Tauschen im Blätterwald: Wir besuchen einen Autoliteratur-Handel
Oliver Höpel ist ein Getriebener in guter Sache. Seit Jahren sammelt und handelt er Automobil-Literatur in all ihren Facetten. Lange jedoch werde es diese Handelsware nicht mehr geben, unkt er. Über das drohende Aussterben einer Branche.
Zu Besuch bei Oliver Höpels Handel für Autoliteratur
Wann ist hier denn mal Schluss? „Car Suspension and Handling“ von 1976 lugt aus der endlos wirkenden Regalreihe heraus, daneben liegt das „Juxbuch für BMW-Fahrer 1998“ aus dem Eichborn-Verlag. Vorbei am Vauxhall-Gesamtprogramm 1974 (bereits mit Kadett-basierter Chevette, aber noch mit old english Viva), an Metern voller kompletter Jahrgänge von „Gasoline“, „AUTO ZEITUNG“, „Classic Cars“, „ams“, kommen wir in Richtung Laster, „Truck Story“ von Iveco etwa.
Dabei sind wir bereits mittendrin im persönlichen Laster von Oliver Höpel und nach Minuten nur selbst mit glänzenden Augen hoffnungslos darin gefangen: „The Mini Story“ von Giles Chapman lockt neben zig weiteren Büchern und Prospekten zum Thema, „Auto Exklusiv“, das auch schon verblichene Magazin der Automobil Revue, macht 1999 auf mit „Im Mercedes 500 K auf Alpenfahrt“. Hier, in den randvollen Klassik-Katakomben von Oliver Höpels Automobil-Literatur-Archiv und Versand, rollen einem die alten Zeiten permanent und sehr reizvoll reizüberflutend um die hell klingelnden Ohren.
„Man ufert irgendwie aus“, sagt Höpel halb erklärend, halb entschuldigend und zuckt dabei die Achseln inmitten von 200 m² voller Altpapier, alles sorgfältig geordnet und gestapelt bis unter die Zimmerdecken. Manchmal ist das Finden dann trotzdem das Schwierigste, so wie im Falle des gerade angefragten Schaltplans für einen Trabant von 1980. „Den habe ich, nur leider bereits 2009 einsortiert. Wo war das ...?“ Braucht noch jemand eine Volvo-340-Betriebsanleitung? Die liegt im entsprechenden Fach, gleich neben denen für den 240 und den 940. „Neulich bekam ich eine Europalette mit sehr alten Ausgaben des „YACHT“-Magazins angeboten, kostenlos. Der Transport kostete mich 180 Euro und bisher sind drei Hefte verkauft, aber die wären doch sonst weggeworfen worden!“ Das. Geht. Natürlich. Gar. Nicht.
Wir reden hier gleichzeitig von einem Glücksfall und einem tragischen Geschehen, denn immerhin zwängt der Berg aus historisch relevanten Altpapier-Asservaten den gelernten Automobilkaufmann Höpel aktuell an 360 Tagen im Jahr in dieses Verlies der Vergessenen, um das Kulturgut namens Automobilia & Co. zu bewahren. „Nach drei Tagen im Urlaub seufzt meine Freundin stets: 'Oliver, das hat keinen Zweck, Du musst wieder zurück'.“ Die Kundschaft könnte ja ungeduldig auf Belieferung warten. Auf den Spontan-Kalauer, dass Höpel wahrscheinlich dreimal den Bund der Ehe geschlossen habe (nacheinander mit der Besitzerin einer Papiermühle, der Erbin eines Autohauses und der Tochter eines Speditionsunternehmers), reagiert er trocken: „Nö, ich war noch nie verheiratet.“
Der Mercedes 560 SEC von Bruno Sacco im Fahrbericht (Video)

Die Wände der Werbe-Walhalla
Wie auch immer: Für derart überraschend eintretende Situationen wie den geplanten Jahres-Urlaub könnte man Abwesenheitsvermerke auf der Website des eigenen Unternehmens stellen, doch Höpel macht so etwas nicht. Immerhin: „Früher habe ich Bestandslisten in Form ausgedruckter Word-Dateien versendet, mittlerweile habe ich meinen eigenen Webshop.“ Unter der eingängigen Adresse „Automobil-Literatur.de“ kann man scrollen, bis die Familienangehörigen grollen. Herrlich!
