Hi-Fi-Mythen entlarvt: Unterwegs mit Klang-Papst Karl-Heinz Fink
Hoher Besuch bei der AUTO ZEITUNG: Hi-Fi-Legende Karl-Heinz Fink testet mit Autor Johannes Riegsinger die aktuelle Top-Liga an Auto-Audio. Musik-Fan mit gutem Bauchgefühl trifft auf Sound-Profi mit unbestechlichem Mess-Equipment, Emotion auf Erfahrung. Neun Spitzen-Systeme aus völlig unterschiedlichen Preis- und Anspruchsklassen finden so ihre Meister.
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So gut sind Soundsysteme im Auto wirklich
Man hört heute ja andauernd Musik: Im Fahrstuhl, im Restaurant, aus kleinen Bluetooth-Boxen, per Kopfhörer … Und wenn man a) den Liedtext versteht und b) eine Art „Bass“ rumpelt, hebt man den Daumen: klingt gut! Ist aber leider nicht so. Unsere Gehirne sind gnädig und füllen die Lücken nicht gehörter Frequenzen mit einer Mischung aus Wohlgefühl und spekulierter Vermutung. Was aber Musiker:innen und Recording-Ingenieur:innen tatsächlich in Soundfiles hinterlegt, auf CDs gebrannt oder in Vinyl gepresst haben, kommt nie bei uns an. Und das ist gerade im Auto schade: Nirgendwo sonst kann man so ungestört Musik hören oder unbekümmert mitsingen. Wir finden daher: Zu einem guten Auto gehört ein gutes Soundsystem!
Das BMW 7er Facelift im Check (Video)

Und um sich hier den aktuellen Überblick zu verschaffen, von opulent und superteuer bis erfreulich bezahlbar, haben wir eine schüchterne Kennenlern-E-Mail an den Walter Röhrl des guten Klangs geschickt: Karl-Heinz Fink. Der Essener ist dem Thema Hi-Fi seit Jahrzehnten verbunden, Fink ist der Auskenner, den die Hi-Fi-Szene anruft, wenn sie nicht mehr weiter weiß. Und er hat auch für die größten Automobil-Konzerne viele Jahre lang Audio-Entwicklungsarbeit geleistet.
Gut für uns: Karl-Heinz Fink konzentriert sich gerade einmal wieder nur auf Kundenentwicklungen im klassischen Hi-Fi-Bereich sowie auf seine eigenen Lautsprecher-Marken „Fink Team“ und „Epos“, er ist also erfreulich neutral. Darf kritisieren oder gut finden nach Herzenslust – dass er dabei nicht nur aufs gut geschulte Gehör setzt, sondern auf staubtrockene Messungen, ist nicht nur sein Markenzeichen, sondern auch Fundament der Kompetenz.
Backstage bei Fink Audio: Bildungs-Besuch im Klanglabor
Bevor es losgeht, unterziehen wir unser Gehör einem Extrem-Reset und besuchen Karl-Heinz Fink in seinem Essener Labor. Im Hör-Raum stehen mannshohe Lautsprecher, links und rechts hängen die Kabel raus, die Teile sind Prototypen: Entwicklungsarbeit für einen externen Kunden, sie dürften in wenigen Monaten für kernige sechsstellige Beträge an solvente Highend-Fans mit sehr, sehr großem Wohnzimmer verkauft werden.
Karl-Heinz Fink deutet auf einen der Stühle im Raum: hinsetzen, Klappe halten, hören. Dann füttert er die aufgebaute Batterie aus Vor- und Endverstärkern, Streamern, Plattenspielern und traditionellen Bandmaschinen mit Musik. Es dauert nur wenige Sekunden, bis wir vergessen zu atmen: Vor uns baut sich eine dreidimensionale Klangskulptur auf, Instrumente im Raum gestaffelt und verteilt, erschütternd intime Stimmen, flirrende Höhen, nahezu infraschalltiefe Bässe – so also hört sich Musik an, wenn Lautsprecher das aufgenommene Klangspektrum vollständig wiedergeben. Bewegend, faszinierend, zum Weinen schön.

