128ti/Focus ST/Golf GTI: Vergleichstest Kompaktraketen von BMW, Ford und VW im Dreikampf

von Caspar Winkelmann 12.05.2021
Inhalt
  1. BMW 128ti, Ford Focus ST und VW Golf GTI im Vergleichstest
  2. Fahrkomfort: BMW 128ti zu hart abgestimmt
  3. Motor/Getriebe: Ford Focus ST der Stärkste im Vergleichstest
  4. Fahrdynamik:  VW Golf GTI glänzt beim Bremsentest
  5. Umwelt/Kosten: BMW 128ti deutlich teurer als die Konkurrenz
  6. Messwerte & technische Daten BMW 128ti, Ford Focus ST und VW Golf GTI

Der BMW 128ti will im Segment der volkstümlichen Kompaktsportler Fuß fassen und legt sich mit zwei etablierten Rivalen an: Der VW Ford Focus ST und der VW Golf GTI erwarten den Bayern zum Vergleichstest.

Gesamtbewertung (max. Punkte)BMW 128tiFord Focus STVW Golf GTI
Karosserie (1000)587600599
Fahrkomfort (1000)638658694
Motor/Getriebe (1000)667636650
Fahrdynamik (1000)733747743
Eigenschaftswertung (4000)262526412686
Kosten/Umwelt (1000)350381380
Gesamtwertung (5000)297530223066
Platzierung321

Kann der BMW 128ti im Vergleichstest gegen den Ford Focus ST und den VW Golf GTI ausgleichen, was BMW-Fans an der aktuellen Generation des BMW 1er kritisieren? Seit ihrer Einführung im Herbst 2019 wird vor allem moniert, dass die intern F40 genannte Baureihe – dazu gehören auch der BMW X1 oder die 2er Tourer-Modelle – auf der sogenannten UKL-Plattform für Kompaktautos steht. Das bedeutet: Vorderrad- oder je nach Leistungsstufe Allradantrieb sowie quer eingebaute Drei- und Vierzylinder-Turbomotoren. Zumindest bei der Modellbezeichnung besinnen sich die Münchner nun auf alte Traditionen zurück und bieten den 1er als Turismo Internazionale an. Der "ti"-Schriftzug wies ab den 1960er-Jahren besonders sportliche Derivate einer Baureihe aus, verschwand Anfang der Nullerjahre jedoch in den Annalen. Der neue BMW 128ti leistet 265 PS, wird ausschließlich über die Vorderräder angetrieben und sortiert sich unterhalb des Topmodells M135i xDrive ein. Die Konkurrenten: etablierte Kompaktsportler wie der VW Golf GTI und der Ford Focus ST. Und genau diese beiden erwarten den Bajuwaren nun zum ersten Vergleichstest.

Der VW Golf 8 GTI (2020) im Fahrbericht (Video):

 
 

