Vergleich

David gegen Goliath: Renault 5 Alpine Turbo fordert VW Golf GTI

Das Duell aus der AUTO ZEITUNG 7/1982: Eine Leistungsspritze per Turbolader verhilft dem Renault 5 Alpine zu 108 PS. Genug, um dem 110 PS starken Golf GTI Paroli zu bieten?

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Renault 5 Alpine Turbo und VW Golf GTI fahrend von vorne
Mit einem Turbolader schickt Renault den R5 Alpine ins VW Golf GTI-Territorium. Der historische Vergleichstest der AUTO ZEITUNG klärt, ob der französische David den deutschen Goliath schlagen kann. Foto: Willy Bister
Der Renault 5 Alpine Turbo stehend von hinten
Das R5-Konzept wirkt durch den Turbolader teilweise überfordert. Foto: Willy Bister
Das Cockpit des Renault 5 Alpine Turbo
Wie im 79er GTI: Stahlspeichenlenkrad und Rundinstrumente. Letztere allerdings recht klein und wenig kontrastreich. Foto: Willy Bister
Die Sitze des Renault 5 Alpine Turbo
Schwachpunkt im Renault: Kurze Sitzflächen mit wenig Seitenführung, lange Gurtpeitschen, Zweihandbedienung. Foto: Willy Bister
Der Motor des Renault 5 Alpine Turbo
Mit Turbo-Bums, aber auch durstiger: der Renault-Vergasermotor mit Turbolader und 1,4 l Hubraum. Foto: Willy Bister
Renault 5 Alpine Turbo und VW Golf GTI fahrend seitlich
In Sachen Beschleunigung fährt der GTI dem R5 davon. Erst auf der Autobahn kann der Turbo wieder aufholen. Foto: Willy Bister
VW Golf GTI und Renault 5 Alpine Turbo fahrend von schräg vorne
Die für den Rückspiegel relevanten Schriftzüge prangen bei beiden Kontrahenten auf dem Kühlergrill. Foto: Willy Bister
Der VW Golf GTI stehend von hinten
Bereits 1976 mauserte sich der GTI zum liebsten Kompaktsportler der Deutschen. Foto: Willy Bister
Das Cockpit des VW Golf GTI
Eher Luxus als Sport: Vierspeichenlenkrad und eckige Instrumente. Öltemperaturanzeige sehr tief platziert. Foto: Willy Bister
Die Sitze des VW Golf GTI
Vorbildlich die Sitze des Golf: Guter Seitenhalt, Gurtschloss am Sitz, Einhandbedienung. Foto: Willy Bister
Der Motor des VW Golf GTI
Sparsam und sprintfreudig zugleich: der VW-Saugmotor mit Benzineinspritzung und 1,6 l Hubraum. Foto: Willy Bister
VW Golf GTI und Renault 5 Alpine Turbo stehend von vorne
Am Ende siegt der Golf dank seiner alltagstauglicheren Ausprägung. Foto: Willy Bister

Beim Autobahn-Duell hat der Renault 5 Alpine Turbo die Nase vor dem VW Golf GTI

Erster Akt. Erste Szene: Eine Autobahn. Ein VW Golf GTI überholt im zügigen Tempo langsamere Zeitgenossen. Im Rückspiegel des Golf taucht ein Winzling auf, kommt rasch näher – unverkennbar die weichen Formen eines Renault 5, vielleicht ein bisschen knuffiger als üblich.

Zweite Szene: Der Golfer gibt Vollgas, doch der Franzose hinter ihm kündigt per Lichthupe seine Überholabsichten an. Prüfender Blick zurück, ob ausladende Hinterbacken den Renault als Turbo erkennen lassen. Denn wer will schon einem verkappten Rennwagen im Wege stehen? Nein, es bleibt ein harmloser Renault 5, der sich wohl im Windschatten herangesogen hat. Und die Lichthupe wird die Person am Steuer gewiss aus Versehen betätigt haben.

Dritte Szene: Als fairer Partner räumt der GTI bei der nächsten Gelegenheit die Überholspur, mehr als großzügige Geste, versteht sich. Doch nun hat er sein Schlüsselerlebnis: Langsam aber beharrlich zieht der niedliche, kleine Franzose an ihm vorbei.

Abgang: Der GTI setzt sich in den Windschatten des Giftzwerges, und die Person im Golf hat Gelegenheit, den Schriftzug unten rechts auf der Renault-Heckklappe zu entziffern: Turbo – also doch.

