Vorstellung

Mercedes W210: Die Revolution des Vier-Augen-Gesichts

Leuchtende Sterne, gigantische Kühlergrillmasken und blendende LED-Schnauzen: Es sind Designkniffe wie diese, die das Blut von Fans und Traditionalist:innen der Marke Mercedes aktuell kochen lassen. Vor rund 30 Jahren brauchte es allerdings viel weniger, um den Stammtisch in die Rotation zu schicken. 1995 waren es lediglich vier rundliche Scheinwerfer, die, verankert an der neuen Mercedes E-Klasse (W210), die Frage nach einer Identitätskrise aufkamen ließen.

(1/8)
Mercedes E-Klasse W210 statisch von vorne fotografiert.
Vor 30 Jahren sorgten diese vier harmlosen Augen für Aufruhr: War Mercedes gerade dabei, seine Identität zu verlieren? Foto: Mercedes
Mercedes E-Klasse W210 T-Modell fahrend von schräg vorne fotografiert.
Wo vorher schwäbische Unaufgeregtheit residierte, schauten nun vier eiförmige Scheinwerferpaare leicht glubschäugig in die Zukunft. Foto: Mercedes
Mercedes E-Klasse W210 Taxi statisch von schräg vorne fotografiert.
Doch der Markt verzieh. 1999 waren bereits mehr als eine Million W210 produziert. Vom braven E 200 Taxi-Diesel ... Foto: Mercedes
Mercedes W210 AMG statisch von schräg vorne fotografiert.
... bis zur unerhört schnellen AMG-V8-Variante namens E50, E55 oder E60. Foto: Mercedes
Mercedes E-Klasse W210 und W124 statisch von schräg oben fotografiert.
Auch der selige W124 hatte wie der W210 mit anfänglichen Qualitätsproblemen zu kämpfen. Und das trotz klassischer Breitband-Scheinwerfer. Foto: Wim Woeber
Mercedes E-Klasse W124, W210, W211 von schräg oben fotografiert.
Was der „Zwozehner“ mit seinem Vier-Augen-Gesicht etablierte, sollte sich über drei Generationen halten. Zunächst in Form des W211 ab 2002, ... Foto: Mercedes
Der Mercedes E-Klasse W210 stehend von vorne.
... der 2009 vom W212 abgelöst wurde. Erst 2013, 18 Jahre nach Einführung des Vier-Augen-Gesichts, verschwand dieses durch eine Modellpflege. Foto: Mercedes
Eine Detailaufnahme des Mercedes E-Klasse W210.
30 Jahre später wirkt das Vier-Augen-Gesicht in Anbetracht überzogener LED-Signaturen geradezu erfrischend unaufgeregt. Foto: Nils Koshofer

Vier-Augen-Gesicht: Mercedes' rundliche 90er-Revolution

Als der legendäre W124 1995 nach elf Jahren und rund 2,7 Millionen Exemplaren in Rente ging, war die Erwartungshaltung klar: Bitte nichts falsch machen, liebe Stuttgarter:innen! Doch Mercedes tat genau das – zumindest wenn man damals so manchen Fan fragte. Statt der gewohnt sachlichen Breitband-Scheinwerfer blickten plötzlich vier elliptische Leuchten aus der Front der Businesslimousine in die Welt. Der W210 war geboren, Mercedes Neuinterpretation ihrer E-Klasse für das kommende neue Jahrtausend. Und mit ihm das berühmte „Vier-Augen-Gesicht“.

Für Traditionalist:innen war das ein Schock. Wo vorher schwäbische Unaufgeregtheit residierte, schauten nun vier eiförmige Scheinwerferpaare leicht glubschäugig in die Zukunft. Manche fühlten sich an einen überraschten Goldfisch erinnert, andere vermissten schlicht „ihren“ Mercedes-Look. Der damalige Vorstandsvorsitzende der Mercedes-Benz AG, Helmut Werner zeigte sich zuversichtlich: „Die neue E-Klasse ist der wichtigste Umsatz- und Ergebnisträger von Mercedes-Benz in den 90er-Jahren. Sie hat das ästhetische und technologische Potenzial, Stammkunden zu binden und neue Freunde für die Marke Mercedes zu gewinnen.“ Stammtische liefen jedoch heiß. War das noch ein Benz? Oder schon Design-Experiment?

