Einzigartiger Flop: Mercedes 300 SEL 6.3 Coupé Pininfarina
Eine der besten und schnellsten Limousinen der Welt, neu eingekleidet vom Großmeister Pininfarina: Das Mercedes 300 SEL 6.3 Coupé hätte wahrlich das Zeug zur Ikone gehabt. Stattdessen ging in dessen Autoleben aber auch wirklich alles schief.
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Es war einmal ein wohlhabender Geschäftsmann aus den Niederlanden, der seine exquisite Fahrzeugsammlung, bestehend aus einem Rolls-Royce, einem Mercedes 300 SE Cabrio und einem 250 SE, um ein Coupé auf Basis des 300 SEL 6.3 ergänzen wollte. Die Luxuslimo mit dem bärigen V8 aus dem staatstragenden 600er galt Ende der 60er nicht nur als eine der schnellsten, sondern sogar als bester Viertürer weltweit. Der W109er war wie aus dem Vollen gefräst, luftfederte sänftenartig mit 220 km/h über die Autobahn und gab höchstens im Flüsterton zu, wie viel Sportsgeist tatsächlich in ihm steckte. Nur als Coupé bot man ihn in Stuttgart nicht an. Wer einen Zweitürer mit V8 haben wollte, konnte ja zum W111er-Coupé als 280 SE 3.5 greifen.
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Als unser Geschäftsmann dann im Jahre 1968 bei Mercedes anfragte, sagten sie: "Nein". Bei Pininfarina hieß es ebenfalls "no" – zumindest so lange Stuttgart kein verkürztes Chassis nach Turin liefern würde. Tenor des Ferrari-Hausdesigners: Ohne einen kürzeren Radstand würde man die Proportionen des angedachten Coupés verunglimpfen. Also versuchte es der Niederländer erneut im Schwabenländle, dieses Mal bei einem gewissen Rudolf Uhlenhaut. "Es wird zweifelsohne das schönste Auto der Welt", lobpreiste der Geschäftsmann sichtlich verzweifelt in seinem Schreiben. Aber auch den geistigen Vater des Flügeltürers, mittlerweile im Vorstand bei Mercedes, ließ die Anfrage kalt. Auch interessant: Unsere Produkttipps auf Amazon
Der Mercedes 560 SEC von Bruno Sacco im Fahrbericht (Video):

Mächtiger V8, aber mühsam in der Entstehung: Mercedes 300 SEL 6.3 Coupé Pininfarina
Am Ende hatte der Niederländer noch ein letztes Ass im Ärmel: seine Brieftasche. Er kaufte sich einfach eine 6.3er-Limousine und schickte sie gemeinsam mit zehn Millionen Lire über die Alpen. Das war offenbar genug, um sogar Sergio Pininfarina über seine anfänglichen Zweifel hinwegsehen zu lassen. Für den Gegenwert eines Ferrari 365 GTB/4 Daytona behielt sich die Designschmiede jedoch vor, das fertige Einzelstück jeweils bei der Paris und Turin Motor Show auf dem eigenen Stand ausstellen zu dürfen.
Obwohl Pininfarina sowohl für Peugeot als auch für Lancia die damaligen Mercedes-Konkurrenten Peugeot 404 beziehungsweise Lancia Flaminia als klassisch-elegante Limousinen und Coupés geschneidert hatte, blickte die Carozzeria nicht zurück. Im Gegenteil: Sie merzte dem 300 SEL die Rundungen der 60er-Jahre beinahe vollständig aus, reduzierte den Chromschmuck und verkleinerte auf Wunsch des Kunden die Fensterflächen. Dadurch wirkte das SEL Coupé deutlich gedrungener als die grazilen Serienfahrzeuge aus Stuttgart mit ihren schlanken Säulen.
Folgenschwerer Fehler: kein Haubenstern, aber das Gesicht des Opel Diplomat B
Endgültig vom dreizackigen Stern entfremdete sich der Pininfarina-Entwurf aber wegen der völlig losgelösten Frontgestaltung. Die konnte man damals als ziemlichen Griff in die Marketing-Toilette bezeichnen, denn sie war dem bürgerlichen Konkurrenten Opel Diplomat B mit ihren aufrecht stehenden Leuchteinheiten wie aus dem Gesicht geschnitten. Sich beim flachen Grill wiederum am Pagoden-SL zu orientieren, war in der Theorie keine schlechte Idee. In der Praxis aber erzeugte sie auch mangels Kühlerfigur eine Anonymität, die dem guten Stern auf allen Straßen nicht gerecht wurde.

Versöhnlicher gings im Innenraum zu, wo sich der Niederländer aufgrund seiner 1,71 m Körpergröße stilvoll aufgeplusterte Integralsitze gegenüber des größtenteils serienmäßig belassenen Armaturenbretts montieren ließ. Hinten wiederum wünschte er sich eine durchgängige Rückbank mit beweglicher Armlehne. Schon von Hause aus mit 250 PS (184 kW) und 500 Nm Drehmoment aus 6,3 l Hubraum übermotorisiert, beließ man den Antriebsstrang bestehend aus V8 und Vierstufen-Automatik unverändert.
Der Geschäftsmann hatte die Rechnung ohne seine Frau gemacht
Bei seinem Messe-Debüt in Paris am 1. Oktober 1970 reagierten die Fachpresse und das Publikum eher verhalten bis kritisch auf das Mercedes 300 SEL 6.3 Coupé Pininfarina. Was aber nicht weiter dramatisch war, denn unser Geschäftsmann war überglücklich und konnte es kaum erwarten, sein ganz persönliches Einzelstück im Februar 1971 in Empfang zu nehmen. Immerhin musste er in den vergangenen Monaten den Gegenwert von mehr als 80 VW Käfern in das Projekt stecken.
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Aber er hatte die Rechnung ohne seine Ehefrau gemacht. Die wollte nämlich so gar nicht warm werden mit dem brachial lospreschenden Mercedes-Muscle-Car. Deshalb versuchte der Niederländer den Benz bereits 1972, nach nur 10.000 gefahrenen Kilometern, zu veräußern. Das gelang ihm aber erst 1973 – vermutlich zu einem deutlich geringeren Preis, als erhofft.
Der Pininfarina-Entwurf ging 1975 in Serie – bei der Konkurrenz
Auch danach wurde dem silber-grauen Unikat nicht die Liebe zuteil, die es eigentlich verdient hätte. Eher vernachlässigt als patiniert, tauchte das Pininfarina-Coupé im Jahr 2023 mit gut 70.000 km Laufleistung auf dem Klassiker-Markt auf. Der anvisierte Preis des Händlers von einer Million Euro wurde nicht erreicht, weshalb der Mercedes wenige Monate später bei Bonhams unter den Hammer kam. Umgerechnet 300.000 Euro reichten, um das Einzelstück mit nach Hause zu nehmen. Das ist in etwa der dreifache Preis, der für perfekt erhaltene Limousinen gezahlt wird. Aber für das, was das 6.3er Coupé ursprünglich hätte sein können, immer noch zu wenig.

Und Pininfarina? Obwohl keine gestalterische Glanzstunde für die Carozzeria, ging man nicht als Verlierer nach Hause: Ein Großteil des Entwurfs recycelte die Designschmiede 1975 für den Rolls-Royce Camargue. Welch Ironie, dass auch unser niederländischer Geschäftsmann in den 70ern wieder auf Rolls-Royce umsteigen sollte.















