Vergleich

Alpina B10 vs. Mercedes 350 SE AMG: Duell der Tuning-Raritäten

Leistung satt und Platz für die ganze Familie bieten der Mercedes 350 SE AMG und der Alpina B10 3.5 E28. So reicht das fahrdynamische Angebot vom schnellen Urlaubstrip bis zum forschen Landstraßenspaß.

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Alpina B10 3.5 / Mercedes 350 SE AMG fahrend von schräg vorne fotografiert.
Treffen sich heutzutage ein Mercedes der Baureihe W116 und ein 5er-BMW der E 28-Generation, so darf man getrost den Begriff „Raritäten“ verwenden, denn allzu oft begegnen wir den beiden Limousinen zumindest im Alltag kaum. Foto: Jürgen Gassebner
Mercedes 350 SE AMG fahrend von vorne fotografiert.
Insgesamt 11.957,40 Mark verrechnete die AMG Motorenbau GmbH am 23. Februar 1979 für diesen Umbau und damit ziemlich exakt ein Drittel dessen, was der Mercedes 350 SE seinerzeit neu kostete: 36.199,95 Mark samt einiger Sonderausstattung. Foto: Jürgen Gassebner
Mercedes 350 SE AMG fahrend von hinten fotografiert.
Die fehlenden oberen Stoßstangen sparen Gewicht und lassen den Mercedes 350 SE AMG optisch leicht wirken. Foto: Jürgen Gassebner
Das Cockpit des Mercedes 350 SE AMG.
Das AMG-Sportlenkrad und das Zusatzinstrument sind zarte Hinweise auf den sportlichen Charakter dieses W116. Foto: Jürgen Gassebner
Der Innenraum des Mercedes 350 SE AMG.
Das auf Komfort ausgerichtete Gestühl lädt zweifelsohne zu performanten Langstreckenfahrten ein. Artgerecht liegt der erste Gang beim Fünfgang-Sportgetriebe des 350er-AMG hinten links. Foto: Jürgen Gassebner
Der Motor des Mercedes 350 SE AMG.
Stattliche 225 PS (165 kW) und 317 Nm sorgen in Verbindung mit dem Fünfgang-Getriebe für sportive Fahrleistungen. Foto: Jürgen Gassebner
Alpina B10 3.5 fahrend von vorne fotografiert.
Alpina-Spoiler, dezente Linierung und der plakative Schriftzug lassen niemanden über die Performance im Unklaren. Foto: Jürgen Gassebner
Alpina B10 3.5 fahrend von hinten fotografiert.
Gleichwohl handelt es sich bei unserem Alpina B10 3.5 um ein ganz besonderes Fahrzeug, das im August 1985 vom Alpina-Firmensitz in Buchloe ins ferne Japan ausgeliefert wurde. Foto: Jürgen Gassebner
Das Cockpit des Alpina B10 3.5.
Das Alpina-Sportlenkrad ersetzt beim B10 3.5 das etwas biedere E28-Exemplar. Foto: Jürgen Gassebner
Der Innenraum des Alpina B10 3.5.
Alpina-Bezugsstoff für die Sportsitze und die Türtafeln geben dem B10 3.5-Interieur Sportlichkeit. Foto: Jürgen Gassebner
Der Motor des Alpina B10 3.5.
Stramme 261 PS (192 kW) und satte 346 Nm schieben den Alpina B10 3.5 höchst nachdrücklich an. Foto: Jürgen Gassebner
Alpina B10 3.5 / Mercedes 350 SE AMG fahrend von schräg hinten fotografiert.
Das Alpina-Heck klärt sofort, was Sache ist. Der Mercedes-AMG macht hingegen ganz auf schwäbisches Understatement. Foto: Jürgen Gassebner

Raritäten-Treffen: Alpina B10 3.5 trifft Mercedes 350 SE AMG

Treffen sich heutzutage ein Mercedes der Baureihe W116 und ein 5er-BMW der E 28-Generation, so darf man getrost den Begriff „Raritäten“ verwenden, denn allzu oft begegnen wir den beiden Limousinen zumindest im Alltag kaum. Rot im Kalender anstreichen darf man indes jenes Datum, an dem uns ein Mercedes 350 SE AMG in Begleitung eines Alpina B10 3.5 über den Weg läuft. So geschehen anlässlich unserer diesmaligen Fotoproduktion zweier Limousinen, die es gehörig hinter den Ohren, pardon den Zylindern, haben.

