Vorstellung

VW Santana: Zwei VW-Chefdesigner und der „Phaeton der 80er“

In Deutschland konnte sich der gehobenere VW Santana nie gegen seinen Gleichteile-Bruder Passat und die etablierte Audi-Konkurrenz durchsetzen. Wir blickten mit den VW-Designern Andreas Mindt und Stefan Walburg sowie Santana-Experte Tilman Grund auf den verkannten Phaeton der 1980er-Jahre zurück.

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VW Santana statisch von schräg hinten fotografiert.
Ein Oberklasse-VW zur falschen Zeit: Der Santana kämpfte nicht nur gegen den Gleichteil-Bruder Passat, sondern auch gegen bereits etablierte Audi-Limousinen. Gemeinsam mit VW-Chefdesigner Andreas Mindt und Exterieur-Designer Stefan Wallburg gingen wir dem verkannten Santana auf die Spur. Foto: Markus Heimbach/Bernd Ebener/Collage: AUTO ZEITUNG
VW Santana statisch von schräg vorne fotografiert.
Es gab sogar das Diktat, dass der Santana die hinteren Türen des Passat Variant besitzen müsse. Foto: Bernd Ebener
VW Santana statisch von schräg hinten fotografiert.
Das bewirkte den in der Seitenansicht optisch etwas zu hohen hinteren Dachabschluss. Foto: Bernd Ebener
Das Cockpit des VW Santana.
Der Santana wurde grundsätzlich nur in den gehobenen Varianten CL und GL angeboten, die ab August 1982 zur Abgrenzung in LX und GX umbenannt wurden. 1984 kam noch der CX hinzu. Foto: Bernd Ebener
Der Motor des VW Santana.
Neben den bekannten Vierzylindern schafften es auch zwei Fünfzylinder mit 115 PS (85 kW) oder 136 PS (110 kW) in den Bug. Foto: Bernd Ebener
Drei Personen am Heck des VW Santana stehend fotografiert.
Kritik der Vernunft: VW-Santana-Experte Tilman Grund (l.) am Objekt der Begierde. Foto: Markus Heimbach
Drei Personen an der Front des VW Santana stehend fotografiert.
Der hier zu sehende Santana präsentiert sich im feinsten Zwirn: Als luxuriöse GX-Ausführung in Lhasa-Metallic mit charismatischem Fünfzylinder-Vergaser aus dem Hause Audi. Foto: Markus Heimbach
Drei Personen am Heck des VW Santana stehend fotografiert.
Andreas Mindt umrundet den Santana, seine Hände formen einen Trichter: „Schau mal, hier: Das Heck zieht ein, die von oben kommende Linie balanciert das aus.“ Foto: Markus Heimbach
Zwei Personen sitzend im VW Santana
„Alles eingefärbt!“, ruft Wallburg voller Respekt für die damals aufwendige Ausführung des Interieurs. Foto: Markus Heimbach

Der VW Santana: VWs Griff nach der 80er-Oberklasse

Ende der 1970er-Jahre, als Udo Mindt am Hanseat zeichnet, ist der VW Santana zwar noch nicht da, aber schon in der Denke – als Stufenheck-Variante des kommenden, ab 1980 gebauten VW Passat B2, auch bekannt unter der Chiffre 32b. „Auch hier also wieder der klassische Gleichteile-Vorteil, zumindest auf der Kostenseite“, erläutert Santana-Experte Tilman Grund. Es gab sogar das Diktat, dass der Santana die hinteren Türen des Passat Variant besitzen müsse, was bis heute den zwar für Huttragende praktischen, aber in der Seitenansicht dann doch optisch etwas zu hohen hinteren Dachabschluss bewirkte.

Der VW Passat (2024) im Fahrbericht (Video)

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Video: AUTO ZEITUNG

Nur ein besserer Passat?

Klar ist: Ein Hanseat, der nach den Oberklasse-Sternen hätte greifen sollen, hätte wohl eines anderen Blechkleids als das des Passat bedurft, um sich glaubwürdig von diesem abzuheben. Am Ende beschloss VW, ähnlich wie Renault im Falle seines R20/R30: Eine Karosserie für alle Varianten, inklusive der gehobenen Klasse. Das machte ja auch den Verwandten namens Audi 200 das Image schwer. Selbst dem später vorgestellten Phaeton wurde manches Mal nachgesagt, ein „großer Passat“ zu sein. Das ist so richtig wie die Aussage, ein 7er-BMW sei ja ein großer 5er und die Mercedes S-Klasse eine groß geratene E-Klasse. Kurz: Mumpitz. Doch wir greifen etwas vor: Rückwärtsgang eingelegt, zurück zum Santana.

