Mercedes Vision EQXX (2022): Reichweite Sparwunder Vision EQXX

von Thomas Geiger 05.01.2022

Tesla, Lucid und Co.? Von wegen: Der neue Reichweiten-Champion kommt aus Stuttgart. Mit dem Mercedes Vision EQXX will die Marke auf der CES 2022 elektrische Effizienz neu definieren.​

Reichweitenangst war gestern. Mit dem Mercedes Vision EQXX zaubert der Erfinder des Automobils auf der Elektronikmesse CES Las Vegas 2022 ein Concept Car aus dem Hut, das Reichweiten von über 1000 Kilometer mit einer Akkuladung in Aussicht stellt. Auch wenn das bislang nur in Computersimulationen gelang, verspricht Mercedes, diese Fabelwerte nicht nur auf dem Prüfstand, sondern auch auf der Straße zu erzielen. Damit unterstreicht die Marke ihren Anspruch, die elektrische Zukunft des Automobils entscheidend mitgestalten zu wollen. Denn der silberne Sonderling ist nicht weniger als ein technologischer Leuchtturm – nur, dass der jetzt auf Sparflamme brennt. 1000 Kilometer klingen zwar imposant, sind für sich genommen aber keine allzu große Leistung, räumt Klaus Millerferli ein, der bei diesem Projekt die Fäden in der Hand gehalten hat. Denn das schaffen Tesla, Lucid oder manche chinesische Marken mit irrwitzig großen Batterien genau wie besonders versierte Sparfahrer:innen mit freudloser Schleicherei auch. "Die hohe Kunst ist es, das mit einem eher kleinen Akku und mit hoher Geschwindigkeit hinzubekommen, und zwar im realen Straßenverkehr", erklärt Millerferli und lenkt den Blick deshalb auf einen Wert, der viel aussagekräftiger ist als die Reichweite: den Verbrauch. Den hat Mercedes gegenüber dem EQS halbiert, auf unter zehn Kilowattstunden pro 100 Kilometer gedrückt und so die Idee vom Einliter-Auto auf die Elektromobilität übertragen. Mehr zum Thema: Unsere Produkttipps auf Amazon

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Der Mercedes Vision EQXX (2022) im Video:

 
 

Mercedes Vision EQXX auf der CES 2022

Dafür hat Mercedes alle Register gezogen und sämtliche Experten ins Boot geholt: "Beim Vision EQXX haben die besten Köpfe aus unseren Forschungs- und Entwicklungszentren mit den Ingenieuren unserer Formel 1- und Formel E-Teams zusammengearbeitet", sagt Entwicklungsvorstand Markus Schäfer. In nur 18 Monaten haben sie ein imposantes Ergebnis abgeliefert. Den größten Beitrag zur maximalen Effizienz leistet die Aerodynamik, die noch einmal deutlich ausgefeilter ist als beim EQS – und der ist mit einem cW-Wert von 0,20 schon Weltmeister unter den Serienautos. Dass der Mercedes Vision EQXX (2022) um 0,03 Punkte besser abschneidet, liegt an der flachen Silhouette des knapp fünf Meter langen Viertürers, an der hinten kaum sichtbar und trotzdem merklich eingezogenen Spur, an den nahezu voll verkleideten Rädern, die geschlossene Radhäuser wie etwa beim VW XL1 überflüssig machen, und vor allem am schlanken Heck, das dem Ideal der Tropfenform schon ziemlich nahekommt. Das gilt erst recht, wenn zur scharfen Abrisskante entlang der umlaufenden Rückleuchten noch der Bodenspoiler ausfährt und den Wagen aerodynamisch um weitere 15 Zentimeter streckt. Das erinnert nicht von ungefähr an das Concept IAA von 2015, bei dem Mercedes diesen Trick schon einmal angewandt hat. Natürlich ist auch der auf 150 kW und Geschwindigkeiten bis 140 km/h ausgelegte Antrieb maximal optimiert – allem voran die Batterie. Die setzt nach wie vor auf Lithium-Ionen-Zellen und hat mit rund 100 kWh eine ähnliche Kapazität wie im EQS, passt jetzt aber auch in einen Kleinwagen – und den nächsten EQA. Nicht umsonst hat der Mercedes Vision EQXX (2022) nur 2,8 Meter Radstand. Die Schwaben haben die Größe des Akkus halbiert, das Gewicht um ein Drittel reduziert und nebenbei auch noch die Betriebsspannung auf konkurrenzlose 900 Volt erhöht. Dazu gibt es eine optimierte Zellchemie, eine verbesserte Leistungselektronik, ein Gehäuse aus Karbon statt Alu und einen verbesserten E-Motor. Bei dem neuen Effizienzwunder sollen zwischen Akku und Asphalt nur noch fünf Prozent der Energie verloren gehen. ehr zum Thema: Das ist die CES 2022

