Abbiegeassistent Lkw: Online-Petition & ADAC-Test Scheuer drückt bei Lkw-Abbiegeassistenten aufs Tempo

von Christina Finke 05.06.2019
Inhalt
  1. ADAC testet Abbiegeassistenten für Lkw
  2. Politik & Petition pro Lkw-Abbiegeassistenzsystem
  3. So funktioniert der Abbiegeassistent

Bundesverkehrsminister Scheuer und eine Online-Petition fordern eine schnellere Einführung von Abbiegeassistenten. Und: Der ADAC hat mehrere Abbiegeassistenten für Lkw getestet – mit überwiegend positiven Ergebnissen. Dieser Artikel wurde am 05.06.2019 aktualisiert.

Bundesverkehrsminister Andras Scheuer (CSU) drängt die EU auf die zeitnahe Einführung von Abbiegeassistenten für Lkw. "Technisch ist es machbar. Deswegen müssen wir jetzt Tempo machen", sagte der Minister im Juni 2019. "Das europarechtliche Thema ist, dass wir
2022 und 2024 erst die verpflichtende Einführung haben." Nach Angaben des CSU-Politikers hat das Bundesverkehrsministerium seine Zuschüsse für die Nachrüstung von Lkw mit den Abbiegeassistenten von fünf auf zehn Millionen Euro verdoppelt. Mit Hilfe des Förderprogramms seien bislang 3900 Lkw mit den Assistenten ausgerüstet worden. Dabei handelt es sich allerdings um einen freiwilligen Einbau. "Es dreht sich da um ein System, dass 800, 900, 1300 Euro kostet. Es gibt in Deutschland einige Hersteller, die diese Abbiegeassistenzsysteme nachrüsten", sagte Scheuer. Die EU will eine Pflicht für Abbiegeassistenten für neue Lkw ab 2022 erlassen. Die Bundesregierung wäre für eine schnellere Einführung von Abbiegeassistenten für Lkw, verweist aber auf die nötige EU-Regelung. Mehr zum Thema: Beim Unfall können Assistenzsysteme ins Geld gehen

News Assistenzsysteme
Assistenzsysteme im Auto: Stress hoch & Nutzung gering Assistenzsysteme lösen Stress aus

Abbiegeassistenten für LKW im ADAC-Vergleich (Video):

 
 

ADAC testet Abbiegeassistenten für Lkw

Der ADAC hat im April 2019 mehrere verfügbare Abbiegeassistenten für Lkw in einem Test unter die Lupe genommen. Dabei schwankten die Kosten für die Abbiegeassistenten zwischen 760 und 2650 Euro bei einem Arbeitsaufwand für den Einbau von bis zu sechs Stunden. Die Ergebnisse waren überwiegend positiv: Jedes System konnte im Test die Vorschriften des Bundesverkehrsministeriums (BMVI) erfüllen. Am besten schnitt das System AAS von Mekra Lang im ADAC-Test ab. Allerdings konnte kein Testkandidat den deutlich anspruchsvolleren Anforderungen auf internationaler Ebene, die voraussichtlich ab 2022 gelten, standhalten. So konnte etwa keins der getesteten Systeme Radfahrer erkennen, wenn sich zwischen Radfahrspur und Lkw-Fahrspur Hindernisse befinden. Der ADAC forderte die Hersteller dazu auf, hier technisch rasch nachzubessern. Zudem solle der Bund sein Förderprogramm aufstocken, um den Einbau der Systeme zu beschleunigen. Neben den Untersuchungen auf dem Testgelände ermittelten die ADAC-Tester auch im realen Straßenverkehr die Anzahl an Fehlauslösungen der Abbiegeassistenten aufgrund von Verkehrsschildern oder Bäumen am Straßenrand. Der Grund: Eine hohe Anzahl an Fehlauslösungen würde sich negativ auf die Akzeptanz und das Vertrauen des Fahrers auf das System auswirken. Die Abbiegeassistenten von MEKRA Lang Mobileye oder LUIS, die Radfahrer von Verkehrszeichen, Ampeln oder Bäumen unterscheiden können, verursachten im ADAC-Test eine geringe Anzahl an Fehlauslösungen. 

