Fahrbericht

V8-Ami aus Germany: Unterwegs im Opel Diplomat V8 Coupé

Beinahe fünf Meter Opel am Stück, zwei Türen, ein 5,4-l-V8: das Opel Diplomat V8 Coupé ist ein Ami aus Germany. Wir luden uns ein zu einer traumhaften Rheingau-Tour!

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Das Opel Diplomat V8 Coupé fahrend von vorne
Bei einer Tour durchs Rheingau durften wir das Opel Diplomat V8 Coupé etwas näher kennenlernen. Foto: AUTO ZEITUNG
Opel Diplomat V8 Coupe Fahrbericht Bilder technische Daten Chevy-V8
Ein Fast-Fünf-Meter-Coupé vom Allerfeinsten. Mit dem 230 PS (169 kW) starken Chevy-V8 im Bug war der Diplomat ein echter Daimler-Schreck.
Opel Diplomat V8 Coupe Fahrbericht Bilder technische Daten Heck
Glas Most: Diplomaten-Rast auf den Schloss Johannisberger Weingütern in Geisenheim. Der V8 bollert aus zwei Endrohren.
Opel Diplomat V8 Coupe Fahrbericht Bilder technische Daten Cockpit
Die Pracht der alten Bundesrepublik: Edle Holzintarsien und verschwenderische Raumfülle machten den großen Opel zum Statussymbol. Im Blaupunkt-Radio "Köln" (694 Mark) dudelte Fred Bertelmanns "Lachender Vagabund".
Opel Diplomat V8 Coupe Fahrbericht Bilder technische Daten Gangschaltung
Übersichtliches Dreigang-Menü: Mit einem davon fährt man rückwärts.
Opel Diplomat V8 Coupe Fahrbericht Bilder technische Daten Rücksitze
Zurücklehnen und genießen: Dank des üppigen Knieraums kann man sich im 4,95 m langen Luxuscoupé auch chauffieren lassen.
Opel Diplomat V8 Coupe Fahrbericht Bilder technische Daten Schriftzug
Schriftzug mit Seltenheitswert: Vom Diplomat V8 Coupé wurden nur 347 Exemplare gebaut - bei Karmann in Osnabrück.
Opel Diplomat V8 Coupe Fahrbericht Bilder technische Daten Logo
Das berühmte Opel Logo durfte am Diplomat noch üppiges Chrom tragen.
Opel Diplomat V8 Coupe Fahrbericht Bilder technische Daten Fenster
Das Dreieckfenster wird per Kurbel betätigt – ein höchst wirksamer Lufteinlass.
Opel Diplomat V8 Coupe Fahrbericht Bilder technische Daten Motor
Die verchromte Luftfilter-Abdeckung erinnert irgendwie an Raumschiff Enterprise.
Opel Diplomat V8 Coupe Fahrbericht Bilder technische Daten
Opel-Bild mit Dame – einige Jahrzehnte ist es her, als die Rüsselsheimer Traditionsmarke ein Auto für "Reisende von Rang" auf den Markt brachte. Das "D"-Modell der K-A-D-Baureihe war als Flaggschiff gedacht und entsprechend standesgemäß mit einem Achtzylinder motorisiert. Das ab 1965 angebotene Diplomat V8 Coupé verkehrte in den nobelsten Kreisen – und auf Augenhöhe mit Mercedes. Dabei war der feinste Hesse ein Vertreter der amerikanischen Lebensart: Sein Wesen war das eines echten Straßenkreuzers. Das Coupé fasziniert noch heute.

„Weißt Du eigentlich, wie Du gerade aussiehst?" Die Stimme von Fotograf Jochen Faber tönt scheppernd aus dem Walkie-Talkie. „Nein, das weiß ich nicht." „Du strahlst, als hätte Dir Adam soeben seine Opel AG vermacht!" Ich lasse ihn wissen, dass ich künftig „General Mietors" für ihn sei, er mich aber GM nennen dürfe. Ganz im Vertrauen: Jochen hat ja Recht. Ich sitze am Steuer dieses 1965er Opel Diplomat V8 Coupés und bin im Begriff, zum Generaldirektor aufzusteigen – mental jedenfalls.