Später sitzen wir in einem BMW 7er, segeln im Verkehrsfluss über die Autobahn und versuchen, dasselbe Gefühl zurückzuholen. Das „Diamond-Soundsystem“ der britischen Highend-Marke Bowers & Wilkins ringt Karl-Heinz Fink anerkennende Zustimmung ab: „Hochwertiges System mit sehr natürlich klingendem und ausgewogenem Grundton. Wenn nur nicht die etwas schmale Bühne wäre …“ Die imaginären Musiker:innen rücken also eng zusammen, Karl-Heinz Fink versucht, in den Einstellungen des DSP-Prozessors bereits gegenzusteuern. Ein minimales Dazuholen – auf keinen Fall zu viel – von Surround-Weite, leichte Frequenzkorrekturen am Equalizer, und plötzlich beginnt die Musik zu atmen.
Wir nicken uns zu: „Beeindruckend. Druckvoll, präzise und trotzdem angenehm – da will man gern stundenlang zuhören.“ Bands erschüttern Knochenmark, Orchester füllen Säle. Violinen schmeicheln seidenweich, Celli schnurren. Stimmen rücken einem in HD-Auflösung nahe, du hörst jedes Hauchen, jeden Zungenschlag, jeden Atemzug. Pauken donnern definiert, und fette Synthesizer-Bässe ballern wuchtig.
Ein minimales Nachregeln per Equalizer – und plötzlich passt alles
Natürlich muss jetzt noch der Test des Multimedia-Kinosystems mit ausklappbarem Riesen-Kino-Monitor im Fond sein, und plötzlich interviewt der Experte den Redakteur: „Wie findest du das?“ Ich überlege nur kurz: „Blöd, dass der ausfahrbare Monitor im Dachhimmel für Weitsichtige zu nah und für Kurzsichtige zu weit entfernt ist. Gut klingen tut’s bestimmt, aber bei diesem ganzen Dolby-Kino-Donnerwetter geht es am Ende doch wieder nur um den Effekt, nicht um den Klang, oder? Ein Tablet mit gutem Kopfhörer dürfte die smartere, bessere und günstigere Alternative sein.“ Fink schweigt, nickt dann mit verschmitztem Lächeln und wechselt einfach das Thema: „Jetzt steigen wir in den Volvo ES90. Da steckt doch auch Bowers & Wilkins drin?“

Korrekt. Hier sogar mit dem berühmten Hochtöner im separaten Gehäuse als Center-Speaker auf der Armaturentafel. Und auch hier ist die Grundeinstellung natürlich, klar und präzise, spielt aber ebenfalls zu Beginn nur von einer eher schmalen Bühne, der Klang scheint unterhalb der Windschutzscheibe festzusitzen. Karl-Heinz Fink zieht alle Register, arbeitet sich konzentriert durch die vielfältigen DSP-Modi – und wird am Ende fündig: Im Produzenten-Modus der Abbey Road-Filter kann man das Optimum holen. Mehr Energie und Brillanz, plötzlich löst sich das Klangbild von der Armaturentafel. Wir hören uns begeistert und mitgerissen durch die mitgebrachten Musikstücke, freuen uns am souveränen, gleichzeitig präzisen Bass, der luftigen Räumlichkeit, der crispen Ortbarkeit von Stimmen und Instrumenten, den strahlenden Höhen.
Audi und Bentley könnten unterschiedlicher nicht sein
Kann das der vergleichsweise angetretene Audi SQ8 mit seinem Bang & Olufsen-System genauso gut? Klares Jein. Die Messung zeigt zwar einen ausgewogenen Frequenzgang, und die hörbare Klangqualität ist beeindruckend gut, trotzdem sitzen wir grübelnd nebeneinander, suchen nach Worten – und finden sie dann auf einen Schlag: „Klingt irgendwie …“ „Steril?“ „Kühl?“ Fink sucht per Equalizer nach Wärme und Natürlichkeit, bleibt aber ohne Erfolg – und der Bang & Olufsen-Audi bei seinem knackig-kristallinen Grundton.
Wie man es anders machen kann, zeigt der Bentley Continental GT mit seinem Top-Soundsystem von der britischen Edel-Marke Naim: warm, druckvoll und natürlich, ganz ohne Effekte und umfangreichen DSP-Zauber. Der englische Gran Turismo hat aber ein anderes Problem: Sein dominanter Motorsound crasht die Party, man hört den Motor und nicht die Musik. Oktan-Fans dürften das natürlich als korrekte Prioritätensetzung empfinden.

Aus der Luxusklasse in die Economy Class – Überraschung inklusive
Muss es aber unbedingt teuer sein? Klangvolle Namen, Luxus-Marken? Wir steigen zum Quervergleich in unseren Mazda CX60-Dauertestwagen um, konfrontieren das Bose-Soundsystem des Japan-SUV mit unserer Quäl-Playlist – und sind äußerst angetan: natürliches, elegantes Klangbild mit gefälliger Bühne und sauber gestaffelten Instrumenten.
Zufällig ist gerade noch ein weiteres Dauertest-Fahrzeug in der Redaktion: In den Opel Grandland mit seinem französischen Focal-Soundsystem hören wir ebenfalls kurz rein: Verbrät der Stellantis-Konzern hier ein namhaftes Marken-Logo auf schütterer Elektronik- und Lautsprecherchassis-Massenware? Es dauert nicht lange, bis Karl-Heinz Fink Entwarnung geben kann: Das System ist sauber abgestimmt, der Opel kann Pop und Rock mit Kraft, aber auch Hörbuch-Sprecher und Klassik-Dynamik.

