Konzernpoker: Der Audi Asso di Picche mündete im Scirocco

Der Audi Asso di Picche ("Pik-Ass") war ein Trumpf für VW, Lancia und Lotus, aber nicht für Audi: Der von Karmann und Giugiaro entwickelte Keil legte in den 70ern eine unerwartete Karriere hin.

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Der Audi Asso di Picche stehend von vorne.
Audi Asso di Picche Foto: Italdesign

Mit Keilschrift von Giorgetto Giugiaro: 1973 entwarf der Jahrhundertdesigner gemeinsam mit Karmann den Audi Asso di Picche auf 80er-Basis. Die Studie hat Erben von VW, Lancia und sogar Lotus!

Der Audi Asso di Picche stehend von schräg hinten.
Audi Asso di Picche Foto: Italdesign

Um die Keilform zu realisieren, verkürzte Giugiaro das Heck und verlängerte die Front.

Der Audi Asso di Picche stehend von schräg vorne.
Audi Asso di Picche Foto: Italdesign

Die Motorhauben-Hutze, der Frontspoiler und der fehlende Stoßfänger verleihen dem Mittelklasse-Coupé Würze. 

Der Audi Asso di Picche stehend von hinten.
Audi Asso di Picche Foto: Italdesign

Mit rund 175 km/h Höchstgeschwindigkeit gehört der Asso di Picche 1973 zu den Schnellen im Lande, die meisten bekämen nur sein Heck zu sehen.

Der Audi Asso di Picche stehend seitlich.
Audi Asso di Picche Foto: Italdesign

Dabei steht bei Karmanns und Giugiaros Trumpf der Show-Effekt eher im Fokus.

Der Audi Asso di Picche stehend mit offenen Türen, von oben fotografiert.
Audi Asso di Picche Foto: Italdesign

Türen, die verführen: Für das Herunterfahren der Scheiben entwickelt Giugiaro ein Patent, die Türtaschen lassen sich zum Einkauf mitnehmen.

Der Innenraum des Audi Asso di Picche.
Audi Asso di Picche Foto: Italdesign

Mondän trifft minimalistisch: Der Innenraum ist wohnlich und wegweisend zugleich.

Karmann hat ein Problem. Es ist ein 18 Jahre altes und optisch noch immer schön anzusehendes Problem: Der VW Karmann-Ghia Typ 14, der fast zwei Dekaden lang die Fließbänder beim Osnabrücker Unternehmen bewohnt und die Kassen gefüllt hat, steht im Rahmen der VW-Heckmotordämmerung 1973 vor dem Aus. Zwar steht bereits fest, dass der Nachfolger VW Scirocco ebenfalls bei Karmann produziert werden soll. Aber was ist schon sicher in diesem Jahr, in dem die Ölkrise die Autobahnen leerfegt und in Wolfsburg der größte Umbruch des 20. Jahrhunderts stattfindet?

Karmann geht also in die Offensive und schickt deshalb einen Prototypen-Auftrag nach Turin (Italien), zu einem gewissen Giorgetto Giugiaro. Dessen Designschmiede Italdesign ist gerade zwar ebenfalls mit reichlich Aufträgen aus Wolfsburg beschäftigt – neben dem VW Passat nehmen auf den Skizziertischen im Piemont auch Scirocco und Golf langsam Gestalt an – aber der Maestro findet auch für diesen Entwurf Zeit, zumal es um ein schnittiges Coupé der aufstrebenden Marke Audi geht.
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Ein Hauch von Drama am Audi Asso di Picche

Die vier Ringe haben Anfang der 70er ihre Selbstfindungssuche in der Ursuppe aus Horch, Wanderer, DKW und Auto Union weitgehend abgeschlossen und mit der Oberklasse 100, dem 100 Coupé S und der Mittelklasse 80 ansehnliche wie wegweisende Modellreihen auf den Weg gebracht. Was hier offensichtlich noch fehlt, ist ein knackiger Zweitürer auf 80er-Basis. Ob Giugiaro die Namensidee beim Skat spielen kommt, ist bis heute unklar – damals tauft er das Karmann-Projekt Asso di Picche, zu deutsch "Pik Ass". Dass sich daraus später beinahe ein ganzes Quartett aus Studien für BMW oder Isuzu entwickelt, ist eine andere Geschichte.

Bevor Osnabrück und Turin mit der Audi-Studie auf der IAA 1973 (20 Stars der IAA 1973) auftrumpfen können, muss der Jahrhundert-Designer erst einmal die zweckmäßigen Proportionen des 80ers auf den Kopf stellen. Dazu kürzt er der Mittelklasse das Heck und verlängert den vorderen Überhang, um die schwer angesagte Keilform zu realisieren. Diese fällt am Bug besonders markant aus, da Giugiaro auf die obligatorischen Stoßfänger verzichtet und stattdessen einen Spoiler unterhalb der Front integriert. Eine versetzte Hutze auf der Haube verleiht dem Ingolstädter einen Hauch von Drama.

Türen zum entführen: Giugiaro erfindet abnehmbare Edel-Türtaschen

Und völlig übertrieben ist das freche Stilmittel auch nicht, denn im Prototypen röhrt bereits der noch nicht käufliche 1,6er aus dem Audi 80 GT mit respektablen 100 PS (74 kW). Mit einer Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in etwa zehn Sekunden und einer Höchstgeschwindigkeit von rund 175 km/h gehört der 1150 kg leichte Sportler damals zu den Schnellen im Lande. Der Fokus liegt für Karmann und Italdesign aber auf anderen Talenten. Damit die stark von den Türflächen abknickenden Seitenscheiben heruntergefahren werden können, lässt Giugiaro ein System patentieren, dass die Fenster unten erst in Richtung Innenraum zieht, wo sie dann im dafür vorgesehenen Schlitz senkrecht verschwinden.

Der Innenraum des Audi Asso di Picche.
Foto: Italdesign

Die Türen haben übrigens noch einen weiteren Party-Trick auf Lager: Die Türtaschen aus todschickem, braunen Leder lassen sich abknöpfen und zum Beispiel zum Einkaufen mitnehmen – oder zur nächsten Modenschau. Überhaupt spielt der Designer im Innenraum mit dem Wow-Faktor, denn auch die restlichen Lederbezüge auf den Sitzen, dem Armaturenbrett und der Mittelkonsole erinnern an einen gediegenen Gentlemen's-Club. Kein Vergleich zum Serien-Interieur, das den Charme eines vorstädtischen Amtsbüros versprüht. Und es geht sogar richtig futuristisch, wie der röhrenförmige Instrumententräger samt digitaler Anzeigen und das minimalistische Zweispeichenlenkrad beweisen.

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In Serie geht der Asso di Picche so natürlich nicht, weil Audi zu dieser Zeit eher auf Absatz aus ist als auf Design-Lorbeeren. Aber der Entwurf stößt auf Wohlwollen in den Chefetagen von Ingolstadt und Wolfsburg. Karmann gelingt es auch dadurch, jahrzehntelang enge Verbindungen mit VW zu pflegen. Und Giugiaro? Der hat nun ein Ass im Ärmel und zückt es optisch erkennbar sowohl bei der Entstehung des VW Scirocco wenige Monate später als auch 1976 beim Lotus Esprit und sogar 1979 beim Lancia Delta