Audi 72 vs. Opel Rekord B: Vergleich der 60er-Jahre-Mittelklasse

Mit neuen Motoren mischen Audi und Opel vor 60 Jahren die Mittelklasse auf: Der Audi 72 will sparsam wie ein Diesel sein, der Opel Rekord B macht mit obenliegender Nockenwelle auf sportlich. Und der Erfolg gibt allen beiden recht.

(1/13)
Audi 72 und Opel Rekord B stehend von vorne.
Audi 72/Opel Rekord B Foto: Hardy Mutschler

Zwei ambitionierte Mittelklassen anno 1965: Der Audi 72 startete unter VW-Ägide mit Mercedes-Genen, der Opel mimt den coolen Ami.

Der Audi 72 fahrend von vorne.
Audi 72 Foto: Hardy Mutschler

Das zweite Gesicht: Der gute Stern im Kühlergrill würde keinen Betrachtenden wundern, die optische Ähnlichkeit zum Pagoden-SL ist kein Zufall.

Der Audi 72 fahrend von hinten.
Audi 72 Foto: Hardy Mutschler

Erst die stärkeren Versionen mit 80 und 90 PS (59 bzw. 66 kW) tragen eine Zahl in der Typbezeichnung, das Urmodell heißt schlicht Audi. Ein Großteil der Kundschaft kennt die Marke noch von früher.

Das Cockpit des Audi 72.
Audi 72 Foto: Hardy Mutschler

Hinterm großen Audi-Lenkrad herrscht blecherne Kühle, doch mit der sauberen Verarbeitung fällt schon das Urmodell auf. Auch der tellerflache Boden gehört zu seinen Vorzügen.

Die Sitze des Audi 72.
Audi 72 Foto: Hardy Mutschler

Die Einzelsitze des Audi sind zwar gut geformt und angenehm straff gepolstert, aber viel zu hoch für Menschen mit langem Oberkörper.

Der Motor des Audi 72.
Audi 72 Foto: Hardy Mutschler

Der Mitteldruck-Motor ist kein Wunder des Leichtbaus, das ist deutlich zu sehen und in Kurven auch zu spüren.

Opel Rekord B und Audi 72 stehend von oben.
Opel Rekord B/Audi 72 Foto: Hardy Mutschler

Zwei Vierzylinderkonzepte von 1965, wie sie unterschiedlicher kaum sein können: Der Opel setzt auf CIH-Spritzigkeit, der Audi auf Mitteldruck-Sparsamkeit.

Der Opel Rekord B fahrend von vorne.
Opel Rekord B Foto: Hardy Mutschler

Die "Breitband-Scheinwerfer" sind 1965 das neue Statussymbol der Mittelklasse, nur der kleine Opel Kadett trägt jetzt noch runde Lampen.

Der Opel Rekord B fahrend von hinten.
Opel Rekord B Foto: Hardy Mutschler

Mit gestreckten Formen und geschickt platziertem Chromzierrat wird der Rekord B seiner Rolle als deutschem Chevy gerecht.

Das Cockpit des Opel Rekord B.
Opel Rekord B Foto: Hardy Mutschler

Der Balkentacho verrät die amerikanischen Gene des Rekord, die Skala bis 200 km/h zeigt das neue Leistungsbewusstsein.

Die Sitze des Opel Rekord B.
Opel Rekord B Foto: Hardy Mutschler

Die breiten und vielfach einstellbaren Liegesitze gehören zur L-Ausstattung, sie bieten nahezu oberklassigen Komfort.

Der Motor des Opel Rekord B.
Opel Rekord B Foto: Hardy Mutschler

Roter Bereich: Niemand soll den neuen Leistungsträger im geräumigen Motorraum des Rekord B übersehen.

.Audi 72 und Opel Rekord B stehend von hinten
Audi 72/Opel Rekord B Foto: Hardy Mutschler

Das Heckdesign des Opel folgt dem des Chevrolet Corvair, der Audi ist noch im biederen Stil des DKW F 102 gefangen.

