Fahrbericht

Testfahrt mit dem Mercedes VLE: Raumkapsel für alle Strecken

Normalerweise vertragen sich große Stirnfläche, viel umbauter Raum und schnelle Autobahnetappen nicht mit der Elektromobilität. Der Mercedes VLE soll diese Widersprüche auflösen. Wir haben ihn auf eine Testfahrt ausgeführt.

(1/9)
Mercedes VLE, fahrend fotografiert von schräg vorne.
Das limousinigste Detail am Mercedes VLE ist der Haubenstern, der sich ab der Exclusive Line stolz in den Wind reckt. Foto: Mercedes
Mercedes VLE, fahrend fotografiert von schräg hinten.
Die Scheibe in der scheunentorgroßen Heckklappe lässt sich serienmäßig separat öffnen. Foto: Mercedes
Fahrer am Steuer des Mercedes VLE, fotografiert von der Seite.
Diese lange Mittelkonsole bietet viel Stauraum und Lademöglichkeiten, versperrt aber den Mittelgang zu den hinteren Plätzen. Foto: Mercedes
Armaturenbrett des Mercedes VLE, fotografiert von hinten.
An Bildschirmen mangelt es nicht an Bord des Mercedes VLE. Die Instrumente vor dem Lenkrad und der zentrale 14-Zoll-Touchscreen sind serienmäßig, der MBUX Superscreen (rechts) und ein Head-up-Display optional zu haben. Auch der Rückspiegel kann als Bildschirm fungieren und bietet im Verbund mit der rückwärtigen Kamera besten Durchblick. Foto: Mercedes
Panoramascreen des Mercedes VLE, fotografiert von hinten.
Der ausklappbare Panoramascreen verwandelt den VLE in ein rollendes Kino. Bei Bedarf lässt sich der Bildschirm auch vertikal splitten. Foto: Mercedes
Mittlere Sitze im Mercedes VLE, fotografiert von schräg vorne.
Gegen Aufpreis gibts ein Upgrade für die Rückpassagier:innen. Auf diesen Sesseln reist es sich wie in der Business Class. Foto: Mercedes
Tester beim Bedienen der Sitz- und Multimediaeinstellungen im Mercedes VLE, fotografiert von der Seite.
Mit diesen Fernbedienungen im Smartphone-Format pilotiert man im Fond Multimedia, Klima und Sitzeinstellungen. Foto: Mercedes
Tester in mittlerer Sitzreihe des Mercedes VLE, fotografiert von der Seite.
Die Sitze lassen sich elektrisch einstellen und sind demontierbar. Je nach Konfiguration reisen insgesamt bis zu acht Personen im VLE. Foto: Mercedes
Fahrer in hinterer Sitzreihe des Mercedes VLE, fotografiert von der Seite.
Selbst in der dritten Sitzreihe ist man vergleichsweise komfortabel unterwegs. Die Innenbreite genügt für drei Isofix-Kindersitze. Die Sicht auf den äußeren Plätzen ist naturgemäß weniger gut. Foto: Mercedes

Anders als die V-Klasse fährt der VLE ausschließlich elektrisch

SLK stand bei Mercedes einst für sportlich, leicht und kurz. Mit derselben Knackigkeit könnte das Kürzel VLE Van-artig, lang und elektrisch bedeuten. Wobei die Mercedes-Marketingprofis am liebsten von einer „Grand Limousine“ sprechen, nicht von einem Van oder gar einem profanen Kleinbus. Lang ist der VLE, das ist unbestritten. Mit seinen 5,31 m im Standardmaß beherbergt er bis zu acht Personen und einen hoch variablen Laderaum. Wer es noch luftiger mag, muss sich bis September 2026 gedulden, wenn die um 18 cm verlängerte Version Normgaragen zum Duell fordern wird. Den Namenszusatz EQ hat sich Mercedes verkniffen. Den VLE gibt es nur elektrisch, Punkt. Wer beim Fahren CO2 und andere Unannehmlichkeiten produzieren möchte, kann zur V-Klasse greifen, die weiterhin produziert wird.