Ungleich spannender, weil atmosphärisch direkter ist aber das endlos erscheinende Entlangstreifen an den Buchwänden der Werbe-Walhalla. Ein ganzer Regalriegel mit sich unter BMW-Prospekten durchbiegenden Brettern schiebt sich in unser Schritt- und Blickfeld. Er ächzt unter den Inhalten der sorgfältig, wenn auch handschriftlich angebrachten Vermerke wie „E46“, „E36“, „E34“ und so weiter. „BMW“, sagt Höpel, indem er das US-Owners Manual eines E28 in die Hand nimmt, „war meine Ausgangs-Leidenschaft, speziell der 5er der E28-Baureihe.“
Alles, was er damals als Schüler an Prospekten habe in die Finger bekommen können, habe er aus den Autohäusern geschleppt, die er per Fahrrad abklapperte. Wahllos. „Bis die mich rausgeschmissen haben, weil ihnen das nach einiger Zeit gegen den Strich ging.“ Doch wenig später verhielt es sich genau umgekehrt: „Die Händler erhalten zweimal jährlich große Chargen mit den neuesten Prospekten und Preislisten. Die waren letztlich froh, dass ich ihnen das Zeugs Palette um Palette abnahm und sie es nicht entsorgen mussten.“
So ähnlich, wie bei den erwähnten YACHT-Magazinen? Nein, denn bei Höpel liegen mitnichten nur Ladenhüter, obwohl er zwanghaft einfach nichts liegen lassen kann. Dennoch sagt Höpel überraschende Sätze wie diesen: „Ich hänge an nichts von dem hier. Außer an den Sachen, die mich interessieren.“ Letztendlich sei er „weder Jäger noch Sammler, eher nur Händler“, wobei die Grenzen fließend sind. In jedem Fall ist Höpel ein Bewahrer im Zwischenraum. Hier, in all diesen Gängen und Regalen, lagert die auszugsweise Geschichte des Automobils in einer Art Schwebezustand.
Die 1950er-Jahre sind passé
Weil der gewählte Beruf des Automobilkaufmanns, nun ja, dann doch nicht der innige Wunsch des jungen Höpel war, entschied er sich früh, aus seiner Sammel-Leidenschaft ein Geschäftsmodell zu entwickeln. „Ich kann einfach nix wegwerfen“, leidet der Geschäftsmann beinahe ein wenig an sich und seiner Handelsware, die uns nunmehr in Form einer spanischen Betriebsanleitung für einen Renault Mégane sowie für einen südafrikanischen VW-Bulli der Generation T3 vor die Augen fällt. „Habt ihr das hier schon gesehen?!“, wankt der nun seltsamerweise doch begeisterte Höpel gefährlich auf einem Holzschemel, um vom obersten Regalboden die wie die darin beworbenen Autos ebenfalls im XXXXL-Format gehaltene Jahresmappe von GM mit „The 1987 GM Detroit Collection“ herunterzunehmen.
Auch bei dem original eingeschweißten VW Käfer-Sammelband nebst Modell glänzen Höpels Augen. Aber alles rein sachlich hier, klar. „Im Autohaus hatten wir 33 Mitarbeiter und 300.000 Artikel. Mein Ein-Mann-Betrieb lagert und führt 90.000 Posten.“ Die Bücher übrigens kauft Höpel überwiegend bei den Verlagen direkt oder über rebuy/momox an. „Aber nur, wenn es sich erkennbar lohnt.“ Die Margen seien eher dünn, je nach Werk.

Weil Höpel erst um 1990 damit begann, seinen Warenbestand aufzubauen, gibt es bei ihm eher aktuelle und halb-antiquarische Druckwerke mit Ausreißern bis in die 1950er-Jahre. „Aber das will kein Mensch, danach besteht so gut wie keine Nachfrage mehr.“ Klar – irgendwann hat jede Sammlerin, jeder Sammler seine Schäfchen im Trockenen und irgendwann beißen auch Schäfchen ins Gras: „Angebote in Form von Nachlässen nehmen zu, sowohl von privat als auch aus der Branche.“ Erst kürzlich wurde der legendäre WK-Verlag nach dem Tod seiner Eigner aufgelöst. Höpel hätte nach eigenen Worten „zehntausend Zeitungen für ein Taschengeld“ haben können, doch fährt er an diesem Punkt unsanft gegen die Wand. Oder besser gesagt: an die Wände, und zwar an die sein Archiv umschließenden Außenmauern. „Die Angebote übersteigen schlicht meine räumlichen Möglichkeiten“, muss selbst der Mann des grenzenlosen Blätterwaldes einsehen.
