Vergleich

VW Golf GLS und Käfer 1300: Giugiaro-Keil trifft Porsche-Kugel

VW Käfer und Golf sind grundverschieden und doch die deutschen Volksautos schlechthin: Porsche-Kugel trifft Giugiaro-Keil!

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VW Käfer und Golf fahrend im Slalom
Als der VW Golf I debütierte, war die Käfer-Idee schon rund 40 Jahre alt. Wie fühlen sich die beiden Millionenseller fünf Jahrzehnte später an? Foto: Jürgen Zerha/Bernd Ebener
Der VW Käfer 1300 fahrend von hinten
Ruckzuck kommt der Hintern rum: Heckmotor und Pendelachse verlangen Aufmerksamkeit. Foto: Jürgen Zerha
Das Cockpit des VW Käfer 1300
Zentraltacho, viel nacktes Blech und ein leicht außermittig zum Fahrersitz stehendes Lenkrad im Käfer. Foto: Jürgen Zerha
Der Motor des VW Käfer 1300
Boxersound im Heck, Luftkühlung, 40 PS (29 kW): Im VW Käfer 1300 regiert Vorkriegstechnik – und das hat seinen Charme. Foto: Jürgen Zerha
Der VW Golf GLS stehend von vorne
Brav, glattflächig, modern: Dem Golf sieht man die 50 Jahre nicht an – er ist ein zeitloser Klassiker. Foto: Bernd Ebener
Das Cockpit des VW Golf GLS
Reichhaltige Instrumentensammlung im Golf GLS von 1979 – aber ein Choke (gelbe Lampe links). Foto: Bernd Ebener
Der Motor des VW Golf GLS
Platzsparender Quereinbau, Wasserkühlung: Der Reihenvierzylinder mobilisiert 70 PS (51 kW) – Welten im Vergleich zum Käfer! Foto: Bernd Ebener

Zwei Erfolgskonzepte im Vergleich: VW Golf GLS trifft Käfer 1300

Es ist ein Aufeinandertreffen zweier Platzhirsche, ein Vergleich deutscher Auto-Ikonen. Doch langweilig ist es nie, die beiden Volks-Beweger aufs Neue zu erfahren. Der VW Käfer war das knuddelige Symbol des Wirtschaftswunders – und Jahrzehnte später um ein Haar wegen der dann hoffnungslos veralteten Technik Volkswagens Totengräber. Der von Giugiaro gezeichnete Golf wiederum trat als Sendbote einer neuen Zeit an, als Inbegriff des modernen Kompaktwagens in nüchtern-zeitlosem Design. Und er wurde zum Verkaufsweltmeister. So wie vor ihm schon der Käfer.

Zum Vergleich treten ein VW 1300 mit 40 PS (29 kW) von 1969 und ein Golf I GLS mit 70 PS (51 kW) von 1979 an. Beide also mit mittlerer Motorisierung, beides Autos, die man sich leisten konnte in jenen Tagen, in denen sie in der Blüte ihrer Jahre standen und, per Facelift frisch gemacht, wieder in den Ring stiegen, um noch eine Zeit lang durchzuhalten. In der Ausstattung zeigen sich feine Unterschiede: Der Käfer 1300 des Baujahrs 1968/69 hat kein gepolstertes Armaturenbrett und keine Rückfahrscheinwerfer. So viel Luxus war damals noch dem Käfer mit 1500er-Boxer vorbehalten.

Der VW ID. Polo GTI (2026) im Video

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Verkehrte Welt: Käfer schon mit Startautomatik, Golf nur mit Choke

Der Golf hingegen hält als GLS-Version schon so manches Extra parat – in diesem Testwagen sogar einen Drehzahlmesser in der Metalleffektblende des dunkelbraunen Armaturenbretts. Ab 1976 bot VW den GLS an. Nach den Werksferien 1978 präsentierte sich der auch mit vier Türen lieferbare Kompakte mit Kunststoff-Stoßstangen und von innen einstellbaren Außenspiegeln. Purer Luxus im Vergleich zum recht kargen und blechernen Käfer, doch bietet dieser dafür – damals natürlich gegen Aufpreis bestellbar – ein Stahlkurbeldach.

Wer hätte das erwartet: Startet man den Motor, verwöhnt der alte Krabbler die Person am Steuer mit einer Startautomatik, während man im Golf erst einmal zum Choke greifen muss, um den Reihenvierzylinder im kalten Zustand bei Laune zu halten (So funktioniert ein Choke). Doch solche kleinen Vor- und Nachteile haben unter Fans allenfalls akademischen Wert. Sogar eingefleischte Käfer-Fans werden inzwischen anerkennen, dass der Golf längst ein Oldtimer ist – und dass ein Golf mit sogenanntem „Barockheck“, also mit dem leichten Schwung im Abschlussblech (gebaut von Mai 1974 bis Juli 1975) mindestens genauso selten ist wie ein Brezelfenster-Käfer.

