Audi RS 4 & BMW Alpina B3 S: Test Power-Kombis im Test

von Marcel Kühler 08.10.2018
Inhalt
  1. Im Test: Audi RS 4 & BMW Alpina B3 S
  2. Fahrdynamik: Audi mit Vorsprung
  3. Fahrkomfort: BMW mit lauten Roll-Geräuschen
  4. Karosserie: RS 4 größer und jünger 
  5. Umwelt/Kosten: Alpina B3 S günstiger
  6. Technische Daten
  7. Umfrage

Im Test stehen der Audi RS 4 Avant und der BMW Alpina B3 S, die seit jeher nichts weniger als Sportwagen im Kombi-Gewand sind. Die 450 PS starke Neuauflage aus Ingolstadt trifft im hochoktanigen Vergleich auf den ebenfalls ungestümen Touring mit 440 PS.

Was tun, wenn das Herz Sportwagen sagt, die Familie aber mit dem Argument des mangelnden Raumangebots ein gewichtiges Veto einlegt? Audi stellte bereits 1994 eine hochdynamische Lösung für diesen Problemfall vor: den mit Porsche entwickelten RS 2 Avant, der schon damals 315 PS leistete und damit vielen „echten“ Sportwagen überlegen war. Gleichzeitig bot das limitierte Sportmodell alle Vorzüge einer praktischen Kombi-Karosserie. Dieses Rezept, bestehend aus extrem leistungssarkem Antrieb und gutem Platzangebot für Mensch und Gepäck behielten die in RS 4 umgetauften Nachfolge- Generationen bei, die nicht nur von Markenenthusiasten heiß begehrt werden. Die jüngste Neuauflage hat mit ihrer extrovertierten, weil mit massiven Radhausverbreiterungen bestückten Karosserie, einem rennstreckentauglichen Fahrwerk und einem charismatischen V6-Biturbo mit 450 PS ebenfalls das Zeug dazu, in kürzester Zeit zum Kultauto zu reifen. Auf eine treue Fangemeinde kann sich auch der Kleinserienhersteller Alpina verlassen, der seit dem Jahr 1978 auf Basis konventioneller BMW-Großserienfahrzeuge besonders dynamische und exklusive Individualaufbauten fertigt – etwa den B3 S Biturbo Touring Allrad, der mit seinem 440-PS-Reihensechszylinder, der zugegeben in einer deutlich braveren Kombi- Karosserie steckt, eine ähnliche Philosophie wie der RS 4 verfolgt und sich somit als perfekter Vergleichstest-Gegner empfiehlt.

Der BMW Alpina B3 Biturbo im Video:

 
 

Im Test: Audi RS 4 & BMW Alpina B3 S

Sowohl der Audi als auch der Alpina beziehen einen wesentlichen Teil ihrer Faszination aus ihrem Antrieb. Unter der Haube des RS 4 kommt ein neu entwickelter V6- Biturbo mit 2,9 Liter Hubraum zum Einsatz, der die Kurbelwelle mit bis zu 600 Newtonmetern malträtiert. Und da das maximale Drehmoment bereits bei 1900 Touren vollzählig anliegt, stürmt der Avant fast schon ansatzlos Richtung Horizont. In Zahlen bedeutet dies: In nur 3,6 Sekunden erreicht der Ingolstädter Landstraßentempo. Nach aberwitzigen 13,5 Sekunden ist er bereits 200 km/h schnell. Übrigens sei allen RS 4-Fans, die dem Achtzylinder der Vorgänger-Generation hinterhertrauern, versichert: Audis Sound-Ingenieure haben sich hörbar Mühe gegeben, den überaus sensibel aufs Gas ansprechenden V6 wie einen V8 klingen zu lassen. Gerade im Teillastbereich vernehmen wir ein beherztes Wummern, das durch die optionale Sportabgasanlage, mit der der Testwagen bestückt ist, kräftig verstärkt wird Dem setzt der Alpina B3 S ein aggressives Fauchen entgegen, das aber selbst bei Höchstdrehzahl nicht ganz die Dramatik der RS 4- Klangkulisse erreicht. Von den Beschleunigungswerten her ist der Buchloer seinem Kontrahenten indes ebenbürtig und sprintet in 3,8 Sekunden auf Tempo 100 beziehungsweise in 13,4 Sekunden auf 200 km/h. Zwei Faktoren bescheren dem Alpina jedoch einen großen Punktevorteil: Zum einen liegt die Höchstgeschwindigkeit mit 298 km/h deutlich über der des RS 4, der gegen Aufpreis maximal 280 km/h schnell sein darf. Und zum anderen verbraucht der Reihensechszylinder des Alpina weniger Kraftstoff – wenngleich sich beide Wettstreiter mit 12,4 respektive 11,7 Litern je 100 Kilometer nicht als Kostverächter outen.