Gerade noch können wir uns auf die Zunge beißen mit der Idee, doch einfach weitere Räumlichkeiten anzumieten, da sagt Höpel: „Klar könnte ich expandieren. Doch frage ich mich, ob ich im Alter von 52 Jahren noch expandieren sollte. Denn das hier“, er macht dabei eine weit ausgreifende Geste, „ist alles endlich.“ Er verweist dabei auf zwei bestimmende Umstände: „Es werden weltweit seit 2025 kaum noch Autoprospekte gedruckt, die bekommt man nunmehr ausschließlich auf den Websites der Hersteller als PDF. Ausnahmen wie Österreich bestätigen die Regel, dort werden keine Autos produziert und die Kundschaft muss enger und auch traditioneller umworben werden.“ Oh. Eine erschreckende Erkenntnis auch für den Autor dieser Zeilen, der früher als Junge ebenfalls die Regale der Händler von Lieblingsmarken flöhte. Und dies als verantwortungsvoller Journalist natürlich bis heute tun muss!
Die Zeiten der gedruckten Autoliteratur sind vorbei
Aber es stimmt: Damit ist nun absehbar Finito. Und dann? „Dann werden nach und nach die heutigen Kunden naturgemäß ableben und nachfolgende Generationen viel weniger mit den heute so gefeierten und begehrten Druckwerken anfangen können.“ Und damit gehts in die absolute Nische und ins geschäftliche Risiko? Es könnte jedoch auch sein, dass man als „last man standing“ eine attraktive Poleposition einnähme.
Doch da wird es eben immer auch noch dieses Ding namens Internet mit seinen Online-Börsen und -Kleinanzeigen geben, wo zahllose Privatanbieter:innen und Kleingewerbler:innen auf immer Automobilia anbieten werden. Und das vor allem oft zu günstigen Preisen, weil die Kosten für eine professionelle Lagerhaltung sowie den administrativen Aufwand inklusive eines Webshops wie im Falle Höpels entfallen. „Ich war zum Zeitpunkt meiner Unternehmensgründung im Jahr 2006 beim Umsatz eh schon optimistischer, als es dann kam“, sagt der seit 20 Jahren antiquarisch aktive Oliver Höpel, dessen Situation stellvertretend für alle Hauptberufler:innen in dieser Branche steht.
Die Zeiten ändern sich rasant. „Na klar werden weiterhin Kunden ein Automagazin eines bestimmten Jahrgangs als passendes Geburtstagsgeschenk kaufen, aber das sind ja ganz andere Dimensionen, als wenn jemand einen der letzten gebundenen Bände zum BMW i8 sucht.“ Hier oben liegen sie, die allerletzten Exemplare besagter BMW-Publikationen, wenn auch zu i7 und 6er-Coupé. Mit Stoff bezogenes Hardcover, 130 Gramm Silk Papier, Layout, Satz und Fotografie von Noblesse und Finesse dominiert – aus.
Das wars also, Meister Höpel? „Den Endzeitpunkt verorte ich in rund 15 Jahren, so lange wird es mich wohl noch ernähren.“ Und damit auch die Auto- und Geschichtsaffine Kundschaft satt machen. E46-Material gehe gerade „wie geschnitten Brot“, im dünnen Angebot von Staubfängern wie Borgward & Co. herrsche hingegen „null Interesse“. Nun, das liegt sicherlich immer auch ein wenig am eigenen Engagement, an der eigenen Begeisterung für eine bestimmte Marke oder für eine bestimmte Zeit. Höpel ist da selbst keine Ausnahme: Auch er ist sich und seiner Generation treu geblieben, fährt seit Jahrzehnten BMW-Fünfer der Baureihe E28. Den ersten hatte er von seinem Vater übernommen. „Der wäre sonst verschrottet worden.“ Aha. Auch hier begegnet uns das Muster des Bewahrens. Wie bei den Büchern und Prospekten.
Nach über 20 Exemplaren E28 chauffiert Höpel aktuell einen 524td, erstanden als US-Modell aus Hawaii. Der Turbodiesel hat leider nie in einer Folge von „Magnum“ mitgewirkt. Höpel mag ihn trotz der „Big Bumpers“ (oder gerade deshalb) und baut auch selbstverständlich nicht auf Europa-Version um. Wegwerfen könnte er die US-Stoßfänger ja dann sowieso nicht. Schräge Typen braucht das Land.
Apropos schräg: Etwas besorgt schaue ich auf den mittlerweile bedrohlich kippelnden Stapel meiner (rein professionell ...) hier aus gesuchten Bücher und Prospekte. Und erinnere mich plötzlich mit schaurig-innerem Donnerhall an die leicht diabolische Eingangsfrage der Kollegen, ob mir eine Reportage zum Thema Autoliteratur persönlich „nicht zu gefährlich“ sei. Pfft! „Ich kenne einen, der hat sogar 90.000 solcher Druckwerke!“, werde ich fortan in bester Abwehr auftrumpfen können. Und nun ist hier aber wirklich mal endlich Schluss!
Von Knut Simon
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