Käfer und Golf haben Geschichte geschrieben

Selbst das erste Facelift-Modell mit Kunststoff-Stoßstangen, aber kleinen Rückleuchten ist inzwischen rar geworden. Rost und unerbittliche Letzthand-Besitzende haben viel zu viele Golf I zu einem Festessen für die Schrottpresse gemacht. Es ist dieselbe Entwicklung wie beim VW Käfer – nur dass bei ihm alles viel früher begann. Die Volkswagen-Fanszene ist bis heute gespalten in Liebhabende der alten Heckmotor-Fahrzeuge und Anhänger:innen der „neueren“ VW mit wassergekühlten Frontmotoren.

Und auch wenn der Respekt voreinander mit der Seltenheit des jeweiligen Lieblings wächst, so ist eine gewisse Vorliebe für die eine oder andere Fahrzeuggattung durchaus verständlich. Immerhin hat der Golf den langjährigen Spitzenreiter Käfer als beliebtester Oldtimer Deutschlands (im Hinblick auf die H-Zulassungen) mittlerweile abgelöst. Beide Wagen haben deutsche Automobilbau-Geschichte geschrieben, doch diese großartigen Massenmodelle des Wolfsburger Weltkonzerns könnten unterschiedlicher nicht sein.

Zackig um die Kurve – oder doch eher zickig?

Motoranordnung, Kühlungsprinzip, Antrieb, Karosserieform – alles ist anders und führt zu vollkommen unterschiedlichen Fahrcharakteristika. Und genau dadurch wird dieser Vergleich so interessant. Der brummelige und etwas behäbige Boxer im Käfer-Heck sorgt beim Beschleunigen für viel Druck auf die Hinterachse und maximale Traktion. Doch mit mageren 40 PS (29 kW) liegen 100 km/h aus dem Stand erst nach langen 24,7 s an. Im Golf muss man zwar ein wenig mit Gas und Kupplung jonglieren, damit die 70 PS (51 kW) nicht die Vorderräder runterradieren. Stellt man es geschickt an, nimmt der Golf seinem Urahn in der 0-auf-100-km/h-Prüfung locker fünf Sekunden ab.

Auch im Fahrverhalten zeigt sich, dass zwischen Golf und Käfer Welten liegen. Moderne Zahnstangenlenkung, McPherson-Federbeine und Verbundlenker-Hinterachse lassen den Golf berechenbar untersteuernd seine Bahn ziehen. Der Käfer jedoch mit seiner Pendelachse und dem dahinterliegenden Motor kann ganz fix mal zickig werden, wenn man gar zu ambitioniert in die Kurve einlenkt. Das Heck bricht dann aus, und die Ausgleichsfeder bemüht sich zu verhindern, dass des Käfers Hinterachse sich aufbäumt und ihn zum Kippen bringt.

Nur mit Geschick kann man einen Käfer so schnell um die Pylonen lenken, dass der Golf Mühe hat, dranzubleiben. Keinerlei Vorteile kann der alte Krabbler auch beim Spritkonsum verbuchen. Im Test liefen 1969 im Schnitt 11,6 l Benzin pro 100 km durch den Solex-Vergaser. Der Golf GLS genehmigte sich 11,1 l auf der gleichen Distanz. Allerdings wird so ein Golf auch 161 km/h schnell, während der Käfer gerade mal 125 km/h erreicht. Dennoch fühlt sich im Käfer das gleiche Tempo schneller an. Und er hat viel mehr Oldie-Appeal.

Alles ist so nah bei einem: die Frontscheibe, die Tür, der einsame, runde Tacho. Die Heizung funktioniert auf der Autobahn gut, in der Stadt reicht es nur zu einem lauen Lüftchen. Und Gepäcktransport? Na ja. Es gibt zwei Kofferräume, doch beide sind alles andere als üppig bemessen. Der Golf dagegen bietet guten Sitzkomfort, ein wirksames Heizgebläse, Stauraum satt und das gute Gefühl, in einem von der Konzeption her modernen Auto zu sitzen. Er hat nicht ohne Grund die Köpfe und Herzen der Menschen erobert und aus ihnen die Generation Golf gemacht. Der Kugel-Porsche ist längst Kult, der Praktiker der 70er hat aufgeholt. Beide sind das Auto. In ihrer Zeit.

Technische Daten von VW Golf GLS und Käfer 1300

AUTO ZEITUNG 05/2026

VW Golf GLS

VW Käfer 1300

Zylinder / Ventile pro Zylin.

4 / 2

4 / 2

Hubraum

1457 cm³

1285 cm³

Leistung

51 kW/70 PS bei 5600 U/min

29 kW/40 PS bei 4000 U/min

Max. Gesamtdrehmoment bei

110 Nm bei 2500 U/min

87 Nm bei 2000 U/min

Getriebe / Antrieb

4-Gang-Getriebe / Vorderrad

4-Gang-Getriebe / Hinterrad

L / B / H

3815 / 1610 / 1410 mm

4030 / 1550 / 1500 mm

Leergewicht

805 kg

820 kg

Bauzeit

1974 – 1983 (Golf I ges.)

1938 – 2003 (Käfer ges.)

Stückzahl

6.780.050 (Golf I ges.)

21.529.464 (Käfer ges.)

Beschleunigung null auf 100 km/h

19,4 s

24,7 s

Höchstgeschwindigkeit

161 km/h

125 km/h

Verbrauch auf 100 km

11,1 l S

11,6 l S

Grundpreis (Jahr)

12.920 Mark (1979)

5150 Mark (1969)