Instinktiv fingere ich nach der Zigarre, die ich eigentlich anstecken müsste, aber nicht kann, weil ich keine habe. Dann eben Luft-Zigarre. An Bord dieser Rüsselsheimer Prachtkarosse wird mir mit jeder Minute klarer, welches Gefühl die großen Opel-Wagen jener Zeit geweckt haben müssen: den blanken Besitzerstolz. Der macht die Brust so breit, dass man nur mit Mühe aussteigen kann.

Video Platzhalter
Video: AUTO ZEITUNG

So fährt sich das Opel Diplomat V8 Coupé

Es war im Jahr 1964, als Opel die legendäre K-A-D-Baureihe auf Kiel legte, aber mit ihren maritimen Rangabzeichen ins Schleudern kam. Kapitän, Admiral und dann? "Oberbefehlshaber der Seestreitkräfte" wirkte etwas sperrig. So nannten sie ihn ganz diplomatisch Diplomat, und die K-A-D-Buchstabenfolge war komplett. Ein standesgemäßer, 190 PS (140 kW) kräftiger 4,6-l-V8 von General Motors steckte im mächtigen Bug des Ober-Opel, der seinerzeit auf Augenhöhe mit den allerfeinsten Mercedes-Modellen verkehrte.

Im Sommer 1965 erschien das Coupé. Es stellte beinahe alles in den Schatten, was sonst aus deutschen Fabrikhallen rollte. Der bei Karmann in Osnabrück insgesamt nur 347 Mal gebaute Zweitürer bekam einen noch größeren Ami-V8 implantiert. Die Leistung des 5,4-l-Chevrolet-Kraftwerks entsprach mit 230 PS (169 kW) ungefähr der von sechs zeitgenössischen VW Käfer 1300. Auf heutige Verhältnisse übertragen, müsste ein neuer Diplomat mit weit mehr als 500 PS (368 kW) unterwegs sein.

Zwei Vorwärtsgänge müssen reichen

Wir fahren in den Rheingau, und ich kurbele heftig am Volant. Es hat um die Mittellage so viel Spiel, dass allein die korrigierenden Lenkbewegungen ausreichen würden, um mit einer modernen Limousine rechtwinklig abzubiegen und in der nächsten Böschung einzuschlagen. Das Lenkrad selbst ist dabei ein echtes Schmuckstück und glänzt zweifarbig. Oben wie unten ist es baby- und dazwischen himmelblau. Die breite Prallplatte auf der Nabe und Teile des Cockpits hat man mit hübschem Echtholz vertäfelt, dessen Farbe mich irgendwie an mein Jugendzimmer erinnert – schönen Gruß an Flötotto.

Das Cockpit des Opel Diplomat V8 Coupe
Foto: AUTO ZEITUNG

Von Haus aus war der Diplomat natürlich besser ausgestattet als die alten Kameraden Admiral oder Kapitän. Vier elektrische Fensterheber, die Lenkhilfe, der besonders feine Teppich und Fußraumleuchten hinten etwa waren serienmäßig an Bord. Im urgemütlichen Fond finden sich gleich zwei Zigarettenanzünder – längst erloschene Relikte einer Zeit, in der noch geraucht wurde.

Der dicke Achtzylinder brabbelt satt vor sich hin. Ich rücke den filigranen Automatikwählhebel auf Position "D" – dem Kraftfluss steht nichts mehr im Weg, mein Gasfuß erledigt den Rest. Das Gebrabbel wird zu einem grundsatten Grollen, das ungefähr bei Tempo 40 schon wieder sein Ende findet, denn ein höchst seltenes Ereignis tritt ein: Die Getriebeautomatik wechselt den Gang. Derer hat der Diplomat sage und schreibe drei – mit einem davon fährt man übrigens rückwärts. Das gewaltige Drehmoment von maximal 435 Nm würzt das schmale Zwei-Vorwärts-Gänge-Menü allerdings kräftig an.