Der Mercedes 560 SEC im Fahrbericht (Video)

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Video: AUTO ZEITUNG

Lebendiger und druckvoller V8 im AMG

Satte 225 PS (165 kW) leistet der 3,5-l-V8 vom Typ M 116 E 35 und damit 30 PS mehr als das Serien-Pendant. Auch in puncto Drehmoment kann der AMG-Motor den Serien-V8 übertreffen. 317 Nm des Affalterbachers stehen hier 284 des Untertürkheimers gegenüber. Bemerkenswert am M 116-Motor ist dessen kurzhubige Auslegung, bei der sich üppige 92 mm Zylinderbohrung mit 65,80 mm Hub zu exakt 3499 cm3 Hubvolumen errechnen.

Der kurze Hub bietet gleich zwei Vorteile. Erstens bleibt die Kolbengeschwindigkeit auch bei höheren Drehzahlen in einem gesunden Bereich, zweitens eröffnet die große Zylinderbohrung die konstruktive Möglichkeit für große Ventildurchmesser. So bietet bereits der Serien-M 116 viel Drehfreude und Temperament – und erst recht der von AMG gedopte V8.

Beließ AMG die Bosch K-Jetronic-Einspritzung sowie die Abgasanlage unangetastet, ging es bei dem bereits von Hause aus nicht schwächlichen V8 vor allem an den Zylinderköpfen zur Sache. Dabei wurden bearbeitete Ein- und Auslasskanäle, ebenso bearbeitete Ein- und Auslassventile sowie drehzahlfestere Kipphebel mit schärferen Nockenwellen kombiniert.

Heraus kam ein V8 von noch lebendigerem und druckvollerem Geblüt, als ihn die Serienbasis zu bieten vermag. Bei glatten 6000 Touren erreicht der Mercedes 350 SE AMG seinen Leistungszenit von 225 PS (165 kW) – 250 Umdrehungen später als das Großserientriebwerk.

Sportlich gestaffeltes Fünfgang-Getriebe

Das Resultat ist eine spürbar sportlichere und gleichsam fülligere Leistungscharakteristik, ergänzt von nochmals gesteigerter Drehfreude. Wohl wissend, dass fulminante Beschleunigung untrennbar mit der Zugkraft an den Antriebsrädern verbunden ist, setzte AMG ganz im Sinne der Fahrdynamik auch beim Getriebe den Hebel an.

Verfügt die Serienversion entweder über eine Automatik oder ein Viergang-Handschaltgetriebe, so spendierte das bereits am 1. Juni 1967 von Hans Werner Aufrecht und Erhard Melcher gegründete Unternehmen der „Sportversion“ dieser Mercedes S-Klasse auch ein passend zur Leistungsdarstellung des Motors gestaffeltes Fünfgang-Handschaltgetriebe von Getrag mit hinten liegendem ersten Gang in Verbindung mit einem angepassten Hinterachsdifferenzial.

Insgesamt 11.957,40 Mark verrechnete die AMG Motorenbau GmbH am 23. Februar 1979 für diesen Umbau und damit ziemlich exakt ein Drittel dessen, was der Mercedes 350 SE seinerzeit neu kostete: 36.199,95 Mark samt einiger Sonderausstattungs-Details, darunter Kopfstützen und Sicherheitsgurte im Fond, Drehzahlmesser, wärmedämmendes Glas und Heckscheibenheizung sowie die einfarbige Sonderlackierung in auffälligem Gelb.

