Vorstellung

Mercedes E7.4RS Renntech: Das verschollene V12-Einzelstück

Aus einem biederen Mercedes E320 (W 210) einen 320 km/h schnellen Supersportler bauen? Genau das verwirklichte der US-Tuner Renntech 1998 und pflanzte einen gewaltigen V12-Motor in einen ehemaligen Dauertestwagen. Das ist die Geschichte des überstarken Mercedes E7.4RS Renntech!

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Mercedes E7.4RS Renntech statisch von schräg vorne fotografiert.
Was tun, wenn ein Dauertestwagen seine Aufgabe erfüllt hat? Richtig, man baut einen über 600 PS starken V12 ein. Foto: Facebook/RENNtech
Der Motor des Mercedes E7.4RS Renntech.
Mithilfe des Mercedes-Tuners Renntech ließ das Fachmagazin „Car and Driver“ den E 320 zum E7.4RS mutieren. Das Herzstück: der 7,4-l-V12. Foto: Facebook/RENNtech
Das Interieur des Mercedes E7.4RS Renntech.
Trotz Leistung auf Supersportwagen-Niveau blieb es im Innenraum sportlich luxuriös. Foto: Facebook/RENNtech
Der Motor des Mercedes E7.4RS Renntech.
Damit das gewaltige Triebwerk in den Bug passte, musste die Karosse umfassend angepasst werden. Foto: Facebook/RENNtech

Mercedes E7.4RS Renntech: Vom Dauertestwagen zum Tuning-Projekt

Vor knapp dreißig Jahren, im Mai 1997, beendete die Redaktion des US-Automagazins „Car and Driver“ einen Dauertest mit einem Mercedes E 320. Die Limousine in Rauchsilber-Metallic absolvierte in zwölf Monaten knapp 65.000 km. Doch die Redakteur:innen waren noch lange nicht fertig und fassten im Anschluss einen verwegenen Plan. Sie wollten den biederen Vieraugen-Benz in einen überstarken Boliden verwandeln. Das Ziel: Eine Höchstgeschwindigkeit von über 300 km/h.

Auf Nachfrage und Erklärung der verrückten Idee gab Mercedes dem Magazin grünes Licht und den Testwagen endgültig in deren Hände. Für den Umbau wendete man sich an die Firma Renntech aus Florida. Gründer Hartmut Feyhl war in Sachen schnelle Sterne kein unbeschriebenes Blatt. Zwölf Jahre lang arbeitete er bei AMG in Affalterbach, wo er unter anderem an der Entwicklung des legendären AMG Hammer beteiligt war, bevor er als technischer Direktor für die nordamerikanische Abteilung AMGs über den großen Teich auswandert. 1989 bat AMG ihn durch die Zusammenlegung mit Mercedes, sich selbstständig zu machen, um die amerikanische Kundschaft betreuen zu können. Seine darauf gegründete Firma Renntech galt zu dieser Zeit als absoluter Spezialist für hochqualitative Mercedes-Umbauten. Die Kundschaft verlangte nach extremer Leistung ohne Einbußen bei Zuverlässigkeit und Komfort.

Der Mercedes 560 SEC im Fahrbericht

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Video: AUTO ZEITUNG

Ein 7,4-l-V12-Motor für die E-Klasse

Auf die Frage der Redaktion, ob man denn einen V12 in den Bug des 224 PS (165 kW) starken E 320 verpflanzen könne, soll Feyhl wohl nur mit einem trockenen „Selbstverständlich“ geantwortet haben. Und da man natürlich im Superlativ dachte, fiel die Wahl auf den größten und stärksten Zwölfender aus dem Stuttgarter Portfolio, den 7,2-l-V12 auf Basis des M120 6,0-l-V12. Den hatte Renntech bereits in einen Mercedes SL 600 gezwängt und so im August 1997 den SLR7.4 kreiert.