Ein echter deutscher Straßenkreuzer

Mit dem deutschen Straßenkreuzer kann man erstaunlich flott unterwegs sein und bewegt sich dabei gefühlsmäßig an der Schnittstelle zwischen "Firma Hesselbach" und den "Straßen von San Francisco". Die US-Fernsehserien der 1970er-Jahre haben uns das Fahrverhalten der Dickschiffe deutlich vor Augen geführt.

Das geht so: Der Hauptdarsteller schaukelt im Ami-Schlitten durchs Bild. Die Ami-Schlitten-Reifen quietschen dabei sogar auf staubigen Feldwegen! Der Hauptdarsteller hält – reifen-quietschend – an, stürzt aus dem Auto und verfolgt einen Spitzbuben, den er schnappen muss. Zurück bleibt ein einsamer Ami-Schlitten, der zwar nicht mehr quietscht, aber auf dem Parkplatz noch nachwankt und -schwankt, als der Spitzbube längst zur Strecke gebracht ist. Karl Malden hätte auch Diplomat fahren können.

Opel Diplomat V8 Coupé noch ohne DeDion-Hinterachse

Die formidable DeDion-Hinterachse, bei der das schwere Hinterachsgetriebe separat an der Karosserie aufgehängt war und die Achsaufhängung nicht durch Antriebsmomente belastet wurde, kam übrigens erst 1969 in der B-Serie der K-A-D-Modelle zum Einsatz. Sie verbesserte das Fahrverhalten und den Federungskomfort ganz erheblich. Das Schwere-Wagen-Gefühl unseres noblen Coupés aber beeindruckt auch so. Wir erreichen die Fürst von Metternich-Winnenburg’sche Domäne auf Schloss Johannisberg in Geisenheim.

Einige Passant:innen verfallen in eine Art Erinnerungs-Wettbewerb, als sie den dicken Opel erkennen. Wer hat wann wo seinen letzten Diplomat gesichtet? Eine ältere Dame setzt sich an die Spitze. Ihr erster Mann fuhr einen. Damals. Ganz bestimmt. Eine Zeitzeugin, wie wunderbar. Dankbar notiere ich jedes kleinste Detail ihrer Ausführungen. Sie ergeben in der Summe ein recht klares Bild vom – ersten Ford Escort. Nix Diplomat. Hundeknochen!

Aber: Spielt das eigentlich eine Rolle? Jugendzimmer, erste Ehemänner, die Hesselbachs oder die Straßen von San Francisco. Im Grunde ist es völlig egal, an welches Auto wir unsere Erinnerungen knüpfen. Hauptsache, wir haben welche. Ich stecke mir eine dicke Luft-Zigarre an, grinse zufrieden und rolle mit Jochen durch die sattgrün belaubten Weinberge des Rheingaus. Er räuspert sich: "Sag mal, GM, weißt Du eigentlich, wie Du gerade aussiehst?" "Ja Jochen, ich weiß es." Und es ist gut so.

Technische Daten des Opel Diplomat V8 Coupé

Classic Cars 08/2013

Opel Diplomat V8 Coupé

Zylinder/Ventile pro Zylin.

8/2

Hubraum

5354 cm³

Leistung

169 kW/230 PS 4700/min

Max. Gesamtdrehmoment bei

435 Nm 3000/min

Getriebe/Antrieb

Zweistufen-Automatik/Hinterrad

L/B/H

4948/1902/1432 mm

Leergewicht

1610 kg

Bauzeit

1965-1967

Stückzahl

347

Beschleunigung null auf 100 km/h

9,5 s

Höchstgeschwindigkeit

206 km/h

Verbrauch auf 100 km

ca. 15-20 l

Grundpreis (Jahr)

25.500 Mark (1965)