BMW 128ti, Ford Focus ST und VW Golf GTI im Vergleichstest

Mit roten Anbauteilen und dunkler Kühlerniere setzt sich der BMW 128ti optisch von den braveren Vertretern der Baureihe ab. Der aufgeklebte "ti"-Sticker an den hinteren Seitenschwellern dürfte aber nicht jedem gefallen. Ein selbstbewusstes Erscheinungsbild mit zahlreichen sportiven Details hat die Vergleichstest-Konkurrenz von Ford und VW natürlich ebenfalls zu bieten. Im Interieur gewährt die aktuelle 1er-Generation auf allen Sitzplätzen etwas mehr Bewegungsfreiheit als der Vorgänger. Im Ford Focus ST und VW Golf GTI finden Passagiere aber dennoch mehr Raum vor: So verbucht der VW dank stattlicher Innenbreite und bester Kopffreiheit vorn die luftigsten Platzverhältnisse für sich, während der Ford auf der Rückbank am meisten Knieraum offeriert. Außerdem punktet der ST mit dem größten Kofferraumvolumen (375 bis 1354 Liter) sowie beachtlichen 618 Kilogramm Zuladung. Bei umgeklappten Rücksitzen entsteht eine unpraktische Stufe, weil für den stärksten Focus – anders als bei BMW und Volkswagen – kein variabler Ladeboden zu haben ist. Während BMW für den 128ti keine Zuglast in der Zulassung vorsieht, dürfen die Kontrahenten jeweils bis zu 1,6 Tonnen an die Haken nehmen. Das Nachsehen hat der Münchener auch bei der Sicherheitsausstattung, obwohl diese für sich genommen umfangreich ausfällt. Focus und Golf fahren auf Wunsch aber mit noch mehr Sicherheitstechnik vor. Bereits häufig gescholten wurde die wenig intuitive Bedienung der achten Golf-Generation. An der Hardware – unbeleuchtete Touchflächen für Temperatur- und Lautstärkenregulierung oder unsensible Touchfelder statt herkömmlicher Lenkradtasten – hat sich nichts zwar noch nichts geändert, dafür erhielt das Multimediasystem ein Software-Update mit einigen Verbesserungen. Das Nullen des Bordcomputers etwa erfordert inzwischen weniger Bedienschritte. Mustergültig simpel in der Handhabung sind die Fahrzeug-, Multimedia- und Klimafunktionen im BMW 128ti, wobei die exzellente Sprachsteuerung ein Extra-Lob verdient und die Systeme der Kontrahenten Ford Focus ST und VW Golf GTI ganz schön alt aussehen lässt. Ebenfalls überzeugender: die etwas feineren Materialien im Innenraum inklusive geschäumter Kunststoffe im oberen Bereich der hinteren Türverkleidungen.

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Fahrkomfort: BMW 128ti zu hart abgestimmt

Obwohl der BMW 128ti das Turismo im Namen trägt, empfiehlt er sich nicht gerade als entspannter Begleiter auf langen Reisen. Zwar bieten die vielfach einstellbaren M-Sportsitze (500 Euro) einen guten Halt für den Torso, die Seitenwangen des Sitzkissens sind aber nur mäßig ausgeführt, und die Polsterung fällt insgesamt weniger bequem aus als bei den Sportsitzen der Vergleichstest-Gegner. Das Fahrwerk des 128ti verfügt über steifere Stabilisatoren, härtere Federn sowie modifizierte Stoßdämpfer, ist aber auch für einen Kompaktsportler arg kompromisslos auf Dynamik getrimmt. Bei Stadt- und Landstraßenfahrten reicht der 1er Frostaufbrüche zuweilen ungefiltert zu den Passagieren durch, und auf Autobahnen mit vermeintlich ebenem Belag regen selbst kleine Unebenheiten oder Wellen die Karosserie permanent an – anstrengend auf Langstrecken. Der wie der Golf mit aufpreispflichtigen adaptiven Dämpfern ausgerüstete Ford Focus ST präsentiert sich ruhiger als der BMW und schluckt Fahrbahnverwerfungen souveräner weg. Dennoch: An das ausgesprochen kommode Set-up des VW Golf GTI, der in jeder Fahrsituation die Contenance bewahrt und zudem am wirkungsvollsten gegen Wind- und Abrollgeräusche gedämmt ist, reicht er nicht heran.

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Motor/Getriebe: Ford Focus ST der Stärkste im Vergleichstest

