The Beast: Wenn Rolls-Royce & Spitfire sich paaren
Es war 1972 das stärkste Auto der Welt: John Dodds The Beast. Dank Spitfire-12-Zylinder und 27 l Hubraum schaffte es der Über-Rolls-Royce sogar ins Guinness Buch der Rekorde. Eine Geschichte von Gerichtsprozessen, Flucht und wahnwitziger Leistung.
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Rolls-Royce The Beast: Wenn nur ein 27-l-V12 genug ist
Wir alle kennen wohl die üblichen Stammtischparolen über Hubraum und Leistung. In der einen Ecke erklärt der heißblütige Horst, warum sein 2,0-l-Turbo-Vierzylinder das Nonplusultra beim Ampelstart sei, während Diesel-Dieter stoisch dagegenhält, dass es mindestens ein 3,0-l-Turbodiesel sein muss, kann man doch am Wochenende sonst nicht vernünftig seinen Anhänger ziehen. Aus dem Schatten unserer fiktiven Runde ertönt plötzlich schallendes Gelächter: Der Brite John Dodd bittet vor die Tür, um das Ringen zu seinen Gunsten zu beenden: „Kinderkram! Unter 27.000 cm3 geht hier gar nichts!“. Vorhang auf für den 27-l-V12 Rolls-Royce „The Beast“.
Dessen Geschichte beginnt in den späten 1960er-Jahren, als Ingenieur Paul Jameson den Entschluss fasste, einen 27-l-Panzermotor vom Typ Rolls-Royce Meteor in ein eigens gebautes Chassis zu verpflanzen. Die Idee war so absurd wie faszinierend – genau die Art Projekt, die einen Mann wie John Dodd anzog. Dodd, ein Getriebespezialist, der selbst mehrere Rolls-Royce Silver Cloud und Silver Shadow als Zugautos nutzte, übernahm das unfertige Auto. Er ließ eine Karosserie aus glasfaserverstärktem Kunststoff fertigen und 1972 war die erste Inkarnation von „The Beast“ geboren.
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Design zwischen Griswolds und Dadaismus
Doch das Schicksal hatte andere Pläne: 1975 brannte der Mark I auf dem Rückweg von einer Automesse in Schweden nahezu vollständig aus. Für Dodd kein Grund zur Aufgabe, sondern vielmehr zur Optimierung. Die Wiedergeburt des Beasts erfolgte mit einem neuen Antrieb – einem Rolls-Royce Merlin, ebenfalls ein 27 l großer V12, ursprünglich aus der Supermarine Spitfire stammend. Der Kompressor blieb diesmal außen vor, die darin schlummernde Urgewalt nicht.
Bob Phelps und seine Firma Fibre Glass Repairs gossen Dodds Vision in eine Karosserie, die irgendwo zwischen dem "Wagon Queen Family Truckster" der Familie Griswold und einem Volvo Schneewittchensarg oszillierte.

Acht Scheinwerfer, Überhänge, die dem Begriff Überlänge alle Ehren machten, Lufthutzen in der vorn angeschlagenen Haube, Ford-Capri-Rückleuchten und Sidepipes, die das aristokratischen Erbe des Rolls Royce sich seinem Nascar-fahrenden Südstaaten-Cousin annähern ließen. Innen regierte der Kontrast: Feines Leder, Echtholz und handgefertigte Details machten klar, dass es sich bei „The Beast“ um keine halbgare Bastelei handelte.
Rolls-Royce, der Gerichtssaal – und die Flucht
Die markanteste optische Zutat war freilich der Kühlergrill eines Rolls-Royce Silver Shadow inklusive Emily, der Spirit of Ecstasy. Das war mehr als ein Design-Gag: Im Fahrzeugschein wurde das Auto als Rolls-Royce geführt, laut Aussagen von Dodd war seine Kreation einem Rolls allerdings überlegen. Der seit jeher konservativ aufgestellte Traditionshersteller fand das naturgemäß wenig „charming“.
Ein Rechtsstreit in den frühen 1980er-Jahren endete mit einem Verbot seitens Rolls-Royce, das Markenzeichen zu verwenden. Dodd interessierte das Urteil allerdings herzlich wenig. Von jemandem, der ein Flugzeugtriebwerk spazieren fährt, hätte man wohl auch nichts anderes erwartet. Er ignorierte die Entscheidung, verweigerte die Zahlung der Strafe – und sah sich schlussendlich einer Gefängnisstrafe gegenüber. Statt einzusitzen, entschloss er, sich abzusetzen. Er verschwand ins sonnige Spanien, das Beast folgte kurze Zeit später.
Das Biest fuhr bis zu 300 km/h schnell
Rund um Malaga wurde Dodds Kreation zum gelegentlichen Bestandteil des Straßenbilds. Unter der Haube: der Merlin-V12 mit Dreigang-Automatikgetriebe. Für die vordere Aufhängung wurden Teile eines Austin Westminster verwendet, hinten arbeitete zunächst eine Jaguar-XJ12-Hinterachse, inzwischen ersetzt durch Currie-Achse, Gewindefahrwerk und verstärkte Wellen.
Die Leistungsangaben variierten: Zeitgenössische Berichte sprechen von 760 PS (559 kW) bis 860 PS (633 kW). Einigen Schätzungen zufolge soll die Spitze bei rund 294 km/h gelegen haben – eine Zahl, die angesichts von Leergewicht, Stirnfläche und aerodynamischer Eigenwilligkeit noch heute wohl Kopfschütteln hervorruft und damalige Supersportwagen verzweifeln ließ. Der Verbrauch? 141 l pro 100 km. Nicht umsonst heimste sich dieses Kfz 1977 einen Eintrag im Guinness Buch der Weltrekorde ein.

Ein Einzelstück sucht ein Zuhause
Im März 2023 wurde das Auto erstmals offiziell über den Händler „Car & Classic“ versteigert – für rund 82.500 Euro im originalen exzentrischen Look. Nicht viel, wenn man bedenkt, was unter der Haube arbeitet – und was dieses Auto an Geschichte mitschleppt.
Zur jüngsten Auktion im November 2025 durch Historics Auctioneers wurde das Auto teilweise restauriert feilgeboten: Metallic-graue Folierung statt Eierschalen-Gelb, neue Sitze, aufgefrischtes Interieur – doch das Herzstück blieb unangetastet. Die Emily prangt wieder auf der Haube, die Scheinwerferbatterie ist dem klassischen Rolls-Royce-Angesicht gewichen.
Das Auto, das Rolls-Royce einst juristisch bekämpfte, trägt die Spirit of Ecstasy wieder mit Stolz, fast so, als wäre sie nie weg gewesen. Diesen Triumph konnte Erbauer John Dodd leider nicht mehr erleben. Der Brite verstarb 2022 im Alter von 90 Jahren. Sein rollender Flugzeug-V12 brüllt jedoch weiter.
Quellen
Historics Auctioneers
Car And Classic Ltd.
Eigene Recherche



















