Vergleich

Härtetest 1975: So schlugen sich Golf, Kadett und Escort auf 20.000 km

Von der Hitze Marokkos zum Nordkap: 1975 schickte die AUTO ZEITUNG den Opel Kadett C, den Ford Escort MK2 und den damals neuen VW Golf 1 für einen Härtetest 20.000 km einmal quer durch Europa.

(1/13)
Ford Escort GL, Opel Kadett L 1200, VW Golf L statisch von der Seite fotografiert.
Für das Testteam der AUTO ZEITUNG war es 1975 klar, dem Nachfolger des Käfers und seinen schärfsten Konkurrenten in einem 20.000 km langen Härtetest auf den Zahn zu fühlen. Foto: Wolfgang Drehsen, Willy Bister
Opel Kadett L 1200, VW Golf L, Ford Escort GL statisch von vorne fotografiert.
Malerische Orte mit bunten Fassaden und engen Gässchen in Portugal. Foto: Wolfgang Drehsen, Willy Bister
Ford Escort GL statisch von schräg vorne fotografiert.
Afrika hin und zurück: Die Fähre von Algeciras nach Tanger kann in der Meerenge von Gibraltar schon mal heftig schaukeln. Der Citroën DS Break trägt die Ersatzteile des Trios. Foto: Wolfgang Drehsen, Willy Bister
Opel Kadett L 1200, VW Golf L, Ford Escort GL fahrend von schräg vorne fotografiert.
Über Pisten, die an Alpträume erinnern, erreicht das Test-Trio die sagenumwobene Stadt Moulay Idris in Marokko Foto: Wolfgang Drehsen, Willy Bister
Ford Escort GL, Opel Kadett L 1200, VW Golf L statisch von der Seite fotografiert.
Vereinte Nationen: Sieben Marokkaner und deutsche Tester schieben den festsitzenden Golf aus dem Schlamm. Foto: Wolfgang Drehsen, Willy Bister
Opel Kadett L 1200, VW Golf L, Ford Escort GL statisch von vorne fotografiert.
Ein Testfoto für die Ewigkeit: An dieser Zapfstation im marokkanischen Rif-Gebirge gab es neben Benzin eine Gratisreise in die Vergangenheit. Foto: Wolfgang Drehsen, Willy Bister
Ford Escort GL, Opel Kadett L 1200, VW Golf L fahrend von vorne fotografiert.
Kontrastprogramm: Auf der Tour in den Norden geht es über zum Teil herrliche Panoramastraßen entlang der Fjorde. Foto: Wolfgang Drehsen, Willy Bister
Opel Kadett L 1200, Ford Escort GL, VW Golf L fahrend von vorne fotografiert.
Rüber nach Finnland: Die Monotonie der Landschaft lullt ein. Foto: Wolfgang Drehsen, Willy Bister
VW Golf L, Opel Kadett L 1200, Ford Escort GL fahrend von schräg vorne fotografiert.
Das Testteam will zum Nordkap. Doch 35 km vorher ist Schluss. Per Auto geht das nur im Sommer. Bei für Norwegen milden minus 18 Grad können immerhin Kaltstart und Heizung getestet werden. Foto: Wolfgang Drehsen, Willy Bister
Das Cockpit des VW Golf L.
Golf: Bestes Cockpit im Test, große, gut ablesbare Rundinstrumente, gute Heizung. Foto: Wolfgang Drehsen, Willy Bister
Das Cockpit des Opel Kadett L 1200.
Kadett: Funktionelles Cockpit, einfache Bedienung, gute Heizung. Seitliche Austrittsdüsen fehlen aber. Foto: Wolfgang Drehsen, Willy Bister
Das Cockpit des Ford Escort GL.
Escort: Gutes Cockpit, aber die Hupe im Lenkstockhebel und die Heizungsbedienung verdienen Kritik. Foto: Wolfgang Drehsen, Willy Bister
VW Golf L, Opel Kadett L 1200, Ford Escort GL statisch von vorne fotografiert.
Gesamtbilanz nach 20.000 km: 5860 l Benzin, 32 l Öl, insgesamt 28 Reifen und diverse Ersatzteile. In den Behältern hinter den Fahrzeugen auf dem Bild befindet sich übrigens kein Treibstoff, sondern eingefärbtes Wasser Foto: Wolfgang Drehsen, Willy Bister

Härtetest: Neuer VW Golf 1 gegen Opel Kadett und Ford Escort

Vergleichstests mit bis zu 16 Fahrzeugen, Langstreckentests mit der später von anderen Magazinen kopierten Totaldemontage der Dauertestfahrzeuge – unkonventionelle Testmethoden der AUTO ZEITUNG sorgten schon in den Gründerjahren für Aufsehen. Und die Autohersteller schauten stets gebannt auf die Testergebnisse aus Köln. 1975 folgte dann der nächste Coup: der erste Härtetest quer durch Europa, von Marokko bis zum Nordkap.