Dafür hat der 280 PS starke 2,3-Liter-Turbo des Ford Focus ST die höchste Leistung in diesem Vergleichstest und mit 420 Newtonmetern das fülligste Drehmoment vorzuweisen. Die ebenfalls aufgeladenen Zweiliter-Aggregate der Konkurrenz bringen es auf 265 (BMW) und 245 PS (VW). Zwar liegen Focus und 1er beim Sprint auf Tempo 100 mit 5,9 Sekunden (Golf: 6,2 Sekunden) gleichauf, ab Tempo 130 zieht der BMW 128ti seinen Gegnern aber etwas davon. Einigkeit herrscht dagegen bei der Höchstgeschwindigkeit von jeweils 250 km/h. Während die Testwagen von Ford und VW jeweils über manuelle Sechsgang-Getriebe verfügen, ist der BMW ausschließlich mit einer Achtstufen-Automatik des japanischen Zulieferers Aisin erhältlich. An die Perfektion des aus der 3er- oder 5er-Baureihe bekannten ZF-Automaten reicht das Getriebe zwar nicht heran, es bietet aber dennoch kurze Schaltzeiten und einen ausgeprägten Komfort. Die händische Schaltarbeit bereitet im Focus besonders viel Freude, weil die Gänge präzise und mit angenehmem Feedback einrasten, während die Kupplung mit kurzem Pedalweg und klar definiertem Schleifpunkt besser zu bedienen ist als das etwas teigige Pendant im VW Golf GTI. An der Tankstelle setzen sich die laufruhigen Triebwerke von BMW 128ti und VW Golf GTI mit Testverbräuchen von rund acht Litern in Szene. Der Ford Focus ST verlangt dagegen einen Liter mehr Super. Entschädigt wird der Fahrer dafür mit dem emotionalsten Klangbild in diesem Trio samt bassigem Grundton und angriffslustigem Spratzeln aus der Sportabgasanlage bei Gangwechseln.

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Fahrdynamik:  VW Golf GTI glänzt beim Bremsentest

Schnellster auf der Handlingstrecke und in der Slalomgasse ist der BMW 128ti. Dennoch heften sich der VW Golf GTI und vor allem der Ford Focus ST dicht an seine Fersen. Der BMW baut im Vergleichstest einen immensen Grip auf, und die unter Komfortaspekten noch gescholtene stramme Fahrwerksabstimmung unterbindet nun wirkungsvoll Karosseriebewegungen. Zudem schiebt der Turbo bei Zwischensprints auf den Geraden noch ein Quäntchen kraftvoller an als die Triebwerke der Rivalen. Doch dem 1er fehlt die markentypische Rückmeldung von der Vorderachse oder auch beim Bremsen, sodass er bei der Kurvenhatz immer etwas distanziert wirkt. Wie mitteilungsfreudig und launig ein Kompaktauto mit Vorderradantrieb fahren kann, zeigt der Ford Focus ST: Für seine fast schon dramatische Kurvengier ist neben der direkt ansprechenden Lenkung auch das mechanische Sperrdifferenzial verantwortlich. Während das System im BMW 128ti maximal Sperrgrade von 31 Prozent realisiert, schicken die hydraulischen Kupplungen des Ford bis zu 100 Prozent der Antriebskraft an das Rad mit der besseren Traktion, sodass sich der ST aggressiv in enge Kehren hineinzieht. Die teils starken Antriebseinflüsse in der Lenkung verlangen jedoch nach entschlossen zupackenden Händen des Fahrers. Etwaigem Untersteuern in schnell gefahrenen Kurven kann übrigens mit Lupfen des Gaspedals entgegengewirkt werden, weil sich so das Heck sanft und berechenbar eindrehen lässt. Der VW Golf GTI legt ein anderes, weniger animierendes Naturell an den Tag, obwohl auch er hohe Querkräfte aufbaut und behände über die Strecke fegt. Kurvenausgangs fällt die Traktion aber schlechter aus als bei der Konkurrenz – die elektronische Sperre arbeitet nur mit Bremseingriffen –, und die Lenkung liefert weniger Feedback als die des Ford. Im normalen Fahralltag auf öffentlichen Straße gefällt dagegen der stoische Geradeauslauf des Wolfsburgers, während der BMW Spurrillen willig hinterherläuft und wegen der sehr direkten Lenkung selbst kleine Lenkkorrekturen unnötig Unruhe ins Fahrzeug bringen. Bei den Bremsprüfungen glänzt der GTI mit den vehementesten Verzögerungsleistungen und steht mit warmer Anlage aus Tempo 100 bereits nach 33,4 Metern (Ford: 33,7 Meter), während der 128ti mit 34,7 Metern über einen Meter mehr Weg braucht. Die feinfühligste Dosierung der Bremskraft bietet jedoch der Focus mit seinem präzisen Pedalgefühl.

