BMW X3/VW Tiguan Allspace: Test Kräftemessen in der SUV-Mittelklasse

von Michael Godde 30.11.2018
Inhalt
  1. BMW X3 & VW Tiguan Allspace im Test
  2. Fahrkomfort: BMW X3 gleitet deutlich leiser
  3. Motor/Getriebe: Tiguan Allspace ist sparsamer
  4. Fahrdynamik: Präzise Lenkung im BMW X3
  5. Umwelt/Kosten: Tiguan Allspace überzeugt beim Grundpreis
  6. Technische Daten BMW X3 & VW Tiguan

Der BMW X3 und VW Tiguan Allspace treten im Test gegeneinander an und liefern sich ein spannendes Duell, das durch Nuancen entschieden wird. Der VW punktet beim Preis, der BMW durch Komfort!

Im Test stehen der BMW X3 und VW Tiguan Allspace. Diese überschneiden die Klassen wie in kaum einer anderen Fahrzeuggattung. Bei Volkswagen ist es der Tiguan, der schamlos zwischen den Segmenten wildert und sein Revier immer weiter ausbaut. Die Zahlen sprechen für sich: Fast 60.000 Kunden haben in diesem Jahr bereits einen Tiguan gekauft und dafür auch größere SUV in Zahlung gegeben. Darunter könnte der eine oder andere BMW X3 gewesen sein, denn bei den Bayern läuft es nicht ganz so rund in puncto Absatz: Selbst wenn man alle X-Modelle vom X1 bis zum X5 zusammenrechnet, kommen die Münchner gerade einmal auf 46.000 Verkäufe in den ersten acht Monaten 2018 – darunter knapp 10.700 X3. Aber heißt das auch, dass der VW so viel besser ist? Wir prüfen das im Test und lassen den extralangen Tiguan Allspace mit 180-PS-Turbobenziner gegen den BMW X3 xDrive20i mit 184 PS antreten.

Neuheiten VW Tiguan (2016)
VW Tiguan II (2016): Preis und Motoren Tiguan II ab 26.575 Euro

Der VW Tiguan Allspace im Video:

 
 

BMW X3 & VW Tiguan Allspace im Test

Der VW-Tiguan-Zusatz Allspace macht von Anfang an eines klar: Hier ist Platz für (fast) alles. Der VW bietet ein enormes Raumangebot. Bereits Fahrer und Beifahrer haben im Wolfsburger einen Hauch mehr Freiraum. Im Fond sind die beiden Rivalen schlicht nicht vergleichbar. Der Allspace bietet dank seines langen Radstands gegenüber dem Basis-Tiguan (plus elf Zentimeter) äußerst viel Knieraum und lässt dem BMW damit keine Chance, obwohl der X3 auf der Rückbank selbst Großgewachsenen genügend Bewegungsfreiheit bietet. Im VW lässt sich zudem die Beifahrersitzlehne nach vorn klappen, die hintere Sitzfläche in Längsrichtung verschieben und die Lehne in ihrer Neigung justieren. Dies in Verbindung mit einem riesigen Ladevolumen (760 bis 1920 Liter; BMW: 550 bis 1600 Liter) entscheidet schon früh das Kapitel zugunsten des langen Tiguan. Nimmt man die zwei zusätzlichen Sitze in der dritten Reihe (Option) hinzu, ist das Ergebnis noch klarer. Die Stärken des BMW X3 liegen woanders: Zum einen überzeugt er mit seinem intuitiven Bediensystem. Die Menüführung ist klar strukturiert. Die Steuerung über den zentralen Dreh-Drück-Steller oder die gut funktionierende Sprachsteuerung sind auch während der Fahrt problemlos möglich. Beim VW Tiguan Allspace gelingt das über die kleinen Schaltflächen auf dem Touchscreen auf unebenen Strecken nicht ganz so geschmeidig. Zum anderen punktet der X3 mit einer durchweg grundsoliden Verarbeitung. Vor allem die Steifigkeit der Karosserie überzeugt. Auf poltrigen Strecken herrscht in der Struktur des X3 Ruhe, während es im Tiguan hier und da knarzt oder knistert. Auch die mit Stoff bekleidete – statt wie im VW mit Hartplastik verschalte A-Säule – des BMW und der von einem Hydraulikdämpfer aufgehaltene Ladeboden – der VW bietet hier nur ein einfaches Band mit Haken – zeigt, welchen Stellenwert BMW der Detailqualität einräumt und wie knapp VW gerechnet hat. 

