Mercedes Funmog: Unterwegs im schwersten Showstar der 90er
Der Geländewagen für Leute, die sich nicht mit Kleinigkeiten abgeben. Mit der eleganten Unwiderstehlichkeit eines lackierten Mammuts begab sich die AUTO ZEITUNG 1996 mit dem Mercedes Funmog in die mondäne Welt des teuren Wintersports.
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Das ideale Fahrzeug für den Winter ist ja doch ein Geländewagen. Damit kommt man immer durch und überall hin. Das muss auch der Grund sein, weshalb so viele von den Dingern in Städten herumgurken – ein Schneechaos kommt ja oft unerwarteter als man denkt. Außerdem fühlt man sich ganz schön souverän in so einer massiven Kiste mit ihren dicken Reifen und der hohen Sitzposition, wenn man auf der Suche nach dem Restaurant mit dem exponiertesten Parkplatz durch einen mondänen Wintersport-Ort stampft und schaukelt. Geländefahrzeuge sind eben die neuen Statussymbole einer Gesellschaft, in der Freizeit einen so hohen Wert besitzt. Und was da an Freizeit Platz hat in diesen gewaltigen allradgetriebenen Laderäumen! Arbeitsgeräte? Schnee von gestern!
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Mercedes Funmog U 1400: Komfortabel ausgestattetes Stadt- und Freizeitfahrzeug
Dieser Geländewagen zum Beispiel, der seinen Fahrgästen ein besonders ausgeprägtes Gefühl der Souveränität verleiht, ist laut Hersteller ein "komfortabel ausgestattetes Stadt- und Freizeitfahrzeug" und kostet 200.000 Mark. Das ist natürlich auch ein souveräner Preis, dafür wird einem aber auch kein:e Pajero-Fahrer:in aufs Dach spucken können.
Als würdigen Schauplatz seines Auftretens wählten wir St. Moritz, einen der nobelsten Orte, in denen man sich auf sportlich-elegante Weise eine Erkältung holen kann. Alles, was Allradantrieb hat, gehört hier zum normalen Straßenbild – das allerdings von Subaru beherrscht wird, was einiges an Illusionen über den Reichtum der Schweiz zunichtemachen kann. Die Gäste aus Italien und Deutschland reisen am liebsten in gut ausgestatteten, nicht zu kleinen Geländewagen an. Doch wie groß ist "nicht zu klein"?
7,5 t Gesamtgewicht mit 6-l-Turbodiesel
Auftritt Mercedes Funmog U 1400: Fachleuten ist gleich klar, dass es sich dabei um einen Unimog der "mittelschweren Baureihe" handelt, also mit einem zulässigen Gesamtgewicht von 7,5 t, wofür gerade noch der Führerschein Klasse 3 ausreicht. Sein 5958 ccm großer Sechszylinder-Turbodiesel leistet 155 PS (115 kW) bei 2400/min und wuchtet ein Drehmoment von 530 Nm auf die Räder.
In St. Moritz waren wir jedenfalls bestimmt richtig, sieht Mercedes den Funmog doch als "modern gestyltes Offroad-Stadtfahrzeug für die Trendsetter der 90er Jahre". Wir hatten uns zur Sicherheit den größten verfügbaren Funmog ausgesucht, denn es war ein wenig Schnee angesagt, und wir wollten kein Risiko eingehen, in einer Verwehung steckenzubleiben.

Rammschutz im Roadtrain-Stil
Der mehr als zweieinhalb Meter hohe Viertonner ist eine beeindruckende Erscheinung. Mit seinem wuchtigen Rammschutz vor dem Kühler würde ein australischer Roadtrain ganze Känguruherden aus dem Weg räumen. So beeindruckend, dass man Nachrichten wie diese aufs Seitenfenster geklebt vorfinden kann: "Hi!" (Das Ausrufezeichen als Herzchen mit Punkt darunter) "Klebe mal ein Bild von Dir auf das Autochen, damit man Bescheid weiß, wem das Prachtstück gehört. Bist Du auch so ein – !" (Pfeil zum Wort "Prachtstück".)
Ob die Unterschrift "H.N.F." allerdings ein einzelnes weibliches Wesen, eine terroristische Vereinigung gegen Falschparkende oder bloß die "Hilfsgemeinschaft Nordrhein-Westfälischer Fernfahrerinnen" bezeichnet, ist schwer zu sagen. Von weiteren Schritten gegen den Funmog wurde jedenfalls erfreulicherweise abgesehen.
Wo stecken all die Mercedes G?
Eigentlich wollten wir nach St. Moritz, um Range Rover- und G-Klasse-Fahrende ein wenig zu demütigen, aber die zogen es allesamt vor, der Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Nur ein einzelner dunkelblauer G 500 – jede Menge Chrom und Leder! – stand vor dem Palace Hotel, doch die elegante Dame im Pelz, die einstieg und unter sonoren V8-Klängen entschwand, würdigte den provokant langsam vorbeiwummernden Funmog keines Blickes.
