Alpina B10 vs. Mercedes 350 SE AMG: Duell der Tuning-Raritäten
Leistung satt und Platz für die ganze Familie bieten der Mercedes 350 SE AMG und der Alpina B10 3.5 E28. So reicht das fahrdynamische Angebot vom schnellen Urlaubstrip bis zum forschen Landstraßenspaß.
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Raritäten-Treffen: Alpina B10 3.5 trifft Mercedes 350 SE AMG
Treffen sich heutzutage ein Mercedes der Baureihe W116 und ein 5er-BMW der E 28-Generation, so darf man getrost den Begriff „Raritäten“ verwenden, denn allzu oft begegnen wir den beiden Limousinen zumindest im Alltag kaum. Rot im Kalender anstreichen darf man indes jenes Datum, an dem uns ein Mercedes 350 SE AMG in Begleitung eines Alpina B10 3.5 über den Weg läuft. So geschehen anlässlich unserer diesmaligen Fotoproduktion zweier Limousinen, die es gehörig hinter den Ohren, pardon den Zylindern, haben.
Der Mercedes 560 SEC im Fahrbericht (Video)

Lebendiger und druckvoller V8 im AMG
Satte 225 PS (165 kW) leistet der 3,5-l-V8 vom Typ M 116 E 35 und damit 30 PS mehr als das Serien-Pendant. Auch in puncto Drehmoment kann der AMG-Motor den Serien-V8 übertreffen. 317 Nm des Affalterbachers stehen hier 284 des Untertürkheimers gegenüber. Bemerkenswert am M 116-Motor ist dessen kurzhubige Auslegung, bei der sich üppige 92 mm Zylinderbohrung mit 65,80 mm Hub zu exakt 3499 cm3 Hubvolumen errechnen.
Der kurze Hub bietet gleich zwei Vorteile. Erstens bleibt die Kolbengeschwindigkeit auch bei höheren Drehzahlen in einem gesunden Bereich, zweitens eröffnet die große Zylinderbohrung die konstruktive Möglichkeit für große Ventildurchmesser. So bietet bereits der Serien-M 116 viel Drehfreude und Temperament – und erst recht der von AMG gedopte V8.
Beließ AMG die Bosch K-Jetronic-Einspritzung sowie die Abgasanlage unangetastet, ging es bei dem bereits von Hause aus nicht schwächlichen V8 vor allem an den Zylinderköpfen zur Sache. Dabei wurden bearbeitete Ein- und Auslasskanäle, ebenso bearbeitete Ein- und Auslassventile sowie drehzahlfestere Kipphebel mit schärferen Nockenwellen kombiniert.
Heraus kam ein V8 von noch lebendigerem und druckvollerem Geblüt, als ihn die Serienbasis zu bieten vermag. Bei glatten 6000 Touren erreicht der Mercedes 350 SE AMG seinen Leistungszenit von 225 PS (165 kW) – 250 Umdrehungen später als das Großserientriebwerk.
Sportlich gestaffeltes Fünfgang-Getriebe
Das Resultat ist eine spürbar sportlichere und gleichsam fülligere Leistungscharakteristik, ergänzt von nochmals gesteigerter Drehfreude. Wohl wissend, dass fulminante Beschleunigung untrennbar mit der Zugkraft an den Antriebsrädern verbunden ist, setzte AMG ganz im Sinne der Fahrdynamik auch beim Getriebe den Hebel an.
Verfügt die Serienversion entweder über eine Automatik oder ein Viergang-Handschaltgetriebe, so spendierte das bereits am 1. Juni 1967 von Hans Werner Aufrecht und Erhard Melcher gegründete Unternehmen der „Sportversion“ dieser Mercedes S-Klasse auch ein passend zur Leistungsdarstellung des Motors gestaffeltes Fünfgang-Handschaltgetriebe von Getrag mit hinten liegendem ersten Gang in Verbindung mit einem angepassten Hinterachsdifferenzial.
