Alpine A110/Jaguar F-Type/Porsche 718 Cayman: Test Talent-Test in der Sportwagenwertung

von Paul Englert 22.03.2019
Inhalt
  1. Alpine A110, Jaguar F-Type & Porsche 718 Cayman im Test
  2. Fahrdynamik: Jaguar F-Type chancenlos 
  3. Motor/Getriebe: Porsche 718 Cayman im Vorteil
  4. Fahrkomfort: Jaguar F-Type ist gut gedämmt
  5. Umwelt/Kosten: Alpine A110 mit gut ausgestatteter Basis-Variante
  6. Technische Daten Alpine A110, Jaguar F-Type & Porsche 718 Cayman

Im Test treten die Alpine A110, der Jaguar F-Type und der Porsche 718 Cayman gegeneinander an. Das Punkteschema ist dynamikorientiert und soll helfen den besten Sportwagen ausfindig zu machen – die Antwort ist?

Mit der Alpine A110, dem Jaguar F-Type und dem Porsche 718 Cayman stehen drei echte Sportler im Test. Profi-Rennfahrer sind meist schlanke, fast ausgemergelte Typen – ihr Fettanteil liegt bei unter zehn Prozent –, aber stark genug, um lange Längs- und Querbeschleunigungs-Strapazen wegzustecken. Was also zählt, ist die richtige Balance aus Gewicht und Kraft, das Leistungsgewicht. Im Sportwagenbau ist das genauso, und die letzte echte Bastion gegen automobile Fettsucht, so schien es, war Lotus. Doch dann setzte sich bei Renault jemand in den Kopf, die Marke Alpine wiederzubeleben. Wir vermuten mal, dass dabei auch einige Flaschen Wein im Spiel gewesen sind. Und so kam es, dass die A110 der Neuzeit tatsächlich gebaut und von uns auch schon ausgiebig gefahren wurde – allerdings bisher ohne Gegner im Schlepptau. Das ändern wir nun und stellen neben das 252 PS starke, zweisitzige Retro-Coupé Alpine A110 die Einstiegsvarianten von Porsche Cayman und Jaguar F-Type – jeweils 300 PS stark, ebenfalls vierzylindrig sowie turbounterstützt angetrieben. Gewertet wird hier nach dem dynamikorientierten Sportwagen-Punkteschema.

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Der Porsche 718 Cayman im Video:

 
 

Alpine A110, Jaguar F-Type & Porsche 718 Cayman im Test

Haben sie bei Porsche das A110-Konzept von damals kopiert, oder ist die Alpine A110 von heute ein Porsche 718 Cayman auf Französisch? Wie auch immer, zumindest sitzt der Motor bei beiden zwischen Cockpit und Hinterachse – dadurch ergeben sich hier wie dort Gepäckräume vorn und hinten. Bei der Alpine handelt es sich aber eher um Gepäckfächer: vorn (96 Liter) begrenzt durch Tank und aufwendige Radaufhängung mit Doppelquerlenkern, hinten (100 Liter) eingeschränkt durch die nur 4,18 Meter kurze Karosserie. Allerdings bringt sie auch nur 1106 Kilogramm auf die Waage – fahrfertig, vollgetankt, ohne Fahrer. Der 1443 Kilogramm schwere Cayman ist 20 Zentimeter länger, fasst vorn (150 Liter) locker einen Wasserkasten plus Singlehaushalts-Einkauf, und nach hinten (184 Liter) kommt das Kurzurlaubs-Gepäck. Richtig viel Ballast darf man in A110 (259 kg Zuladung) und Cayman (242 kg) aber sowieso nicht transportieren. Der Jaguar F-Type-Motor ist ganz klassisch unter der Fronthaube installiert, das Gepäck findet also nur unter der großen Heckklappe Platz – immerhin 408 Liter. Auch für die beiden Passagiere bleibt im über 1,90 Meter breiten, 1616 Kilogramm schweren Jaguar am meisten Platz – trotz des ausladenden Mitteltunnels. Weil die Türinnenverkleidungen sinnvoll ausgeformt sind und der Innenraum vergleichsweise lichtdurchflutet ist, kommt einem der Innenraum allerdings nicht so viel schmaler vor. Große Fensterflächen sind ein weiterer Grund, warum man die Porsche-Karosserie am besten überblicken kann. Das Problem mit der Übersichtlichkeit haben die Briten ebenfalls erkannt und statten den F-Type serienmäßig mit Parksensoren hinten aus. Überhaupt ist der Jaguar F-Tyipe Vorbild in Sachen Sicherheitsausstattung: Front-, Kopf- und Seitenairbags bietet zwar auch der Porsche 718 Cayman, eine automatische Vollbremsung einleiten oder vor dem Verlassen der Spur mittels leichter Lenkimpulse warnen kann aber nur der Jaguar. In der Alpine A110 heißt es auch hier: Verzicht üben. Beim Thema Qualität und Verarbeitung ist die A110 zwar recht ordentlich ohne allzu deutliche Spaltmaß-Schnitzer unterwegs, und auch Knister- oder Klappergeräusche gibt es nicht. Und die Materialauswahl stimmt auf den ersten Blick mit in Karosseriefarbe lackierten, belederten oder mit Karbonmuster überzogenen Oberflächen. Allerdings ist auch eine ganze Menge Hartplastik dabei, und der hinter den Sitzen bis nach oben zur Trennscheibe verlegte Teppich macht keinen hochwertigen Eindruck.

