Pro & Contra: Wer trägt Schuld am Aus bezahlbarer Kleinwagen?
Kleinwagen geraten zunehmend ins Abseits. Die einen beklagen ihr Verschwinden und die verlorene Wendigkeit, andere sehen im allgemeinen Wandel hin zu teuren, komplexen Fahrzeugen den eigentlichen Sündenfall. Unser Pro und Contra im Kommentar!
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"Kleinwagen erfüllen eine wichtige Funktion im Mobilitätsmix", Adele Moser, leitende Online-Redakteurin
Kleinwagen sind in Deutschland auf dem Rückzug – ihr Angebot wird von Jahr zu Jahr überschaubarer. Ford hat den Fiesta eingestellt, VW den Up, Opel den Karl. Was bleibt, sind SUV, Crossover und Kompakte mit Preisschildern, die vielen den Atem rauben. Dabei sind Kleinwagen echte Alltagshelden – praktisch, bezahlbar und für viele die einzige Möglichkeit, mobil zu bleiben. Allerdings hat sich das Prädikat "erschwinglich" auch geändert: Lag der Einstieg in die Kleinwagenwelt 2015 noch bei rund 12.700 Euro, sind es inzwischen mindestens 23.500 Euro – nur um überhaupt ein Auto fahren zu dürfen. Mobilität wird zum Luxusgut und schließt Menschen aus, die auf Mobilität angewiesen sind, die sie sich leisten können.
Kleinwagen bringen im Alltag viele Vorteile – der derzeitige Trend ist zu kurzsichtig
Doch es geht nicht nur ums Geld. Kleinwagen sind auch im Alltag unschlagbar: günstig im Unterhalt, sparsam im Verbrauch und ideal für enge Straßen. In Zeiten hoher Spritpreise und steigender Lebenshaltungskosten zählt jeder Liter, den man nicht verfeuert. Wer heute auf größere Fahrzeuge umsteigt, zahlt immer drauf – sei es mit der kostbaren Zeit bei der Parkplatzsuche oder mit mehr Geld an der Tankstelle und in der Werkstatt. Ja, die Margen kleiner Modelle sind für die Hersteller gering, die EU-Vorgaben für Sicherheit und Assistenzsysteme treiben die Preise zusätzlich. Aber daraus die Konsequenz zu ziehen, immer mehr Kleinst- und Kleinwagen auslaufen zu lassen, ist zu kurzsichtig.
Auch ökologisch ist der Trend fragwürdig. Große Fahrzeuge wiegen mehr, verbrauchen mehr und stoßen mehr CO2 aus. Während wir über die Elektromobilität reden, dominieren auf den Straßen weiterhin Benziner- und Dieselfahrzeuge. Größere Autos sind gewiss sicherer – doch ihr ökologischer Fußabdruck ist ungleich schwerer. Und die Städte? Sie ächzen längst unter den Ausmaßen der Riesen. Kleine Autos dagegen passen sich an – flink, leise, genügsam. Davon profitieren nicht nur Lieferdienste. Kleinwagen sind vielleicht nicht für jeden die perfekte Wahl, aber sie haben ihren Platz auf unseren Straßen und erfüllen eine wichtige Funktion im Mobilitätsmix.
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"Die Größe ist doch egal, das Problem liegt woanders – Autos sind zu teuer", Johannes Riegsinger, Autor
Ich gebe der Analyse meiner Kollegin in allen Punkten recht, komme aber zu einem anderen Schluss. Sie fordert doch drei Dinge. Erstens: "erschwingliche" Autos. Zweitens: Autos, die "günstig im Unterhalt" sind. Und drittens: "leichte, flinke und genügsame" Autos. Weshalb man mit diesen Forderungen allerdings automatisch bei einem Kleinwagen landen muss, erschließt sich mir nicht.
Deshalb mal ganz naiv gefragt: Weshalb gibt es denn überhaupt "unerschwingliche" Autos? Also Autos, die unanständig teuer im Unterhalt sind? Oder schwere und schwerfällige, verschwenderische und unbescheidene Autos? Meine etwas desillusionierte Antwort lautet: Weil wir sie gekauft haben. Weil wir das Luxusversprechen der Autoindustrie etwas zu persönlich genommen und jahrzehntelang eifrig ins Größer, Schneller, Opulenter investiert haben. Und jetzt langsam sowohl finanziell als auch moralisch überfordert sind. Oder einfach übersättigt.
Kleinwagenbau ist die Kunst der klugen Einfachheit – und genau die wurde verlernt
Blöd, dass die Autohersteller nun mit Heerscharen von Ingenieuren dasitzen, die Adaptivfahrwerke entwickeln können, mit denen man vor 15 Jahren noch in Le Mans gewonnen hätte, und die alles über "Performance-Erlebnis-Modi" wissen – nur anscheinend nicht, wie man ein erschwingliches, sparsames und sympathisches Auto baut. Das Gejammer der Industrievertreter, man könne keine Kleinwagen mehr kostendeckend herstellen, empfinde ich als lächerlich. Es ist eine Bankrotterklärung. Appetitliche Margen für teure Hightech-Kolosse einzufahren, ist keine Kunst – ein bodenständiges Vollwertauto für schmale Kassen zu bauen, anscheinend aber schon. Und nun muss die böse, böse EU mit ihren Sicherheits-, Assistenzsystem- und Abgas-Regeln bei den Schönwetter-Managern als Sündenbock-Erklärung herhalten. Na ja ...
Gut, dass wir in einer Marktwirtschaft leben. Irgendwer wird die entstandene Lücke schon füllen und auch ein kluges Geschäftsmodell finden. Durch entschlossenes Weglassen zum Beispiel. Ob es überhaupt eine kleinere Karosserie sein muss, weiß ich gar nicht …