Der Opel Kadett C war seit 1973 erfolgreich, der Ford Escort erschien Anfang 1975 im neuen Gewand. In dieser Kompaktklasse sorgte der neue VW Golf ab 1974 für reichlich Wirbel. Für das Testteam der AUTO ZEITUNG war es selbstverständlich, dem Nachfolger des Käfers und seinen schärfsten Konkurrenten in einem Härtetest auf den Zahn zu fühlen. Erste Idee: einmal rund ums Mittelmeer.

Telefonate mit den Autoherstellern, Konsulaten, Zollbehörden, dann die Ernüchterung: Das Passieren von Algerien, Libyen und Ägypten war nicht möglich. Und zwischen Israel und Ägypten gab es Ein- und Ausreiseprobleme. Die zweite, dann realisierte Idee und die Basis für spätere, spektakuläre Gewalttouren: von Köln über Frankreich, Portugal, Spanien bis nach Marokko. Dann zurück über Südeuropa und weiter über den Balkan bis Berlin. Von dort nach Norden in die Kälte, möglichst bis zum Nordkap.

Der VW Golf R (2023) im Fahrbericht (Video):

Video Platzhalter
Video: AUTO ZEITUNG

Die Testkandidaten: Drei Kompakt-Bestseller mit 50 PS

In der Zulassungsstatistik belegten die drei Kompaktmodelle im Sommer 1975 die ersten drei Plätze. Der Ford Escort war der Jüngste im Trio. Im Januar 1975 kam er mit dem bewährten Frontmotor und dem Heckantrieb des Vorgängers auf den Markt. Ford nutzte das Debüt für einen Paukenschlag in Sachen Ausstattung: H4-Licht und Stahlgürtelreifen waren ab sofort inklusive. Zum Test trat der Escort als GL mit 1,3-l-Motor und 54 PS (40 kW) an.

VW Golf L, Opel Kadett L 1200, Ford Escort GL fahrend von schräg vorne fotografiert.
Foto: Wolfgang Drehsen, Willy Bister

Rüsselsheim schickte den Opel Kadett C als Marktführer auf die 20.000 km-Marathontour. Bewährte Technik, problemloses Triebwerk, solides Fahrwerk, Heckantrieb – was sollte da passieren? Zum Test trat ein Kadett L mit 1,2-l-Motor und 52 PS (38 kW) an.

Überzeugt von den Fahreigenschaften des neuen Fronttrieblers stellten die Wolfsburger:innen dem Testteam einen VW Golf L mit 1,1-l-Motor und 50 PS (37 kW) zur Verfügung. Motor, Getriebe und Fahrwerk waren ebenso neu wie die gesamte Karosseriestruktur mit Kombiheck und Heckklappe – eine harte Bewährungsprobe für den erst wenige Monate alten Golf.

Die Kriterien: 20.000 km unter absolut identischen Bedingungen. Zum Start traten die drei Autos mit gleichen Reifen, geeichten Tachos und Ersatzteilen im Wert von je 1000 Mark, verteilt auf die Testfahrzeuge, und einen Begleit-Kombi an.

Richtung Süden: 5000 km bis nach Marokko

Das Gepäck ist verstaut, leicht im Ford Escort und Opel Kadett, etwas mühseliger im kleineren VW Golf-Kofferabteil. Start in Köln, es geht los. Bis Paris auf Autobahnpisten, dann Richtung Bretagne über hügelige Landstraßen, die ganze Lkw verschlucken. Die langwelligen Pisten lassen nur den Wolfsburger ein wenig nachschwingen. Ein alter Mann in Carnac weist den Weg zu den Menhiren. Nach zwei Kilometern: 2935 Felsblöcke, vermutlich Reste eines keltischen Tempels: „Asterix was here.“ Wenig später: der stürmische Atlantik. Wellen zerstäuben in gischtenden Wasserfahnen.

Den heftigen Seitenwind an der Küste entlang kann der VW Golf am besten ab. Nach vielen Stunden am Steuer eine kleine Erholung in Saint Nazaire. Am Hafentor drängeln sich 20 Fischkutter, die nach Öffnung mit heulenden Motoren um die besten Fangplätze schubsen und rammen – alles andere als christliche Seefahrt. Bordeaux, Biarritz: Auf den langen ebenen Pisten spielt der Wolfsburger seine bessere Motorelastizität aus. Später, im baskischen Hochland mit Kurven wie im Schwarzwald, gefällt der Opel am besten. Und das Testteam fällt abends todmüde ins Bett.

