VW See-Golf: Das schwimmende Cabrio aus Wolfsburg
Pontons und Propeller: Der VW See-Golf
Am Anfang stand eine Frage, die sich wohl nur jemand wie Dr. Ernst Fiala ernsthaft stellte: Kann ein VW Golf schwimmen? Der langjährige VW-Entwicklungschef und sein vierköpfiges Team wollten es genau wissen – und taten, was kaum jemand für möglich gehalten hätte: Sie brachten dem kompakten Kassenschlager das Schwimmen bei. Der Hintergrund war dabei keineswegs nur verspielter Natur. Vielmehr ging es um thermodynamische Erkenntnisse: Wie verhält sich ein Serienmotor unter dauerhafter Belastung bei reduzierter Kühlung? Als Versuchsträger wählte das Team ein Golf I Cabriolet – und verwandelte ihn in ein Fahrzeug, das auf der Straße wie ein überdimensionierter Picknickkorb, auf dem Wasser aber wie ein Boot mit VW-Logo wirkte.
Das Rezept war ebenso pragmatisch wie spektakulär: Zwei massive Schwimmer an den Flanken, die sich hydraulisch anheben ließen, sorgten für den nötigen Auftrieb auf dem Wasser. Der Antrieb erfolgte über eine separate Welle, die mit einer Schiffsschraube verbunden war – mechanisch vom Frontmotor aus kuppelbar. Damit erreichte der See-Golf eine Höchstgeschwindigkeit von 22 Knoten – umgerechnet über 40 km/h – auf dem Wasser. Karosserie und Technik wurden wasserdicht abgedichtet, der Innenraum mit Leder ausgekleidet. Trotz der voluminösen Anbauten waren auf der Straße noch 140 km/h möglich – wenngleich das Fahrzeug beim Einparken wohl zwei Parkplätze beanspruchte.
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Der VW Golf R (2023) im Fahrbericht (Video):
Auftritt am Wörthersee – mit Wasserskifahrer im Schlepptau
Nach ausgiebigen Tests auf Stauseen und in der Kieler Bucht feierte der See-Golf seine Premiere 1983 dort, wo man ihn am wenigsten erwartet hätte: beim GTI-Treffen am Wörthersee. Zwischen Tieferlegungen, Fuchsfelgen und bösen Blicken sorgte der wasserfeste Golf für Aufsehen – inklusive Wasserskifahrer:innen im Schlepptau. Offiziell wurde das Projekt als Technologieversuch deklariert. Inoffiziell dürfte das Team wohl auch Freude daran gehabt haben, der Öffentlichkeit ein technisch funktionsfähiges, aber komplett nutzungsfremdes Einzelstück zu präsentieren – mit einem gewissen Augenzwinkern.
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Schwimmende VW haben eine Geschichte
Dass ein VW schwimmen kann, war keine gänzlich neue Idee. Schon der Typ 166 Schwimmwagen hatte das im militärischen Kontext des Zweiten Weltkrieges bewiesen. Auch die legendäre Anzeige der Agentur Doyle Dane Bernbach aus den 1960er-Jahren ("Volkswagen's unique construction keeps dampness out") oder ein TV-Spot von 1972, in dem ein VW Käfer ins Wasser gefahren wurde, zeugten vom Mythos der wasserdichten Karosserie. Doch der See-Golf ging einen Schritt weiter: Er schwamm nicht nur – er fuhr. Und er wurde damit zum wohl skurrilsten Beitrag der Volkswagen-Forschung der frühen 1980er-Jahre.
Der VW See-Golf war kein Serienauto, kein Konzeptfahrzeug im eigentlichen Sinne und kein Designentwurf. Er war ein fahrendes – und schwimmendes – Experiment. Mit knapp 150 PS (110 kW) aus einem von Oettinger modifizierten 1,8-l-Vierzylinder, einem hydromechanischen Pontonsystem und einer Schiffsschraube war er technisch faszinierend. Doch genau diese Zweckfreiheit macht ihn heute so bemerkenswert: Der See-Golf war ein Beweis, dass auch in Wolfsburg nicht immer nur an Stückzahlen gedacht wurde – sondern manchmal auch an das, was ein Auto sein könnte, wenn niemand nach seiner Alltagstauglichkeit fragt. Heute kann der See-Golf im Stiftung AutoMuseum Volkswagen in Wolfsburg bewundert werden.