Neuheiten BMW X3 (2017)
BMW X3 (2017): Motor & Ausstattung BMW setzt den X3 unter Strom

 

Fahrkomfort: BMW X3 gleitet deutlich leiser

Die scharfe Kalkulation wirkt sich beim VW Tiguan Allspace auch auf den Komfort aus. Eine wirksame Geräuschdämmung ist teuer und wurde daher im Volkswagen nicht so konsequent eingesetzt wie im BMW X3. Zwar ist der Tiguan nicht unangenehm laut, aber bei ihm sind Wind- und Fahrwerksgeräusche deutlich ausgeprägter wahrnehmbar als im X3. Im Bayern geht es leiser zu. Selbst bei höheren Geschwindigkeiten dringt nur das leichte Säuseln des Windes an den Außenspiegeln ins Innere. Zudem steht unser Test-X3 xDrive20i auf 19-Zoll-Rädern mit Pirelli-Bereifung, mit denen er erheblich geschmeidiger abrollt als sein Rivale – und auch als mit den 20-Zöllern samt Yokohama-Gummis, die die beiden letzten X3-Testfahrzeuge aufgezogen hatten. Das aktuelle Reifenformat wirkt sich zudem positiv auf den Federungskomfort aus. Insbesondere das Ansprechverhalten auf hervorstehenden Kanten profitiert spürbar. Der BMW blendet Unebenheiten ausgesprochen sensibel aus und gleicht Wellen straff, aber mit souveräner Ruhe aus. Im Tiguan dringen Unebenheiten stärker zu den Insassen durch. Vor allem kleine Kanten sorgen für eine permanente Unruhe im Aufbau. Das können auch die Sitze trotz ihres ordentlichen Langstreckenkomforts nicht ganz ausmerzen. Überdies fehlt ihnen der stützende Seitenhalt der BMW-Sport-Fauteuils. Auch im Fond sorgt die erheblich besser konturierte Lehne des X3 für eine spürbar komfortablere Abstützung des Oberkörpers, als es auf den Sitzgelegenheiten des langen Niedersachsen der Fall ist.

Fahrbericht VW Tiguan (2016): Fahrbericht
Neuer VW Tiguan II (2016): Erste Testfahrt So fährt der neue VW Tiguan II

 

Motor/Getriebe: Tiguan Allspace ist sparsamer

Die unendliche Diskussion um Dieselfahrverbote in Städten rückt auch im traditionell vorwiegend von Selbstzündern dominierten SUV-Segment die Benziner ins Rampenlicht. BMW bestückt den X3 als Basisantrieb mit einem Zweiliter-Turbovierzylinder mit 184 PS und kombiniert ihn serienmäßig mit einer Achtstufen-Automatik von ZF. VW hält beim Tiguan Allspace den 180 PS starken 2.0 TSI bereit, der ausschließlich mit einem Siebgang-Doppelkupplungsgetriebe zusammenarbeitet. Die Kombination im VW wirkt im direkten Vergleich lebendiger. Das kräftigere Drehmoment hat einfaches Spiel mit dem leichteren Allspace. Der unter Druck gesetzte Vierzylinder im X3 arbeitet angestrengter, um den schwereren Münchner auf Trab zu bringen. Vor allem bei höheren Tempi fehlt dem BMW die Energie, mit der sich der Tiguan zur Höchstgeschwindigkeit vorarbeitet. Zum Ausgleich arrangiert die Automatik des X3 jederzeit ein passendes Übersetzungsverhältnis, ohne dabei den Antrieb in Hektik zu versetzen. Dem Doppelkupplungsgetriebe des Allspace fehlt das weiche Überblenden der einzelnen Fahrstufen, das im BMW kaum spürbar ist und im VW hier und da von einem leichten Ruck begleitet wird. Wie effizient die Antriebseinheit im VW Tiguan Allspace arbeitet, zeigt sich an der Zapfsäule: Mit 9,3 Litern pro 100 km kann der Benziner-VW zwar keinen äquivalenten Diesel toppen, ist aber sparsamer als der BMW X3, der 9,6 Liter auf 100 km konsumiert.

