Mercedes W210: Die Revolution des Vier-Augen-Gesichts
Leuchtende Sterne, gigantische Kühlergrillmasken und blendende LED-Schnauzen: Es sind Designkniffe wie diese, die das Blut von Fans und Traditionalist:innen der Marke Mercedes aktuell kochen lassen. Vor rund 30 Jahren brauchte es allerdings viel weniger, um den Stammtisch in die Rotation zu schicken. 1995 waren es lediglich vier rundliche Scheinwerfer, die, verankert an der neuen Mercedes E-Klasse (W210), die Frage nach einer Identitätskrise aufkamen ließen.
Die genannten Produkte wurden von unserer Redaktion persönlich und unabhängig ausgewählt. Beim Kauf in einem der verlinkten Shops (Affiliate Link bzw. mit Symbol) erhalten wir eine geringfügige Provision, die redaktionelle Selektion und Beschreibung der Produkte wird dadurch nicht beeinflusst.
Vier-Augen-Gesicht: Mercedes' rundliche 90er-Revolution
Als der legendäre W124 1995 nach elf Jahren und rund 2,7 Millionen Exemplaren in Rente ging, war die Erwartungshaltung klar: Bitte nichts falsch machen, liebe Stuttgarter:innen! Doch Mercedes tat genau das – zumindest wenn man damals so manchen Fan fragte. Statt der gewohnt sachlichen Breitband-Scheinwerfer blickten plötzlich vier elliptische Leuchten aus der Front der Businesslimousine in die Welt. Der W210 war geboren, Mercedes Neuinterpretation ihrer E-Klasse für das kommende neue Jahrtausend. Und mit ihm das berühmte „Vier-Augen-Gesicht“.
Für Traditionalist:innen war das ein Schock. Wo vorher schwäbische Unaufgeregtheit residierte, schauten nun vier eiförmige Scheinwerferpaare leicht glubschäugig in die Zukunft. Manche fühlten sich an einen überraschten Goldfisch erinnert, andere vermissten schlicht „ihren“ Mercedes-Look. Der damalige Vorstandsvorsitzende der Mercedes-Benz AG, Helmut Werner zeigte sich zuversichtlich: „Die neue E-Klasse ist der wichtigste Umsatz- und Ergebnisträger von Mercedes-Benz in den 90er-Jahren. Sie hat das ästhetische und technologische Potenzial, Stammkunden zu binden und neue Freunde für die Marke Mercedes zu gewinnen.“ Stammtische liefen jedoch heiß. War das noch ein Benz? Oder schon Design-Experiment?
Der Mercedes 560 SEC im Fahrbericht (Video)

Bruno Sacco und die "vertikale Affinität" des Mercedes W210
Fest stand, dass Mercedes mit der Zeit gehen musste, war der W124 designtechnisch doch bereits schwer angestaubt. Die Antwort gab der Mut. Chefdesigner Bruno Sacco wusste: Ein Mercedes muss 30 Jahre aktuell bleiben und dabei trotzdem zeitlos wirken. „Vertikale Affinität“ nannte Sacco das. Heißt: Der Vorgänger soll neben dem Nachfolger nicht alt aussehen. 1993 bereitete man die Welt auf dem Genfer Automobilsalon mit einer Vier-Augen-Coupé-Studie vor. Der Rest ist Geschichte, denn es funktionierte – das Vier-Augen-Gesicht wurde über drei Generationen von W210 bis W212 weiterentwickelt und avancierte zum zweiten Markenzeichen der Marke. Der Red Dot Design Award folgte prompt. Plötzlich wollten alle vier Augen: BMW setzte auf vier Standlichtringe (Angel Eyes), Jaguar, Rover, Kia und selbst Lexus schielten mit ihrer Designsprache Richtung Stuttgart.
Doch das Gesicht war nur die halbe Wahrheit. Unter dem avantgardistischen Blick steckte weiterhin klassische Mercedes-DNA: konservativ-elegante Linienführung, hohe Sicherheitsstandards, serienmäßig ABS, ESP, Seitenairbags – und ein cW-Wert von 0,27. 1995 war das Weltrekord. Xenon-Licht flutete erstmals die Nacht und vom sparsamen E 200 Diesel bis zum irrwitzigen E 60 AMG war für alle etwas dabei.
Der Rost schadete dem W210 mehr als vier Augen
Und trotzdem hatte der W210 ein Problem, das sich nicht wegdesignen ließ: Rost. Er kam, sah und blühte im Wasserbasislack. Für ein Qualitätsversprechen „Made in Stuttgart“ ein herber Imagekratzer. Die Technik brillant, die Karosserie biologisch ambitioniert – das sorgte für Gesprächsstoff, der länger hielt als jede Chromleiste.
Doch der Markt verzieh. Über 1,6 Millionen verkaufte Exemplare, mehr als 200.000 pro Jahr – die meistverkaufte Business-Limousine ihrer Zeit. Als Taxi, T-Modell mit fast zwei Kubikmetern Ladevolumen – das übrigens den Citroën XM Break deklassierte – , als AMG-Linke-Spur-Jäger oder grün-weißer Streifenwagen war der W210 allgegenwärtig. Millennials erinnern sich an Rückbankurlaube im geräumigen „Zwozehner“ und dieses unverwechselbare Vieraugen-Gesicht am Taxistand.

Fazit
Heute, 30 Jahre später, ist klar: Genau das, was einst provozierte, macht ihn zum kommenden Klassiker. Die vier Augen verraten sofort sein Alter – und genau darin liegt für mich sein Charme. Das mag auch daran liegen, dass ich einer dieser Millenials bin, der dem Verkehrsfunk lauschend auf der Rückbank eines Vier-Augen-E 290 TD in den Urlaub dieselte. In einer Welt aus austauschbaren LED-Lichtsignaturen wirkt der W210 erfrischend selbstbewusst, eine echte Charakterschnauze eben.




















