Fahrbericht

Nur 31 Exemplare: Die Geschichte der VW T1 Draisine

Ein Bulli für die Schiene? Ja, das gab es wirklich. 31 Mal sogar – beauftragt von der Deutschen Bundesbahn. VW Nutzfahrzeuge hat ein Exemplar der VW T1 Draisine (1954) gerettet und uns damit fahren lassen.

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VW T1 Draisine (1954) fahrend von schräg vorne fotografiert.
Die VW T1 Draisine von 1954 diente als kostengünstiges Transportmittel für Inspektionsfahrten. Wir sind sie gefahren! Foto: VW Nutzfahrzeuge
VW T1 Draisine (1954) fahrend von hinten.
Die Draisine gehört zu den kuriosesten T1-Variationen. Foto: VW Nutzfahrzeuge
VW T1 Draisine (1954) stehend von vorne.
Gemäß der DB-Vorschrift für "niedrige Nebenfahrzeuge" mussten alle Draisinen ab Mai 1956 vorn mit zwei Standard-Lampen in Weiß sowie einer roten am Heck ausgerüstet werden. Foto: VW Nutzfahrzeuge
VW T1 Draisine (1954) fahrend seitlich.
In Fahrt macht sich schnell das typische VW T1-Gefühl breit. Foto: VW Nutzfahrzeuge
VW T1 Draisine (1954) stehend von schräg vorne.
Und Stopp! 31 "Klv 20" wurden 1954/55 gebaut und waren bis Mitte der 70er-Jahre im Dienst. Heute existieren nur noch wenige. Foto: VW Nutzfahrzeuge
VW T1 Draisine (1954) fahrend von oben.
Nach 31 gebauten Einheiten war Schluss. Foto: VW Nutzfahrzeuge
VW T1 Draisine (1954) statisch von schräg vorne fotografiert.
Fahrtrichtungswechsel? Klappt nur mit Weiche, Rückwärtsgang ... Foto: VW Nutzfahrzeuge
VW T1 Draisine (1954) mit Hydraulik-Hebeeinrichtung schwebt über den Gleisen und ist gerade dabei, sich im Stand zu drehen.
... oder pfiffiger Hydraulik-Hebeeinrichtung. Foto: VW Nutzfahrzeuge
Der Autor in der Draisine sitzend. Er hat das Lenkrad lose in der Hand.
Beschleunigen, Schalten und Bremsen – das Pilotieren der Draisine gestaltet sich kaum anders als das eines gewöhnlichen T1-Bulli. Ein auf den Schienen sitzendes Eichhörnchen aber sorgt für Panik: Der reflexhafte Griff zum Lenkrad führt ins Leere – und wo, verflixt, ist der Hupknopf? Foto: VW Nutzfahrzeuge
Die Rückbank der VW T1 Draisine (1954).
Schienenomnibus oder Kleintransporter – der praktische Kombi-Aufbau mit herausnehmbaren Bänken macht beides möglich. Foto: VW Nutzfahrzeuge
Der Motor der VW T1 Draisine (1954).
Tief unten im riesigen Motorraum kauert der kleine Industriemotor mit 28 PS (21 kW) – ausreichend zum entspannten Schnüren über Land. Foto: VW Nutzfahrzeuge

Sonntagsbraten, echter Bohnenkaffee und danach der Cognac in der guten Stube, während Sissi über die Grundig-Mattscheibe flimmert: Im Geburtsjahr der VW T1 Draisine von 1954 sind die Entbehrungen der Nachkriegszeit in deutschen Haushalten endgültig Geschichte, das Wirtschaftswunder in der jungen Bundesrepublik nimmt volle Fahrt auf. Konsumgüter werden in Massen produziert, Waschmaschinen, Radio- und TV-Geräte sind plötzlich erschwinglich. Gleichzeitig schwingt sich der Arbeitsmarkt beständig zu neuen Höhenflügen auf. "Made in Germany" wird zum frischen Qualitätssiegel, der Exportschlager VW Käfer zum Symbol des Wirtschaftswunders. 1955 überspringt seine Produktion die Millionenmarke, selbstbewusst gefeiert mit einem in Gold lackierten Auto mit Glasperl-verzierten Stoßstangen. VW-Generaldirektor Heinrich Nordhoff erhält in diesem Zuge gar das große Bundesverdienstkreuz.

Das emsige Wirtschaften entfacht einen immensen Hunger nach Transportmöglichkeiten aller Art, die der zweite Volkswagen lässig pariert: der Bulli. Startet seine Karriere im März 1950 als Transporter, so werden schon im Sommer der Bus und der Kombi mit herausnehmbaren Sitzen nachgereicht. Volkswagen entwickelt ein virtuoses Spiel auf der Klaviatur der Differenzierung: Ob Kranken- und Pritschenwagen, letzterer auch mit Nachläufer oder hydraulischer Hubbühne, Kühltransporter oder Campervan, der damals noch Campingwagen hieß – der Autobauer hebt ständig neue Varianten aufs Tableau, für deren Umsetzung auch externe Firmen genutzt werden.