Abbiegeassistenten für Lkw im Video:

 
 

Politik & Petition pro Lkw-Abbiegeassistenzsystem

Derzeit gibt es noch keine gesetzliche Pflicht für Abbiegeassistenten bei Lkw, trotz medienwirksamer Online-Petition. Deswegen hat TÜV Rheinland gemeinsam mit der Deutschen Verkehrswacht eine Aufklärungskampagne gestartet.  "Einige der Unglücke beim Abbiegen von Lkw wären vermeidbar, denn es gibt bereits die entsprechenden technischen Mittel", sagt TÜV Rheinland-Mobilitätsexperte Thorsten Rechtien. Mit Aufklebern soll deshalb über den toten Winkel informiert und für die Gefahr sensibilisiert werden. Die großen und gut sichtbaren Aufkleber mit der Aufschrift "Vorsicht Toter Winkel" sollen andere Verkehrsteilnehmer warnen und werden dazu an Lkw oder Bussen angebracht. Ein Abbiegeassistenzsystem, wie von der Online-Petition gefordert, ersetzt der Aufkleber natürlich nicht. Das Thema Abbiegeassistenten bei Lkw erlangte im Mai 2018 Aufmerksamkeit, als Janine Schulz auf der Online-Plattform "We-Act" eine Petition zur verpflichtenden Einführung für Abbiegeassistenzsysteme für Lkw ab 7,5 Tonnen startete. Das Anschreiben der Abbiegeassistenten-Petition richtet Schulz direkt an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer. Unter der Überschrift "Retten Sie Leben",  fordert sie ein Gesetz, dass EU weit zur Installation von Abbiegeassistenten in Lkw verpflichtet. Innerhalb weniger Wochen gewann sie mit Ihrer Petition nicht nur die Stimmen 151.000 Unterstützer, sondern auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Vier Jahre vor der Petition für ein Abbiege-Assistenzsystem wurde Schulz selbst Opfer eines Unfalls mit einem abbiegenden Lkw. Nachdem der Lkw ihre Beine und Hüfte überrolle, lag die damals 28-Jährige wochenlang im künstlichen Koma. Ein Jahr Krankenhausaufenthalt  und 20 Operationen: Laut der Ärzte hatte die Bremerin Glück, sie hat gerade so überlebt. Doch die Geschichte von Janine Schulz ist kein Einzelfall, allein 2018 kamen laut des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clus (ADFC) mindestens 19 Radfahrer ums Leben.

News Notbremsassistenten im Test
Notbremsassistenten im Test (ADAC) Bremsassistenten in der Mittelklasse getestet

Abbiege-Assistent Mercedes (Video):

 
 

So funktioniert der Abbiegeassistent

Dabei gibt es technisch längst Möglichkeiten dieses Problem zu lösen: Die Ausstattung von Lkw mit Abbiegeassistenten ist ab Werk ohne weiteres möglich, auch Nachrüstlösungen sind verfügbar. Die Totwinkelwarner überwachen je nach Hersteller durch Kameras, Ultraschallsensoren oder Radar seitlich am Lkw einen etwa 3,75 Meter breiten sowie maximal 19 Meter langen Streifen. Wird im toten Winkel auf der Beifahrerseite ein Radfahrer oder Fußgänger erkannt, geht am Armaturenbrett eine gelbe Warnleuchte an. Eine rote Leuchte blinkt, wenn Kollisionsgefahr droht und zusätzlich ertönt ein akustisches Warnsignal. In Zukunft sollen Warnsysteme in einer kritischen Situation sogar eine Notfallbremsung auslösen können. Somit könnte der pflichtmäßige Einsatz von Kameras und akustischen Warnsystemen schnell und kostengünstig Abhilfe schaffen. Bei herkömmlichen Herstellern könnte jeder Lkw mit einem entsprechenden System für etwa 1500 Euro ausgestattet beziehungsweise nachgerüstet werden. Edeka geht als gutes Beispiel voran: Der Unternehmensverbund entwickelte selbst ein Abbiegeassistenzsystem und rüstete alle Lkw, die zur Firmenflotte gehören, mit einem 600 Euro teuren Abbiegeassistenzsysteme aus. Ebenso der Discounter Netto: Alle 500 Lkw des Unternehmens sollen bis spätestens 2019 nachgerüstet werden. Damit werden die Lkw Fahrer enorm entlastet: Das Risiko der Fahrer tragen aber unfreiwillig auch die anderen Verkehrsteilnehmer, vor allem Fußgänger und Fahrradfahrer. In der Vergangenheit wurden Lkw-Fahrer wegen Unfällen bei Abbiegevorgängen zu bis zu 150 Tagessätzen zu jeweils 30 Euro verurteilt. Ab 90 Tagessätzen gelten die Fahrer als vorbestraft.

Verkehrsrecht Blackbox im Auto
Blackbox im Auto: Datenspeicherung & Datenausweis Viele Autofahrer sind für verpflichtende Blackbox

Tags:
NEWSLETTER
Melden Sie sich hier an!
Beliebte Marken

AUTO ZEITUNG 16/2019AUTO ZEITUNGAUTO ZEITUNG 16/2019

Copyright 2019 autozeitung.de. All rights reserved.