Vergleich

Cowboy gegen S-Klasse: Chevelle und 300 SEL 3.5 im Duell

Seltene Begegnung zweier ungleicher Limousinen mit Achtzylinder: Kann eine Chevrolet Chevelle dem Mercedes 300 SEL 3.5 das Wasser reichen?

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Chevrolet Chevelle und Mercedes 300 SEL 3.5 fahren auf einer Straße versetzt nebeneinander, der Mercedes im Vordergrund. Ansicht von vorne.
USA vs. Deutschland: Die Achtzylinder-Limousinen Chevrolet Chevelle und Mercedes 300 SEL 3.5 im Vergleich. Foto: AUTO ZEITUNG
Chevrolet Chevelle fährt auf einer Landstraße, Ansicht von vorne links.
Der Chevy ist blau wie der Pazifik am Strand von Malibu. Foto: AUTO ZEITUNG
Cockpit der Chevrolet Chevelle.
Das Interieur der Chevelle zeigt Mut zur Farbe. Zum Öffnen der Fenster bitte kurbeln. Foto: AUTO ZEITUNG
Detailansicht des washer, wiper, lights-Schalter in der Chevrolet Chevelle.
Waschen, wischen, leuchten: Bei der Bedienung gab es keine Experimente. Foto: AUTO ZEITUNG
Vordersitze in der Chevrolet Chevelle.
Tipp für mehr Seitenhalt: Man nehme fünf Passagier:innen mit. Foto: AUTO ZEITUNG
Rückbank in der Chevrolet Chevelle.
Denn vorne wie hinten dürfen je drei Personen sitzen. Foto: AUTO ZEITUNG
Ein geöffnetes Dreiecksfenster der Chevrolet Chevelle. Ansicht von außen.
Höchst wirkungsvoll: Frischluftzufuhr durch ausstellbares Dreieckfenster. Foto: AUTO ZEITUNG
Die Instrumente in der Chevrolet Chevelle.
Die Instrumente der Chevelle lassen tief blicken. Leider nur im Dunkeln zu erkennen: Der Fernlichtindikator leuchtet als blaues Bowtie-Chevy-Logo. Foto: AUTO ZEITUNG
Der Motorraum der Chevrolet Chevelle.
Klassischer Motorenbau made in USA. Für Zweikämpfe mit Muscle Cars war der 5,0-l-Basis-V8 nicht gedacht. Foto: AUTO ZEITUNG
Chevelle-Embleme am Heck der Chevrolet Chevelle.
Luxusversion inkognito: Einen Hinweis auf die Malibu-Ausstattung sucht man am Heck der Chevelle vergebens. Foto: AUTO ZEITUNG
Chevrolet Chevelle und Mercedes 300 SEL 3.5 fahren auf einer Straße nebeneinander. Ansicht von hinten.
Chevelle/300 SEL 3.5 Foto: AUTO ZEITUNG

Stark abfallende Linie beim Ami, klares Design aus Deutschland: Von hinten wirkt der Chevy weniger wuchtig als die S-Klasse.

Mercedes 300 SEL 3.5 fährt auf einer Landstraße, Ansicht von vorne links.
Mercedes 300 SEL 3.5 als Prunkwagen mit Vorreiterrolle: Neuerungen wie die Zentralverriegelung fanden über die S-Klasse ihren Weg in die Serie. Foto: AUTO ZEITUNG
Cockpit des Mercedes 300 SEL 3.5.
Stilvolle Nussbaumtäfelung im SEL-Cockpit. Wahlweise konnte man Macassar-Ebenholz, helles oder dunkles Wurzelholz bestellen. Foto: AUTO ZEITUNG
Detailansicht des Automatik-Wahlhebels und weiterer Schalter im Mercedes 300 SEL 3.5.
Elektrische Fensterheber sind im Benz rundum serienmäßig. Foto: AUTO ZEITUNG
Vorderisitze im Mercedes 300 SEL 3.5.
Platz nehmen und sich wohlfühlen. Die Ledersessel sind superbequem. Foto: AUTO ZEITUNG
Rückbank im Mercedes 300 SEL 3.5.
Reichlich Beinfreiheit gibt es für die hinteren SEL-Mitfahrer:innen. Foto: AUTO ZEITUNG
Motorraum des Mercedes 300 SEL 3.5.
Kultivierter Kurzhuber mit elektronischer Benzineinspritzung. Zur Not dreht der Mercedes-V8-Motor bis 6500 Touren. Foto: AUTO ZEITUNG
Detailansicht der Scheinwerfer vorne rechts des Mercedes 300 SEL 3.5.
Typisch Mercedes: Chromblitzende Zierleisten und Einfassungen mit bestechendem Finish als Insignien der automobilen Oberschicht. Foto: AUTO ZEITUNG
Detailansicht der Rückleuchten und des 300-SEL-Emblems am Heck des Mercedes 300 SEL 3.5.
Zahlencode für die Hierarchie: Wer seine:n Chef:in nicht übertrumpfen wollte, konnte den 3,5-l-V8 auch im kurzen 280 SE (W108) ordern. Foto: AUTO ZEITUNG
Kofferraum mit Gastank im Mercedes 300 SEL 3.5.
In den Siebzigern nachgerüstet: Die zeitgenössische Gasanlage im Kofferraum nimmt Tankstopps mit dem V8 den Schrecken. Foto: AUTO ZEITUNG