Audi 72 trifft auf Opel Rekord B 1900 L: Vergleich zwischen Herausforderer und Platzhirsch

Der Audi ist ein Audi ist ein Audi, damit gehts schon mal los. Sein Entwicklerteam würde ihn gern 170 S nennen, so wie den Mittelklasse-Mercedes aus den frühen 50er-Jahren, doch das findet VW-Chef Heinrich Nordhoff "ganz unmöglich". So heißt er einfach Audi und trägt keine Zusatzzahl, das reicht auch dem Boss in Wolfsburg. Nur Ludwig Kraus, der ihn entwickelt hat, nennt ihn den "Bastard", was er mit markig gerolltem "rrrr" am Ende ausspricht. Denn erstens kommt Kraus von Mercedes-Benz, und zweitens ist er ein gebildeter Mann, der genau weiß, dass damit der uneheliche Spross eines adligen Vaters und einer bürgerlichen Mutter gemeint ist.

Passendes Zubehör für den Klassiker:

Wo das blaue Blut des Audi fließt, darüber lässt Ludwig Kraus seine Gesprächspartner nicht in Zweifel. "Ich ging nach Ingolstadt, um dem DKW unseren Viertaktmotor einzubauen!", wird er später zu Protokoll geben. Das Ergebnis steht auf der IAA 1965: ein DKW F 102 mit Mercedes-Motor, gebaut in einem Werk, das neuerdings Volkswagen gehört. Eine irre Geschichte, ohne die es den kometenhaften Aufstieg der Marke Audi nicht geben würde, doch damit rechnen weder Ludwig Kraus noch Heinrich Nordhoff. Denn zunächst geht es in Ingolstadt nicht um den Aufstieg, sondern nur ums Überleben. Und darum, den Marktführern ein paar Marktanteile wegzuschnappen. Dem Opel Rekord zum Beispiel, dessen Entwicklerteam vor 60 Jahren ebenfalls einen nagelneuen Motor fertig hat. Und der ist sogar noch ein bisschen stärker als der Vierzylinder, den Kraus aus Sindelfingen mitgebracht hat.
Auch interessant: Unsere Produkttipps auf Amazon

Der Audi A6 Avant (2025) im Fahrbericht (Video):

Video Platzhalter
Video: AUTO ZEITUNG

Der Rekord-B-Motor war auf Porsche 912-Niveau

Auch die Entwicklungsabteilung von Opel untersteht einem ehrgeizigen Chef. Und so wie Ludwig Kraus, der nach eigener Aussage "den Zweitaktmotor vernichten will", verfolgt auch sein Rüsselsheimer Kollege Hans Mersheimer eine Mission: "Wir wollen endlich links fahren!" Auch das sind ganz neue Töne, denn Sportlichkeit hat im Opel-Programm nie eine Rolle gespielt, was in den frühen 60ern zu einem Image von ausgeprägter Miefigkeit führt. Mersheimer bekämpft es erst mit dem munteren Kadett A und dann, zwei Jahre später, mit einem Sechszylinder im Opel Rekord. Als Dienstwagen bewegt er sogar ein Opel Rekord Coupé, unter dessen Haube der V8-Motor des Oldsmobile F-85 grollt, doch ganz so weit will die amerikanische Übermutter General Motors doch nicht gehen. Ein neuer Motor für den Opel Rekord ist zur IAA 1965 aber drin. Und anders als sonst im US-Konzern üblich fällt er sogar halbwegs progressiv aus.

Der Opel Rekord B fahrend von vorne.
Foto: Hardy Mutschler

Ein Opel mit obenliegender Nockenwelle, das ist damals ein Wort, obwohl der neue Vierzylinder nicht nach Drehzahlen giert: Selbst die 90 PS (66 kW) der 1,9-l-Version fallen bei entspannten 5100 Umdrehungen an. Die Nockenwelle rotiert auch nicht ganz oben im Zylinderkopf, sondern neben den Ventilen, die sie über Stößel und Kipphebel antreibt. Das ermöglicht zwar höhere Drehzahlen als ein Stoßstangen-Motor mit zentraler Nockenwelle, bringt aber trotzdem mehr bewegte Teile mit sich als bei üblichen OHC-Motoren, die entweder mit Kipphebeln oder Stößeln operieren.

Opel spricht deshalb auch offiziell vom CIH-Motor, was für "camshaft iin head" steht und damit nicht zu viel verspricht. Immerhin reicht das Konzept für eine millionenfache Verbreitung und 1982 sogar für die Rallye-WM, denn auch der 2,4-l-Motor in Röhrls Ascona B (Röhrls Rallye-Opel im Vergleich) ist ein Abkömmling der CIH-Familie. Und die 90 PS, die der 1,9er anfangs maximal leistet, sind 1965 eine sportliche Ansage: Der Porsche 912 und der BMW 1800 sind nicht stärker. Auch der neue Audi ist kein Schwächling, allerdings kann er das erst in den 80- und 90-PS-Versionen (59 bzw. 66 kW) ab 1966 so richtig zeigen. Das Urmodell lässt es dagegen mit 72 PS (53 kW) gut sein und spricht dafür die Sparfüchse an, weil es weniger Sprit verbrauchen soll als seine Wettbewerber.