Fahrbericht Neuer BMW X3 (2017)
Neuer BMW X3 (2017): Erste Testfahrt BMW X3 will auf SUV-Thron klettern

 

Fahrdynamik: Präzise Lenkung im BMW X3

Eine präzise Lenkung, souveräne Bremsen und ein agiles, gut kontrollierbares Fahrverhalten dienen natürlich der Fahrfreude, aber auch der Fahrsicherheit. BMW X3 und VW Tiguan Allspace überzeugen hier auf ganzer Linie. Schon bei den Bremsprüfungen zeigen sich beide in Topform. X3 und Tiguan bieten mit Verzögerungswerten um die 33 Meter aus Tempo 100 bis zum Stillstand Leistungen auf Sportwagenniveau. Der X3 vermittelt seinem Fahrer selbst bei forschem Tempo zudem ein narrensicheres Fahrgefühl. Seine Lenkung ist frei von Störeinflüssen, setzt Richtungswünsche direkt und präzise um und führt den Wagen wie auf Schienen durch den gewählten Radius. Selbst spontane Richtungswechsel oder Bremsungen im Kurvenverlauf bringen den BMW weder aus der Ruhe noch aus der Spur. Das ist nicht zuletzt das Verdienst seiner exzellenten DSC-Abstimmung (ESP). Was grundsätzlich auch für den VW gilt. Allerdings arbeitet seine Lenkung nicht ganz so ruhig. Zudem wechselt der Wolfsburger im Grenzbereich mitunter vom Unter- ins Übersteuern. Dies korrigiert sein ESC jedoch stets zuverlässig.

Vergleichstest SUV-Vergleichstest
X3/Edge/Santa Fe/GLC/Kodiaq/Tiguan: Test Der neue Star heißt Kodiaq

 

Umwelt/Kosten: Tiguan Allspace überzeugt beim Grundpreis

Dass VW beim Tiguan Allspace stärker auf die Kosten drückt, wirkt sich wiederum positiv auf den Einstiegspreis aus. Mit dem erst ab der – bereits umfangreichen – Comfortline-Austattung erhältlichen Tiguan Allspace 2.0 TSI 4Motion für 37.500 Euro stellt VW im Vergleich zum 44.600 Euro teuren Basis-X3 ein Top-Angebot auf die Räder. Auch das Einbeziehen aller testrelevanten Extras ändert daran nichts. Die Wolfsburger bieten zudem die besseren Garantiebedingungen, und der Wertverlust des VW von 20.550 Euro nach vier Jahren fällt deutlich geringer aus als der des BMW, der im gleichen Zeitraum 23.727 Euro einbüßt. Die niedrigeren Versicherungseinstufungen runden die gute Kostenbilanz des Tiguan Allspace ab.

Vergleichstest VW Passat 2.0 TDI/Tiguan 2.0 TDI
VW Passat 2.0 TDI/Tiguan 2.0 TDI: Test Passat trifft auf Tiguan

 

Technische Daten BMW X3 & VW Tiguan

 BMW X3 xDrive20iVW Tiguan Allspace 2.0 TSI 4Motion
Zylinder/Ventile pro Zylinder4/4; Turbo4/4; Turbo
Hubraum1998 cm³1984 cm³
Leistung135 kW/184 PS bei 5000-6500/min132 kW/180 PS bei 5100-6500/min
Maximales Drehmoment290 Nm bei 1350-4250/min320 Nm bei 1600-3940/min
Getriebe/Antrieb8-Stufen-Automatik; Allradantrieb7-Gang-Doppelkupplung; Allradantrieb
Beschleunigung  
0 - 100 km/h8,5 Sekunden7,9 Sekunden
0 - 150 km/h20,1 Sekunden18,7 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit215 km/h208 km/h
Bremsweg aus 100 km/h warm33,2 Meter32,9 Meter
Leergewicht1715 Kilogramm1700 Kilogramm
Verbrauch (Test)9,6 l S/100 Kilometer9,3 l S/100 Kilometer
Grundpreis44.600 Euro37.500 Euro
Testwagenpreis46.940 Euro38.925 Euro
Punkte (5000 möglich)31113130
Platzierung21

von Michael Godde von Michael Godde
Unser Fazit

Mit spitzem Stift kalkuliert, entpuppt sich der VW Tiguan Allspace 2.0 TSI 4Motion dennoch als ein rundum gelungenes SUV. Der Niedersachse bietet enorm viel Platz für bis zu sieben Personen und präsentiert sich obendrein extrem variabel. Sein kräftiger und ausreichend genügsamer Antriebsstrang entschädigt zudem etwas für den nicht sonderlich guten Geräuschkomfort. Dass sein Grundpreis noch dazu rund 8000 Euro günstiger ist, beschert ihm in diesem Test den Gesamtsieg. Der BMW X3 xDrive20i überzeugt seinerseits mit einem deutlich kultivierteren Antrieb und bietet seinen Insassen selbst bei höherem Tempo einen Geräuschkomfort, der seinem Premiumanspruch mehr als gerecht wird. Der zu hohe Preis und der nicht sonderlich lebendige Antrieb kosten ihn allerdings Punkte.

Tags:
Copyright 2019 autozeitung.de. All rights reserved.