Und er zeigt noch einen weiteren Aspekt: Das zweite Elektroauto in unserer Runde demonstriert nachdrücklich, wie sehr das automobile Musikhören vom flüsterleisen Antrieb profitiert. Ohne das stetige „Grundrauschen“ eines Verbrenners fehlt plötzlich ein wahrer Schleier von Frequenzen, das hat man bisher einfach so nicht gehört. Dafür lässt der Grandland allerdings teilweise sehr deutliche Abroll- und Fahrwerksgeräusche hören – unser Gehör ist eben scharf gestellt.
Deutsches Hi-Fi-Know-How im Skoda Superb
Guter Klang, gar nicht teuer – hoffnungsvoll landen wir im Skoda Superb, dessen Soundsystem das Know-how der deutschen Hi-Fi-Expert:innen von Canton integriert. Fink arbeitet konzentriert mit dem Mess-Mikro, studiert gespannt den Frequenzgang und nickt dann: „Kannst losfahren und aufdrehen, das wird verdammt gut.“ Die Daten lügen nicht: Vor allem das als „Canton“-Modus abgespeicherte Frequenzprofil lässt uns erstaunt zurück, Canton im Skoda klingt natürlich spritzig, energiegeladen, druckvoll und präzise, dabei sehr angenehm und nie stressig. Für verblüffend kleines Geld. Haben wir bereits jetzt schon unsere bürgernahe Soundsystem-Empfehlung?

Das kann vermutlich nur der Umstieg in den VW T-Roc klären. Sein optionales harman/kardon-Soundsystem darf zumindest als ehrlichstes System gelten: Nicht selten stecken die Elektronik-Expert:innen aus dem Samsung-Konzern hinter Audio-Systemen im Automobil-Bereich, liefern millionenfach Lautsprecher, Elektronik und Software, ganz egal unter welchem Label die Systeme dann am Ende vermarktet werden. Im Fall des VW T-Roc steht nun also auch drauf, was drin ist.
Wir haben einen langen Hör-Tag hinter uns, steigen trotzdem noch schnell in den VW – und sind sprachlos. Besonders Karl-Heinz Fink, mit einigen Jahren Entwicklungsvergangenheit für VW, ist vom ersten Hören enttäuscht: Ein kratzender Bob Dylan, ein blechernes, aggressives Saxophon, was ist denn hier los?
Alle Wetter – machen Außentemperaturen einen Unterschied?
Grübelnd gehen wir in den Feierabend, planen einen zweiten Anlauf für den kommenden Tag. Und wundern uns am nächsten Morgen nicht schlecht: Plötzlich ist der Sound im VW T-Roc rund und warm, erfreulich präzise, ausgesprochen natürlich. Die Bühne steht, der lebhafte und dynamische Sound im T-Roc lädt zu stundenlangem Hörvergnügen ein.
Plötzlich fällt der Fink’sche Blick auf die Außentemperatur-Anzeige, die eben noch grübelnde Miene hellt sich auf: „Gestern Abend hatten wir über 10 °C weniger, vermutlich wirkt sich das auf die Hochtöner aus. Deren Ferrofluid wird bei Kälte etwas zäher, und diese minimale Veränderung kann natürlich zu einem verschobenen Frequenzgang führen – was zu hören war.“

Eigentlich müsste nun doch das Sennheiser-Soundsystem im Cupra Terramar zum Abschluss gewaltig abliefern: Volkswagen-Konzernbasis in Kombination mit Know-how von einem deutschen Klang-Spezialisten. Das Marken-Duo hinterlässt aber eine bemerkenswert abgestimmte Klang-Signatur – je nach Musikstück wirken die Höhen aggressiv und überreizt, die Bässe grummeln imposant, aber immer wieder auch konturlos, die Mitten können plärren. Kein schöner Ton, woher kommt das? Unser Verdacht ist: Cupra will einen Sound wie das Außendesign, extrovertiert, effektvoll und energiegeladen. Und die Processing-Expert:innen von Sennheiser liefern das Gewünschte, bissig und bunt.
Fazit

Die Automobilhersteller zeigen in unserem Hi-Fi-Check, was möglich ist – besonders die teuren Premium-Soundsysteme liefern ausgezeichnete und mitreißende Klangerlebnisse sowie eine ausgesprochen hohe Klangqualität. Testsieger in unserem direkten Vergleich sind BMW und Volvo mit den Bowers & Wilkins-Systemen. Schönes Musikhören unterwegs muss aber nicht teuer sein, selbst in der bürgernahen Klasse kann man für überschaubaren finanziellen Einsatz hochwertigen Klang bekommen – siehe VW T-Roc. Und das exzellente Canton-System im Skoda Superb reizt die Umschreibung „Preis-Leistung“ komplett aus.
















































