Braucht es High-Performance-SUV? Pro & Contra im Kommentar

Hochmotorisierte Luxus-SUV spalten die Gemüter. Die einen sagen, dass diese Fahrzeuge nicht mehr zeitgemäß, ja sogar reines Angebertum sind. Andere schätzen indes den gebotenen Nutzwert und souveränen Vortrieb.

Zwei Redakteure im Streitgespräch
High-Performance-SUV: Unser Pro & Contra im Kommentar Foto: AUTO ZEITUNG
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"Eleganz und Understatement wirken nachhaltig attraktiver als platte Protzerei", Karsten Rehmann, Autor

Einer meiner Bekannten besitzt einen Jagdschein und ein G-Modell – keinen nagelneuen Mercedes G mit AMG-Paket in designo Mysticblau, sondern einen gut abgehangenen Puch G aus Ex-Militärbeständen. Der Wagen hat keine technischen Mängel, aber für seine stumpf-olivgrüne Farbgebung wäre das Wort Lack irreführend. Das sieht aus, als hätte ein betrunkener Aktionskünstler bei absoluter Dunkelheit mit einer Sprühdose hantiert, und der Kantenrost freut sich auf den nächsten salzverkrusteten Winter.

Mein Bekannter fährt mit dem G nur zur Jagd, er transportiert verdreckte Stiefel, nasse Hunde und Wildkadaver. Für Zwecke wie diese wurde der Wagen einmal konstruiert, er wird also "artgerecht" eingesetzt. Ein zweiter Bekannter restauriert alte Porsche-Motoren, transportiert ölverschmierte Kurbelgehäuse und schleppt scheintote "Auto-Kadaver" in seine Werkstatt. Dafür benutzt er einen fast neuen Toyota Tacoma Pick-up.

Exzessiv gestylt – wie Holzfäller auf High Heels

Hohe Zugkraft, robuste Ladefläche, unempfindlicher Innenraum, Allradantrieb – der Tacoma ist ein Typ fürs Grobe: Je härter der Job, desto besser fühlt er sich dabei an. Früher waren alle Geländewagen und Pick-ups von diesem Schlag: kernig, ehrlich, unempfindlich, nüchtern, zweckgebunden und maßvoll motorisiert. Doch in letzter Zeit verirren sich diese harten Burschen auf Shopping-Meilen und City-Boulevards – exzessiv gestylt mit Effektlackierungen und Hochglanzfelgen, als kämen sie aus einer Douglas-Filiale.

Die Insassen sehen aus wie Barbiepuppen, die mit Spielzeug-Panzerfäusten hantieren. Testosteron-strotzende V8-Motoren katapultieren diese Holzfäller auf High Heels mit sinnloser Vehemenz und affigem Gebrüll von Kreuzung zu Kreuzung. Ihre Fahrer:innen stecken in einem Dilemma: Seit an den "Elterntaxi"-Haltestellen vor Schulen und Kitas täglich ein Clubtreffen für Premium-SUV stattfindet, müssen sie zur Befriedigung ihres Geltungsdrangs noch schwerere Geschütze auffahren. Ob die Erkenntnis jemals zu ihren Kleinhirnen vordringen wird, dass Eleganz und Understatement nachhaltig attraktiver wirken als platte Protzerei?
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"Die Ingenieursleistung, die hinter diesen Fahrzeugen steckt, kann nicht genug gewürdigt werden", Marcel Kühler, Testredakteur

Über den Sinn oder Unsinn von hochgezüchteten Riesen-SUV mit üppigen PS-Monstern unter der Haube muss jeder für sich befinden. BMW X5 M, Mercedes-AMG GLE 63 und Konsorten allerdings als reines Posertum abzustempeln, greift mir viel zu kurz. Zunächst einmal bieten diese großen Oberklasse-SUV einen enormen Nutzwert. Klar, der wird auch mit einem zahmen Diesel nicht schlechter, doch wer Wert auf eine souveräne Kraftquelle im Bug legt und vor allem das nötige Kleingeld hat und keinen reinen Sportwagen gebrauchen kann, für den kann ein solches Fahrzeug eine Überlegung wert sein.

Überhaupt bin ich der Meinung, dass die Ingenieursleistung, die hinter diesen Fahrzeugen steckt, nicht genug gewürdigt werden kann. Wer einmal mit einem Lamborghini Urus oder Porsche Cayenne Turbo auf der Rennstrecke unterwegs war weiß, dass diese schwergewichtigen Kolosse, natürlich kompetent bewegt, trotz ihrer immensen Masse so ziemlich allem um die Ohren fahren – reinrassige Supersportwagen einmal ausgenommen. Mit Protzerei hat das nichts zu tun!

Was kann ein Auto für seine Klientel?

Eine wunderbare Dienstreise führte mich vor rund zweieinhalb Jahren in die traumhaften Südstaaten der USA. Dort bin ich einige Tage mit einem Mercedes-AMG GLE 63 4Matic+ über die malerischen Highways und auch durch staugeplagten Metropolregionen gerollt. Im Radio lief standesgemäß Countrymusic, der 634 PS (466 kW) starke Biturbo-V8 unter der wuchtigen Haube blubberte sonor vor sich hin. Ich habe jeden Kilometer beziehungsweise jede Meile, die ich so durch Georgia und North Carolina gecruist bin, genossen.

Die schiere Kraft des Motors hat mich nicht animiert zu rasen. Im Gegenteil, das gute Gefühl, jederzeit souverän davonziehen zu können, hat mich selbst eher entschleunigt. Natürlich gibt es auch andere Zeitgenossen, die ihre vermutlich im Familienverbund geleasten High-End-Allradler dazu nutzen, ein gewisses Statusgefühl auszudrücken – leider oft durch proletenhaftes Gebaren und sinnlose sowie gefährliche Raserei in Innenstädten. Grundsätzlich bin ich jedoch der Meinung, dass ein Auto per se nichts für seine Klientel kann...