BMW-Chef Oliver Zipse: Interview "200.000 elektrifizierte Autos bis Ende 2020"

von Volker Koerdt 03.09.2020

Oliver Zipse, Vorstandsvorsitzender der BMW AG, sprach im Interview mit der AUTO ZEITUNG über die Herausforderungen durch die E-Mobilität und die Corona-Krise.

Sie sind gegen einen Aufschub der aktuellen CO2-Ziele. Warum? Viele Hersteller fürchten Strafzahlungen. Ist vor dem Hintergrund möglicher Produktionsprobleme das CO2-Ziel für 2020 überhaupt zu schaffen?
Von uns hören Sie keine Forderung nach einem Aufschub. Die Vorgaben sind seit Jahren bekannt – wir haben entsprechend investiert und uns frühzeitig vorbereitet. Das gilt für die CO2-Ziele in der EU für 2020/2021 und ebenso für die Einführung der Abgasstufe Euro 6d. Wir haben bei den CO2-Zielen der EU für dieses und nächstes Jahr Zusagen gemacht, die wir auch einhalten. Vielmehr noch: Für mich gehören Premium und Nachhaltigkeit untrennbar zusammen, und das gilt natürlich auch im Besonderen für unsere Fahrzeuge. Sie sind umso begehrenswerter, wenn man sie mit einem guten Gewissen fahren kann.

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Der BMW i5 im Video:

 
 

BMW-Chef Oliver Zipse im AUTO ZEITUNG-Interview

Derzeit hat BMW sieben SUV-Baureihen im Programm. X2 und X4 verkaufen sich nur schleppend. Bekommen sie Nachfolger, oder streichen Sie Modelle?
Unsere SUV-Modelle stehen weltweit hoch im Kurs, entsprechend sind wir hier auch bestens aufgestellt. Den BMW X2 oder den BMW X4 haben wir speziell für die Kunden ausgelegt, die in diesem Segment besonderen Wert auf Sportlichkeit legen. Beide Modelle verkaufen sich weltweit sehr zufriedenstellend und entsprechend unserer Planungen. Die konkrete Produktplanung künftiger Modelle diskutieren wir natürlich nicht öffentlich im Detail, aber auch in Zukunft werden unsere Kunden aus einem vielfältigen Modellprogramm das für sie passende Fahrzeug wählen können. 

Mit Mercedes arbeitet BMW eng zusammen. Könnten BMW und Mercedes auch zusammengehen – Stichwort Kostendruck?
Ein Zusammenschluss ist kein Thema. Wir sind beide im Premium-Segment aktiv, und der Wettbewerb zwischen uns hat beide Unternehmen stärker gemacht. Unsere Philosophie ist es vielmehr, dort strategische Partnerschaften einzugehen, wo wir gemeinsam einen größeren Hebel haben, Dinge umzusetzen. Und ich möchte hervorheben: Auf den Feldern, bei denen wir kooperieren, verbindet uns eine stets zielführende Form der Zusammenarbeit und eine hohe gegenseitige Wertschätzung. So fördern wir beispielsweise den Ausbau der Ladeinfrastruktur im Verbund mit mehreren Herstellern beim Netzanbieter IONITY, halten Anteile am Kartendienst HERE, haben unsere Mobilitätsdienste im Joint Venture YOUR NOW gebündelt und kooperieren beim Einkauf bestimmter Komponenten. 

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Alle reden über Digitalisierung. Glauben Sie, dass die Autohersteller mit digitalen Angeboten Geld verdienen können?
Den größten Teil des Umsatzes wird auch künftig der Vertrieb unserer Fahrzeuge ausmachen – sei es über Direktverkauf, Finanzierung oder Leasing. Aber wir zeigen schon heute, wie der digitale Nachverkauf von Fahrzeugfunktionen zu einem Teil dieses Geschäftsmodells wird. Mit unserem BMW Operating System 7 kann man etwa das Fahrerassistenzsystem Active Cruise Control nachträglich Over the Air aufspielen, und diese Angebote werden bereits gut angenommen. Außerdem erwarten unsere Kunden, dass wir ihr digitales Leben noch stärker in das Fahrzeug einbinden. Deswegen werden wir unser digitales Angebot weiter ausbauen.

