Ford Sierra vs. VW Passat & Opel Ascona: Mittelklasse-Revolution
Der Sierra brach mit Ford-Traditionen. Ob er auch die Vormachtstellung der Konkurrenz in Form von VW Passat und Opel Ascona C brechen konnte, prüfte die AUTO ZEITUNG 1982 in einem ersten Vergleich.
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Als der Ford Sierra die Konkurrenz aufmischte
September 1960: Volkswagen in Wolfsburg überrascht alle Welt mit immer neuen Käfer-Produktionsrekorden. Opel verteidigt hierzulande mit dem Rekord beharrlich den Spitzenplatz in der Mittelklasse. Und Ford, der Erzrivale aus Köln, versucht gerade, mit einem völlig neuen Taunus zum Marktführer aufzusteigen.
Jürgen Schöller, Ford-Verkäufer aus Wanne-Eickel, erinnert sich: „Damals standen die Kunden verdutzt vor unseren Schaufenstern und drückten sich die Nasen platt. Vollkommen verunsichert, ob wir nicht womöglich zwischenzeitlich die Marke gewechselt hätten.“ Der Taunus P3 – der Volksmund nannte ihn wegen seiner aalglatten, rundlichen Karosserie später Badewanne – war damals seinen Kontrahenten stilistisch um Jahre voraus. Es sprach sich schnell herum, daß der Ford-Sonderling keinen Barock-Schnickschnack mehr am Blech-Leibe trug und dazu noch recht temperamentvoll über Autobahnen stürmte. Außerdem ging der Oldie recht sparsam mit dem Benzin um.
Der VW Passat (2024) im Fahrbericht (Video)

Abschied vom Taunus: Fords mutiger Bruch
Die Kundschaft hielt den P3 für vernünftig, immer mehr Leute spielten in der Badewanne Kapitän. Ford überholte Opel, Volkswagen schickte sich an, mit diversen Modellen in der Mittelklasse Fuß zu fassen. Nach der Badewannen-Ära begann für Ford der Abstieg. Heute rangiert Opel mit dem Ascona wieder vorn, gefolgt vom VW Passat. Abgeschlagen auf Rang drei spielt der Taunus nur noch eine bescheidene Rolle. Im Juni dieses Jahres fanden gerade noch 3982 Käufer:innen Gefallen an dem Ford-Wagen. Volkswagen setzte 10.351 Passat-Varianten ab, Opel meldete sogar 10.973 Ascona-Neuzulassungen im gleichen Monat.

Ab Oktober 1982 schickt Ford nun den Taunus aufs Altenteil. Sierra heißt der Neue, der an die erfolgreichen Tage des legendären Taunus P3 anknüpfen soll. In einem ersten Vergleich fühlt AUTO ZEITUNG dem taufrischen Ford auf den Zahn. Mit von der Partie sind ein Opel Ascona in Berlina-Ausführung mit Schrägheck und 75 PS (55 kW) starkem 1,6-l-Motor sowie ein gleich starker VW Passat CL. Der Herausforderer hört auf den Namen Ford Sierra 1,6 GL.
Dreimal 75 PS ringen um die fahrdynamische Krone
Als Einziger im Trio bringt der Ford Sierra seine Pferdestärken über die Hinterräder auf die Straße. Es sind, wie bei der Konkurrenz, 75 Rösser (55 kW), die im Futter stehen. VW Passat und Opel Ascona bescheiden sich mit Normalbenzin, der Ford tuts nicht ohne Super. Die Fahrleistungen der drei Mittelklassekameraden beweisen: Das Temperament reicht allemal aus, um zügig im Verkehrsstrom zu schwimmen. Voll gefordert, rennt der Ascona 164 km pro Stunde. Sierra und Passat schaffen hier einen Kilometer weniger.
Die Trommelfelle der Ascona-Insass:innen müssen dabei immerhin 84 dB(A) verkraften, dagegen ermöglichen die 79 db im Sierra und im Passat noch Unterhaltungen in normaler Lautstärke. Im Neuling fällt vor allem der gedämpfte Geräuschpegel des betagten Vierzylindermotors angenehm auf. Nichts bleibt mehr von der brummigen Vergangenheit in den diversen Taunus-Modellen übrig.