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Fahrdynamik: Jaguar F-Type chancenlos 

Was man mit einem Leistungsgewicht von 4,4 kg/PS so alles anstellen kann, zeigt die Alpine A110 schon während der lässigen Fahrt zum Testgelände, auf der wir die Autobahnauf- und -abfahrten vielleicht etwas zügiger nehmen als nötig. Aber Vorsicht, die A110 ist eine von der nervösen Sorte und quittiert Lastwechsel ganz nach guter, alter Mittelmotor-Manier mit recht plötzlich eindrehendem Hinterteil. Auch die Lenkung steigert das Vertrauen in die fahrdynamischen Fähigkeiten nicht unbedingt. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Direkt ausgelegt ist sie schon, allerdings kommuniziert sie das nicht so offen und ehrlich. Erst wenn man sich richtig in die Biegung eingeklinkt hat, rückmeldet sie mit einem guten Handmoment und arbeitet verlässlich – Korrekturen inklusive. Aber wegen der nervösen Balance sollte man es gar nicht erst so weit kommen lassen, dass man korrigieren muss. Hat man das Handling der A110 einmal verstanden, dann ist es eine Freude, ja fast schon eine Sucht, sie auf kurvigem Terrain zu bewegen. Auch wenn man sich beim Blick auf den Tacho immer wieder erschreckt, da die leichte Flunder sehr schnell Tempo aufbaut. Ihr Handling zu verstehen heißt: Vor der Kurve bremsen, nicht hinein, denn sonst muss man den ein oder anderen Einlenkübersteurer parieren. In der Kurve unter Zug bleiben, nicht zu sehr mit dem Gas spielen, sonst wird's ungemütlich. Am Ende der Kurve geduldig sein, da die Seitenführung der schmalen Pilot Sport 4-Pneus an der Vorderachse endlich ist. Wer also Wert auf einen sauberen Strich legt, sollte die Alpine A110 erst kennen und fahren lernen. Der Porsche 718 Cayman ist von komplett anderem Charakter. Satt, stoisch, ruhig sind diese abgedroschenen Attribute, mit denen man seine Straßenlage, sein Fahrverhalten beschreiben kann – nein muss. Denn so, wie der Zuffenhausener hier steht mit großen Rädern (2499 Euro), Torque Vectoring, Hinterachssperre (1309 Euro) und adaptiven Dämpfern (1428 Euro), ist er einer der ausgewogensten Mittelmotor-, vielleicht Sportwagen überhaupt. Er ist ein ideales Anfänger-Sportgerät, zu dem man sehr schnell Vertrauen fasst, weil es einen führt und man wenig Arbeit hat. Ein Lenkeinschlag, und die Kurve sitzt – ohne Korrekturen oder Überraschungen. Weil alles so locker und einfach geht, wird das tatsächlich gefahrene Tempo schon mal unterschätzt. Im 18-Meter-Slalom zum Beispiel fährt der Cayman mit alltagstauglichen Pirelli P Zero-Reifen beinahe auf Semi- Slick-Level (72,3 km/h) und zieht in den engen Wechselkurven sauber seine Linie ohne einen Anflug von Nervosität. Auf der Handlingstrecke dasselbe Bild, doch hier carvt sich die Alpine bis auf drei Zehntelsekunden an den Cayman heran – der Fahrer hat dabei allerdings das Sportlenkrad fest umklammert und ist voll konzentriert. Den Jaguar F-Type lässt die Test-Vorstellung der beiden völlig unberührt, er zieht unaufgeregt und fahrsicher seine Kreise, querdynamisch begrenzt durch den angejahrten ContiSportContact-Pneu, den man bei Nässe übrigens behutsam führen muss. Die Abstimmung des Jaguar ist gut gelungen, der Geradeauslauf stabil, die Lastwechselreaktionen halten sich in Grenzen. Auf der Jagd nach Zehnteln und Sekunden verliert der F-Type aber viele Punkte, und auch bei den Bremsprüfungen muss er den leichteren Mittelmotor-Coupés das Feld überlassen, die beide aus 100 und 200 km/h auf ähnlich hohem Niveau verzögern, wobei die Alpine mit etwas größeren Verbundscheiben (1000 Euro) antritt.

