Vorstellung

Fiat Multipla Eden Roc II: Der Flanier-Wulst des Avvocato

Wer sich traut, mit dem Fiat Multipla Eden Roc II an der Eisdiele vorzufahren, ist vermutlich aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt. Ebenso wie der Sechssitzer, den der schillernde Fiat-Pate Gianni Agnelli 2001 von Pininfarina aufbauen ließ. So entstand das rollende Riva-Boot mit dem ikonischen Wulst!

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Der Fiat Multipla Eden Roc II stehend von vorne.
Wer schön sein will, muss leiden. Wer hässlich ist, hat hingegen nicht mehr viel zu verlieren, wenn er sich von Pininfarina zum Strandmobil aufschneiden lässt. Das ist die Geschichte des Fiat Multipla Eden Roc II. Foto: Fiat
Der Fiat Multipla Eden Roc II stehend von hinten.
An Front und Heck hat die Carrozzeria überraschenderweise dem Serien-Design seinen Lauf gelassen. Foto: Fiat
Der Fiat Multipla Eden Roc II stehend seitlich.
Dafür hat sich dazwischen umso mehr getan: Der Einsatz von Holz und Leder im Austausch gegen Blech und Glas verwandelt den Multipla in ein veritables Spaßauto. Foto: Fiat

Stolz aufs Holz: Für Agnelli war der Fiat Multipla Eden Roc II eine Herzensangelegenheit

Er war eine Lichtgestalt des Automobilbaus. Charismatisch, leidenschaftlich, exzentrisch. Die Rede ist nicht vom Fiat Multipla, sondern vom Avvocato höchstselbst: Gianni Agnelli. Der Erbe und spätere Lenker des Fiat-Konzerns (zwischen 1953 und 1996) liebte die Frauen, den Luxus und hatte darüber hinaus ein großes Faible für „Woodies“, also Fahrzeuge mit Holzaufbau.

Dieses Faible konnte nicht einmal eine schicksalhafte Sommernacht im Jahre 1952 trüben, als der junge Agnelli im Rausch mit seinem holzbeplankten Fiat-Kombi bei einer Geschwindigkeit von weit mehr als 100 km/h mit einem Metzgerei-Transporter kollidierte und nur knapp dem Tod entronn. In der Folge krempelte Gianni sein schillerndes Leben komplett um: Er übernahm Verantwortung bei Fiat und wurde sesshaft. Nur die Furnier-Optik auf seinen Autos – ein Stück weit symbolisch für seine Vergangenheit – durfte bleiben.

Zu seinen bemerkenswertesten Privatautos gehört unbestreitbar der Fiat Eden Roc: 1956 schickte Agnelli einen Fiat Multipla zu Pininfarina, um den Minivan in eine Art rollendes Riva-Boot zu verwandeln. Irgendwie musste er seine illustren Gäste ja standesgemäß von seinem Anwesen an der Küste von Nizza (Frankreich) bis an den Mittelmeerstrand chauffieren.

Als dann 1999 der neue Fiat Multipla debütierte, lag eine Wiederbelebung des Eden Roc-Konzepts auf der italienisch-unablässig gestikulierenden Hand – zumindest für den mittlerweile 80 Jahre alten Ehrenpräsidenten der Marke. Also stand bald erneut ein Sechssitzer mit besonderem Auftrag in den Hallen von Pininfarina.

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Pininfarina wagte sich nicht an den Wulst heran

Der Auftrag war im Grunde der gleiche wie schon 45 Jahre zuvor, dennoch dürfte die Umsetzung des Fiat Multipla Eden Roc II ungleich komplizierter vonstatten gegangen sein. Allein schon der Anblick der amöbenförmigen Karosserie mit Wulst löst bis heute bei Schöngeistern Unbehagen aus. Und die Proportionen bei einer Breite auf W140er-S-Klassen-Niveau sowie einer Länge irgendwo zwischen VW Golf III und IV rauben ganzen Designteams den Schlaf.

Vielleicht aus Trotz, vielleicht auch aus Verzweiflung, entschied sich Pininfarina dazu, den Vorderwagen sich selbst zu überlassen. Erst ab Ende der Frontscheibe hat die Carrozzeria den Zeichenstift geschwungen – oder besser gesagt: den Radiergummi angesetzt, denn vom einstigen Dach blieb nichts übrig.

Auch die Türen riss Pininfarina heraus. An ihrer statt hielt fortan eine dicke Holzreling die Illusion aufrecht, dass ein Crash mit einem Metzgerei-Transporter erneut glimpflich ausgehen könnte. Tatsächlich wirken die klobigen Serien-Spiegel des Multipla am Eden Roc II so deplatziert, als hätte sie ein Fiat Ducato vom Schrottplatz gespendet. Das Heck mit den Griffen oberhalb der hinteren Kotflügel sowie den Finnen auf dem Kofferraumdeckel hatte sich Pininfarina augenscheinlich vom Peugeot 206 CC abgeguckt.

Im Innenraum blieben nur Armaturenbrett und vordere Sitzreihe bestehen, nun mit Leder bezogen. Die Boot-artig holzvertäfelte Rücksitzbank wirkte zwar um einiges schicker als das Seriengestühl, dürfte in Sachen Komfort aber schon bei kleinen Bodenwellen an ihre Grenzen gekommen sein. Kein Wunder, dass das Centro Storico Fiat mittlerweile mit ein paar Auflagen nachgebessert hat. Ob der Eden Roc II hin und wieder noch bewegt wird? Der Avvocato hatte jedenfalls nur kurz seine Freude am Flanier-Wulst: Anfang 2003 entschlief Agnelli mit 81 Jahren. Seitdem hat Fiat nie wieder einen Woody aufgebaut.