Kann BMW seinen sportlichen Markenkern bei zunehmender Elektrifizierung erhalten?
In jedem Fall! Nehmen Sie zum Beispiel den BMW i4: Mit diesem Fahrzeug bringen wir die E-Mobilität in den Kern der Marke BMW – mit bis zu 600 Kilometer Reichweite, über 500 PS und einem begeisternden Design. Mit dem BMW i4 werden wir Maßstäbe für die E-Mobilität setzen. Deshalb ist es mir auch so wichtig, dass wir alle maßgeblichen Komponenten des elektrifizierten Antriebs selbst entwickeln und damit sicherstellen, dass unsere Kunden genau das bekommen, was sie von einem Fahrzeug der BMW Group erwarten: Sicherheit, Innovationskraft und Freude am Fahren. 

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Demnächst startet der 3er Touring als M-Modell. Sind leistungsstarke Modelle noch von Interesse, wenn ein Tempolimit kommt?
Zunächst: Die BMW Group lehnt ein generelles Tempolimit auf Autobahnen weiterhin ab, weil die Effekte für Sicherheit oder Klimaschutz sehr gering sind. Aber eine M-typische Performance, wie sie auch der BMW M3 Touring haben wird, spürt man nicht nur bei hoher Geschwindigkeit, sondern auf jedem Meter, den diese Sportwagen zurücklegen. Das sehen Sie auch am Beispiel USA, wo wir trotz Tempolimit ein Drittel aller M-Fahrzeuge absetzen. 2019 war das bislang erfolgreichste Jahr in der Geschichte der M GmbH, und glauben Sie mir, diese Fahrzeuge werden auch künftig ihren Platz in unserem Modellprogramm haben. Dabei wird auch die M GmbH einen zunehmenden und markentypischen Grad an Elektrifizierung erhalten.

Wie werden sich die BEV in Deutschland bis Ende 2021 entwickeln?
Ich gehe davon aus, dass sich auf unserem Heimatmarkt der aktuelle Wachstumstrend bei der E-Mobilität auch 2021 fortsetzt. Und unsere Modelle kommen genau zum richtigen Zeitpunkt. Ende 2021 werden wir dann bereits fünf vollelektrische Modelle fertigen: den BMW i3, den Mini Cooper SE, den BMW iX3, den BMW iNext und den BMW i4. Die Nachfrage nach unseren elektrifizierten Fahrzeugen – sowohl vollelektrisch als auch Plug-in-Hybride – ist gerade in Deutschland sehr hoch. Mit über 32.600 Anträgen wurden bis Ende Juli 2020 für unsere elektrifizierten BMW-Fahrzeuge die meisten Anträge aller Hersteller auf den Umweltbonus gestellt.

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BMW baute einst einen 7er mit Wasserstoff im Verbrenner. Ist die Brennstoffzelle ein Thema?
Sie sprechen von einer Initiative, die fast 15 Jahre in der Vergangenheit liegt. Seit 2013 kooperieren wir nun erfolgreich mit Toyota in diesem Bereich und werden ab 2022 die zweite Generation unseres Wasserstoff-Brennstoffzellen-Antriebs in einer Kleinserie des BMW X5-basierten BMW i Hydrogen Next vorstellen. Vor allem mit Blick auf die Langstreckentauglichkeit sehe ich in dieser Technologie eine mögliche, sinnvolle Ergänzung unseres Antriebsportfolios. Wichtig dabei ist, dass die Rahmenbedingungen stimmen: grüner Wassersto¬ff in ausreichender Menge und zu wettbewerbsfähigen Preisen sowie ein Netz an Wasserstofftankstellen. Davon wird die Akzeptanz dieser Antriebsart maßgeblich abhängen. Deshalb begrüßen wir die unterschiedlichen Initiativen in diesen Bereichen ausdrücklich. Anders als bei der batterieelektrischen Mobilität ist hier allerdings nicht damit zu rechnen, dass diese Infrastruktur allein über den Pkw-Bereich, sondern vielmehr auch über den Schwerlastverkehr aufgebaut werden wird.