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Reichweite des Mercedes Vision EQXX (2022)

Weil der Antrieb so effizient ist, braucht der Mercedes Vision EQXX (2022) auch fast keine Kühlung, was wiederum bei der Luftführung hilft und weiter am cW-Wert raspelt: Das bisschen Abwärme egalisiert eine absolut ebene Kühlplatte am Wagenboden. Nur unter Volllast, etwa auf einer Passstraße, öffnet sich noch eine Jalousie in der Front und lässt einen kühlenden Luftstrom in den Bug. Der tritt danach nicht durch die Radhäuser wieder aus, sondern durch die Motorhaube. Das sieht cooler aus und verhindert, dass die akribisch komponierten Strömungen um die bis zur Seitenwandbeschriftung der Reifen im Windkanal optimierten Räder mit ihren topfebenen Radkappen ruiniert werden. Zwar steht der EQXX für die Zukunft des Elektroautos, wirkt aber überraschend gegenwärtig. Anders als frühere Forschungsfahrzeuge gibt es einen realistischen, greifbaren Ausblick auf die nächste Fahrzeuggeneration. Das gilt für das Design genauso wie für das Interieur – selbst wenn vor allem das Infotainment buchstäblich "Next Level" ist. Denn gemessen an dem quer durchs Cockpit gespannten Display wirkt der eben noch als Hightech gefeierte Hyperscreen des EQS schon wieder wie ein Röhrenfernseher und lässt dessen Grafik beinahe museal anmuten, so faszinierend ist das neue Pixel-Feuerwerk. Langweilig wird einem auf den versprochenen 1000 Kilometern damit sicher nicht. Schade nur, dass es schon vorn vergleichsweise eng zugeht und man sich auf den hinteren Plätzen lieber keine Gäste auf langen Strecken vorstellen mag. Dass solch ein riesiges Display und all die Prozessoren dahinter für gewöhnlich viel Energie brauchen, ficht das Entwicklungsteam nicht an. Denn erstens baut es natürlich besonders sparsame Chips ein, zweitens werden nur jene Pixel mit Strom versorgt, die gerade benötigt werden, und drittens zapft es für das Infotainment genau wie für den Rest des Bordnetzes die Sonne an: Solarzellen auf dem Dach liefern genügend Energie für alle Nebenverbraucher, die üblicherweise am Zwölf-Volt-Akku hängen, verspricht Projektleiter Millerferli. Zwar schließt Mercedes eine Serienfertigung aus und spricht lieber vom Input für die Nachfolger des EQA oder EQC auf MMA-Basis (Modulare Architektur für Kompakt- und Mittelklasse), die etwa 2026 starten. Dennoch hat der Autobauer mit dem Einzelstück noch viel vor: Nicht umsonst bekommt das Auto eine Straßenzulassung, sagt Millerferli und blickt gespannt ins Frühjahr 2022, wenn der schnittige Silberling auf Rekordfahrt gehen soll. Damit das gelingt, pendelt der Prototyp aktuell zwischen Windkanal, Prüfstand und Teststrecke. Für einen Messeauftritt in Las Vegas bleibt da keine Zeit: Im Rampenlicht der CES 2022 sonnt sich deshalb nur ein Dummy des Mercedes Vision EQXX.

von Thomas Geiger von Thomas Geiger
Unser Fazit

Mehr als 140 Jahre nach der Erfindung des Automobils hat Mercedes es mit dem EQXX noch einmal erfunden und die Deutungshoheit über dessen Zukunft zurückerobert. Selbst wenn die Studie nie in Serie gehen wird, steckt sie von der Aerodynamik bis zur bionischen Konstruktion so voller Innovationen, dass die Marke auf Augenhöhe mit all den gehypten Start-ups und Seiteneinsteigern fährt – mindestens.

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