 

Fahrdynamik: Audi mit Vorsprung

Die Familiensportler begeistern jedoch nicht nur durch ihren famosen Vortrieb. Auch querdynamisch haben sie trotz der beachtlichen Leermassen von jeweils knapp über 1,8 Tonnen enorme Talente vorzuweisen. Auf dem Handlingkurs gibt der Audi mit einem Vorsprung von 0,9 Sekunden die Bestzeit vor. Dabei profitiert der RS 4 vor allem vom hohen Gripniveau seiner Vorderräder, das ihm ein sehr neutrales Einlenkverhalten beschert. Der Alpina – in der Slalomgasse der schnellere Sportkombi – wirkt beim Einlenken zwar noch etwas agiler, neigt aber bei zu forschem Einsatz am Kurveneingang eher zum Untersteuern. Am Kurvenausgang lässt sich der Alpina durch die hecklastige Abstimmung seines Allradantriebs jederzeit zu einem gut kontrollierbaren Drift überreden. Beim Audi sorgt das aufpreispflichtige Sport-Differenzial, das der Testwagen an Bord hat, hingegen dafür, dass der RS 4 wie auf Schienen aus der Kurve hinausschießt. Im Gegensatz zu seinem Rivalen, der vorn mit einer Karbon-Keramik-Bremsanlage antritt, setzt der B3 S auf konventionelle Scheiben. Gleichwohl verzögert der Buchloer damit noch vehementer und benötigt aus Tempo 100 nur 33,4 Meter bis zum Stillstand. Mit warmer Anlage verkürzt sich der Bremsweg sogar noch um 1,1 Meter.

 

Fahrkomfort: BMW mit lauten Roll-Geräuschen

Der Federungskomfort gehört nicht unbedingt zu den größten Stärken des neuen Audi RS 4. Zwar sprechen seine Feder-/Dämpferelemente auf kleinere Anregungen recht sensibel an, im weiteren Verlauf ist der zur Verfügung stehende Federweg aber recht schnellaufgebraucht. Und auch auf der
 Autobahn ist der Audi durch seine straffe Abstimmung häufig in Bewegung. Außerdem registrieren wir bereits auf kleineren Fahrbahnschäden unschöne metallische Scheppergeräusche aus den Tiefen des Fahrwerks. Dass sich sportwagenähnliche Fahrleistungen und gehobener Federungskomfort keineswegs ausschließen müssen, beweist der Alpina dagegen eindrucksvoll. Er hält alle Arten von Unebenheiten besser von seinen Passagieren fern. Dafür stören bei ihm schon bei mittleren Autobahngeschwindigkeiten Windgeräusche. Und auch die Reifen rollen hier deutlich lauter ab als beim wirkungsvoll gedämmten Audi, dessen serienmäßigen Sportsitze überdies gerade im Schulterbereich mehr Seitenabstützung offerieren als die etwas engen BMW-Sportsitze, die Alpina für den B3 verwendet.