Der Renault 5 Turbo 3E im Video

Video Platzhalter
Video: AUTO ZEITUNG

Nicht dasselbe: Turbo und Alpine Turbo

Den großen Unterschied macht jedoch das Wort Alpine aus, das weiter links am Heck prangt. Nicht der sündhaft teure Renault 5 Turbo mit Mittelmotor, Heckantrieb, 160-PS-Turbomotor (118 kW), Benzineinspritzung und Ladeluftkühlung wars, der den VW Golf GTI verblies, sondern der Renault 5 Alpine Turbo mit Frontmotor, Vorderradantrieb, auch er mit Turbolader, aber mit nur 108 PS (79 kW), mit herkömmlichem Vergaser statt Einspritzung, ohne Ladeluftkühler. Diese gegenüber dem großen Turbo vereinfachte Technik drückt die Kosten, genügt dem Kleinen aber, den GTI abzuhängen.

Die Messgeräte von AUTO ZEITUNG beweisen es: Mit einer Spitze von 186 km/h schlägt er den Einspritzer-Golf um 5 km/h. Und er ist preiswerter zu haben: 17.980 Mark verlangen die Renault-Händler für die Turbo-Biene, die serienmäßig auf Leichtmetallrädern und mit Nebelscheinwerfern daherkommt. Sechs Hunderter mehr kostet der Wolfsburger, nochmals sechs Blaue als Aufpreis muss die Kundschaft für Aluräder hinblättern, Nebelscheinwerfer gibt es nur in Kombination mit dem 400 Mark teuren Schlechtwetter-Paket. Macht summa summarum 1600 Mark Mehrpreis.

Der Renault 5 Alpine Turbo stehend von hinten
Foto: Willy Bister

Der GTI holt den Mehrpreis an der Zapfsäule wieder rein

Voreilige werden nun sagen: Was braucht ein GTI-Gegner mehr als eine höhere Spitze und einen niedrigeren Preis – der Wolfsburger hat endlich seinen Meister gefunden. Doch gemach, liebes Milchmädchen. Turbogepowerte Motoren haben bekanntlich ihre Eigenarten. Zu den unrühmlichen gehört, dass ihr Benzindurst oft ganz unzeitgemäße Ausmaße annimmt, sobald der Lader nicht nur die Typenbezeichnung des Autos rechtfertigen, sondern auch in Aktion treten soll.

Der Renault 5 Alpine Turbo benimmt sich allerdings noch ganz manierlich, die für einen Turbo sehr hohe Verdichtung von 8,6 verhindert Verbrauchs-Exzesse. Auf der genau definierten Verbrauchsstrecke von AUTO ZEITUNG blies sich Renaults kleinster Turbo 10,8 l Superbenzin pro 100 km in die Verbrennungsräume.

„Bei den derzeitigen Supersprit-Preisen hätte die VW-Kundschaft also nach 80.000 km das Geld wieder eingespart, das ihr GTI gegenüber dem gallischen Konkurrenten beim Kauf mehr gekostet hat.“
Knut Briel

Der VW Golf GTI dagegen spritzte sich auf derselben Strecke lediglich 9,2 l des kostbaren Saftes ein. Bei den derzeitigen Supersprit-Preisen hätte die VW-Kundschaft also nach 80.000 km das Geld wieder eingespart, das ihr GTI gegenüber dem gallischen Konkurrenten beim Kauf mehr gekostet hat. Vom voraussichtlich höheren Wiederverkaufswert ganz zu schweigen.

Sanfter Turbo-Bums im R5

Andere, hin und wieder auftretende Unarten der Turbomotoren sind ihr verzögertes Ansprechen auf Befehle des Gaspedals sowie der plötzlich anfallende Leistungszuwachs, wenn die Abgas-Turbine ihre Arbeit aufnimmt. Da die Renault-Technikabteilung ihr Planziel von 15 PS (11 kW) Leistungszuwachs gegenüber dem Saugmotor des Vorgängers mit einem relativ kleinen Lader erfüllen konnte, sieht man sich im Alpine jedoch nicht mit unkalkulierbaren Überraschungen konfrontiert.

Zweifellos entwickelt der VW Golf GTI seine Kraft eindeutig gleichmäßiger, ja kultivierter. Doch wer sich für einen Turbo entscheidet, will schließlich auch was spüren vom sogenannten Turbo-Bums. Im Alpine bekommt man jenes Gefühl, mit sanfter Gewalt in den Sitz gedrückt zu werden. Unter Volllast beginnt der Turbo bereits bei Motordrehzahl 2500 verwertbaren Ladedruck aufzubauen.