600 bis 800 km auf Landstraßen mit rund 50 PS (37 kW): Die nächsten Etappen werden kürzer. Am 4. Tag stellt eine 150 km lange Schlaglochpiste von Santander nach Valladolid höchste Anforderungen an die Testkandidaten. Die Hochebene Tierra de Campos erinnert an Kulissen für Italo-Western. Der Wind spielt hier wohl manchmal das Lied vom Tod. Die Einreise nach Portugal gelingt erst nach zermürbenden Formalitäten. Die Ersatzteilsammlung bedarf langer Erklärungen. In Coimbra verursacht der Ford bei der Inspektion einen Auflauf.

Der Escort sorgt in Portugal für Aufruhr

Die Mechaniker:innen zerreißen sich förmlich, denn den neuen Ford Escort gibt es in Portugal noch nicht. Lissabon, Setubal, über Sevilla an die spanische Küste: Afrika breitet sich vor dem Testteam aus. Die Überfahrt nach Tanger trennt das Team für sieben Stunden: Zwei Autos passen erst auf die nächste Fähre. Marokko: keine Sonne, tief hängende Wolken, Regen im Rif-Gebirge, schlammige Straßen, menschenleere Gegenden. Trotz widriger Pisten schafft das Team den Besuch der heiligen Stadt Moulay Idriss. Fès steht am nächsten Tag auf dem Plan.

Der Geruch der Ledergerbung aus den farbigen Bottichen hängt den Testern wohl heute noch in der Nase. Fotograf Wolfgang Drehsen möchte noch in ein Berberdorf. Doch der Versuch in der vermeintlich menschenleeren Gegend scheitert. Der VW Golf steckt fest. Plötzlich, wie aus dem Nichts, helfen sieben Marokkaner mit beim Schieben. Einige Dirham wechselten da gerne den Besitzer. Statt Berberdorf findet der Fotograf die wohl älteste Tankstelle Marokkos – ein Motiv für die Testlegenden.

Beim Golf ist das Fahrverhalten labiler geworden. Beifälliges Gemurmel der Zuschauenden für Manfred Visang, der als Mechaniker auf der Fähre von Afrika nach Europa in Rekordzeit die hinteren Dämpferbeine wechselt. Messungen ergaben später nur noch die halbe Dämpferleistung.

Runter von der Fähre. In vier Tagen muss das Team durch Spanien und Südfrankreich bis nach Neapel kommen. Dort wartet die nächste Mannschaft für die Tour Richtung Balkan und zum Nordkap. Die Autobahn bringt an den Tag, dass man im VW Golf am besten sitzt. Beim Opel Kadett verkrampft das Bein beim Gasgeben. Und der Ford Escort benötigt mehr Sitzverstellbereich. Noch ein wenig Verkehrschaos und Dauerhupen in Napoli – nach 15 Tagen und 7885 km erfolgt die Übergabe an das nächste Team. Buon viaggio, gute Reise.

Ersatzteiltransport im Citroën DS Break

Neapel, Brindisi: Das Testteam verlässt per Fähre Bella Italia und lässt sich ins griechische Igoumenitsa schippern. Von dort soll es nach Istanbul gehen. Beim Zoll dann Trouble: Alle Ersatzteile müssen aus dem Citroën DS Break in die Kofferräume von Kadett und Escort umgeladen und bis zur Ausreise verplombt werden. Das bedeutet hohe Zuladung und keinen Zugriff, falls Teile gebraucht werden, sowie nun ein Fahrverhalten wie beim Slalom beladen.

Citroën DS Break, Ford Escort GL statisch von schräg vorne fotografiert.
Foto: Wolfgang Drehsen, Willy Bister

Der geplante Grenzübertritt in die Türkei bleibt unvergessen. Zunächst rennen griechische Zöllner bei der Ausreise mit gezückter Waffe hinter den Testwagen her – ein Missverständnis. Dann der GAU: In die Türkei darf die Mannschaft nicht einreisen, weil die Namen der Tester und die Besitzer der Fahrzeuge nicht übereinstimmen. Mit Händen und Füßen und in allen Sprachen: Es hilft nichts. Die Schönheiten der Türkei findet das Team nur im Reiseführer. Die anschließende Tour über den Balkan Richtung Berlin sorgt erneut für Aufregung.

In Ungarn überholt die Testkarawane auf einer schlammigen Straße eine Kolonne von Bau-Lkw. Der erste blinkt schon geraume Zeit. Aber zum Überholen war da nichts. Als Günter Wiechmann am Steuer des VW Golf und Fotograf Willy Bister als Beifahrer neben den Lkw rollen, biegt der urplötzlich nach links ab. Nur ein Mitabbiegen verhindert Schlimmeres. Der Kotflügel des Golfs ist heftig lädiert, das Fahrwerk aber heil geblieben. Mit Hammerschlägen wird der Wolfsburger wieder fahrtüchtig gemacht.