 

Karosserie: RS 4 größer und jünger 

Beim Vergleich der Innenräume wird deutlich, dass der RS 4 deutlich jünger ist als der Alpina B3, der auf dem seit 2012 angebotenen BMW 3er basiert. So bietet der Audi nicht nur etwas mehr Platz, auch das Angebot an modernen Sicherheitsfeatures ist umfangreicher. Nur der Ingolstädter kann etwa mit einem Kreuzungsassistenten, einer Ausstiegswarnung oder einem Ausweichassistenten bestellt werden. Wie nahezu alle Audi-Modelle ist der RS 4 überdies makellos verarbeitet und beweist mit seinem Alcantara-Lenkrad sowie den Kohlefaser-Dekoreinlagen auch im Interieur viel Sportsgeist. Im Alpina geht es vor allem wegen der erweiterten Lederausstattung für 3090 Euro, die auch den gesamten Armaturenträger sowie die Türverkleidungen umfasst, nobel zu. Allerdings trüben leise Knarzgeräusche aus den Türtafeln den ansonsten hohen Qualitätsstandard ein wenig.

 

Umwelt/Kosten: Alpina B3 S günstiger

Dass derart exklusive Hochgeschwindigkeitsfahrzeuge nichts für Schnäppchenjäger sind, liegt auf der Hand. Zum einen bewegen sich die Grund- wie auch die bewerteten Preise auf einem sehr hohen Niveau – wobei der Audi inklusive der testrelevanten Optionen des Testwagens nochmals 13.510 Euro teurer ist als der Alpina. Zum anderen haben es auch die laufenden Kosten in sich – bedingt durch die hohen Kraftstoffverbräuche sowie die ungünstigen Kasko-Einstufungen.

 

Technische Daten

 AUDI RS 4 AvantBMW Alpina B3 S Biturbo Touring Allrad
Zylinder/Ventile pro Zylin.V6/4, BiturboR6/4, Biturbo
Hubraum2894 ccm2979 ccm
Leistung450 PS440 PS
Max. Gesamtdrehmoment600 Newtonmeter660 Newtonmeter
Getriebe/Antrieb8-Stufen-Automatik /Allrad, permanent8-Stufen-Automatik /Allrad, permanent
Beschleunigung  
0 - 100 km/h3,6 s3,8 s
0 - 200 km/h13,5 s13,4 s
Höchstgeschwindigkeit250 km/h (optional: 280 km/h)298 km/h
Leergewicht (Werk)1715 kg1770 kg
Bremsweg aus 100 km/h warm33,4 m32,3 m
Verbrauch (Test/EU)12,4/11,6 l SP/100 km11,7/8,4 l SP/100 km
CO2-Ausstoß (Test/EU)294/200 g/km277/192 g/km
Grundpreis79.800 Euro77.600 Euro
Testwagenpreis93.700 Euro80.190 Euro
Punktzahl (max. 5000 Punkte)3078 Punkte3105 Punkte
Platzierung21
 

Umfrage

 

von Marcel Kühler von Marcel Kühler
Unser Fazit

Die zwei faszinierenden Hochleistungskombis offenbaren im Vergleichstest grundlegend unterschiedliche Charaktere. Der Alpina B3 S Biturbo Touring Allrad verbindet wie kaum ein anderes Fahrzeug exorbitante Fahrleistungen mit sehr geschliffenen Umgangsformen im Alltag. Der neue Audi RS 4 Avant steht hingegen in der Tradition seiner Vorgänger und ist radikaler auf Sport getrimmt. Er ist bedeutend härter abgestimmt und sein charismatisches Triebwerk stets akustisch mehr präsent. Für welchen der beiden faszinierenden Familiensportwagen man sich letztlich entscheiden sollte, bleibt deshalb reine Geschmackssache – selbst wenn der Testsieg durch die höhere Endgeschwindigkeit, den geringeren Verbrauch und letztlich den niedrigeren bewerteten Preis an den Alpina geht.

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