Der Mercedes 300 SEL 3.5 für Prestigebewusste

Höher, schneller, weiter: So könnte man das Jahr 1969 zusammenfassen. Boeing lässt zum ersten Mal seine 747 aufsteigen. Die Frankreich starten die Concorde. Und dann hüpft auch noch Neil Armstrong auf den Mond. Wow! Da passt es rückblickend irgendwie sogar ganz gut, dass damals nahe Köln auch noch ein gewisser Michael Schumacher geboren wird.

Wer sich in Deutschland zu dieser Zeit ein dickes Auto leisten kann, ist bei Mercedes an der richtigen Adresse: 1969 baut die Marke mit dem Stern zum erstmals ihren 3,5-l-V8 in die S-Klasse ein. Der Mercedes 300 SEL 3.5 ist nicht ganz so abgehoben teuer wie der 6.3er, bietet aber respekteinflößende 200 PS (147 kW) für mehr als 200 km/h Spitze. Besonders Prestigebewusste und Manager:innen, die gerne hinten sitzen, ordern den um zehn Zentimeter verlängerten SEL.

Chevrolet Chevelle mit fünf Liter großem Basis-V8

Hätten Autofans aus den USA seinerzeit miterlebt, mit welchem Oberschicht-Dünkel manche Person den Stern aus der Garage fuhr – man hätte sich lässig einen Chewinggum zwischen die Zähne geschoben und wäre müde lächelnd in seinem Chevy von dannen gewummert. Denn bei den Herstellern auf der anderen Seite des Atlantiks waren längst ganz andere Hubraumdimensionen erreicht.

In den beliebten Super-Sport-Ausführungen des Mittelklasse-Modells Chevrolet Chevelle zum Beispiel tanzten die Kolben der V8-Motoren in fünf, sechs oder sogar mehr als sieben Liter großen Verbrennungssälen Rock'n'Roll. Allerdings kam dabei nicht automatisch mehr Leistung heraus. Zumindest bei der Power waren eine Chevelle mit 307 Cubic inch (rund fünf Liter) großem Basis-V8 und die 3,5-l-S-Klasse gleichauf. Nur trafen sie hierzulande praktisch nie aufeinander, weil Chevrolet die Deutschen damals nicht im Fokus hatte.

Deutsches Schwermetall gegen amerikanische Stangenware

Die Chevrolet Chevelle in diesem Vergleich – zumal mit vier Türen – dürfte ein seltenes Exemplar diesseits des großen Teiches sein. So ist es ein recht kurioses Vergnügen, nach mehr als 50 Jahren von dem einen auf das andere Dickschiff umsteigen zu dürfen. Die Unterschiede könnten kaum größer sein: Hier das arrivierte Repräsentationsgefährt mit faszinierendem Finish und modernster Technik; dort die ausladende, aber im Vergleich deutlich einfacher gestrickte Smallblock-Limousine für den Cowboy oder das Cowgirl von nebenan. Deutsches Schwermetall mit Luftfederung gegen amerikanische Stangenware mit Starrachse. Die unterschiede verschiedener Fahrwerke erklären wir hier.

Unsere Chevrolet Chevelle ist die Luxusversion Malibu mit blauer Innenausstattung. Man sitzt auf einem vinylbezogenen Polstersofa mit dem Sitzkomfort einer Hängematte. Außer der etwas lieblos aufgeklebten Holzdesign-Fotofolie in der Mitte des Zweispeichen-Lenkrades ist an Schmuckelementen kaum etwas zu finden. Offenbar hat man sich seinerzeit mit der Liste für Sonderausstattungen für dieses spezielle Fahrzeug nicht lange aufgehalten.