VW Golf L, Opel Kadett L 1200, Ford Escort GL statisch von vorne fotografiert.
Foto: Wolfgang Drehsen, Willy Bister

35 km vor dem Nordkap ist die Reise vorüber

Nach insgesamt 30 Tagen wird über Wien und München dann Berlin erreicht. Vor dem Start in die Kälte erhalten alle drei Kandidaten eine Inspektion und neue Winterreifen verpasst. Hannover, Hamburg, Kopenhagen, Stockholm – wenig Aufregendes für das Test-Trio. Danach rüber nach Finnland. Die Monotonie der Landschaft lullt ein. Plötzlich ein Stopp: Wenige Meter vor der Testkolonne steigt ein Sportflugzeug auf. Für einen Notfall macht die Polizei aus der Straße mal eben eine Startbahn.

Hinter Oulu ändert sich die Landschaft. Der Blau des Himmels wird immer intensiver, der Schnee immer höher. Das Testteam nähert sich auf der festen, schneebedeckten Piste jeder Kurve vorsichtig. Die driftenden Lkw-Pilot:innen sind wohl verhinderte Rallye-Profis. Das Testteam will zum Nordkap. Doch 35 km vorher ist Schluss. Per Auto geht das nur im Sommer. Obwohl es mit minus 18 Grad für Norwegen eher mild ist, können Kaltstart und Heizung getestet werden. Der Opel Kadett und der Ford Escort springen gut an, der VW Golf schwächelt bei der Batterieleistung, startet nur mit Fremdhilfe.

Dafür besitzt der VW die beste Heizung. Von Skandinavien bleiben dem Team Erinnerungen an Fjorde, Fähren und Unmengen von Dörrfischen. Weniger gut schneidet die nordische Küche ab.„Imbißbuden- Niveau“ steht im Tagebuch. Die stürmische Rückreise mit der 14-Stunden-Fahrt auf der Fähre ist nichts für empfindliche Mägen. Die Autos jedoch bleiben heil. Die Testerfahrungen mit Fähren in ganz Europa und angeknallter Handbremse machten sich bezahlt.

Text: Werner Müller

Testteams: Günter Wiechmann, Gernot Röthig, Dieter Rodatz, Wolf-Rüdiger Ghedini, Werner Haas, Manfred Visang und Frank Thiemel

Fazit

Die beiden Hecktriebler Opel Kadett und Ford Escort überstanden die Gewalttour erstaunlich gut. Der Kadett rollte fast störungsfrei und vereinte Solidität mit günstigen Kosten. Der Escort zeigte sich grundsolide, fiel aber durch viele kleine Störungen auf. Ganz anders der VW Golf: Zu Beginn hoch eingeschätzt, zeigte sich bei Fahrwerk, Karosseriequalität und Motor viel Bedarf an Nacharbeit für die VW-Techniker.

Technische Daten von Ford Escort GL, Opel Kadett L 1200 und VW Golf L

AUTO ZEITUNG 12-15/1975

Ford Escort GL

Opel Kadett L 1200

VW Golf L

Zylinder / Ventile pro Zylin.

4 / 2

4 / 2

4 / 2

Hubraum

1297 cm³

1196 cm³

1093 cm³

Leistung

40 kW/54 PS bei 5500 U/min

38 kW/52 PS bei 5600 U/min

37 kW/50 PS bei 6000 U/min

Max. Gesamtdrehmoment bei

85 Nm bei 3000 U/min

78 Nm bei 3400 U/min

77 Nm bei 3000 U/min

Getriebe / Antrieb

4-Gang-Getriebe / Hinterrad

4-Gang-Getriebe / Hinterrad

4-Gang-Getriebe / Vorderrad

L / B / H

3978 / 1596 / 1398 mm

4124 / 1580 / 1375 mm

3705 / 1610 / 1410 mm

Leergewicht

898 kg

830 kg

808 kg

Bauzeit

1975 – 1979

1973 – 1979

1974 – 1983

Stückzahl

1.808.000

1.700.000

4.200.000

Beschleunigung null auf 100 km/h

20,6 s (AZ 12/1975)

20,9 s (AZ 12/1975)

17,3 s (AZ 12/1975)

Höchstgeschwindigkeit

138 km/h (AZ 12/1975)

133 km/h (AZ 12/1975)

145 km/h (AZ 12/1975)

Verbrauch auf 100 km

10,2 l S (AZ 12/1975)

9,6 l S (AZ 12/1975)

9,5 l S (AZ 12/1975)

Grundpreis (Jahr)

9875 Mark (1975)

9570 Mark (1975)

9585 Mark (1975)