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Umwelt/Kosten: BMW 128ti deutlich teurer als die Konkurrenz

Stattliche 44.600 Euro ruft der bayerische Autobauer in der Basis für den BMW 128ti mit obligatorischem Automatik-Getriebe auf. Dagegen sind der ab 36.100 Euro erhältliche Ford Focus ST und der mindestens 37.170 Euro teure VW Golf GTI (jeweils mit manuellem Getriebe) fast schon kleine Schnäppchen. In Vergleichstest-relevanter Ausstattung bringt es der 1er auf 45.350 Euro. Wer zusätzlich noch in Assistenzsysteme & Co. investiert, erreicht fast schon unverschämte Preise von deutlich über 50.000 Euro. Der VW und vor allem der Ford bleiben im Testtrimm dagegen unter der 40.000-Euro-Marke. Im Unterhalt punkten der 1er und der Golf gegenüber dem Focus mit niedrigeren Kraftstoff- und Werkstattkosten. Die höchsten Aufwendungen für die Versicherung müssen 128ti-Fahrer:innen berappen, zudem bescheinigt die Deutsche Automobil Treuhand (DAT) dem teuren Bajuwaren auch noch den höchsten Wertverlust.

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Messwerte & technische Daten BMW 128ti, Ford Focus ST und VW Golf GTI

AUTO ZEITUNG 09/2021BMW 128tiFord Focus ST
2.3 EcoBoost
VW Golf GTI
Technik
Zylinder/Ventile pro Zylin.4/4; Turbo4/4; Turbo4/4; Turbo
Hubraum1998 cm32261 cm31984 cm3
Leistung195 kW/265 PS,
4750 – 6000 /min
206 kW/280 PS,
5500 /min
180 kW/245 PS,
5000 /min
Max. Drehmoment400 Nm, 1750 – 4500 /min420 Nm, 3000 – 4000 /min370 Nm, 1600 – 4300 /min
Getriebe/Antrieb8-Stufen-Automatik /
Vorderrad; Sperrdifferenzial
6-Gang, manuell /
Vorderrad; Sperrdifferenzial
6-Gang, manuell /
Vorderrad
Messwerte
Leergewicht (Werk/Test)1445/1478 kg1433/1447 kg1388/1406 kg
Beschleunigung 0-100 km/h (Test)5,9 s5,9 s6,2 s
Höchstgeschwindigkeit (Werk)250 km/h250 km/h250 km/h
Bremsweg aus 100 km/h
kalt/warm (Test)
34,8/34,7 m34,9/33,7 m34,6/33,4 m
Verbrauch auf 100 km (Test/WLTP)8,0/7,3 l S9,0/8,1 l S8,1/7,4 l S
CO2-Ausstoß (Test/WLTP)190/167 g/km214/185 g/km193/169 g/km
Preise
Grundpreis44.600 €36.100 €37.170 €
Testwagenpreis45.350 €37.300 €39.695 €

von Caspar Winkelmann von Caspar Winkelmann
Unser Fazit

Der BMW 128ti beweist in diesem Vergleichstest, dass die BMW-Entwickler:innen auch einem Auto mit Vorderradantrieb ein ausgeprägtes Dynamiktalentantrainieren können. Wir vermissen jedoch die markentypisch innige Verbindung zwischen Mensch und Maschine. Zudem leidet der Komfort unter der straffen Fahrwerksabstimmung, und der Preis ist einfach zu hoch – Platz drei. Auf den zweiten Rang und in unsere Herzen fährt der ebenso kurvengierige wie kraftstrotzende Ford Focus ST, der zudem sehr fair eingepreist ist. In puncto Komfort kann aber auch er nicht mit dem Testsieger mithalten. Der VW Golf GTI schafft den Spagat zwischen Dynamikprüfungen und Alltagsfahrten am besten, kostet nicht zu viel und erlaubt sich bis auf die wenig intuitive Bedienung keine Schwächen. Etwas mehr Drama täte ihm aber gut.

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