Ein recht früher Bums also, der ein angenehm breites Drehmoment- und Leistungsband zur Folge hat, sowie das überraschende Ergebnis, dass der GTI gegen den Franzosen beim Beschleunigen im vierten und fünften Gang aus 60 km/h den Kürzeren zieht. Überraschend deshalb, weil der zwei PS stärkere Wolfsburger beim Sprint aus dem Stand dennoch die Nase vorn hat. Erst jenseits der 1000-m-Marke holt der Renault 5 Alpine Turbo ihn wieder ein und spielt seine höhere Endgeschwindigkeit aus.

Der GTI bringt die Leistung souveräner auf die Straße

Viel eindrucksvoller als dieses Spiel mit Zehntelsekunden jedoch ist der Unterschied, mit dem die beiden Kandidaten die Messergebnisse realisieren. Im Renault beschleicht die Person am Steuer beim vollen Beschleunigen das Gefühl, die Vorderachse wolle sich allein auf den Weg machen.

Der VW Golf GTI bringt die Leistung souveräner auf die Straße. Dabei scheint der Alpine weniger vom Turbo überfordert zu sein, sondern vielmehr mit einer Motorleistung jenseits von 100 PS (74 kW) generell an die Grenzen seines Konzeptes zu stoßen. Was nicht heißen soll, dass sich der Renault 5 Alpine Turbo nicht so schnell durch Kurvenlabyrinthe hetzen ließe wie der GTI. Im Gegenteil, er gibt sich noch handlicher als der Golf, vermittelt ein bisschen Kart-Gefühl, und neigt mit seinen vier Scheibenbremsen nicht so schnell zum Fading wie jener.

Der VW Golf GTI stehend von hinten
Foto: Willy Bister

Nur fordert der Gallier von der Person am Steuer halt mehr als der Teutone: Muskelkraft für die heftig zerrende Lenkung, absolute Korrektheit, um mit der indifferenten Schaltung klarzukommen, viel Fahrgefühl für die sensiblen Reaktionen des Autos.

Lastwechsel beispielsweise quittiert der Renault 5 Alpine Turbo mit einem viel deutlicheren Wechsel vom leichten Untersteuern zum Übersteuern als der VW Golf GTI. Für Fahrtalente eine Möglichkeit, trotz Frontantrieb einen Drift über beide Achsen zu realisieren, in zu schnell angegangenen Kurven allerdings auch eine Garantie für Dreher.

Der VW bleibt weiterhin Maßstab seiner Klasse

Für Turbo-Fetischist:innen also und für Leute, die eine attraktive Fahrmaschine suchen, hat Renault mit dem Alpine Turbo das rechte Gerät zur Hand. Doch selbst an Kompakt-Sportler werden heutzutage noch andere Forderungen als respektable Fahrleistungen und gute Straßenlage gestellt, die der GTI zweifellos besser erfüllt.

Denn er bietet darüber hinaus auch niedrigen Verbrauch, kultivierte Leistungsentfaltung sowie in puncto Fahrverhalten mehr Gutmütigkeit. Und schließlich sind auch das größere Raumangebot und der gediegenere Innenraum des Golf zu honorieren. Der GTI bleibt weiterhin Maßstab seiner Klasse. Von Knut Briel

Technische Daten von R5 Alpine Turbo und VW Golf GTI

AUTO ZEITUNG 7/1982

Renault 5 Alpine Turbo

VW Golf GTI

Zylinder / Ventile pro Zylin.

4 / 2

4 / 2

Hubraum

1397 cm³

1588 cm³

Leistung

79 kW/108 PS bei 6000 U/min

81 kW/110 PS bei 6100 U/min

Max. Gesamtdrehmoment bei

149 Nm bei 4000 U/min

140 Nm bei 5000 U/min

Getriebe / Antrieb

5-Gang-Getriebe / Vorderrad

5-Gang-Getriebe / Vorderrad

L / B / H

3558 / 1525 / 1376 mm

3815 / 1610 / 1410 mm

Leergewicht

840 kg (AZ 7/1982)

880 kg (AZ 7/1982)

Bauzeit

1980 – 1984

1976 – 1983

Stückzahl

23.425

462.000

Beschleunigung null auf 100 km/h

9,7 s (AZ 7/1982)

9,4 s (AZ 7/1982)

Höchstgeschwindigkeit

186 km/h (AZ 7/1982)

181 km/h (AZ 7/1982)

Verbrauch auf 100 km

10,8 l S (AZ 7/1982)

9,2 l S (AZ 7/1982)

Grundpreis (Jahr)

17.980 Mark (1982)

18.575 Mark (1982)