Der VW ID.Buzz GTX (2024) im Video

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Video: AUTO ZEITUNG

Die VW T1 Draisine (1954) gehört zu den kuriosesten Bullis aller Zeiten

Eine der ungewöhnlichsten ist der VW T1 Draisinen-Bulli von 1954, im Bahn-Sprech "Klv 20" getauft, schließlich wechselt der Bulli dabei erstmals die Transportart – von der Straße auf die Schiene: Was aussieht wie ein einmaliger Versuchsträger, eine Kreuzung eines Barndoor-Bulli mit einer Lokomotive, entpuppt sich in Wahrheit als Teil einer echten Kleinserie: Ganze 31 Draisinen-Bulli wurden gebaut. Wie so häufig spielt der schnöde Mammon eine entscheidende Rolle in diesem Kapitel der facettenreichen Bulli-Historie.

Die Deutsche Bundesbahn beschafft in jener Zeit knapp 1000 Motor-Draisinen als wirtschaftliche Transportlösungen, etwa für Inspektionsfahrten. Das Gros sind 3,30 m lange Spezialfahrzeuge, gebaut auch von der Beilhack GmbH aus Rosenheim, angetrieben von einem VW-Industriemotor. Daraus entsteht die Idee für eine kostengünstige Alternative durch die Nutzung der Bulli-Karosserie. 1954 ordert die DB einen Prototyp und weitere 30 Serien-Draisinen, paritätisch von Beilhack und WMD in Donauwörth. Volkswagen liefert die Karosserie mit integriertem Hilfsrahmen und einem 28 PS (21 kW) starken Industriemotor an die Maschinenfabriken. Kuriosum: Alle 30 Serienfahrzeuge werden bis 1955 ausgeliefert, der Prototyp erst ein Jahr danach. Starke zwei Jahrzehnte standen die Bulli-Draisinen im Dienst, dann verlieren sich ihre Spuren. VW Nutzfahrzeuge aber konnte eine aufspüren und hat sie wieder aufs Gleis gestellt.

Bekanntes Bulli-Gefühl mit erstaunlich hohem Fahrkomfort

Autor Arne Olerth fahrend in der VW T1 Draisine.
Foto: VW Nutzfahrzeuge

Unser Fotomodell trägt die Bahn-Nummer "Klv 20-5011" und ist damit die elfte Serien-Draisine, die bei Beilhack gebaut wurde. Unter dem Hilfsrahmen ist ein massiver Hauptrahmen montiert, der neben Achsen und Antrieb auch eine zentrale Hebeeinrichtung für das Wenden des Klv 20 trägt. Dabei wird ein Stempel hydraulisch abgelassen, bis er sich auf den Gleisen abstützt. Pumpt man weiter, so hebt er den Bulli an und ermöglicht sein leichtes Drehen. Danach Stempel einfahren und sichern – simpel, doch verblüffend wirkungsvoll.

Jetzt aber: Der Bulli, pardon, die Draisine steht in Fahrrichtung, wir entern die Kabine. Die Karosserie entspricht der ersten bis März 1955 gebauten Ausführung – ohne Schiebermützchen mit Frischluftanlage, dafür mit extragroßer Motorhaube, die der Baureihe den Spitznamen Barndoor einbrachte. Das über die gesamte Fahrzeugbreite reichende Armaturenbrett gibt es noch nicht im Barndoor-Kombi. Und noch etwas fehlt, logisch: das Lenkrad. Das irritiert stets aufs Neue während der Fahrt, bei der sich gleich das bekannte Bulli-Gefühl einstellt – leicht kauernde Sitzhaltung zur besseren Sicht, ein fröhlich schnatternder Boxermotor im Heck und ein erstaunlich hoher Fahrkomfort.

Das ist der Entkoppelung des Rahmens durch Gummielemente geschuldet, insbesondere aber den prima federnden VW-Sitzbänken. Das Anfahren erfordert ein wenig Feingefühl im rechten Fuß, sonst reißt die Haftung zwischen Stahlrad und Schiene schnell ab. Doch einmal in Fahrt, kann man routiniert die Gänge des ZF-Getriebes durchschalten. Auch das Verzögern klappt hervorragend dank Trommelbremsen rundum. Mit 28 PS (21 kW) schnüren wir ganz selbstverständlich über Land und fühlen uns zurückversetzt in eine Zeit, die vor Kreativität, Tatendrang und Innovation nur so strotzte. Am Zielbahnhof gibt es Bratwurst und Kaffee. Den aus der echten Bohne.

Technische Daten des VW T1 Draisine (1954)

Classic Cars 08/2024

VW T1 Draisine

Zylinder/Ventile pro Zylin.

4 / 2

Hubraum

1192 cm³

Leistung

21 kW / 28 PS bei 3000/min

Max. Gesamtdrehmoment bei

69 Nm bei 2000/min

Getriebe/Antrieb

4-Gang-Getriebe/Hinterrad

L / B / H

4100 / 1700 / 1900 mm

Leergewicht

1400 kg

Bauzeit

1954 – 1955

Stückzahl

31

Beschleunigung null auf 100 km/h

k.A.

Höchstgeschwindigkeit

70 km/h

Verbrauch auf 100 km

k.A.

Grundpreis (Jahr)

k.A.