Mercedes 350 SE AMG fahrend von schräg vorne fotografiert.
Foto: Jürgen Gassebner

ATS-Felgen und Gewichtsersparnis

Den höchst sportlichen inneren Werten des Antriebsstrangs begegnet der Mercedes 350 SE AMG äußerlich recht dezent, sieht man von der plakativen gelben Lackierung ab. Die zeitgenössischen ATS-Felgen der Dimension 7 x 15 Zoll fallen ein halbes Zoll breiter aus als bei der Serie und tragen 205/60 VR 15-Reifen. Einige Kilogramm Gewicht spart auch der Wegfall der bei dieser S-Klasse üblichen übereinander angeordneten Doppelstoßstangen ein.

Eine Maßnahme, die den W116 im AMG-Trimm vorn wie achtern etwas performanter erscheinen lässt und auch Besitzer Björn Striening gut gefällt. „Ich habe mir den Wagen 2015 gekauft, einfach weil er ein Einzelstück ist, über den tollen AMG-Antriebsstrang verfügt und insbesondere durch die Sonderlackierung in Uni-Gelb recht sportiv erscheint. Dennoch werde ich mich auf Sicht von ihm trennen und ihn zum Verkauf anbieten“, erzählt Striening, der sich mit seiner Firma speedART Automobildesign GmbH in Gerlingen insbesondere als Spezialbetrieb für Porsche einen guten Namen gemacht hat.

Alpina B10: Bereits im Stand ultra-performant

Seine Sportlichkeit deutlich markanter zur Schau trägt der Alpina B10 3.5 der Baureihe E 28 – etwa durch den keilförmig gestalteten Frontspoiler, die Spoilerlippe auf dem Heckdeckel, plakative Alpina- und B10 3.5- Schriftzüge sowie die typische Alpina-Linien-Grafik rundum. Keine Frage, Verwechslungen mit einem gewöhnlichen BMW der E 28-Baureihe werden hier binnen Sekundenbruchteilen komplett ausgeschlossen.

Alpina B10 lautete die Bezeichnung für die von 1985 bis 2003 in Kleinserie gebauten Modelle, die auf den BMW der 5er- und 6er-Reihe basierten und jeweils ihre eigene Fahrgestell-, Modell- und Motornummer erhielten. Der 3,5-l-Sechszylinder-Motor wurde umfangreich bearbeitet und seine Leistung von 185 PS (136 kW) auf 261 PS (192 kW) gesteigert.

Lediglich 77 Exemplare der ersten Generation des B10 3.5 und 44 Exemplare des B10 3.5 Coupé auf Basis des 635 CSi wurden produziert. Allemal sehr exklusiv, wenngleich der Mercedes-AMG unseres Vergleichs in dieser Hinsicht nicht zu schlagen ist: Er ist, wie gesagt, ein Einzelstück.

Eine Alpina-Rarität aus dem fernen Japan

Gleichwohl handelt es sich bei unserem Alpina B10 3.5 um ein ganz besonderes Fahrzeug, das im August 1985 vom Alpina-Firmensitz in Buchloe ins ferne Japan ausgeliefert wurde. Dem ist die Ausstattung mit einer Automatik an Stelle des ansonsten weit verbreiteten Fünfgang-Sportgetriebes von Getrag geschuldet. Ebenso die Ausstattung mit der sogenannten „England-Scheinwerferausführung“, da in Japan bekanntlich Linksverkehr herrscht. Für die deutsche Zulassung wurden sie natürlich ersetzt.

Umso erstaunlicher ist wiederum, dass das Fahrzeug vom Kunden seinerzeit als Linkslenker geordert wurde. Ansonsten birgt das Auslieferungsdokument Sonderausstattungen, wie sie seinerzeit gängig waren: Alpina-Sitzausstattung, Velours-Fußmatten und Goldstreifenumrandung, Kopfstützen im Fond mit Alpina-Bezugsstoff, grüne Wärmeschutzverglasung sowie ein elektrischer Beifahrerspiegel, elektrisch betätigtes Schiebedach und Fensterheber, Klimaanlage, Leuchtweitenregulierung, eine stärkere Stromversorgung und ein großer Werkzeugkasten.

