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Faszination

Maybach SL 680: Unterwegs mit Liberace

Huch, ein Maybach-SL … Ist der nun rollende Herrenhandtasche oder gefühlsechter Roadster? Luxus-Überfluss oder Luxus im Überfluss? Schöner Schein oder ehrliche Haut? Wir klären das – zwischen Sankt Moritz und Baden-Baden. Wo sonst?

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Maybach SL 680, fotografiert von schräg vorne
Herrliches Kaiserwetter und ein geführiges Gespann – da geht einem das Herz auf. Foto: Hardy Mutschler
Cockpit des Maybach SL 680, fotografiert im Tunnel.
Open-Air-Kino:
opulentes Cockpit mit neigungseinstellbarem Hochformat-Display. Foto: Hardy Mutschler
Maybach SL 680, fotografiert von der Seite.
Auch wenn das Stoffverdeck bei Regenwetter geschlossen bleibt, macht der Maybach eine gute Figur. Foto: Hardy Mutschler
Maybach SL 680, fotografiert von vorne.
Enge Gebirgsdorf-Gässchen sind kein Element des großen SL. Foto: Hardy Mutschler
Maybach SL 680, fotografiert von der Seite.
Mit dem Splügenpass eröffnen wir die Tour. Foto: Hardy Mutschler
Innenraum des Maybach SL 680 mit Fahrer, fotografiert von schräg oben.
Der mild heranströmende Fahrtwind eines Bergsommers kaschiert den UV-Hammer der Höhensonne fatal. Foto: Hardy Mutschler
Maybach SL 680, fotografiert mit Dampflok.
Eisenbahnromantischer geht es kaum: Zeitreisen-Begegnung mit der Dampfbahn am Furkapass. Foto: Hardy Mutschler
Motor des Maybach SL 680, fotografiert von schräg oben.
Maybach ist Mercedes ist AMG: Den druckvollen Vierliter-Biturbo-V8 bekommt der SL 680 aus Affalterbach, die schneeweißen Ledersitze mit Blüten-Steppung gibt es nur für Maybach. Foto: Hardy Mutschler

Wie jetzt: Mercedes oder Maybach? Marken-Überfluss an der SL-Front

Spätestens auf der Gotthardpass-Höhe fällt es uns auch auf: Drahtige Rennradfahrer, naturliebende Wohnmobilisten und raue Biker in Lederkluft schauen uns entgeistert nach. Nicht angetan oder begeistert, nicht neidisch oder hingerissen – sondern seltsam irritiert. Als würden wir nicht an diesen verschwitzt erkämpften, windumtosten Ort gehören, sondern hätten uns aus einer luxuriösen Parallelwelt hier herauf verirrt. Und dann wechseln wir in die Außenperspektive, überlegen, was die Welt um uns herum gerade sieht – nämlich zwei mittelalte Typen mit bösem Sonnenbrand und komischer Fahrtwind-Frisur in einem übergroßen Zweisitzer-Cabriolet, das eher nach Mini-Yacht ausschaut: mattweiß lackiert mit spiegelglänzend polierten Scheibenrädern, Chrom-Windschutzscheibenrahmen und schneeweißem Leder-Interieur.

Motorhaube und Verdeck unseres Mercedes-Maybach SL 680 Monogram Series sind übersät mit Maybach-Logo-Mustern, die Inspiration ist eindeutig: Da dürfte jemand im Mercedes-Design über eine Louis Vuitton-Tasche gestolpert sein und sich gedacht haben „Hmm, warum nur ein Logo, wenn man auch viele haben kann?“„Kennst du den Film über Liberace mit Matt Damon und Michael Douglas?“, frage ich den Fotografen und denke dabei an glitzernde Pailletten-Bühnenkostüme und Klavierlack-weiße Konzertflügel. Dann an Villen im plüschigen Mar-a-Lago-Style mit Gold-Wasserhähnen und fetten Marmor-Engelchen, die unter Palmen in blau geflieste Swimming Pools pinkeln. „Nö,“ entgegnet der Kollege, „nie gehört.“ Ich erkläre ihm die Story – und beobachte dabei, wie der Foto-Mutschler immer weiter nach unten rutscht, die Mütze tiefer ins Gesicht zieht. „Willst du mir was Bestimmtes sagen, Riegsinger“, prustet er dann los. Ich muss grinsen: „Keine Sorge, ich hab’ grad nur meinen Arbeitstitel für diese Reise entdeckt. Unterwegs mit Liberace.“