Feine Fünfzylinder im Santana, aber nicht die stärksten!

Der steht hier im feinsten Zwirn, den VW damals im Programm hatte: Als luxuriöse GX-Ausführung, mit dicken Velours-Sitzen, stoffbespannten Türverkleidungen, hochwertigen Materialien und vorn unter der Haube in Lhasa-Metallic der charismatische Fünfzylinder-Vergaser aus dem Hause Audi. „Um Audi nicht in die Parade zu fahren, durfte der Santana bis Juli 1983 nur den 1,9-l-Vergaser-Fünfzylinder mit 115 PS (84 kW) nutzen, der im August 1983 durch den 2,0-Einspritzer mit ebenfalls 115 PS (84 kW) ersetzt wurde“, sagt Tilman Grund. Selbstredend, dass unter den über 30 verschiedenen Limousinen des „Santana Zentrum Braunschweig“ beide genannten Varianten weilen. Eine Handvoll Santana GX erhielten in Wolfsburger Handarbeit Audis großen Fünfzylinder mit 136 PS (100 kW), weil sie als Vorstandsfahrzeuge dienten. Doch keiner davon existiert noch.

„Der Santana, der für viele damals das Synonym für spießig war, ist bei heutigen jungen Leuten eher cool. Das Gradlinige, die Einfachheit. Die Menschen suchen Stabilität, etwas, das Ruhe ausstrahlt. “
VW-Designer Stefan Wallburg

Der Unterschied zum erwähnten Renault ist, dass Volkswagen seinem Fließheck-Modell namens Passat ein Stufenheck-Derivat mit separater Modellbezeichnung spendierte – zu dessen Gestaltung sich übrigens offiziell bis heute niemand bekannt hat. „Mit einiger Wahrscheinlichkeit hat Wolfgang Winkler, ein Modelleur aus dem VW-Design und später Designchef von Volkswagen do Brasil, prägende Züge des Santana-Hecks gestaltet“, erzählt Santana-Kenner Grund, dessen Worte von den längst im Santana zugestiegenen VW-Designer Andreas Mindt und Stefan Wallburg aufmerksam registriert werden. „Alles eingefärbt!“, ruft Wallburg voller Respekt für die damals aufwendige Ausführung des Interieurs. „Wir bringen das alles zurück, außen die VW-traditionelle horizontale Betonung, innen Stoff statt Plastik, man könnte beinahe sagen: Das Wohnzimmer soll zurück ins Auto“, gibt der Exterieur-Designer die Losung für kommende VW-Modelle aus.

Der Santana zu Unrecht als Biedermann verurteilt?

Andreas Mindt umrundet den Santana, seine Hände formen einen Trichter: „Schau mal, hier: Das Heck zieht ein, die von oben kommende Linie balanciert das aus.“ Lange her, dass mal jemand so über den Santana geredet hat – und so positiv über dessen Heckdesign! Dabei ist es wohl eher das Image der einstigen Neuwagenkäufer:innen, die das feurig Santana getaufte Stufenheck-Modell zum blassen Biedermann werden ließ, zumindest in der bundesdeutschen Wahrnehmung. Und, ganz klar: Ein frugaler Vierzylinder-Santana in karger Ausstattung lässt einem nicht das Wasser im Munde zusammenlaufen, sondern eher wegsehen. „Na ja, aber schau' dir doch bitte einmal das Heck eines Maserati Quattroporte Serie III an – wer hat da von wem geklaut?“, hebt Kenner Tilman den mahnenden Zeigefinger. Als Architekt lässt man ihm diesen Feinsinn durchgehen. Vor allem jedoch: Der. Mann. Hat. Recht.

„Es geht darum, VW wieder zu verstehen“, sagt Stefan Wallburg mit Blick auf den Santana. „Das, was für viele damals das Synonym für spießig war, ist bei heutigen jungen Leuten eher cool. Das Gradlinige, die Einfachheit. Die Menschen suchen Stabilität, etwas, das Ruhe ausstrahlt.“ Andreas Mindt nickt: „Der Santana bedeutet Klarheit.“

Von Knut Simon