Dafür zeigten sich die Angestellten der Skilifte und der Engadinger Schneeräumkolonnen umso interessierter, und auf dem Julier- und dem Bernina-Pass konnte dem schwergewichtigen Kletterkönig keiner das zu Glatteis gefrorene Wasser reichen. Der Unimog besitzt nämlich acht Vorwärts- und ebensoviele Rückwärtsgänge, zuschaltbaren Allradantrieb und genügend Differentialsperren für jede mögliche und erst recht unmögliche Situation. Steckenbleiben ist praktisch undenkbar, nicht einmal durch angewandte Blödheit des Fahrers.

Ein flotter Zweisitzer für Individualisten
Von den acht Gängen kann man vier im Normalfall getrost vergessen, man fährt locker im Fünften an und schaltet spätestens bei Tempo 50 in Nummer acht. Ist es etwas steiler und glatter, oder befindet man sich in schwerem Geläuf, so beginnt man eben im dritten Gang und mit zugeschalteter Vorderachse. Eins und zwei sind für richtig schwierige Fälle reserviert, wir brauchten sie nie.
Dank eines Drehmomentwandlers muss die hydraulisch unterstützte Kupplung nur zum Gangwechsel betätigt werden; Anhalten und Anfahren funktionieren wie mit einem Automatikgetriebe, also ohne auszukuppeln. Das ist nicht nur im Gelände nützlich, sondern auch im Stau. Mercedes hat also Recht: Tatsächlich ein tadelloses Stadtauto!
Parkplatzprobleme kennt der Funmog nicht
Parkplatzprobleme gibt es ebenfalls so gut wie keine, denn der Funmog ist nicht länger als ein Mercedes SL und wendig wie ein Kleiner. Mindestens ebenso erstaunlich wie das Klettertalent des Unimog ist die Wirkung seiner Luftdruckbremsen. Mit welcher Entschiedenheit sie dem Ungetüm Einhalt gebieten, erinnert an Sportwagen der flotteren Art.
Der Kraft komprimierter Luft bedient sich der Unimog auch für seine Feststellbremse – ein kleines Hebelchen wird umgelegt und ein vernehmliches Zischen bestätigt, dass der Kerl keine Chance mehr hat, auf eigene Faust wegzurollen – sowie für die beiden Fanfaren auf dem Dach. Sollte jemand der normalen Hupe – die per Blinkerhebel aktiviert wird und wirklich etwas mickrig klingt – keine Beachtung schenken, genügt ein Griff zu der kurzen Schnur, die neben dem Radio von der Decke baumelt, und ein Trompetenstoß ertönt, den bestimmt keiner überhört.
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Bei 108 km/h ist Schluss
Auf dem teuren Pflaster zwischen Palace Hotel und Cresta-Bahn bewegt sich der Funmog mit der selbstverständlichen Virtuosität eines dicken Millionärs, der es gewohnt ist, dass ihm nachgestarrt wird. Ähnlich cool würde der heutige Marlon Brando durch St. Moritz spazieren. Weniger souverän bewältigt der Funmog die Autobahn. Bei Tempo 108 gehen ihm die Luft und die Gänge aus, und der kurze Radstand lässt ihn die Straße entlanghoppeln wie ein durch Gammastrahlen ins Monsterhafte mutiertes Kaninchen.
Aber dafür ist der Funmog auch nicht gebaut. Sondern – Zitat Mercedes – für die "tägliche Fahrt zur Arbeit" und den "abendlichen Discobummel". Einen Besuch im Autokino, erste Reihe Mitte, zogen wir ebenfalls in Erwägung, ließen es aber dann doch bleiben. Nein, nicht aus Rücksicht: Der Funmog hat leider keine Liegesitze.
von Peter Piesecker
Technische Daten des Mercedes Funmog U 1400
| AUTO ZEITUNG 050/1996 | Mercedes Funmog U 1400 |
| Zylinder/Ventile pro Zylin. | 6/2; Turbo |
| Hubraum | 5958 cm³ |
| Leistung | 115 kW/155 PS |
| Max. Gesamtdrehmoment bei | 530 Nm 2400/min |
| Getriebe/Antrieb | 8-Gang-Getriebe/Allrad |
| L/B/H | 4470/2110/2620 mm |
| Leergewicht | 4210 kg |
| Bauzeit | k.A. |
| Stückzahl | k.A. |
| Beschleunigung null auf 100 km/h | k.A. |
| Höchstgeschwindigkeit | ca. 108 km/h |
| Verbrauch auf 100 km | k.A. |
| Grundpreis (Jahr) | ca. 200.000 Mark (1996) |