Mercedes-Maybach EQS SUV im Video

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Video: AUTO ZEITUNG

Die Aura des gelassenen Luxus-Cruisers vergisst der Maybach im Vollgas-Zorn schnell

Wohlgedämmt-blubbernder V8-Sound liegt als feine Klangfahne im Wind wie eine Ahnung von sündhaft teurem Herren-Parfüm. Feiste 21-Zöller plätschern exquisit aktivgefedert übers 85 Jahre alte Kopfsteinpflaster, aus
den Airscarf-Ausströmern in den Kopfstützen weht ein laues Lüftchen gegen die kühle Bergluft an. Der Foto-Kollege taucht entschlossen wieder aus der Deckung auf und erklärt, man müsse den Aufenthalt im Maybach eben mit Fassung tragen: „Nicht jeder ist stark genug
für echten Luxus …“ Dann wird er von einer besonders wohlig walkenden Rubbel-Sequenz des Massagesitzes zum genüsslichen Ächzen gebracht. „Gib Liberace die Sporen, Ken, wir haben heute noch ein paar Kilometerchen im Paradies vor uns!“ Stimmt tatsächlich. Wir haben zwar bereits rund 220 km unserer Reise absolviert, weitere 400 liegen aber noch vor uns: Furkapass, Grimselpass, dann weit durch die Schweiz und schließlich mit dem Rhein bis nach Baden-Baden.

Noch am Vortag sind wir aus dem Hinterrheintal und über den Julierpass nach Sankt Moritz gekreuzt – zuerst mussten allerdings Highspeed-Etappen auf der deutschen Autobahn hingelegt werden. Der SL hat da seine ganz handfesten Talente gezeigt, war pfeilschnell und superstabil unterwegs. Die Aura des gelassenen Luxus-Cruisers vergisst der Maybach im Vollgas-Zorn überraschend schnell, er stürmt kernig hämmernd und mit staubtrockener Vehemenz durch die Drehzahlmitte und legt dann bis obenraus unbarmherzig nach. Vorn an den eleganten Chromstäbchen des Kühlergrills sterben Fliegen einen schnellen Tod, kilometerlange Lücken im Autobahn-Verkehr schließt der SL 680 mit erbitterter Zeitraffer-Attitüde. Und nein, es geht nicht anders: Hat man dieses erschütternde Hineinstoßen in den Raum einmal erlebt, saugt es das Gaspedal immer wieder wie von selbst nach unten. Verzückte Ekstase und entsetzte Panik im Tempel der Geschwindigkeit. Und ja – große Erleichterung an der Schweizer Grenze über den nun fälligen Antritt zum Speed-Entzug.

Regenwetter ab Chur – da blieb auch nach den vielen Anreise-Autobahnmeilen das Stoffdach zu. Und selbst oben in Sankt Moritz gab sich Liberace zugeknöpft, flanierte etwas lustlos durch die Via Serlas als schimmernde Reflexion in den Schaufensterscheiben der Luxus-Boutiquen und in grauen Regenpfützen. Unten
im Süden sollte der Sommer warten, genau dorthin hat es uns dann in den letzten Minuten des Tages gezogen: Raus aus Sankt Moritz, vorbei am Duo aus Silvaplana-See und Silsersee und hinein in die Serpentinen-Schlingen der Malojapass-Straße. Bregaglia, Borgonovo – dann erhaschten wir die ersten und letzten Sonnenstrahlen des Tages im kleinen Graubündner Bergdorf Soglio. Trotz seiner schmalen Gässchen und Abgelegenheit hat das perfekt zu Liberace gepasst. Ruhe und Schönheit – weit weg von Miami Beach, dem Dubai Creek oder Beverly Hills.