Insgesamt 11.957,40 Mark verrechnete die AMG Motorenbau GmbH am 23. Februar 1979 für diesen Umbau und damit ziemlich exakt ein Drittel dessen, was der Mercedes 350 SE seinerzeit neu kostete: 36.199,95 Mark samt einiger Sonderausstattungs-Details, darunter Kopfstützen und Sicherheitsgurte im Fond, Drehzahlmesser, wärmedämmendes Glas und Heckscheibenheizung sowie die einfarbige Sonderlackierung in auffälligem Gelb.

ATS-Felgen und Gewichtsersparnis
Den höchst sportlichen inneren Werten des Antriebsstrangs begegnet der Mercedes 350 SE AMG äußerlich recht dezent, sieht man von der plakativen gelben Lackierung ab. Die zeitgenössischen ATS-Felgen der Dimension 7 x 15 Zoll fallen ein halbes Zoll breiter aus als bei der Serie und tragen 205/60 VR 15-Reifen. Einige Kilogramm Gewicht spart auch der Wegfall der bei dieser S-Klasse üblichen übereinander angeordneten Doppelstoßstangen ein.
Eine Maßnahme, die den W116 im AMG-Trimm vorn wie achtern etwas performanter erscheinen lässt und auch Besitzer Björn Striening gut gefällt. „Ich habe mir den Wagen 2015 gekauft, einfach weil er ein Einzelstück ist, über den tollen AMG-Antriebsstrang verfügt und insbesondere durch die Sonderlackierung in Uni-Gelb recht sportiv erscheint. Dennoch werde ich mich auf Sicht von ihm trennen und ihn zum Verkauf anbieten“, erzählt Striening, der sich mit seiner Firma speedART Automobildesign GmbH in Gerlingen insbesondere als Spezialbetrieb für Porsche einen guten Namen gemacht hat.
Alpina B10: Bereits im Stand ultra-performant
Seine Sportlichkeit deutlich markanter zur Schau trägt der Alpina B10 3.5 der Baureihe E 28 – etwa durch den keilförmig gestalteten Frontspoiler, die Spoilerlippe auf dem Heckdeckel, plakative Alpina- und B10 3.5- Schriftzüge sowie die typische Alpina-Linien-Grafik rundum. Keine Frage, Verwechslungen mit einem gewöhnlichen BMW der E 28-Baureihe werden hier binnen Sekundenbruchteilen komplett ausgeschlossen.
Alpina B10 lautete die Bezeichnung für die von 1985 bis 2003 in Kleinserie gebauten Modelle, die auf den BMW der 5er- und 6er-Reihe basierten und jeweils ihre eigene Fahrgestell-, Modell- und Motornummer erhielten. Der 3,5-l-Sechszylinder-Motor wurde umfangreich bearbeitet und seine Leistung von 185 PS (136 kW) auf 261 PS (192 kW) gesteigert.
Lediglich 77 Exemplare der ersten Generation des B10 3.5 und 44 Exemplare des B10 3.5 Coupé auf Basis des 635 CSi wurden produziert. Allemal sehr exklusiv, wenngleich der Mercedes-AMG unseres Vergleichs in dieser Hinsicht nicht zu schlagen ist: Er ist, wie gesagt, ein Einzelstück.
Eine Alpina-Rarität aus dem fernen Japan
Gleichwohl handelt es sich bei unserem Alpina B10 3.5 um ein ganz besonderes Fahrzeug, das im August 1985 vom Alpina-Firmensitz in Buchloe ins ferne Japan ausgeliefert wurde. Dem ist die Ausstattung mit einer Automatik an Stelle des ansonsten weit verbreiteten Fünfgang-Sportgetriebes von Getrag geschuldet. Ebenso die Ausstattung mit der sogenannten „England-Scheinwerferausführung“, da in Japan bekanntlich Linksverkehr herrscht. Für die deutsche Zulassung wurden sie natürlich ersetzt.
Umso erstaunlicher ist wiederum, dass das Fahrzeug vom Kunden seinerzeit als Linkslenker geordert wurde. Ansonsten birgt das Auslieferungsdokument Sonderausstattungen, wie sie seinerzeit gängig waren: Alpina-Sitzausstattung, Velours-Fußmatten und Goldstreifenumrandung, Kopfstützen im Fond mit Alpina-Bezugsstoff, grüne Wärmeschutzverglasung sowie ein elektrischer Beifahrerspiegel, elektrisch betätigtes Schiebedach und Fensterheber, Klimaanlage, Leuchtweitenregulierung, eine stärkere Stromversorgung und ein großer Werkzeugkasten.

