahren: zehn Kilometer. Nicht 10.000. Zehn. Foto: RM Sotheby's
Porsche 911 Carrera RSR 3.8 „Straßenversion“ statisch von schräg vorne fotografiert.
Herzstück der Carrera RSR 3.8 ist der luftgekühlte 3,8-l-Boxermotor vom Typ M64/04. Je nach Spezifikation standen bis zu 380 PS (279 kW) bereit. Foto: RM Sotheby's
Porsche 911 Carrera RSR 3.8 „Straßenversion“ statisch von schräg vorne fotografiert.
Die Auslieferung von Fahrgestellnummer 496107 verzögerte sich um zwei Jahre. Grund dafür: Das sonderangefertigte Interieur, unter anderem wegen des Überrollkäfigs und der Tachoringe in Lederauskleidung. Foto: RM Sotheby's
Porsche 911 Carrera RSR 3.8 „Straßenversion“ statisch von schräg vorne fotografiert.
Der Staub auf der Karosserie gilt mittlerweile fast als Teil der Provenienz. Foto: RM Sotheby's

Porsche 911 Carrera RSR 3.8: Der Zehn-Kilometer-Millionär

Während gewöhnliche Porsche-Fahrer:innen ihre Luftgekühlten spätestens am ersten sonnigen Frühlingswochenende über Landstraßen scheuchen, tauchen in den Untiefen privater Sammlungen immer wieder Exemplare auf, die das Schicksal einer Legehenne teilen. Nicht artgerecht gehalten, in dunklen Hallen zur Käfighaltung verbannt, mit verschmutztem Gewand auf bessere Tage hoffend.

Ein solches Exemplar kommt nun nach seiner Befreiung im Jahr 2015 bei RM Sotheby's unter den Hammer. Fast zwei Jahrzehnte schlummerte diese polar-silberne Mauritius in einer Sammlung. Das Resultat: Nach knapp 30 Jahren stehen gerade einmal zehn Kilometer auf dem Tacho. Zehn. Das entspricht ungefähr der Distanz, die durchschnittliche 911-Fahrer:innen zurücklegen, bevor zum ersten Mal erklärt wird, dass „luftgekühlt das einzig Wahre sei“.

Die Tragödie dabei: Es handelt sich hier nicht um irgendeinen 964. Sondern um einen der außergewöhnlichsten Porsche, die Stuttgart jemals für einen Privatkunden gebaut hat: einen Porsche 911 Carrera RSR 3.8 „Straßenversion“.

Der Porsche 911 GT3 S/C im Video

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Video: AUTO ZEITUNG

Der RSR 3.8: Das Herzstück einer Rennbewegung

Zeit für eine kurze Einordnung. Anfang der 1990er-Jahre befand sich der Motorsport im Umbruch. Die Gruppe-C-Prototypen hatten die Langstreckenszene derart dominiert, dass sie zeitweise sogar an der Vormachtstellung der Formel 1 kratzten. Für die Verantwortlichen kein Zustand. Also tat der Motorsport das, was er in solchen Situationen besonders gut kann: Man änderte die Regeln so lange, bis die beliebtesten Autos plötzlich nicht mehr hineinpassten. Binnen weniger Jahre verschwanden die großen Werksteams, die Starterfelder schrumpften und die Sportwagen-Weltmeisterschaft wurde 1992 kurzerhand beerdigt. Porsche stand plötzlich ohne Flaggschiff-Rennprogramm da.

Porsche 911 Carrera RSR 3.8 „Strassenversion“ von schräg hinten fotografiert.
Foto: RM Sotheby's

Zum Glück befand sich bereits ein neuer Held in der Pipeline. Der 964 Carrera RSR 3.8 war die ultimative Evolutionsstufe des Carrera-Cup-Konzepts. Ein Fahrzeug, das sich ungefähr so sehr für den täglichen Weg zum Supermarkt eignete wie ein Kettenhemd für den Schwimmunterricht. Herzstück war der luftgekühlte 3,8-l-Boxermotor vom Typ M64/04. Je nach Spezifikation standen bis zu 380 PS (279 kW) bereit – eine Zahl, die heute vielleicht überschaubar wirkt, Anfang der 1990er jedoch genügte, um ambitionierte Ferrari-Fahrer spontan über ihre Lebensentscheidungen nachdenken zu lassen.

Der RSR sparte Gewicht, wo immer es möglich war. Aluminium für Türen und Hauben. Dünnere Scheiben. Über dem Motor thronte ein Heckflügel, dessen Ausmaße selbst heute noch den Luftverkehr über kleineren Gemeinden beeinflussen könnten. Die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Siege in Spa, Suzuka und Interlagos. Klassensiege in Le Mans, Daytona und Sebring.