600 luxuriöse Kilometer aus den Alpen in den Schwarzwald

Am nächsten Morgen dann – Dohlen vor den Fensterläden und weiße Schäfchenwolken über den Gipfeln der Alpen. Auf einer Steinbank neben dem Hoteleingang schnüren sich Bergwanderer die Stiefel und werfen uns verstohlene Blicke zu, während wir Liberace reisefertig machen. Zugegeben: Das aufreizende Ritual, mit dem sich ein riesiges Stoffverdeck lasziv nach oben und hinten klappt, um einen schneeweißen Interieurtraum preiszugeben, ist schon ein wenig der Gegenentwurf zu Blasenpflaster und Kampfergeist-Balsamierung …

Lässig summend grollt der Maybach den Berg hinunter, schnappt dann in Richtung Chiavenna gut gelaunt nach Motorradfahrer-Rudeln – Hey, der will nur spielen! – und schlenzt dann hoch zum Splügenpass. Ruckzuck sind wir obendrüber, rodeln mit dem Hinterrheintal zum Fuß des San Bernardino und machen in seinen Serpentinen eine entscheidende Entdeckung: Liberace kann tatsächlich tanzen! Seine Hinterradlenkung swingt ihn geschmeidig durch die ganz engen Ecken, das humorlose Antreten aus dem V8-Drehzahlkeller sorgt für gewaltigen Schwung. Bis hierher dachten wir noch, seine Sache sei der gepflegte Walzer, aber jetzt ahnen wir: Der liebt Rumba, Cha-Cha-Cha und Tango und bekommt selbst bei Lambada keinen roten Kopf.

Wir dagegen schon. Der mild heranströmende Fahrtwind eines Bergsommers kaschiert den UV-Hammer der Höhensonne fatal. Hinter dem Gotthard stehen wir daher vor einer existenziellen Entscheidung: Dach hoch und das ganze Hochgefühl einer Cabrio-Reise durchs Premium-Alpenpanorama verlieren oder würdelose Schlapphüte kaufen und Liberace den Auftritt versauen …? „Manchmal betont so ein kleiner Stilbruch die Stimmigkeit des Outfits doch erst recht“, schlage ich trotzig vor – und das reden wir uns für den Rest der Fahrt erfolgreich ein. Toben über die Cinemascope-Strecken am Furka-Pass,
grüßen die dort nur für uns vorbeifahrende Dampfbahn erfreut, reiten weiter zum Grimselpass. Das Volk verfolgt uns mit gebannten Blicken: Damen juchzen, Kinder winken, Herren sind ob unserer geballten Anmut angemessen verschnupft.

Eine Porsche-Jagdgesellschaft aus dem Ruhrgebiet bläst sogar zur Attacke auf Liberace – verhebt sich aber gewaltig an seinem zurückhaltenden Auftritt: Nur weil etwas keine Spoiler hat und eine Kohlefaser-Allergie, ist es noch lange kein Opfer, Jungs! Und gute Besserung noch! Hinter dem Brünigpass hat uns die Autobahn wieder, vorbei an Luzern geht es bis Basel und dann – nix. Nochmal fallen wir nicht aufs
rechte Fußpedal von Liberace rein. Die Porsche-Buben aus Gelsenkriechen schleppen sich
irgendwo hinter Freiburg verschämt vorbei, die können wir unmöglich nochmal verbrennen. Und auch die Schlapphüte sind nicht wirklich vollgasfest – ohne die können wir uns aber unmöglich zeigen. Stilbewusstsein ist in der Luxuswelt eben alles.

Technische Daten des Maybach SL 680

AUTO ZEITUNG 17/2026

Maybach SL 680

Technische Daten

Motor

8-Zylinder, 32-Ventiler, Biturbo; 3982 cm³

Antrieb

9-Stufen-Automatik; Allradantrieb

Leistung

430 kW / 585 PS

Max. Drehmoment

800 Nm

Karosserie

Außenmaße (L / B / H)

4697 / 1915 (2100)* / 1358 mm

Leergewicht / Zuladung

2050 / 145 kg

Kofferraumvolumen

240 l

Fahrleistungen

Beschleunigung (0 – 100 km/h)

4,1 s

Höchstgeschwindigkeit

260 km/h

Verbrauch auf 100 km

13,6 l Super Plus

Kaufinformationen

Grundpreis

255.154 €

Marktstart

Mai 2025

Alle Daten Werksangaben; *Breite inklusive Außenspiegel