Meyra 56: Der vergessene Feuerstuhl aus Vlotho
In den 50er-Jahren verlief die Grenze zwischen motorisierter Gehhilfe, Motorrad und Auto fließend. Das gilt besonders für die Meyra 56, die Dietmar Pauw vor dem Schrott rettete. Auch wenn er bestens zu Fuß unterwegs ist: Er nutzt das restaurierte Kuriosum täglich für den Spaß an der Freude.
Vom Rostmüll zum Feuerstuhl: Die Geschichte einer vergessenen Meyra 56
Nein, die Meyra 56 ist kein Auto. Auch wenn ein ganz normales Autokennzeichen und die üblichen Papiere den Eindruck erwecken wollen. Nein, die Meyra ist auch kein Motorrad. Auch wenn für den Antrieb eine Kette sorgt, statt Lenkrad ein Lenker die Kurvenaufgaben übernimmt und die Vorderradaufhängung vom normalen Bike stammt. Und nein, die Meyra kann man auch nicht guten Gewissens als Gehhilfe bezeichnen. Mit der Kraft von 9,5 PS (7 kW) und einem möglichen Höchsttempo von 70 km/h ähnelt sie eher einem Feuer- als einem Rollstuhl. Also was ist die Meyra nun wirklich?
Genau das fragt sich auch der Kfz-Sachverständige Michael Pauw, als er 1997 im Hinterhof einer Werkstatt am Deich in Esens, Ostfriesland, zu tun hat und dabei ein Stück Schrott am Haken baumeln sieht. Pauw, passionierter Biker wie sein Bruder Dietmar, muss sich sofort entscheiden: Für 300 Mark retten oder für immer schweigen … Er rettet – ohne zu wissen, was eigentlich – und stellt den Schrotthaufen bei seinen Eltern in die Garage. Was zumindest die Mutter mit lang anhaltender Verachtung für die Vorliebe der Söhne zu selbstbewegenden Unwägbarkeiten quittiert.
Nach und nach recherchieren die Brüder, was da über Jahrzehnte im Freien der fiesesten Salzluft ausgesetzt war: eine Meyra 56 (Dietmar Pauw: „Für mich ist die Meyra weiblich.“). Die wurde gebaut von der Krankenfahrzeugfabrik Meyra, Wilhelm Meyer, in Vlotho. Meyer hatte als Schlosser begonnen und zunächst Krankenfahrzeuge repariert. Gegründet 1936, entstanden ab 1937 motorisierte Gefährte für Gehbehinderte – das Geschäft boomte aufgrund der Menge an zurückkehrenden Kriegsversehrten.
Es gab elektrische Maschinen, aber auch eine Vielzahl diverser Dreiräder mit Zweitaktmotoren von 50 bis 250 Kubik, hauptsächlich von JLO und Fichtel & Sachs. Mindestens ein Modell soll mit einem Küchen-Motor – wahrscheinlich ein Viertaktmotor – ausgestattet gewesen sein, eine Quelle erwähnt auch DKW als Antrieb. Mit zwei Rädern vorn wurden Meyras sowohl als Krankenwagen als auch als billige, zweisitzige Kleinstwagen hergestellt. Es sollen sogar ein paar wenige Viersitzer gebaut worden sein sowie zwei Exemplare einer zweitürigen Sportmaschine. Eine davon soll Meyers Frau genutzt haben.
Der Mercedes 560 SEC von Bruno Sacco im Fahrbericht (Video)

Dank vieler Extras eine Luxus-Meyra
Nach dem Fund legt sich Dietmar Pauw so richtig ins Zeug. Er erkundet zum Beispiel bei der – heute noch existierenden – Herstellerfirma, was es zu erkunden gibt. Das Archiv und ein paar alte Angestellte tragen zusammen, was sie finden können: Sein Exemplar ist ein Typ 56, Baujahr 1956, ausgeliefert 1957. Insgesamt wurden 43 Stück dieses Typs gebaut, vermutlich aber nicht alle verkauft. Dieses Exemplar trägt die Fahrgestellnummer 5437.
Normalerweise steckt ein Fichtel & Sachs-Motor an der Seite, der hier installierte M200V3R des Pinneberger Motorenbauers ILO ist eine aufpreispflichtige Option: Im Gegensatz zum Fichtel & Sachs-Aggregat besitzt er auch einen Rückwärtsgang. Ebenfalls optional sind ein nach oben klappbarer Lenker zum vereinfachten Einstieg und die wie beim frühen Land Rover samt Rahmen klappbare Frontscheibe. Pauws Exemplar soll so bestückt einst stolze 3200 Mark gekostet haben.
Es stellt sich heraus, dass die gefundene Meyra 56 einem gehbehinderten Insulaner aus Langeoog gehört haben muss. Der nutzte das Vehikel bei seinen Festlandsausflügen, sammelte immerhin 16.181 km damit ein und stellte es nach Gebrauch bei der Werkstatt für ein paar Groschen monatlich unter. Vermutlich verstarb er in den 80er-Jahren, und die Meyra wurde vergessen. Nachdem sie über Jahre kostbaren überdachten Platz verbraucht hatte, bugsierte die Werkstatt nahe des kleinen Fährhafens das gute Stück kurzerhand nach draußen und überließ es seinem rostenden Schicksal. Die 300 Mark Ablösesumme sollten die offenstehenden Mietkosten decken.