Nur 51 Stück wurden jemals gebaut

Insgesamt entstanden lediglich 51 Rennfahrzeuge. Doch zwei davon sollten eine ganz besondere Geschichte schreiben. Denn Mitte der 1990er-Jahre befand sich Porsche in wirtschaftlich schwierigem Fahrwasser. Boxster und 996 waren noch Zukunftsmusik, die Bilanz sah deutlich weniger sportlich aus als die Fahrzeuge.

Da erschien ein Kunde, der in Stuttgart vermutlich empfangen wurde wie ein Staatsoberhaupt. Der Mann bestellte nicht einen Porsche. Nicht zwei. Sondern gleich sechs der exklusivsten 964-Modelle überhaupt: Vier Turbo S Lightweight und zwei Carrera RSR 3.8 Straßenversionen. Natürlich durfte bei diesen ohnehin schon äußerst speziellen Sportlern nichts von der Stange sein. Alle Fahrzeuge wurden mit Sonderwünschen ausgestattet, die später laut Auktionshaus nie wieder auf Kundenfahrzeugen auftauchten. Die Felgensterne erhielten eine Lackierung in Amethyst Metallic, die Bremssättel wurden vergoldet.

Die vermutlich röteste Rennzelle aller Zeiten

Fahrgestellnummer 496107, das hier besprochene Fahrzeug, wurde erst 1996 ausgeliefert. Ganze zwei Jahre nach dem offiziellen Produktionsende des RSR. Der Grund für die Verzögerung findet sich im Innenraum. Während normale Rennwagen ihre Insass:innen mit nacktem Blech, Kabeln und funktionaler Tristesse empfangen, verwandelte Porsche Exclusive diesen RSR in eine Art motorsportliches Herrenzimmer. Indischrotes Leder bedeckte nicht nur Sitze, Armaturenbrett und Lenkrad. Selbst der Überrollkäfig wurde vollständig in Kuhhaut gehüllt. Die Lenksäule ebenfalls. Die Mittelkonsole. Die Türverkleidungen. Sogar die integrierten Druckluftleitungen des Airjack-Systems verschwanden unter rotem Leder.

Die roten Schroth-Sechspunktgurte harmonieren mit den Can-Can-roten Teppichen. Der Dachhimmel war farblich abgestimmt. Silbergraues Leder bekleidete die Tachoringe. Selbst Blinkerhebel und Lüftungsdüsen erhielten eine Veredelung in schwarzem Leder. Es ist vermutlich der einzige RSR der Welt, in dem man gleichzeitig einen Rennanzug und weiße Handschuhe tragen wollte.

Das Cockpit des Porsche 911 Carrera RSR 3.8 „Strassenversion“
Foto: RM Sotheby's

20 Jahre mit zehn Kilometern auf dem Tacho eingelagert

Technisch blieb der Wagen kompromisslos. Die beiden Strassenversionen erhielten den stärkeren Le-Mans-Motor mit Doppelzündung, einen 120-l-Tank, Airjacks und ein Sperrdifferenzial. Eigentlich perfekte Zutaten für spektakuläre Rundenzeiten. Doch genau dazu sollte es nie kommen.

Stattdessen verschwand der Wagen in einer Sammlung und blieb dort fast zwanzig Jahre lang unangetastet. Als er 2015 wieder auftauchte, trug er noch immer seine werkseitige Cosmoline-Schutzschicht. Der Kilometerstand: zehn Kilometer. Nicht zehntausend. Zehn. Selbst die Pirelli-Pneus gehen noch auf die Auslieferung zurück. Der Staub auf der Karosserie gilt mittlerweile fast als Teil der Provenienz. Und die kostet. Zwischen 2.150.000 und 2.550.000 Euro soll dieser einzigartige Porsche 911 Carrera RSR 3.8 „Straßenversion“ bei der Woodcote Park Auction 2026 im Juli einbringen.

Fazit

Manche Kunstwerke hängen an der Wand. Andere stehen seit dreißig Jahren in der Garage und warten auf ihren elften Kilometer. Ob ein Porsche mit zehn Kilometern auf dem Tacho überhaupt noch als Auto bezeichnet werden kann, darüber lässt sich mit Sicherheit streiten. Als automobiles Zeitdokument und Edel-Scheunenfund ist Fahrgestellnummer 496107 jedoch nahezu unschlagbar.