AstroVette: Der Chevy-Deal, den (k)ein Astronaut ablehnen konnte
Während die Chevrolet Corvette C3 hierzulande lange Zeit im Rotlicht schillerte, fand sie in ihrem Heimatland vor allem in Rockstars und Astronauten große Fans. Ein verlockendes Angebot machte die NASA-Raumfahrer quasi zu Chevy-Werkspiloten. So entstanden die AstroVettes!
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Die AstroVette war das liebste Spielzeug der NASA-Astronauten
„Ground Control to Major Tom”, dichtete einst David Bowie in seinem Song „Space Oddity“. Glasklar: Wenn es Major Tom tatsächlich geben würde, hätte er nicht nur seine Proteinpillen eingeworfen und sich den Helm übergestülpt, sondern wäre auch mit einer Chevrolet Corvette C3 zum Kennedy Space Center gecruist. Tatsächlich fuhren nahezu sämtliche NASA-Piloten der 1960er- und frühen 70er-Jahre Chevrolets „All-American Sportscar“. Lag es an den nahezu außerirdischen Rundungen der GfK-Karosserie? Oder an der All-mächtigen Power des V8? Die Wahrheit ist tatsächlich noch profaner.
Dafür müssen wir aber erstmal tief in die frühen 60er eintauchen. Die Geschichte der Weltraum-Corvettes beginnt im Jahr 1962 mit Alan Shephard, dem ersten US-Amerikaner im Weltall. Für seine Errungenschaften schenkte Chevrolets Mutterkonzern General Motors dem Hobby-Rennfahrer nach seiner Rückkehr zur Erde eine spezialangefertigte Corvette mit Innenraum im Space-Age-Design.
Die Publikumswirksamkeit dieser Geste war enorm, sodass GM bereits an einem Plan tüftelte, noch mehr künftige Weltraumstars mit fahrbarem Untersatz auszustatten. Das Problem: Die Astronauten durften als Bundesbedienstete eigentlich weder hochpreisige Geschenke annehmen noch offizielles Sponsoring-Verträge eingehen. Hier kam Jim Rathmann ins Spiel. Der Indy 500 Sieger von 1960 unterhielt zufällig ein Chevrolet-Autohaus unweit des Weltraumbahnhofs in Florida. Seine Idee war simpel wie genial und hörte auf den Namen „Chevy for a Dollar“.
So konnten sich die Astronauten jedes Jahr exklusiv einen fabrikneuen Chevrolet ihrer Wahl leasen – zum symbolischen Preis von einem Dollar. Da die Space-Cowboys allesamt adrenalingierige Männer in ihren 30ern waren, braucht es nicht viel Vorstellungsvermögen, um die Wahl ihrer Autos nachvollziehen zu können. Bis auf Familienvater John Glenn, der für seine Kids einen Chevrolet Station Wagon orderte, holten sich alle Apollo-Helden eine Corvette ab.
Der Mercedes 560 SEC von Bruno Sacco im Fahrbericht (Video)

Natürlich wählten die Space-Cowboys Corvettes mit All-mächtiger V8 Power
In die Corvette-Annalen ging besonders das Trio der Apollo 12-Mission ein. Rund vier Monate, nachdem Neil Armstrong den ersten Schritt auf den Mond gewagt hatte, durften Alan Bean, Pete Conrad und Dick Gordon dessen Oberfläche erkunden. Für den Weg zur Startrampe hatten sich die drei Astronauten aus Spaß baugleiche Stingray-Coupés konfiguriert.
Das Design in Riverside Gold mit schwarzem Absatz rund um die B-Säule entwickelte niemand Geringeres als Alex Tremulis, der Stilist hinter wegweisenden Konzepten wie dem Cord 810 sowie 812 und dem Tucker Torpedo. Ein besonderes Highlight und das einzige Unterscheidungsmerkmal dieser AstroVettes findet sich am rot-weiß-blauen Aufkleber auf dem vorderen Kotflügel.
Die drei Nationalfarben nutzte die NASA, um die jeweilige Ausrüstung der Crewmitglieder zu markieren. An den Autos ist die Farbe des jeweiligen Astronauten mit der Abkürzung der Missionsrolle versehen: Commander Conrad erhielt einen CDR-Schriftzug auf dem roten Feld, Command Module Pilot Gordon „CMP“ in Weiß und Lunar Module Pilot Bean „LMP“ auf blauem Grund.
Quasi als Kontrastprogramm zum Hightech der Apollo-Raumkapseln konfigurierten Conrad, Gordon und Bean ihre Vettes archaisch bis puristisch. Auf der Habenseite stand der 390 PS (287 kW) mächtige 427er-V8, dessen sieben Liter Hubraum den charakteristischen Power-Dome auf der Motorhaube erzwangen. Keine Kreuze hingegen setzte das Trio bei den Optionen Servolenkung, -bremse und elektrische Fensterheber. So begann das körperliche Training nicht erst im Space Center, sondern bereits daheim in der Einfahrt.
Die Corvette für den Mond: GM entwickelte auch das Lunar Roving Vehicle mit
Für einen Artikel im US-amerikanischen Life-Magazin ließen sich die drei glücklichen Corvette-Leaser gemeinsam mit ihren Autos und der Mondlandekapsel ablichten. Und obwohl die Fotos um die Welt gingen, landeten die Boden-Boden-Raketen anschließend keineswegs in einer NASA- oder GM-Sammlung. Nach dem einjährigen Leasing gingen die Stingrays wieder zurück an Rathmanns Autohandel, der die Chevys regulär, ohne Hinweis auf deren namhafte Vorbesitzer, verkaufte. Das führte dazu, dass die meisten AstroVettes für immer von der Bildfläche verschwanden.
Zu den wenigen und am besten dokumentierten Ausnahmen gehört die goldene Corvette von Alan Bean. Corvette-Fan Danny Reed gelang es, Beans Fahrzeug 1971 auf dem Hof eines Auktionshauses anhand der Lackierung und insbesondere des „LMP“-Schriftzugs zu identifizieren. Reed zahlte gut die Hälfte des Neupreises und ist bis heute – 55 Jahre später – der Besitzer eines fahrbaren Stücks Weltraumgeschichte.

Während die LMP-Corvette gerettet und später behutsam restauriert wurde, boten GM und Rathmann 1971 ein letztes Mal ihr astronomisch günstiges Leasingprogramm an. Die Öffentlichkeit war nach sechs bemannten Mondflügen sowie drei bemannten Landungen an Weltraumforschung übersättigt. So wurde die Expedition von Apollo 13 im Jahr 1970 erst im Fernsehen übertragen, als der berühmte Funkspruch „Houston, wir haben ein Problem“ abgesetzt wurde und die gesamte Welt darum bangte, dass die Besatzung nicht das Schicksal von David Bowies Major Tom teilen musste.
Quasi zum feierlichen Abschluss von „Chevy for a Dollar“ posierte das Team von Apollo 15 1971 mit drei AstroVettes in den Farben Rot, Weiß und Blau samt dem ersten Mondauto. Das Lunar Roving Vehicle hatte General Motors mitentwickelt. Und so kam es, dass auch ein klitzekleines Stück Corvette-Seele mit auf den Mond fliegen durfte.


