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Motor/Getriebe: Porsche 718 Cayman im Vorteil

Wieder spielt die Alpine A110 ihre geringe Masse aus und muss sich beim Launch-Control-Sprint von null auf 100 km/h nur ganz knapp dem mit Doppelkupplungsgetriebe (2826 Euro) und noch perfekter arbeitenden Launch Control (2225 Euro) ausgestatteten Porsche 718 Cayman geschlagen geben. Dennoch erreicht sie die 200er-Marke schon nach 15,9 Sekunden – fünf Zehntel früher als der Porsche. Trotz kurzer Gesamtübersetzung (3500 Touren bei 160 km/h im siebten Gang) trumpft die Alpine beim Verbrauchstest mit 8,3 l S/100 km auf. Der Porsche dreht bei Tempo 160 nur 2700 /min, wird von der Segelfunktion des Getriebes unterstützt, benötigt aber 1,4 Liter mehr und tankt teures Super Plus. 10,6 Liter ist die Verbrauchsbilanz des Jaguar F-Type, der als P300 von einem 300 PS starken2,0-Liter-Turbo-Reihenvierzylinder angetrieben wird und unter Last sehr rau, fast wie ein Boxer klingt. Solch ein Aggregat hat jedoch nur der Cayman – ebenfalls mit zwei Liter Hubraum sowie Turbolader und 300 PS. Die Alpine begnügt sich mit 252 PS aus einem 1,8-Liter-Vierzylinder samt Twinscroll-Turbolader. Ergebnis: bestes Ansprechverhalten, eine gute Laufkultur, 250 km/h Spitze. Viel schneller sollte die A110 aber auch nicht rennen, denn mangels wirkungsvoller Aerodynamik wird das französische Coupé bei hohen Geschwindigkeiten etwas nervös.

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Fahrkomfort: Jaguar F-Type ist gut gedämmt

Von Kurvenkünstlern wie Porsche 718 Cayman und Alpine A110 könnte man harte Stöße und wippende Karossen erwarten, die Test-Realität sieht jedoch anders aus. Die Grundabstimmung ist zwar straff, doch der adaptiv gedämpfte Porsche spricht sehr sensibel an, Querkanten und -fugen pariert er souverän – genauso die Alpine, die sogar heftige Buckelpisten mit hohem Tempo meistert, Stöße durch grobe Unebenheiten allerdings oft bis in die Lenkung weiterleitet. Der Federungskomfort im gut gedämmten Jaguar F-Type stimmt ebenfalls, nur die Hinterachse stört stellenweise mit Vertikalbewegungen auf Buckeln oder Kanten. Zum guten Komforteindruck trägt auch der einfache, aber bequeme Jaguar-Sitz bei, der ausreichend Kontur bietet und einen daran zweifeln lässt, ob der vielfach einstellbare Porsche-Sitz seine 3273 Euro Aufpreis tatsächlich wert ist. Die A110 hat als – bereits ausverkaufte – Première Edition Sabelt-Schalensitze. Diese sind recht eng, nur längs verschieb- und mit Werkzeug höheneinstellbar. Die Beinauflage ist zudem zu kurz, und die in die Lehne integrierte Kopfstütze steht etwas weit entfernt vom Haupt. Aber: Obwohl Alpine nicht viel Dämmmaterial verwendet, ist der Geräuschkomfort selbst bei höherem Tempo noch angenehm.