Um auf den gewünschten Hubraum zu gelangen, bohrte man das 7291 cm3 Triebwerk auf 7414 cm3 auf, versah es für maximale Haltbarkeit und Leistungssteigerung mit Titan-Pleueln, polierten Zylinderköpfen, scharfen Nockenwellen, größeren Ventilen und allerhand anderem feinem Sauger-Tuning. Doch das gigantische Herz erforderte auf gigantischen Aufwand zur Transplantation. Die E-Klasse wurde vollständig zerlegt, und die Spritzwand für eine optimale Gewichtsverteilung (53/47 Prozent) nach hinten versetzt. Ein verstärkter Hilfsrahmen mit Koni-Sportfahrwerk und Monster-Bremse mit Sechskolbensätteln sorgte für die nötige Straßenlage. Das alles verschwand hinter OZ-Racing-Felgen im Maß 9x18 an der Vorderachse und 10x18 an der Hinterachse. Ein dezentes Bodykit, gezogene Radläufe und Recaro-Schalensitze in Bicolorleder komplettierten den nun in Porsche Polarsilber Metallic lackierten Über-W 210.

Fahrleistungen und Kosten auf Supersport-Niveau

Das Ergebnis in Zahlen: Umbaukosten in Höhe von 240.000 Dollar. Für das Gesamtpaket mit Auto verlangte Renntech 1998 einen Preis von 290.000 Dollar. Zum Vergleich schlug ein Ferrari F550 Maranello mit 324.700 Mark (1996) oder ein Lamborghini Diablo SV mit 290.000 Mark (1996) zu Buche. Dafür bot der Mercedes E7.4RS Renntech allerdings nicht nur eine Leistung von 629 PS (463 kW) und ein Drehmoment von 850 Nm, sondern auch weiterhin alle Annehmlichkeiten einer konventionellen Mercedes E-Klasse jener Zeit.

Selbstverständlich musste der kraftkurierte Vieraugen-Benz in einem anschließenden Test des Magazins beweisen, was tatsächlich in ihm steckt. Über ein verstärktes Fünfgang-Automatikgetriebe wurde die urgewaltige Kraft an die Hinterräder geschickt, die sich beim ersten Testlauf bei elektronisch abgeregelten 298 km/h in ihre Einzelteile auflösten. Eine erneute Softwareanpassung sollte den Begrenzer eliminieren, doch auch bei Testlauf Nummer Zwei schob die Elektronik bei 320 km/h den Riegel vor. Renntech-Gründer Feyhl zeigte sich laut dem damaligen Testbericht wenig zufrieden, hatte er doch einen Topspeed von wahnsinnigen 340 km/h für realistisch gehalten. Im Sprint deklassierte der E7.4RS Renntech mit einem Wert von 3,9 s die von Brabus V12-aufgemotzte E-Klasse namens EV12 (4,5 s). Null auf 200 km/h brannte der Renntech-Benz innerhalb von 12,1 s in den Asphalt.

Das ungewisse Schicksal des E7.4RS

Nicht nur durch diese Zahlen und Werte bleibt der Mercedes E7.4RS Renntech bis heute eine Legende. Auch der Verbleib der wahnwitzigen E-Klasse zahlt auf ihren Legendenstatus ein. Denn bereits im Vorfeld hatte Renntech den Wagen an einen wohlhabenden Chirurgen aus Georgia verkauft, unter der Voraussetzung, dass er für „Car and Driver“ für besagten Abschlusstest zur Verfügung stand. Was anschließend aus dem Mercedes wurde, ist bis heute unklar. Was bleibt sind einige wenige verpixelte Bilder, eine Geschichte und ein Testbericht, die bis heute wohl ihresgleichen suchen.

Technische Daten des Mercedes E7.4RS Renntech

Car and Driver 12/98

Renntech E7.4RS

Zylinder

V12

Hubraum

7414 cm³

Leistung

463 kW/629 PS bei 5800 U/min

Max. Gesamtdrehmoment bei

850 Nm bei 4600 U/min

Getriebe / Antrieb

5-Gang-Automatik / Hinterrad

L / B / H

4810 / 1798 / 1389 mm

Leergewicht

1843 kg

Bauzeit

1998

Stückzahl

1

Beschleunigung null auf 100 km/h

3,9 s

Höchstgeschwindigkeit

320 km/h

Verbrauch auf 100 km

19,6 l S

Grundpreis (Jahr)

290.000 US-Dollar

Fazit

Wahnsinn, welche Ideen in den 1990er-Jahren umgesetzt wurden. Die Symbiose aus brachialer V12-Gewalt und unauffälligem Limousinen-Kleid übt bis heute eine immense Faszination aus. Gepaart mit dem Fakt, dass jegliche Spur des E7.4RS verloren gegangen zu scheint, zählt diese E-Klasse für mich persönlich zu einem heiligen Gral jener automobilen Zeit.

Quellen

  • Car and Driver

  • RENNtech