Reichlich Mercedes-Gene im Audi 72

Druck erzeugt Mitteldruck, so ist es wenigstens in Ingolstadt, nachdem sich der 1963 vorgestellte DKW F 102 als Flop erwiesen hat. Tatsächlich deutet die offizielle Bezeichnung des Audi-Triebwerks auf die ungewöhnlich hohe Verdichtung von 11,2 hin und erinnert daran, dass Mercedes in den Fünfzigern zum ersten Mal ein Zwischending aus Diesel und Benziner erprobt hat. Typisch Selbstzünder sind beispielsweise die schneckenförmigen Drallkanäle im Ansaugtrakt des Vierzylinders und die Mulden in seinen Kolben – zwei konstruktive Merkmale, von denen sich das Mercedes-Entwicklerteam eine besonders effiziente Verbrennung verspricht und damit eine gute Sparsamkeit im unteren und mittleren Drehzahlbereich.

Genau das ist es, was sich die Besitzenden des DKW F 102 vergeblich wünschen, denn dessen Dreizylinder-Zweitaktmotor erweist sich als kapitaler Säufer, der bei voller Ausnutzung seiner 60 PS (44 kW) gern mal 14 l Gemisch auf 100 km und mehr zu sich nimmt. Noch dazu häufen sich die Motorschäden, was das DKW-Image vollends ruiniert. Und trotzdem will das Management der Auto Union am Zweitakter festhalten, was schließlich zur Radikallösung führt: Erst kommt Kraus mit dem neuen Motor nach Ingolstadt, dann verkauft Mercedes den ganzen Laden für 296 Millionen Mark an Volkswagen, was neben der Wiederbelebung der Vorkriegs-Marke Audi zum zügigen Austausch des kompletten Managements führt.

Der Audi 72 fahrend von vorne.
Foto: Hardy Mutschler

Natürlich ist vor 60 Jahren zu sehen, dass der Audi kein ganz neues Auto ist. Die gestraffte Front mit den rechteckigen Scheinwerfern passt nicht ganz zum ereignisarmen DKW-Heck, das praktisch unverändert geblieben ist. Und die blecherne Instrumententafel des Urmodells wartet 1965 noch auf den Geistesblitz des Audi-Designers, der mit holzgemaserter Plastikfolie einen Hauch von Wohnzimmer-Gemütlichkeit in den Innenraum zaubert. Der Blick in den Motorraum zeigt außerdem, dass hier ursprünglich kein Reihenvierzylinder vorgesehen war: Leicht geneigt und mit seitlich angeordnetem Kühler passt er um Haaresbreite vor die Antriebsachse und kündigt mit seinem massiven Aussehen an, dass beim Fahren mehr mit Unter- als Übersteuern zu rechnen ist.

Bevor der Mitteldruck-Motor mit harzigem Sound erwacht, verwundert der Audi die Person am Steuer mit der außergewöhnlichen Höhe der Sitzposition. Auch mit der Größe seines Lenkrads, der indirekten Lenkung und dem riesigen Wendekreis fordert er Gewöhnung, weil schon kleine Rangiermanöver in heftiges Gekurbel ausarten. Die Lenkradschaltung dagegen funktioniert so butterweich und präzise, wie es sich damals viele Mercedes-Fahrende vergeblich wünschen. Und obwohl es im Ur-Audi einigermaßen frugal zugeht, zeigt seine Verarbeitung schon, wo sich die Marke unter der Regie des ehemaligen Mercedes-Entwicklers sieht: dort, wo Türen leise klickend in ihre Schlösser fallen, wo der Bodenteppich so edel wirkt wie im Zimmer des Chefs und sich alles so vertrauenswürdig anfasst, als würde wirklich ein Stern auf der Motorhaube glitzern.

