VW ID.3/VW Golf: Vergleich ID.3 und Golf im Fahrdynamik-Vergleich

von AUTO ZEITUNG 08.12.2020
Inhalt
  1. VW ID.3 und VW Golf 8 im Vergleich
  2. VW ID.3 mit weniger komfortablen Sitzen
  3. VW Golf liefert mehr Rückmeldung
  4. Technische Daten VW ID.3 und VW Golf
  5. VW Golf und VW ID.3 im Fahrdynamik-Vergleich
  6. Unterschiedliche Charakter bei Handlungkurs & Slalom

Der VW ID.3 tritt gegen den Markenbruder und Topseller VW Golf an. Wer weiß im Vergleich mehr zu überzeugen – das neue Elektroauto oder der klassische Verbrenner?

Der VW ID.3 muss sich in diesem Vergleich gegen den Kompakt-König VW Golf beweisen. Der ID.3 steht wie kein anderes Auto für die Transformation des Konzerns: Bis 2024 will der Automobil-Gigant knapp 60 Milliarden Euro in Elektrifizierung und Digitalisierung investieren. Erster und zugleich wichtigster Baustein ist der kompakte ID.3, der nach Verzögerungen durch Elektronikprobleme und bereits an die Kunden ausgeliefert wird.

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Der VW ID.3 im Fahrbericht (Video):

 
 

VW ID.3 und VW Golf 8 im Vergleich

Trotz neuer Scheinwerfer- und Rückleuchtengrafik ist der VW Golf 8 sofort als Golf zu erkennen – etwa durch die charakteristische, von der C-Säule dominierten Silhouette. Der VW ID.3 steht als erstes VW-Modell auf dem Modularen Elektro-Baukasten (MEB) und ist radikal anders gestaltet als alle bisher bekannten VW-Modelle: Der Stromer ist zwar gut zwei Zentimeter kürzer als der Golf, dafür aber sieben Zentimeter höher und erinnert mit seiner kurzen Fronthaube und der großen Windschutzscheibe an einen kompakten Van. Beim Einsteigen fällt zunächst die um satte zehn Zentimeter höhere Sitzposition des Stromers auf. Auch das Raumgefühl ist durch die große Frontscheibe und die flache Mittelkonsole luftiger als im Golf. Dieser integriert Fahrer und Copilot dafür inniger ins Cockpit und bietet zudem einen besseren Sitzkomfort: Obwohl beide VW mit den jeweils aufpreispflichtigen ergo-Active-Sitzen samt Massagefunktion ausgerüstet sind, spendiert VW dem Golf stärker konturierte Seitenwangen für einen besseren Seitenhalt sowie eine insgesamt angenehmere Polsterung. Und auch auf der Rückbank ist man im Golf aufgrund der besser nutzbaren Beinauflage kommoder untergebracht. Der VW ID.3 trumpft dagegen mit mehr Beinraum auf, und das Fehlen des Mitteltunnels macht sich vor allem bei Fahrten mit drei Fondpassagieren positiv bemerkbar. In puncto Kopffreiheit hat der VW Golf dagegen die Nase vorn und lässt selbst Sitzriesen noch ausreichend Luft über dem Scheitel. Mit 385 bis 1267 Litern fasst der Laderaum des E-Autos zwar etwas mehr Gepäck als das mit 381 bis 1237 Litern nur unwesentlich kleinere Pendant des Golf. Bei umgeklappter Rückbank entsteht jedoch eine unpraktische Stufe, und die Ladekante des ID.3 ist satte zehn Zentimeter höher. Für Verdruss werden bei vielen ID.3-Kunden die arg einfachen Kunststoffe sorgen – das ist man so von Volkswagen bislang nicht gewöhnt, und das passt auch nicht zu einem knapp 36.000 Euro teuren Auto. Der Golf wirkt im Vergleich dank großzügig geschäumter Flächen an Armaturenträger und Türverkleidungen hochwertiger.

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VW ID.3 mit weniger komfortablen Sitzen