Der Grund: Leichtere Kolben mit speziellen Kolbenringen und ein neuerdings feingewuchteter Kurbeltrieb verringern nicht nur die Eigenreibung der Maschine, sondern steigern auch die Laufkultur des Ford. Dazu kommt eine neue hydraulische Motoraufhängung, die lästige Brummfrequenzen aus dem Innenraum fernhält.
Der VW gehört ohnehin zu den Leisetretern in seiner Klasse. Erst recht, wenn die Person am Steuer der Schaltanzeige konsequent gehorcht und der Wagen über ein Fünfganggetriebe mit drehzahlsenkendem E-Gang verfügt. Ford wie Opel bieten ebenfalls Fünfgang-Boxen mit vergleichbarer Charakteristik an. Sie tauchen in der Aufpreisliste aller drei Modelle auf.
Vier Mal Schrägheck: Doch welcher bietet am meisten Platz?
Vier Türen verteuern dagegen nur den VW Passat ab Werk. Der von AUTO ZEITUNG gefahrene Schrägheck-Opel Ascona rollt ebenso wie der Ford Sierra mit vier Eingangspforten vom Band.
Im Fond finden Sierra-Passagier:innen den meisten Platz vor. In puncto Bequemlichkeit hat dagegen der Passat die Nase vorn. Dem Ascona-Heckmobiliar bringen hauptsächlich dürftig ausgepolsterte Sitzflächen Minuspunkte ein.
Ab L-Ausstattung können demnächst Sierra-Eigner:innen auf den hinteren Rängen gleichzeitig sperrige Lasten und Mitfahrende befördern: Die umlegbare Bank ist geteilt. Doch auch in diesem Kriterium reicht er nicht an den Standard des Passat heran. Dessen Verriegelung der Rücksitz-Elemente sowie deren Beschläge bleiben im Trio vorbildlich. Zumal die Passat-Rückbank auch noch die Aufrollautomatik der Sicherheitsgurte beherbergt.

Dritte Wahl in diesem Vergleichspunkt: der Ascona. Seine Fondbank lässt sich zwar umklappen, jedoch nur in einem Stück. Das Opel-Auto brilliert dafür mit dem größten Gepäckraum. Hier landet der Sierra hinter dem Passat auf Platz drei. Ähnlich ist die Situation auf den vorderen Einzelsesseln: Der Passat bietet den meisten Platz und die besten Sitzmöbel, gefolgt vom Ascona und vom Sierra.
Hinter dem Lenkrad bekommen Sierra-Chauffeur:innen allerdings am meisten geboten. Der gesamte Instrumententräger erinnert an BMW-Cockpit-Qualitäten. Die Instrumente liegen leicht gewölbt hinter dem Volant, und alle Schalter sowie Bedienungshebel sind gut erreichbar. Die Verarbeitung aller drei Autos dokumentiert ein hohes Niveau. Leichte Vorteile verbucht unterm Strich der Passat. Nicht so die Be- und Entlüftung des Wolfsburgers: Das Kleinklima im Innenraum des Ascona, speziell aber des Sierra läßt sich besser regulieren.
Fahrverhalten und -spaß auf der Probe
Gute Aerodynamik mit wenig Lufteinlässen an der Vorderfront muss also nicht zwangsläufig mit reduziertem Luftaustausch im Innenraum einhergehen. Denn der Sierra hat laut Ford-Windkanalversuchen mit 0,34 den besten cW-Wert im Terzett. Offensichtlich hat die große Rundreise durch sämtliche europäischen Windkanäle im Falle Ford Früchte getragen.
Die Karosserie des Sierra wirkt ausgefeilt, wenngleich die Form des Kölner Debütanten für heutige Verhältnisse etwas gewöhnungsbedürftig erscheint. Es drängen sich Parallelen zum Badewannen-Taunus auf. So kann die Person am Steuer die äußeren Abmessungen des Ford nur erahnen. Das Fließheck ist beim Einparken nicht überschaubar, die Motorhaube verschwindet aus der Fahrersicht bereits kurz nach der Frontscheibe. Es eröffnen sich Perspektiven fast wie in einem Formel-Rennwagen: Die Straße beginnt direkt vorm Lenkrad. Damit hat sich dieser Vergleich aber bereits erschöpft.