Auch am Fahrkomfort muss der Durchbruch nicht scheitern: Der Audi zeigt es mit geschmeidigem Abrollen und guter Geräuschdämmung, die das feinherbe Brutzeln des hochverdichteten Motors weitgehend vom Innenraum fernhält. Und obwohl der Audi fast 20 cm kürzer ist als der Opel Rekord B, sitzt man in seinem Fond kein bisschen weniger bequem. Der Opel verwöhnt vor allem seine vorderen Passagier:innen, wie es nicht untypisch ist für das Erzeugnis eines US-Konzerns. Auf den fluffig gepolsterten Einzelsitzen der aufpreisigen L-Version reist es sich fast so entspannt wie in einem Chevy Impala jener Jahre. Zudem lassen sich die Sessel so vielfältig einstellen, dass die Position auch für Großgewachsene prima passt. Und außerdem hinterlässt das geschickte Design des Opel mehr Eindruck als der nüchterne Stil des Audi, das gilt für den Innenraum wie für die Karosserie im Straßenkreuzer-Stil der Sechziger.

In Sachen Fahrleistungen recht eng beieinander

Anders als bei Audi sitzt in der Opel-Designabteilung ein Hochkaräter: Clare McKichan hat als Chevrolet-Gestalter in Detroit unter anderem an der Corvette, dem Nomad und dem Corvair mitgearbeitet, dem das Heck des Rekord B mit seinen vier runden Leuchten besonders ähnlich ist. Die Frontpartie mit den rechteckigen Scheinwerfern ist dagegen eine elegante Replik auf den Ford 17/20 M, der dem Rekord A seit 1964 das Leben schwer gemacht hat. Doch jetzt setzt sich Opel mit dem neuen Rekord B wieder an die Spitze der Mittelklasse. Und das bleibt auch so, als im Sommer darauf der C-Rekord erscheint, dessen Coke-Bottle-Seitenlinie den allerneuesten Designtrend aus Detroit nach Deutschland trägt.

Tatsächlich, ein Opel Rekord wird vor allem wegen des Aussehens gekauft, nicht wegen seiner hohen Modellkonstanz und nur ausnahmsweise wegen der Feinheiten des Fahrens. Viel schneller als der Audi ist er selbst mit dem 90-PS-Motor nicht, die Beschleunigung von null auf 100 km/h schaffen sie beide in 14 s. Und beim Abrollkomfort bleibt der Rekord mit seiner blattgefederten hinteren Starrachse sogar deutlich hinter dem Audi zurück. Dafür wirkt er dank seiner präzisen Lenkung viel handlicher als der süddeutsche Aufsteiger und läuft eine Spur leiser als der Audi. Seine Verarbeitung fällt im Vergleich zu der des Audi etwas lässiger aus, aber das gilt ja für den ganzen Opel: Tief im Herzen wird er stets ein kleiner Ami bleiben, während der ehrgeizige Audi schnell über sich hinauswächst und zum 100 wird. Und der fühlt sich tatsächlich wie ein kleiner Mercedes an.

Auch interessant:

Technische Daten von Audi 72 und Opel Rekord B

Classic Cars 06/2025Audi 72Opel Rekord B 1900 L
Zylinder/Ventile pro Zylin.4/24/2
Hubraum1695 cm³1897 cm³
Leistung53 kW/72 PS 5000/min66 kW/90 PS 5100/min
Max. Gesamtdrehmoment bei128 Nm 2800/min146 Nm 2500/min
Getriebe/Antrieb4-Gang-Getriebe/Vorderrad4-Gang-Getriebe/Hinterrad
L/B/H4380/1626/1451 mm4529/1690/1442 mm
Leergewicht980 kg1025 kg
Bauzeit1965-19681965-1966
Stückzahl416.850 (ges. Baureihe)296.771
Beschleunigung
null auf 100 km/h
14 s14 s
Höchstgeschwindigkeit148 km/h158 km/h
Verbrauch auf 100 km11,0 l S12,5 l S
Grundpreis (Jahr)7700 Mark (1965)7470 Mark (1965)

Fazit

Mit dem CIH-Motor ebnet Opel dem Rekord und seinen Kollegen den Weg in die Leistungsgesellschaft, selbst im Omega A ist das Triebwerk noch zu haben. Der Ur-Audi bleibt gegen den schicken B-Rekord zwar noch etwas blass, macht im Detail aber schon klar, wohin die Marke will und warum sie die Vergangenheit so schnell abstreifen kann. Was uns die Sechziger heute sonst noch zu sagen haben, zeigt der grüne Rekord B aus der werkseigenen Sammlung: Dieser 90-PS-Opel war 1966 der letzte Privatwagen von Fußball-Legende Sepp Herberger: Er bestellte ihn beim Opel-Händler in seinem Dorf, zahlte bar und fuhr ihn elf Jahre lang – bis zu seinem Tod.