Opel-Chef Michael Lohscheller: Interview "Rüsselsheim ist sicher"

von Volker Koerdt 26.04.2019

Opel kommt mit seinem Sanierungskurs voran. Im Interview spricht Markenchef Michael Lohscheller über erste Erfolge, künftige Modelle und neue Märkte für den Blitz!

Herr Lohscheller, Opel hat 2018 nach fast 20 Jahren den ersten Gewinn eingefahren. Was sind die Hauptgründe?

Disziplin und Fokus! Wir haben einerseits unsere Kosten und die Komplexität deutlich reduziert und dabei gleichzeitig die Umsätze pro Fahrzeug signifikant gesteigert. Das operative Ergebnis von 859 Millionen Euro ist übrigens das Beste in 157 Jahren Firmengeschichte. Der freie Cashflow von Opel betrug im vergangenen Jahr 1,4 Milliarden Euro. Man sieht: Unser Unternehmensplan Pace funktioniert. Damit wird Opel nachhaltig profitabel, global und elektrisch.

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Opel-Chef Michael Lohscheller im Interview

Was haben Sie konkret verändert?

Wir haben keinen Stein auf dem anderen gelassen und uns überall verbessert: Wir haben unsere Organisation verschlankt, die Treppe von oben geputzt und 25 Prozent der Top-Manager-Stellen gestrichen, Prozesse optimiert und Entscheidungen beschleunigt. Wir haben die Komplexität aus der Produktion genommen, dadurch die Logistikwege verkürzt, freie und ungenutzte Flächen an Lieferanten vermietet oder verkauft. Bestes Beispiel: Für den Insignia gab es mehr als 20 verschiedene Lenkräder, die wir angeboten haben und vorhalten mussten. Diese Zahl haben wir auf sechs reduziert. Alles, was weniger als ein Prozent Bestellquote hatte, flog raus. Gleiches galt etwa für Farben, für die es keine wirkliche Nachfrage gab. Wir hatten derart viele Kabelsätze, dass einige unserer Autos echte Unikate waren. Die Konzentration auf das Wesentliche spart Platz und Geld – und erhöht gleichzeitig die Qualität.

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Wie viel Geld?

Wir konnten die Produktionskosten pro Fahrzeug um 367 Euro reduzieren. Gleichzeitig sanken unsere Fixkosten um 27 Prozent.

Produktion ist ein gutes Stichwort. Die Fertigung des Zafira in Rüsselsheim läuft aus, das Werk ist bereits heute nicht ausgelastet. Sie haben in Deutschland drei Werke. Werden diese überleben?

Wir haben versprochen, alle Werke zu behalten, und wir stehen auch hier zu unserem Wort. Wir stellen alle Standorte wettbewerbsfähig auf. Unser Plan Pace ist dabei sehr klar. Er umfasst mehr als 40 eindeutig definierte Ziele. Zum Beispiel, dass wir in drei Jahren die Produktionskosten pro Fahrzeug um 700 Euro reduzieren werden. In Rüsselsheim werden wir zusätzlich zu unserem Flaggschiff Insignia eine moderne Multi-Energy-Plattform der Groupe PSA etablieren. Im Lauf des Jahres werden wir dann entscheiden, welches Modell auf dieser Basis gebaut wird.

Also ist das Werk in Rüsselsheim sicher?

Natürlich! Wie jeder sehen kann, funktioniert unser Zukunftsplan bereits im ersten vollen Jahr der Umsetzung. Und dabei sind die großen Hebel ja noch gar nicht angesetzt. Bestes Beispiel sind die gemeinsamen PSA-Konzernplattformen: Indem wir von neun auf nur noch zwei Fahrzeug-Architekturen umstellen, reduzieren wir die Komplexität massiv und steigern gleichzeitig die Qualität.

Rüsselsheim ist gleichzeitig der Sitz des Entwicklungszentrums. Rund 2000 der 7000 dort Beschäftigten sollen zum externen Dienstleister Segula wechseln. Ist die Reduzierung alternativlos?

Es gibt Überkapazitäten in diesem Bereich, was daran liegt, dass Entwicklungsarbeiten, die wir für externe Unternehmen (Anm. der Red.: General Motors) übernommen haben, deutlich zurückgehen. Ich kann verstehen, dass bei einigen Kollegen Unsicherheit herrscht, weil noch nicht alle Details geklärt sind. Aber wir wollen die Arbeitsplätze dauerhaft und am Standort Rüsselsheim sichern. Da bietet die strategische Partnerschaft mit Segula die besten Möglichkeiten.

Sie operieren weiterhin mit Tageszulassungen. Im Januar waren es rund 58 Prozent. Solche Modelle bringen Volumen, aber wenig Gewinn.

Wir haben unseren Vertriebsmix deutlich verbessert und die sogenannte Pricing Power unserer Fahrzeuge um mehr als zwei Prozentpunkte verbessert. Zudem täuscht die Eigenzulassungs-Statistik, denn hier sind bei uns – im Gegensatz zu vielen anderen Wettbewerbern – auch alle Autos unserer aktiven und ehemaligen Mitarbeiter enthalten. Hier werden also Äpfel mit Birnen verglichen.

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Was verstehen Sie unter einem verbesserten Vertriebsmix?