Feine beeindruckende innere Werte
Für Burim Mlinaku, Inhaber der Firma Goldstadtautomobile in Pforzheim, war die außergewöhnliche Kombination dieses Wagens schließlich auch der Kaufgrund. Er sagt: „Der B10 3.5 vermittelt einfach Freude am Fahren. Die Performance, das Fahrverhalten und auch das Design innen wie außen – das ist schon toll. Dennoch werde auch ich den Wagen wieder verkaufen und hoffe, dass sich ein ebenso begeisterter Liebhaber findet.“
Für die Leistungssteigerung zog man bei Alpina etliche Register. Während der Hubraum des Sechszylinders mit 3430 cm3 unangetastet blieb, sorgen leichtere Mahle-Gusskolben mit Schräge und Quetschkante in Verbindung mit dem halbkugelförmigen Brennraum für eine effektivere Verbrennung. Die Anpassung der Sekundärübersetzung erfolgt durch ein Hinterachsdifferenzial mit Sperrdifferenzial samt 25 Prozent Sperrgrad.
Verglichen mit dem fast zehn Jahre älteren Mercedes 350 SE AMG aus dem Jahr 1976 offenbart sich der Alpina B10 3.5 freilich als das rundum modernere Auto. Dem neueren Entwicklungsstand geschuldet sind beispielsweise die Bosch-Einspritzung Motronic II mit kennfeldgesteuerter Zündung sowie Schubabschaltung, ebenso das ABS und die 16-Zoll-Bereifung von Michelin. Auch fahrwerksseitig macht der Alpina keine Gefangenen und setzt auf Bilstein- Gasdruck-Federbeine mit Schraubenfedern aus konifiziertem Draht sowie belüftete Bremsscheiben.
Fazit
Wer die Wahl hat, hat die Qual, heißt es so schön. Und in der Tat fällt eine Entscheidung zwischen Mercedes 350 SE AMG und Alpina B10 3.5 schwer. Performance und Fahrdynamik sprechen eindeutig für den Alpina, Seltenheit und Understatement hingegen für den Mercedes-AMG. Obgleich bekennender Fan sportlicher Automobile, insbesondere jener von BMW und Porsche, würde ich mich bei dieser Geschichte klar für den „Benz“ entscheiden. Eine gelbe S-Klasse mit Sportmotor als Fünfgang-Handschalter – das hat einfach was! Insbesondere dann, wenn ahnungslose Zeitgenossen nicht mehr als einen braven W116 unter dem gelben Kleid vermuten und fahrdynamisch dann eines Besseren belehrt werden.
Technische Daten von Alpina B10 3.5 und Mercedes 350 SE AMG
Classic Cars 06/2023 | Alpina B10 3.5 | Mercedes 350 SE AMG |
|---|---|---|
Zylinder / Ventile pro Zylin. | 6 / 2 | 8 / 2 |
Hubraum | 3430 cm³ | 3499 cm³ |
Leistung | 192 kW/261 PS bei 5800 U/min | 165 kW/225 PS bei 6000 U/min |
Max. Gesamtdrehmoment bei | 346 Nm bei 4000 U/min | 317 Nm bei 4500 U/min |
Getriebe / Antrieb | 4-Gang-Automatik / Hinterrad | 5-Gang-Getriebe / Hinterrad |
L / B / H | 4620 / 1700 / 1395 mm | 4960 / 1870 / 1425 mm |
Leergewicht | 1340 kg | 1675 kg |
Bauzeit | 1985 – 1987 | 1976 |
Stückzahl | 77 | 1 |
Beschleunigung null auf 100 km/h | 6,4 s | 6,9 s |
Höchstgeschwindigkeit | 245 km/h | 240 km/h |
Verbrauch auf 100 km | ca. 12 l S | ca. 12 l S |
Grundpreis (Jahr) | 83.600 Mark (1985) | 48.076 Mark (1976) |

