Am 1. Dezember 2005 erlöst Dietmar Pauw seine Mutter von der Gegenwart der immerhin schon mal voll zerlegten braunen Pest und beginnt in Keller und Garten mit der Restaurierung. Er hat nicht viel – außer Elan, handwerklichen Fähigkeiten und der Geduld, im Netz nach Teilen, Infos und Leidensgenossen zu suchen. Denn der ehemalige Rundfunk- und Fernsehtechniker hat bei Norddeich Radio alles gelernt: feilen, hobeln, drehen, fräsen und was man sonst noch so im mobilen Leben braucht. Außerdem restauriert und sammelt er schon seit langem Kirchturm-Uhrwerke.
Die Holzteile entlieh Pauw einem Treppengeländer von einem Haus aus 1908
Von Anfang an sichert sich Pauw einen verständigen TÜV-Mann für das Projekt. Dabei sind die fehlenden Papiere und der Zündschlüssel das kleinste Problem: Brief und Schein erhält er nach einem formlosen Schreiben nach Flensburg, und für die Bosch-Zündung gibts noch alles inklusive Schlüssel. Pauw fertigt fast sämtliche Karosseriebleche neu an – er findet sogar einen Lackierer, der nach Wunsch die Kotflügel schwarz und den Rest grün bemalt – Pauw: „Alle Meyra trugen irgendeinen Grünton …“
Die Holzteile im Frontscheibenrahmen sind zu retten, die um den Fahrersitz herum nicht: Feuchtigkeit ist unter die Folie gekrochen und hat sie zerstört. Pauw fertigt sie neu an: „Sie stammen jetzt vom Treppengeländer aus einem Haus von 1908.“ Obwohl vom Behelfsdach nur noch ein Bügel vorhanden ist, baut Pauw einen neuen Wetterschutz. Den er allerdings nicht nutzt – es geht eben nichts übers Cabrio-Feeling.

Das größte Problem: den ILO-Motor zuverlässig gangbar zu machen. Nach vielen Rückschlägen, Versuchen und Enttäuschungen ist das Gehäuse heute identisch mit dem Original, die Innereien stammen vom Fundstück. Tatsächlich gibt es eine rege Gemeinde, die sich mit diesen Motoren beschäftigt, die auch die Goggo Lastenroller, Fuldamobile und Tornax-Motorräder antreiben. Pauw: „Als die Viertakt-Konkurrenz aus Japan zu groß wurde, hat ILO einfach aufgegeben. Die Beschäftigten durften mitnehmen, was sie wollten. Zwar sind ganze Paletten voller Motoren verschrottet worden, aber einiges wurde gerettet.“
Fast 1000 Arbeitsstunden gehen drauf, bis die Meyra Ende 2006 den TÜV passiert – nur die Warnblinkanlage muss Pauw nachrüsten. Und das Fahren muss er erst lernen: Mittels Drehgriff wird rechts am Lenker Gas gegeben. Gebremst wird, wenn man einen Hebel links unter dem Lenker drückt. Das heißt: In Kurven muss Pauw links die Hand vom Lenker nehmen: „Das ist in Rechtskurven kein Problem. Aber in Linkskurven will die Meyra, die nur am linken Hinterrad angetrieben wird, immer geradeaus fahren.“
Eine Luftpumpe gehört zur Serienausstattung
Und die bissige Bremse muss er so einstellen, dass sie vorn sanfter agiert als hinten: „Anfangs hat sich der TÜV-Prüfer noch eine Beule am Kopf geholt, weil er zu stark bremste …“ Die drei Gänge werden mit einem Hebel außen an der Karosserie sortiert, der Hebel für die Feststellbremse befindet sich ebenfalls dort.
Sonst ist nicht viel dran an der Meyra 56: Hinten gibt es einen Notsitz unter einer Klappe, der nur bis zu 40 kg belastet werden darf. Dort befindet sich auch ein winziger Kofferraum unter dem „Sitz“. Und am hinteren Querrohr befestigt wartet eine originale Meyra-Luftpumpe auf Arbeit. Damit könnte man sogar einen Platten selbst beheben. Denn die Felgen sind zweiteilig und geschraubt, unter den noch heute gängigen Rollerreifen befindet sich ein Schlauch.
Kein Wunder, dass Dietmar Pauw und seine einzigartige Meyra zumindest in Norddeutschland bekannt sind wie bunte Hunde. Meyras sind selbst in Museen selten – in der Vehikelsammlung Eppelheim etwa stehen diverse Typ 48. Pauw ist stets Gast bei den Harley Days in Hamburg, nutzt sein Vehikel auch für Fun-Races wie gegen einen Porsche Junior und eine Velosolex auf dem Hockenheimring und hat selbst inzwischen rund 15.000 km damit zurückgelegt.
Rein bauartbedingt dürfte er sogar auf die Autobahn – die Meyra fährt (mit viel Anlauf) 70 km/h. Der einzige Riegel, der dem TÜV dagegen eingefallen ist, war die Festlegung der Höchstgeschwindigkeit auf 50 km/h. Und, was ist die Meyra denn nun? Auto? Bike? Gehhilfe? Eigentlich alles in einem – und damit ein besonders faszinierender Feuerstuhl vergangener Tage …
Von Roland Löwisch
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