Wir sind beispielsweise aus dem wenig rentablen Mietwagengeschäft ausgestiegen und haben uns stärker auf Privatkunden fokussiert.

Kommen wir zu den Modellen: Der Astra und der Insignia basieren noch auf globalen Plattformen von General Motors. Werden sie vorzeitig durch Nachfolger ersetzt, etwa um Lizenzzahlungen an GM zu reduzieren?

Wir zahlen keine Lizenzen. Beide Modelle sind ja noch recht jung und haben noch eine längere Bauzeit vor sich. Trotzdem wollen wir natürlich so schnell wie möglich auf elektrifizierbare Plattformen unseres neuen Mutterkonzerns umsteigen, die auf europäische Bedürfnisse maßgeschneidert sind. Dabei stellen wir natürlich sicher, dass ein Opel immer so aussieht und sich so fährt und anfühlt, wie man es von Opel gewohnt ist – oder besser.

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Ist eine Elektrifizierung der beiden Modelle denn ausgeschlossen?

Technisch ist das zwar möglich, würde aber einen riesigen Aufwand bedeuten und zu Kompromissen führen. Ich bin kein Fan von Kompromissen. Die Elektrifizierung unserer Modelle kommt daher immer auf Basis der PSA-Plattformen. Damit wird Opel elektrisch. Bis 2024 werden wir 100 Prozent unseres Portfolios elektrifiziert haben. Wir träumen nicht, wir liefern.

Der Karl, der Adam und der Cascada laufen aus. Sie standen für rund 30.000 Verkäufe allein in Deutschland. Wie wollen Sie dieses Volumen kom¬pensieren?

Wir verzetteln uns nicht mehr, sondern konzentrieren uns auf die großen und profitablen Segmente und bieten unseren Kunden hier ein verbessertes Angebot – wie mit wie dem neuen Corsa, der noch dieses Jahr in den Handel kommt, nächstes Jahr dann auch vollelektrisch. Unser SUV Grandland X startet schon zum Jahresende als Hybrid-Variante. 2020 folgt sein kleiner Bruder Mokka, den wir ebenfalls vollelektrisch anbieten werden. Auch im Bereich der leichten Nutzfahrzeuge geben wir Vollgas: Der neue Combo läuft hervorragend an. Die Auftragseingänge haben sich verdoppelt, und noch 2019 kommt der neue Vivaro.

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Der Combo Life und auch der Zafira Life sind im Kern günstige Familienautos dicht am Nutzfahrzeug. Fürchten Sie keinen Imagewandel bei Opel?

Im Gegenteil. Denn es handelt sich um qualitativ hochwertige Familienautos, vollgepackt mit sinnvollen Innovationen, die in diesem Segment alles andere als üblich sind, und zu einem Preis, den man sich leisten kann. Von diesen beiden vollwertigen Pkw-Modellen sind die Nutzfahrzeug-Varianten abgeleitet – nicht umgekehrt wie in der Vergangenheit und wie bei vielen Wettbewerbern.

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Inwieweit können Sie diese Technologien denn beeinflussen? Im Test schlägt der Insignia den neuen Peugeot 508…

Die Groupe PSA will ein europäischer Champion sein. Wir profitieren einerseits von Konzerntechnologien, anderseits kommt deutsche Ingenieurskunst aus  Rüsselsheim dem kompletten Konzern zugute: Wir nutzen unsere Einflussmöglichkeiten – unter anderem über die 15 Kompetenzzentren, die wir für den gesamten Konzern im Rüsselsheimer Entwicklungszentrum angesiedelt haben. Und die Qualität von Opel wird im Unternehmen anerkannt.

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Wann kehren Sie auf den russischen Markt zurück?

Noch dieses Jahr, und zwar in einem ersten Schritt mit dem Grandland X, dem Zafira Life und dem Transporter Vivaro. Das Geschäft vor Ort wird über große Handelsgruppen laufen – wir wollen die besten für uns gewinnen und bauen auf einer starken Historie auf. Zurzeit sind mehr als eine Million Opel in Russland unterwegs.

Wollen Sie auch vor Ort produzieren?

PSA hat ein Werk in Kaluga, davon werden wir profitieren. Zugleich können wir aber auch nach Russland exportieren.

Sind Sie auf einen harten Brexit vorbereitet?

Unterm Strich sind wir wahrscheinlich besser vorbereitet als so mancher Wettbewerber. Ein Beispiel: In unserem Werk in Luton bauen wir den Vivaro auf der PSA-Plattform und dazu Modelle für Citroën und Peugeot. Wir können also in England für England bauen. Daraus ergeben sich für dieses Werk vielleicht sogar Wettbewerbsvorteile.

Und welches Modell aus der langen Opel-Geschichte könnten Sie sich in moderner Form für die Zukunft vorstellen?

Wir feiern dieses Jahr 120 Jahre Opel-Automobilproduktion – und damit so einige Ikonen wie Kapitän, Admiral, Diplomat, Monza, Manta, GT. Einen echten Opel- Volks-Sportwagen neu aufzulegen, würde uns schon reizen. Aber es hat nicht die oberste Priorität. Und mit insgesamt acht Neuheiten in den Jahren 2019 und 2020 wird uns ohnehin nicht langweilig.

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