Wie sich kurze Zeit später herausstellt, gilt das auch für die Bremsanlage. Anstelle optionaler Scheibenbremsen versuchen Trommelbremsen rundum, die Fuhre zum Stehen zu bringen. Erstaunlicherweise geht das sogar ganz gut. Man muss nur aufs Pedal treten wie ein Ochse. Wie welche Bremssysteme funktionieren, erklären wir hier. Lenken dagegen ist kinderleicht. Und Gasgeben macht richtig Laune, solange die Straße geradeaus führt. Denn in Kurven erlaubt sich die Chevelle gerne den Spaß, uns mit abenteuerlichen Wankbewegungen zu verschaukeln.

Der 300 SEL 3.5 gleitet luftgefedert dahin

Das kann der Mercedes 300 SEL 3.5 natürlich besser. Vorausgesetzt, sein komplexes Federsystem aus Druckluftbehälter, Kompressor, Ventilen und Federbälgen ist nach all der Zeit noch dicht. Unser SEL-Fotomodell gleitet mit seinem vibrationsarmen V8 sanft durch die Lande – und zieht zumindest in langen Kurven auch zielstrebig seine Bahn, wenn man sich mit dem typischen Lenkungsspiel einmal angefreundet hat. Die Scheibenbremsen packen kraftvoll zu.

Die Viergang-Automatik dagegen hätten wir lieber gegen ein Schaltgetriebe eingetauscht. Denn obwohl Mercedes damals bewusst auf einen Wandler verzichtete und man folglich stets deutlich spürt, in welchem Gang man fährt, wirkt der Motor etwas in seiner Drehfreudigkeit gehemmt. Trotzdem hätten sich Deutsche im Benz natürlich nie von einem Cowboy oder Cowgirl im Chevy abhängen lassen. Wenn der Chevy ihm denn jemals an einer Ampel begegnet wäre.

Fazit

Nur mal angenommen, man stünde vor diesen beiden Autos und könnte sich nicht recht für eines entscheiden. Dann hilft vielleicht ein Blick in den heimischen Kleiderschrank. Hängen dort Jeans, Westerngürtel und Cowboyjacke? Dann bitte die Chevrolet Chevelle nehmen. Und dann am besten einen Blick in die Kleinanzeigen werfen, ob jemand einen passenden Bigblock zu verkaufen hat. Denn nur mit dem zaubert der Chevy die stilechten schwarzen Streifen auf den Asphalt. Der Basis-V8 ist eher was zum gemütlichen Cruisen.

Zu Nadelstreifen und Krawatte muss es dagegen der Mercedes-Benz 300 SEL 3.5 sein. Seine Verarbeitungsqualität, seine Perfektion waren einmal Weltspitzenklasse. Das spürt man beim Hinsehen und erst recht beim Fahren. Aber wehe, die komplexe Luftfederung ist nicht mehr in Ordnung. Dann wird es schnell teuer.

Technische Daten von Chevrolet Chevelle und Mercedes 300 SEL 3.5

Classic Cars

Chevrolet Chevelle

Mercedes 300 SEL 3.5

Zylinder / Ventile pro Zylin.

V8 / 2

V8 / 2

Technik

zentrale Nockenwelle, Kettenantrieb;

Fallstromvergaser

je eine obenliegende Nockenwelle pro Zyl.-Bank, Kettenantrieb;

elektronische Benzineinspritzung Bosch D-Jetronic

Bohrung x Hub

98,4 x 82,6 mm

92,0 x 65,8 mm

Hubraum

2025 cm³

3499 cm³

Leistung

147 kW/200 PS bei 4600 U/min

147 kW/200 PS bei 5800 U/min

Max. Drehmoment

300 Nm bei 2400 U/min

287 Nm bei 4000 U/min

Getriebe / Antrieb

3-Stufen-Automatik / Hinterrad

4-Stufen-Automatik / Hinterrad

L / B / H

5050 / 1950 / 1420 mm

5000 / 1810 / 1410 mm

Radstand

2947 mm

2850 mm

Leergewicht

1510 kg

1760 kg

Bauzeit

1968 – 1972

1969 – 1972

Stückzahl

2.085.000²

9583

Beschleunigung null auf 100 km/h

k.A.

8,9 s³

Höchstgeschwindigkeit

180 km/h

210 km/h³

Verbrauch auf 100 km

21,0 l S

16,9 l S³

Grundpreis (Jahr)

2657 US-Dollar, ca. 25.000 Mark (1969)

29.637 Mark (1970)

Alle Daten Werksangaben; ²Gesamtzahl 2. Generation, Stückzahl Chevelle Malibu 307 Cui in 1968: 233.200

³Messwerte aus AZ 5/1971 zum 280 SE 3.5 Schaltgetriebe