Mercedes VLE 300 und VLE 400 4MATIC im ersten Check (Video)

Video Platzhalter
Video: AUTO ZEITUNG

Erste Testfahrt im Mercedes VLE: Elektromobilität gibt es auch für Großfamilien

Der VLE zeigt inzwischen, wie Elektromobilität für Großfamilien oder Hobby-Spediteur:innen aussehen kann. Wenn man in ihn einsteigt, steigt man zugleich auf. Die Sitzposition ähnelt in der Tat der einer Limousine, bietet aber mehr Übersicht. Wie bei CLA & Co. fällt der Blick auf eine weite Bildschirmlandschaft, die sich mit dem optionalen MBUX Superscreen oder mit einem Head-up-Display noch erweitern lässt. Das Limousinigste am VLE ist zweifellos der Haubenstern, der bei der Exclusive Line über dem großen Kühlergrill thront, der fast vollständig geschlossen ist.

Testredakteur am Steuer eines Mercedes VLE 300, fahrend fotografiert von rechts.
Die Sitzposition kommt der in einer Limousine nahe, bietet aber mehr Übersicht. Nicht gut: Solange man keine XXL-Arme hat, muss man sich zum Bedienen des Touchscreens nach vorne beugen. Foto: Mercedes

Im technologiegesättigten Cockpit hat man das Gefühl, das sich einstellt, wenn man sein altes Smartphone gegen ein neues eintauscht. Alles funktioniert flüssiger und schneller. Zusätzliche Funktionen sorgen für Aha-Effekte, aber nicht alle sind wirklich unverzichtbar. Selbst wenn die Menüs nicht übermäßig verschachtelt sind, braucht es ein bisschen Zeit, sich an die Vielzahl der Möglichkeiten zu gewöhnen.

Im Zweifel hilft die kluge und lernfähige, KI-gestützte Sprachbedienung, nach der ihr eigenen Gedenksekunde. Schade: Um das Zentraldisplay zu betatschen, müssen sich Fahrer:innen mit durchschnittlicher Armlänge leicht nach vorne beugen. Zwei verschiedene Mittelkonsolen dienen als Stauraum, Ladestation und/oder Raumteiler. Nur mit der kürzeren bleibt der Durchgang zum zweiten Rang erhalten.

Hinten schwelgt man im Mercedes VLE im Luxus

Wie es sich in einem Van gehört, spielt die beste Musik hinten. Zwei große, elektrisch angetriebene Schiebetüren mit versenkbaren Scheiben geben den Blick frei auf die Sitzlandschaft, auf der vier bis sechs Rückpassagier:innen lümmeln dürfen. Ach was, Sitze. Das sind Sessel! Je nach Ausstattungsvariante sind sie so vielfach regelbar wie ein Krankenhausbett.

Außerdem sind sie herausnehmbar, dank integrierter Rollen leicht zu transportieren, extrem bequem und auf Wunsch elektrisch verstellbar. Selbst auf der Bank im letzten Rang genügt die Breite für drei Isofix-Kindersitze. In der Mitte genießt man die beste Aussicht; auf den seitlichen Plätzen herrscht naturgemäß weniger Licht, trotz des serienmäßigen Panoramadachs.

Tester in mittlerer Sitzreihe des Mercedes VLE, fotografiert von der Seite.
Hier lässt es sich schnell, bequem und auch lange reisen. In der optionalen Konfiguration mit zwei großen Mittelsesseln geht es zu wie in der Business Class einer Raumkapsel. Foto: Mercedes

Apropos Optionen: Fans des ganz großen Kinos können den VLE mit dem Panorama-Screen in ein fahrendes Lichtspielhaus verwandeln. Das ausklappbare, 79 cm breite Display im Dachhimmel hinter den Vordersitzen mag zwar nicht ganz so groß sein wie der Theater Screen im BMW 7er. Dafür bietet der VLE den nötigen Abstand zur Leinwand und mehr Stauraum für Popcorn oder Bier. Außerdem erlaubt die Funktion Splitscreen, die Bildfläche zu unterteilen, etwa für die Kino-Session links und eine Teams-Besprechung rechts. Nie war Home Office unterhaltsamer und schneller.

Bis zu vier Kopfhörer lassen sich einbinden, kabellos natürlich. Dank der HDMI-Schnittstelle kann man auch mit der Spielkonsole daddeln bis zum Abwinken. Für die korrekte Beschallung sorgt die optionale Burmester-Anlage, die den guten Ton automatisch für die tatsächlich belegten Sitze optimiert. Ganz ehrlich: Im Vergleich zu dieser rollenden Lounge nimmt sich die Rückbank einer S-Klasse aus wie ein Besenschrank.

