Autoindustrie: Fahrzeugproduktion in der Türkei Türkeis Erfolg auf schmalem Grat

von Christina Finke 16.12.2019

Zahlreiche Konzerne der Autoindustrie sehen großes Potenzial in der Türkei als Standort für ihre Fahrzeugproduktion. Wäre da nicht die umstrittene Politik von Präsidenten Erdogan.

Deutschland, Frankreich, Italien – diese Standorte kommen im gegensatz zur Türkei den meisten wohl als erstes in den Sinn, wenn es um die Fahrzeugproduktion in Europa geht. Tatsächlich laufen zahlreiche Modelle namhafter Autobauer bereits seit einigen Jahren in der Türkei vom Band. Ob Fiat Tipo, Toyota C-HR, Hyundai i20 oder der Ford Transit: 2018 wurden in türkischen Werken über eine Million Fahrzeuge gefertigt. Was die Hersteller am Produktionsstandort Türkei reizt? Zum einen sind die Lohnkosten niedriger und die Arbeitskräfte qualifizierter als in vielen anderen südosteuropäischen  Ländern. Mittlerweile gibt es auch ein großes Zuliefer-Netzwerk. Außerdem ist die Türkei ein optimales Drehkreuz für den Export in die umliegenden Staaten. Diese Gründe führten wohl auch dazu, dass der Volkswagen-Konzern Anfang Oktober 2019 bekannt gegeben hat, sein Osteuropawerk im türkischen Manisa nahe der Hafenstadt Izmir ansiedeln zu wollen. Der Plan: Künftig sollen hier etwa 4000 Beschäftigte rund 300.000 Fahrzeuge pro Jahr produzieren. Geschätzter Investitionen: rund 1,5 Milliarden Euro. Mit dem Bau soll Ende 2020 begonnen werden, der Start der Fahrzeugproduktion in der Türkei ist für 2022 geplant. Anderen EU-Ländern wie etwa Bulgarien und Rumänien erteilten die Wolfsburger hingegen Absagen. Die von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan in Aussicht gestellten Fördergelder dürften bei dieser Entscheidung wohl keine unwesentliche Rolle gespielt haben. Über die genaue Höhe der versprochenen Summe schweigt sich Volkswagen zwar aus. Doch der bulgarische Staatschef Rossen Plewneliew hatte sein Angebot zuletzt auf rund 250 Millionen Euro erhöht. Es ist demnach davon auszugehen, dass die von Erdogan in Aussicht gestellten Subventionen noch deutlich höher ausfallen würden. Mehr zum Thema: Leichte Modellpflege für den Toyota C-HR

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Automobilproduktion in der Türkei

Es ist kein Wunder, dass der türkische Präsident dazu bereit ist, so viel zu zahlen: Die VW-Fahrzeugproduktion wäre für die Türkei ein echter Prestigegewinn und ein positives Signal für die gesamte gebeutelte Wirtschaft, da andere deutsche Unternehmen nach dem Putschversuch 2016 von größeren Investitionen Abstand genommen haben. Und das nicht ohne Grund, schließlich ist die Politik des türkischen Staatspräsidenten international äußerst umstritten. Die EU wirft Erdogan unter anderem die Verletzung von Grundrechten sowie die Beschneidung der freien Meinungsäußerung und der Demonstrationsfreiheit vor. In Wolfsburg hielt man bislang dagegen: Das Land am Bosporus gilt schließlich seit Jahren als Kandidat für einen EU-Beitritt. Und auch in Ländern wie China oder Russland, deren Politik ebenfalls Anlass zur Kritik gibt, sind bereits Werke entstanden. Erdogan habe, so VW, für die getroffenen Vereinbarungen zudem eine Art Staatsgarantie ausgesprochen, und die Türkei sei eine entwickelte Marktwirtschaft mit einem großen, eigenständigen Automarkt. Tatsächlich rechnet VW vor Ort wohl mit dem Verkauf von rund 40.000 Passat-Limousinen pro Jahr. Die aktuellsten Zahlen sprechen jedoch eine andere Sprache: Laut Herstellerverband OSD ist die Fahrzeugproduktion in der Türkei in den ersten Monaten des Jahres 2019 deutlich unter Druck geraten: Nur knapp 230.000 Fahrzeuge wurden in diesem Zeitraum gebaut – ein Minus von 13,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die rückläufigen Zahlen sind im Wesentlichen wohl auf die schwache Inlandsnachfrage zurückzuführen, die wiederum aus der schlechten wirtschaftlichen Verfassung des Landes resultiert. Zudem ist die hohe Inflation eines der großen Probleme der Türkei.

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Autoindustrie: Erdogans Politik bereitet Sorgen

Letztendlich sorgte aber erst die Militäroffensive des türkischen Präsidenten im angrenzenden Syrien dafür, dass VW die Pläne für eine Fahrzeugproduktion im türkischen Manisa auf Eis gelegt hat – zumindest vorübergehend. Man beobachte die Entwicklung "ganz genau und mit großer Sorge", hieß es aus Unternehmenskreisen. Im Dezember 2019 wurde bekannt, dass Volkswagen frühestens ab der Mitte des ersten Quartals 2020 zu einer abschließenden Bewertung kommen werde. Wirtschaftsvertreter begrüßen den Aufschub der Entscheidung. "Mit dem völkerrechtswidrigen Einmarsch in Nordsyrien muss eine weitere Debatte über die politische Verlässlichkeit der Türkei geführt werden", sagte etwa Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Niedersachsenmetall. Noch 2015 galt die Türkei als Wirtschaftswunderland, doch bereits 2018 sahen 90 Prozent der im Verband versammelten Unternehmen dort keine ausreichende Rechts- und Planungssicherheit mehr. Und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), der auch im Volkswagen-Aufsichtsrat sitzt, sagte: "Die Bilder, die wir aus Nordsyrien sehen, sind entsetzlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Volkswagen unter diesen Bedingungen in der Türkei eine Milliardeninvestition vornimmt." Abgesagt ist die Investition in die Türkei damit aber noch lange nicht: "Wir sind in einer sorgfältigen Beobachtungsphase", sagte VW-Markenproduktionschef Andreas Tostmann Ende Oktober 2019 in Wolfsburg. Die Pläne bleiben also erst einmal fertig in der Schublade, der bisherige Zeitplan ist hinfällig. Sollte es am Ende doch nicht auf den in Manisa nahe Izmir gelegenen Standort hinauslaufen, will VW ein schon bestehendes Werk erweitern, aber keine komplett neue Standortsuche starten. In diesem Fall sollten Niederlassungen in Osteuropa gute Chancen haben: Unter Brachenbeobachtern war zuletzt etwa Bratislava im Gespräch.

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