Obwohl bereits viel über die negativen Aspekte des neuen Touch-Bedienkonzepts bei VW geschrieben wurde, muss auch an dieser Stelle erwähnt sein: Die Zeiten, in denen man in einem VW quasi blind Klima, Multimedia & Co. bedienen konnte, sind nun vorbei. Und die von VW als Alternative zu Knöpfen und Tasten gepriesene und angeblich intelligente Sprachsteuerung ist wegen ihrer konstanten Begriffsstutzigkeit in beiden Autos übrigens mehr Ärgernis als echte Bedienhilfe. Ganz und gar nicht verlernt haben die Wolfsburger Ingenieure dagegen, wie man Fahrwerke harmonisch abstimmt. Der VW Golf und der VW ID.3 treten zudem jeweils mit aufpreispflichtigen adaptiven Dämpfern (DCC) an. Allerdings fällt beim Stromer die Spreizung der unterschiedlichen Modi deutlich geringer aus. Unverschämt: Das DCC gibt es nur für die gut 10.000 Euro teure Ausstattungslinie "Max". Ausgesprochen satt rollt der ID.3 ab, reicht selbst grobe Unebenheiten nicht unangemessen harsch an die Passagiere weiter und geht trotz optionaler 20-Zoll-Bereifung als bequemer Alltagsbegleiter durch. Umsteigen in den Golf: Seine adaptiven Dämpfer lassen sich stufenlos 16-fach einstellen, den Unterschied zwischen dem straffen Sportmodus und der soften Komfortstellung erfährt man schon nach wenigen Metern. Auf welliger Fahrbahn präsentiert sich der Aufbau des Verbrenners zudem ruhiger. Beim Antriebskomfort spricht im Vergleich dagegen alles für den ID.3 und seinen beinahe geräuschlosen E-Antrieb. Das typische Diesel-Grummeln des 2.0 TDI und die Zugkraftunterbrechungen des Siebengang-Doppelkupplungsgetriebes beim Schalten wirken da schon fast archaisch. Allerdings: Der sparsame Selbstzünder beschert dem VW Golf Reichweiten von über 1000 Kilometer, zudem kann man bei Bedarf dank 223 km/h Topspeed richtig Strecke machen. Um die 420 Kilometer WLTP-Reichweite des VW ID.3 in der Praxis zu erreichen, muss man sich schon arg zurückhalten, und die Höchstgeschwindigkeit ist sowieso auf 160 km/h limitiert.

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VW Golf liefert mehr Rückmeldung

Auf kurvigen Landstraßen gibt sich der mit 1,8 Tonnen Leergewicht über 300 Kilogramm schwerere VW ID.3 agil und vor allem sehr fahrsicher, weil die feinfühlig agierenden Regelsysteme das E-Auto bei wilden Fahrmanövern sicher auf Kurs halten. Die intensivere Kommunikation mit seinem Fahrer pflegt jedoch der VW Golf: Er gibt mehr Feedback über die direkter ansprechende Lenkung und erreicht auch wegen seiner sportiven Bereifung höhere Kurvengeschwindigkeiten. Bleibt am Ende noch das Finanzielle: Mit 35.575 Euro Grundpreis ist der VW ID.3 über 3000 Euro teurer als der Golf 2.0 TDI. Abzüglich der Elektro-Förderprämie von 9580 Euro hat der Stromer jedoch klare Vorteile in diesem Vergleich, auch wenn auf den Golf mittlerweile Rabatte von bis zu 20 Prozent gewährt werden.
von Caspar Winkelmann

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Technische Daten VW ID.3 und VW Golf

AUTO ZEITUNG
22/2020 & 26/2020
VW GolfVW ID.3
Technik
Motor4-Zylinder, 4-Ventiler,
Turbodiesel, SCR-Kat,
1968 cm³
permanenterregte
Synchronmaschine
Leistung110 kW/150 PS bei
3000 – 4000 /min
150 kW/204 PS
Drehmoment360 Nm bei
1600 – 2750 /min
310 Nm
BatterieLithium-Ionen Batterie
Spannung/Kapazität (brutto)396 Volt/58 kWh
Getriebe/Antrieb7-Gang, Doppelkupplung,
Vorderradantrieb
Konstantübersetzung,
Hinterradantrieb
Messwerte
Leergewicht (Werk)1448 kg1807 kg
Beschleunigung 0-100 km/h (Test)8,2 s7,1 s
Höchstgeschwindigkeit (Werk)223 km/h160 km/h
Bremsweg aus 100 km/h
kalt/warm (Test)
xx
Verbrauch auf 100 km (Test/WLTP)4,9 1 (3,9) l D17,9 1 (15,4) kWh
CO2-Ausstoß (Test/WLTP)130 1 (102) g CO2/km71 (0) g CO2/km
Preise
Grundpreis32.207 €34.112 € (mit Prämie)
 