Im zweiten Quartal 2020 hat BMW mit minus 300 Millionen Euro den ersten Quartalsverlust seit 2009 eingefahren. Wie sieht Ihre Prognose für das Gesamtjahr und 2021 aus?
Ich möchte hervorheben, dass die BMW Group im ersten Halbjahr 2020 trotz der Folgen der Corona-Pandemie einen Gewinn vor Steuern von fast einer halben Milliarde Euro erwirtschaftet hat. Seit Jahresmitte sehen wir eine Erholung der Märkte, allerdings mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und Intensität. Jetzt kommt es darauf an, wie robust dieser Aufwärtstrend ist. Zum jetzigen Zeitpunkt blicken wir daher vorsichtig, aber durchaus zuversichtlich auf das zweite Halbjahr 2020. Deswegen haben wir unseren Ausblick für 2020 auch gerade bestätigt. Für eine Prognose zu 2021 ist es jetzt noch zu früh.

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Weltweit konnte BMW im ersten Halbjahr bei den elektrifizierten Modellen nur ein leichtes Plus von 3,4 Prozent erzielen. Was erwarten Sie für die zweite Jahreshälfte?
Diesen Anstieg bei den elektrifizierten Fahrzeugen auf über 61.600 Einheiten haben wir erreicht, obwohl unser Gesamtabsatz im selben Zeitraum um 23 Prozent zurückgegangen ist. Damit ist der Anteil der elektrifizierten Fahrzeuge am Gesamtabsatz weltweit in den ersten sechs Monaten im Vergleich zum Vorjahr von 4,8 auf 6,4 Prozent gestiegen. Im Juli 2020 gab es einen regelrechten Push, die Verkäufe lagen 50 Prozent über Vorjahr. Bis Ende 2020 haben wir uns deshalb beim Absatz die Marke von 200.000 elektrifizierten Fahrzeugen vorgenommen.

Rolls-Royce wurde in den ersten sechs Monaten mit minus 37,6 Prozent deutlich härter als BMW getroffen. Woran liegt das?
Rolls-Royce bewegt sich in einem Segment, in dem Kunden besonders empfindlich auf negative globale Ereignisse und Stimmungen reagieren. Wir sehen aber heute bereits wieder einen erfreulichen Auftragseingang. Im Herbst 2020 kommt noch dazu der neue Ghost auf den Markt und damit der Nachfolger des bislang erfolgreichsten Modells der Luxusmarke.

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BMW will 6000 Stellen abbauen, Leiharbeiter und Werksverträge sollen weitgehend wegfallen.​ Wird es noch weitere Folgen der Corona-Krise für die Beschäftigten geben?
Hohe Flexibilität ist und bleibt ein zentrales Erfolgskriterium für jeden Automobilhersteller. Denn für unser Geschäftsmodell ist es unerlässlich, auf Veränderungen der Nachfrage schnell reagieren zu können. Gemeinsam mit der Arbeitnehmervertretung haben wir ein tragf¬ähiges Paket geschnürt, mit dem wir gut aufgestellt sind. Wir nutzen vor allem natürliche Fluktuation und unterbreiten freiwillige Angebote. Bei unseren Nachwuchskräften ändert sich nichts: Mit 1200 attraktiven Ausbildungsplätzen bilden wir weiter auf dem hohen Niveau des Vorjahrs aus und sichern uns damit wichtiges Fachkräftepotenzial für die Zukunft. Apropos Mitarbeiter: Dank ihrer ausgezeichneten und wirklich bemerkenswerten Leistung müssen wir auch in dieser anspruchsvollen Zeit keinen Fahrzeug-Launch verschieben.

In der Corona-Krise will BMW die Investitionen von 5,7 auf unter 4,0 Milliarden Euro zurückfahren. Wird sich das negativ auf die Einführung neuer Technologien auswirken?
Für mich steht außer Frage, dass wir auch in einer herausfordernden Situation wie der Corona-Pandemie unbedingt unsere technologische Vorentwicklung schützen müssen. Denn Technologien, die sich jetzt im frühen Stadium befinden, werden in einigen Jahren einen Innovationsvorsprung ermöglichen. Bis 2025 investieren wir insgesamt mehr als 30 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung der relevanten Zukunftsfelder und Technologien. Wir stehen deswegen zu unserem Wort: Alle Plug-in-Hybride und alle E-Modelle kommen wie geplant auf den Markt. Bis 2023 werden wir 25 elektrifizierte Modelle auf der Straße haben, davon die Hälfte vollelektrisch.

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