Der Mercedes 560 SEC im Fahrbericht (Video)

Video Platzhalter
Video: AUTO ZEITUNG

Bruno Sacco und die "vertikale Affinität" des Mercedes W210

Fest stand, dass Mercedes mit der Zeit gehen musste, war der W124 designtechnisch doch bereits schwer angestaubt. Die Antwort gab der Mut. Chefdesigner Bruno Sacco wusste: Ein Mercedes muss 30 Jahre aktuell bleiben und dabei trotzdem zeitlos wirken. „Vertikale Affinität“ nannte Sacco das. Heißt: Der Vorgänger soll neben dem Nachfolger nicht alt aussehen. 1993 bereitete man die Welt auf dem Genfer Automobilsalon mit einer Vier-Augen-Coupé-Studie vor. Der Rest ist Geschichte, denn es funktionierte – das Vier-Augen-Gesicht wurde über drei Generationen von W210 bis W212 weiterentwickelt und avancierte zum zweiten Markenzeichen der Marke. Der Red Dot Design Award folgte prompt. Plötzlich wollten alle vier Augen: BMW setzte auf vier Standlichtringe (Angel Eyes), Jaguar, Rover, Kia und selbst Lexus schielten mit ihrer Designsprache Richtung Stuttgart.

Doch das Gesicht war nur die halbe Wahrheit. Unter dem avantgardistischen Blick steckte weiterhin klassische Mercedes-DNA: konservativ-elegante Linienführung, hohe Sicherheitsstandards, serienmäßig ABS, ESP, Seitenairbags – und ein cW-Wert von 0,27. 1995 war das Weltrekord. Xenon-Licht flutete erstmals die Nacht und vom sparsamen E 200 Diesel bis zum irrwitzigen E 60 AMG war für alle etwas dabei.

„Die neue E-Klasse hat das ästhetische und technologische Potenzial, Stammkunden zu binden und neue Freunde für die Marke zu gewinnen.“
Helmut Werner, Vorstandsvorsitzender Mercedes-Benz AG (1995)

Der Rost schadete dem W210 mehr als vier Augen

Und trotzdem hatte der W210 ein Problem, das sich nicht wegdesignen ließ: Rost. Er kam, sah und blühte im Wasserbasislack. Für ein Qualitätsversprechen „Made in Stuttgart“ ein herber Imagekratzer. Die Technik brillant, die Karosserie biologisch ambitioniert – das sorgte für Gesprächsstoff, der länger hielt als jede Chromleiste.

Doch der Markt verzieh. Über 1,6 Millionen verkaufte Exemplare, mehr als 200.000 pro Jahr – die meistverkaufte Business-Limousine ihrer Zeit. Als Taxi, T-Modell mit fast zwei Kubikmetern Ladevolumen – das übrigens den Citroën XM Break deklassierte – , als AMG-Linke-Spur-Jäger oder grün-weißer Streifenwagen war der W210 allgegenwärtig. Millennials erinnern sich an Rückbankurlaube im geräumigen „Zwozehner“ und dieses unverwechselbare Vieraugen-Gesicht am Taxistand.

Der Scheinwerfer des Mercedes W210.
Foto: Nils Koshofer

Fazit

Heute, 30 Jahre später, ist klar: Genau das, was einst provozierte, macht ihn zum kommenden Klassiker. Die vier Augen verraten sofort sein Alter – und genau darin liegt für mich sein Charme. Das mag auch daran liegen, dass ich einer dieser Millenials bin, der dem Verkehrsfunk lauschend auf der Rückbank eines Vier-Augen-E 290 TD in den Urlaub dieselte. In einer Welt aus austauschbaren LED-Lichtsignaturen wirkt der W210 erfrischend selbstbewusst, eine echte Charakterschnauze eben.