VW Golf und VW ID.3 im Fahrdynamik-Vergleich

Wir sind der Frage nach Fahrsicherheit und -spaß nachgegangen und haben den VW Golf 2.0 TDI DSG mit dem VW ID.3 in diesen Disziplinen gesondert verglichen. Beide Wolfsburger nutzen im Test Optionsbereifungen: Der Golf absolviert die Disziplinen auf Goodyear Eagle F1 Asymmetric 3 225/45 R 17 und der ID.3 sogar auf der für ihn maximal möglichen größten Bereifung im Format 215/45 R 20 mit den eigens für ihn entwickelten Bridgestone Turanza Eco Enliten. Eigentlich stehen die Voraussetzungen für den ID.3 gut. Mehr Leistung als der Golf, tiefer Schwerpunkt dank der Akkus im Fahrzeugboden und Hinterradantrieb. Aber VW hat seinen Fokus beim Stromer auf Reichweite gerichtet und ihn kurzerhand über ein zu 100 Prozent auf Sicherheit ausgelegtes Fahrverhalten und ein konsequent einschreitendes ESP der Dynamik beraubt. Ja, er ist narrensicher, aber auch sehr distanziert in der Kommunikation mit seinem Fahrer. Vor allem der Lenkung fehlt im Vergleich zum Golf eine verbindliche Rückmeldung über das früh einsetzende Untersteuern. Natürlich hat daran auch die bereits erwähnte Bridgestone-Bereifung ihren Anteil. Glücklicherweise geht der vermeintliche Gripverlust bei der Kurvenhatz aber nicht zulasten einer wirkungsvollen Bremsleistung: Der VW ID.3 verzögert trotz seiner zusätzlichen 359 Kilogramm Leergewicht und seiner hinteren Trommelbremsen so vehement und auch nach mehreren Vollbremsungen ohne nachlassende Wirkung wie der rundum mit Scheibenbremsen bestückte Golf: Aus Tempo 100 benötigt der ID.3 34,1 Meter, um zum Stillstand zu kommen, der VW Golf 34,0 Meter. Der ID.3 gibt sich also keine Blöße bei der Fahrsicherheit. Anforderungen erfüllt. Und der Golf? Die deutsche Kompaktwagen-Legende kann es immer noch besser. Ihr ESP arbeitet nach dem Motto: keine Bevormundung bitte! Im Grenzbereich reicht dem Tausendsassa ein kleiner Stups der Elektronik, um sicher auf Kurs zu bleiben. Obwohl bei ihm der größte Teil der Last auf der Front ruht, neigt seine Vorderachse deutlich weniger zum Untersteuern als die des ID.3. Vielmehr machen sich seiner gut sieben Zentner weniger Gesamtmasse positiv bemerkbar. Der Golf ist im Grenzbereich einfach etwas leichtfüßiger, aber vor allem verlässlicher unterwegs. Hier bleibt man dank intensiverer Rückmeldung, willigerem Einlenkverhalten und zurückhaltenderem ESP als Fahrer deutlich mehr Pilot als im ID.3. Der Stromer unterdrückt sein Potenzial und versteht seine Zielgruppe wohl eher als User der E-Mobilität, die bei ihm nicht den klassischen Fahrspaß suchen, sondern das komplette Sortiment digitaler Interaktion erwarten.

Fahrbericht
Neuer VW Golf 8 (2019): Erste Testfahrt Erste Testfahrt mit dem neuen Golf

 

Unterschiedliche Charakter bei Handlungkurs & Slalom

Auf dem Handlingkurs ist der im Vergleich 359 Kilogramm schwerere VW ID.3 (1:49,9 min) nur einen Hauch langsamer unterwegs als der VW Golf (1: 49,6 min) – trotz seiner deutlich weniger angriffslustigen Bereifung mit Bridgestone Turanza Eco Enliten gegenüber den Goodyear Eagle F1 Asymmetric 3-Gummis des Golf. Was dem ID.3 fehlt, ist die feine Rückmeldung über die Lenkung, die beim Golf vor allem deutlich mehr Fahrfreude vermittelt. Die schnellen Richtungswechsel im Slalom entsprechen plötzlichen Ausfallschritten über Vorder- und Hinterachse, wie sie auch bei akuten Ausweichmanövern im urbanen Umfeld auftreten können. Hier zeigt der ID.3 keine Schwächen. Er erreicht zwar nicht das wieselfl inke Tempo des Golf (ID.3: 64,0; Golf: 65,4 km/h), bleibt aber mit seinem stoisch-gutmütigen Untersteuern immer sicher in der Spur. VW gönnt dem Golf im Grenzbereich eine etwas weniger restriktive Regel-Strategie als dem VW ID.3. Dort, wo der Stromer sanft über die Vorderräder sein Limit ankündigt und vom ESP konsequent wieder in die Spur geführt wird, sind die stabilisierenden Regelintervalle im VW Golf zurückhaltender. So bleibt die Kontrolle deutlich verbindlicher in den Händen des Fahrers. Ganz abschalten lässt sich das ESP aber auch im Golf nicht – Sicherheit geht vor Fahrspaß.
von Michael Godde

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i3/Kona Elektro/e-Niro/ID.3: Vergleichstest Der ID.3 stellt sich dem Vergleichstest

von AUTO ZEITUNG von AUTO ZEITUNG
Unser Fazit

Der VW ID.3 ist ohne Zweifel ein gutes Elektroauto und absolut zukunftsfähig. Im Vergleich mit dem VW Golf macht der kompakte Stromer zwar vieles richtig, reicht bei Fahrkomfort und -dynamik aber nicht ganz an den Routinier heran, und die Materialqualität enttäuscht. 

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