Fahren kann der VLE natürlich auch. Und zwar schnell, weit und überaus komfortabel. Mercedes verkündet für den VLE 300 eine WLTP-Reichweite von 713 km. Nach unserer Testfahrt scheint das nahezu realistisch. Die notwendigen Ladestopps rechnet die auf Google Maps basierende Navigation automatisch in die Routenführung ein. Dank der 800-V-Architektur verdaut der 115 kWh fassende Akku Ladeströme von bis zu 300 kW. Im Verbund mit einer bei 180 km/h gedeckelten Höchstgeschwindigkeit sind so hohe Reiseschnitte auch elektrisch machbar. Dabei geht es an Bord so leise zu wie in einer Raumkapsel auf dem Weg zum Mond. Das lauteste Geräusch ist meist das Lüftungsgebläse, wenn man erst einmal die Warntöne der zahllosen Fahrassistenten deaktiviert oder stummgeschaltet hat.

Die Rekuperation regelt sich leicht über Tasten hinterm Lenkrad, bis hin zum One-Pedal-Mode. Die Leistung von 203 kW (276 PS) im VLE 300 genügt dicke, aber der Wagen hegt keinerlei sportliche Ambitionen. Beim Herausbeschleunigen aus Kurven etwa mangelt es dem Fronttriebler zuweilen an Traktion und das Bremsgefühl zeigt sich sehr schwammig und undefiniert. Anders als in den elektrischen Mercedes-Limousinen verzichtet der VLE auch auf ein Zweigang-Getriebe, das wir aber nicht vermissen.

Die serienmäßige Luftfederung hält grobe Stöße von den Passagier:innen fern, solange keine 22-Zöller montiert sind, die auf holprigem Terrain hölzern abrollen. Mit den 21-Zoll-Rädern (serienmäßig: 19 Zoll) büßt der VLE ein bisschen an Lenkpräzision ein, bietet aber deutlich mehr Komfort. Erstaunlich das Handling im Stadtverkehr: Die im VLE 300 serienmäßige Vierradlenkung verkürzt den Wendekreis um einen Meter. Das fühlt sich fast an, als könnte man auf der Stelle wenden.

Der Mercedes VLE ist ein teures Schwergewicht, aber wohl jeden Penny wert

Nicht zu verheimlichen bleibt hingegen das Gewicht des VLE. Mit der großen Batterie und vielen Ausstattungsmerkmalen kann das Gewicht des Vans die Nutzlast so stark anknabbern, dass Mercedes eine Auflastung auf 3,7 t anbietet. Das ist wiederum zu viel für eine normale Fahrerlaubnis jüngeren Datums, zumindest bis die Führerscheinklasse B auf 4,25 t angepasst wird, was bis Ende 2027 geschehen soll. Die Betroffenen müssen zurück in die Fahrschule oder können die Wartezeit mit Sparen überbrücken.

Unter 82.260 Euro ist der VLE 300 zurzeit nicht zu haben. Nicht gerade familienfreundlich. Dafür wartet er schon mit der großen Batterie und einer weitgehend kompletten Ausstattung auf. 2027 soll es im VLE 250 auch einen kleineren, 80 kWh fassenden Akku mit Lithium-Eisenphosphat-Zellchemie geben, der den Grundpreis auf 64.804 Euro, aber auch die Reichweite senken wird. In beiden Fällen ein stolzer, aber vertretbarer Preis für den wahrscheinlich vielseitigsten Mercedes der 140-jährigen Firmengeschichte.

Fazit

Nicht nur in China erstarkt die Nachfrage nach Luxusvans. Der Mercedes VLE kommt genau zur rechten Zeit, um auf den fahrenden Zug aufzuspringen oder, besser gesagt: Er stellt sogar eine bequeme Alternative zu Bahn und Flugzeug dar. Dank E-Antrieb mit vertretbarer Ökobilanz.

Technische Daten des Mercedes VLE 300

AUTO ZEITUNG 14/2026

Mercedes VLE 300

Technische Daten

Motor

Permanenterregte Synchronmaschine

Antrieb

Konstantübersetzung; Vorderrad

Leistung

203 kW / 276 PS

Max. Drehmoment

435 Nm

Kapazität / Spannung

115 kWh (netto) / 800 V

Karosserie

Außenmaße (L / B / H)

5309 / 1999 / 1925 mm

Leergewicht / Zuladung

2940 / 560 kg

Kofferraumvolumen

795 – 4095 l

Fahrleistungen

Beschleunigung (0 – 100 km/h)

9,5 s

Höchstgeschwindigkeit

180 km/h

Verbrauch auf 100 km

18,4 kWh

Reichweite

713 km

Kaufinformationen

Grundpreis

82.260 €

Marktstart

Juli 2026

Alle Daten Werksangaben