Alpina B10 3.5 fahrend von hinten fotografiert.
Foto: Jürgen Gassebner

Feine beeindruckende innere Werte

Für Burim Mlinaku, Inhaber der Firma Goldstadtautomobile in Pforzheim, war die außergewöhnliche Kombination dieses Wagens schließlich auch der Kaufgrund. Er sagt: „Der B10 3.5 vermittelt einfach Freude am Fahren. Die Performance, das Fahrverhalten und auch das Design innen wie außen – das ist schon toll. Dennoch werde auch ich den Wagen wieder verkaufen und hoffe, dass sich ein ebenso begeisterter Liebhaber findet.“

Für die Leistungssteigerung zog man bei Alpina etliche Register. Während der Hubraum des Sechszylinders mit 3430 cm3 unangetastet blieb, sorgen leichtere Mahle-Gusskolben mit Schräge und Quetschkante in Verbindung mit dem halbkugelförmigen Brennraum für eine effektivere Verbrennung. Die Anpassung der Sekundärübersetzung erfolgt durch ein Hinterachsdifferenzial mit Sperrdifferenzial samt 25 Prozent Sperrgrad.

Verglichen mit dem fast zehn Jahre älteren Mercedes 350 SE AMG aus dem Jahr 1976 offenbart sich der Alpina B10 3.5 freilich als das rundum modernere Auto. Dem neueren Entwicklungsstand geschuldet sind beispielsweise die Bosch-Einspritzung Motronic II mit kennfeldgesteuerter Zündung sowie Schubabschaltung, ebenso das ABS und die 16-Zoll-Bereifung von Michelin. Auch fahrwerksseitig macht der Alpina keine Gefangenen und setzt auf Bilstein- Gasdruck-Federbeine mit Schraubenfedern aus konifiziertem Draht sowie belüftete Bremsscheiben.

Fazit

Wer die Wahl hat, hat die Qual, heißt es so schön. Und in der Tat fällt eine Entscheidung zwischen Mercedes 350 SE AMG und Alpina B10 3.5 schwer. Performance und Fahrdynamik sprechen eindeutig für den Alpina, Seltenheit und Understatement hingegen für den Mercedes-AMG. Obgleich bekennender Fan sportlicher Automobile, insbesondere jener von BMW und Porsche, würde ich mich bei dieser Geschichte klar für den „Benz“ entscheiden. Eine gelbe S-Klasse mit Sportmotor als Fünfgang-Handschalter – das hat einfach was! Insbesondere dann, wenn ahnungslose Zeitgenossen nicht mehr als einen braven W116 unter dem gelben Kleid vermuten und fahrdynamisch dann eines Besseren belehrt werden.

Technische Daten von Alpina B10 3.5 und Mercedes 350 SE AMG

Classic Cars 06/2023

Alpina B10 3.5

Mercedes 350 SE AMG

Zylinder / Ventile pro Zylin.

6 / 2

8 / 2

Hubraum

3430 cm³

3499 cm³

Leistung

192 kW/261 PS bei 5800 U/min

165 kW/225 PS bei 6000 U/min

Max. Gesamtdrehmoment bei

346 Nm bei 4000 U/min

317 Nm bei 4500 U/min

Getriebe / Antrieb

4-Gang-Automatik / Hinterrad

5-Gang-Getriebe / Hinterrad

L / B / H

4620 / 1700 / 1395 mm

4960 / 1870 / 1425 mm

Leergewicht

1340 kg

1675 kg

Bauzeit

1985 – 1987

1976

Stückzahl

77

1

Beschleunigung null auf 100 km/h

6,4 s

6,9 s

Höchstgeschwindigkeit

245 km/h

240 km/h

Verbrauch auf 100 km

ca. 12 l S

ca. 12 l S

Grundpreis (Jahr)

83.600 Mark (1985)

48.076 Mark (1976)