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Umwelt/Kosten: Alpine A110 mit gut ausgestatteter Basis-Variante

Einen Porsche für 52.694 Euro gibt es wahrscheinlich nur in der Preisliste. Zum Test tritt der Porsche 718 Cayman mit allem an, was gut und teuer ist, sodass der bewertete Preis auf 66.516 Euro klettert, womit der Schwabe die per se teureren Rivalen Alpine A110 und Jaguar F-Type P300 im Test locker überholt. Fast schon günstig dagegen ist die Versicherung für den Cayman, hier spart man im Vergleich weit über 1000 Euro pro Jahr. Die Alpine A110 ist in der schon gut ausgestatteten Basis-Variante Pure (Navi, DAB-Radio, USB, Bluetooth) für 54.200 Euro zu haben, allerdings betragen die Lieferzeiten des Alu- Coupés nach wie vor gut ein Jahr. Bei knapp 60.000 Euro startet die F-Type-Preisliste mit dem P300 – der Brite ist ab Werk aber schon mit Navi, Apple CarPlay, Online-Funktionen und Bluetooth sehr reichhaltig ausgestattet.

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Technische Daten Alpine A110, Jaguar F-Type & Porsche 718 Cayman

 Alpine A110Jaguar F-TypePorsche 718 Cayman
Zylinder/Ventile pro Zylinder4/4; Turbo4/4; TurboB4/4; Turbo
Hubraum1798 cm³1997 cm³1988 cm³
Leistung185 kW/252 PS bei 6000/min221 kW/300 PS bei 5500/min220 kW/300 PS bei 6500/min
Maximales Drehmoment320 Nm bei 2000-5000/min400 Nm bei 1500-4500/min380 Nm bei 1950-4500/min
Getriebe/Antrieb7-Gang; Doppelkupplung; Hinterrad8-Stufen-Automatik; Hinterrad7-Gang; Doppelkupplung; Hinterrad
Beschleunigung   
0 - 100 km/h4,6 s5,8 s4,4 s
0 - 150 km/h8,9 s11,8 s8,9 s
Höchstgeschwindigkeit250 km/h250 km/h275 km/h
Bremsweg aus 100 km/h warm32,0 m33,1 m32,3 m
Leergewicht (Test)1106 kg1616 kg1443 kg
Verbrauch (Test)8,3 l S/100 km10,6 l S/100 km9,7 l S/100 km
Grundpreis54.200 €59.300 €52.694 €
Testwagenpreis59.000 €59.300 €66.516 €
Punkte (5000 möglich)248323782610
Platzierung231

von Paul Englert von Paul Englert
Unser Fazit

Souveräner Testsieg für den Porsche 718 Cayman, einen der derzeit bestausbalancierten Sportwagen. Rang eins holt er aber nicht nur dank seines dynamischen Talents und der starken Fahrleistungen, sondern auch, weil er einen guten Komfort und ausreichend Platz bietet und bei den Kosten nicht aus dem Ruder läuft. Die neue Alpine A110 auf Platz zwei macht es nicht allen recht, fordert Kompromisse beim Sitzkomfort, braucht im Grenzbereich eine kundige Hand und muss hier und da zurückstecken. Dennoch ist die Dame aus Dieppe ein großer Wurf in Sachen Dynamik, Fahrwerk und Antrieb, ein Stimmungsaufheller par excellence, der übrigens im Farbton "Bleu Alpine" so richtig wirkt Auf Rang drei folgt der zeitlos schön gezeichnete Jaguar F-Type P300, der zwar weniger dynamisch zur Sache geht, dafür aber Alltagsqualitäten bietet und dennoch einer sportlichen Gangart nicht abgeneigt ist.

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