Denn der Sierra mit einzeln aufgehängten Rädern offeriert statt sportlicher Härte ein gerüttelt Maß an Fahrkomfort. Schlechte Straßen bügelt das Fahrwerk aus, und die vom Taunus gewohnten Eigenlenkbewegungen der Hinterachse kennt der Nachfolger nicht mehr. Der Sierra vermittelt Fahrspaß wie kein anderer Ford. Seine windschlüpfige Kunststoffnase folgt bereitwillig den eingeschlagenen Vorderrädern, das Heck trottet brav hinterher.
Engagierte Autofahrer:innen entdecken am Sierra noch eine weitere Tugend: Im Grenzbereich wandert die Hinterachse auf Samtpfötchen zum Kurvenaußenrand. Leichte Gegenlenkbewegungen bringen den Ford wieder auf den rechten Weg.

Der VW Passat fordert unter vergleichbaren Bedingungen etwas mehr Aufmerksamkeit. Doch in der Summe seiner Eigenschaften holt der Fronttriebler einen kleinen Vorsprung heraus. Zumal im Alltagsbetrieb der Federungs- und der Dämpfungskomfort des VW-Fahrwerks höher zu bewerten sind als Driftübungen im öffentlichen Straßenverkehr.
So gesehen landet der Opel Ascona eigentlich zu Unrecht auf dem letzten Platz. Gewiss, sein Fahrwerk gibt merklich straffer die Straßenbeschaffenheit kund als das der beiden Kontrahenten. Unter Normalbedingungen meistert der frontgetriebene Opel aber alle Fahrsituationen ausgesprochen gutmütig. In der Tendenz untersteuernd, bremst der meistverkaufte Mittelklässler sich selbst und damit allzu forsche Gasgeber in engen Biegungen über die Vorderräder ab. Er reagiert nur in Extremfällen mit leichten Lastwechseln an der Hinterachse.
Leichte Korrekturen dürfte nach Erscheinen des Ford Sierra im Oktober die Zulassungsstatistik erfahren. Ford hat ein rundum vernünftiges Auto mit progressiver Linienführung auf die Beine gestellt – wie seinerzeit anno 1960 die Badewanne. Und die war ein Karrieretyp. Von Friedrich Schröder
Technische Daten von Ford Sierra 1,6 GL, Opel Ascona Berlina & VW Passat CL
AUTO ZEITUNG 18/1982 | Ford Sierra 1,6 GL | Opel Ascona Berlina | VW Passat CL |
|---|---|---|---|
Zylinder | 4 | 4 | 4 |
Hubraum | 1593 cm³ | 1598 cm³ | 1588 cm³ |
Leistung | 55 kW/75 PS bei 5300 U/min | 55 kW/75 PS bei 5600 U/min | 55 kW/75 PS bei 5600 U/min |
Max. Gesamtdrehmoment bei | 120 Nm bei 2900 U/min | 123 Nm bei 3200 U/min | 121 Nm bei 3200 U/min |
Getriebe / Antrieb | 4-Gang-Getriebe / Hinterrad | 4-Gang-Getriebe / Vorderrad | 4-Gang-Getriebe / Hinterrad |
L / B / H | 4406 / 1720 / 1408 mm | 4366 / 1668 / 1395 mm | 4435 / 1685 / 1385 mm |
Leergewicht | 1010 kg | 980 kg | 930 kg |
Beschleunigung null auf 100 km/h | 14,3 s (AZ 18/1982) | 14,2 s (AZ 18/1982) | 14,6 s (AZ 18/1982) |
Höchstgeschwindigkeit | 163 km/h (AZ 18/1982) | 164 km/h (AZ 18/1982) | 163 km/h (AZ 18/1982) |
Verbrauch auf 100 km | 8,1 l S (AZ 18/1982) | 8,9 l S (AZ 18/1982) | 9,0 l S (AZ 18/1982) |
Grundpreis (Jahr) | 16.600 Mark (1982) | 17.780 Mark (1982) | 17.740 Mark (1982) |
























