Cowboy gegen S-Klasse: Chevelle und 300 SEL 3.5 im Duell
Seltene Begegnung zweier ungleicher Limousinen mit Achtzylinder: Kann eine Chevrolet Chevelle dem Mercedes 300 SEL 3.5 das Wasser reichen?
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Der Mercedes 300 SEL 3.5 für Prestigebewusste
Höher, schneller, weiter: So könnte man das Jahr 1969 zusammenfassen. Boeing lässt zum ersten Mal seine 747 aufsteigen. Die Frankreich starten die Concorde. Und dann hüpft auch noch Neil Armstrong auf den Mond. Wow! Da passt es rückblickend irgendwie sogar ganz gut, dass damals nahe Köln auch noch ein gewisser Michael Schumacher geboren wird.
Wer sich in Deutschland zu dieser Zeit ein dickes Auto leisten kann, ist bei Mercedes an der richtigen Adresse: 1969 baut die Marke mit dem Stern zum erstmals ihren 3,5-l-V8 in die S-Klasse ein. Der Mercedes 300 SEL 3.5 ist nicht ganz so abgehoben teuer wie der 6.3er, bietet aber respekteinflößende 200 PS (147 kW) für mehr als 200 km/h Spitze. Besonders Prestigebewusste und Manager:innen, die gerne hinten sitzen, ordern den um zehn Zentimeter verlängerten SEL.
Chevrolet Chevelle mit fünf Liter großem Basis-V8
Hätten Autofans aus den USA seinerzeit miterlebt, mit welchem Oberschicht-Dünkel manche Person den Stern aus der Garage fuhr – man hätte sich lässig einen Chewinggum zwischen die Zähne geschoben und wäre müde lächelnd in seinem Chevy von dannen gewummert. Denn bei den Herstellern auf der anderen Seite des Atlantiks waren längst ganz andere Hubraumdimensionen erreicht.
In den beliebten Super-Sport-Ausführungen des Mittelklasse-Modells Chevrolet Chevelle zum Beispiel tanzten die Kolben der V8-Motoren in fünf, sechs oder sogar mehr als sieben Liter großen Verbrennungssälen Rock'n'Roll. Allerdings kam dabei nicht automatisch mehr Leistung heraus. Zumindest bei der Power waren eine Chevelle mit 307 Cubic inch (rund fünf Liter) großem Basis-V8 und die 3,5-l-S-Klasse gleichauf. Nur trafen sie hierzulande praktisch nie aufeinander, weil Chevrolet die Deutschen damals nicht im Fokus hatte.
Deutsches Schwermetall gegen amerikanische Stangenware
Die Chevrolet Chevelle in diesem Vergleich – zumal mit vier Türen – dürfte ein seltenes Exemplar diesseits des großen Teiches sein. So ist es ein recht kurioses Vergnügen, nach mehr als 50 Jahren von dem einen auf das andere Dickschiff umsteigen zu dürfen. Die Unterschiede könnten kaum größer sein: Hier das arrivierte Repräsentationsgefährt mit faszinierendem Finish und modernster Technik; dort die ausladende, aber im Vergleich deutlich einfacher gestrickte Smallblock-Limousine für den Cowboy oder das Cowgirl von nebenan. Deutsches Schwermetall mit Luftfederung gegen amerikanische Stangenware mit Starrachse. Die unterschiede verschiedener Fahrwerke erklären wir hier.
Unsere Chevrolet Chevelle ist die Luxusversion Malibu mit blauer Innenausstattung. Man sitzt auf einem vinylbezogenen Polstersofa mit dem Sitzkomfort einer Hängematte. Außer der etwas lieblos aufgeklebten Holzdesign-Fotofolie in der Mitte des Zweispeichen-Lenkrades ist an Schmuckelementen kaum etwas zu finden. Offenbar hat man sich seinerzeit mit der Liste für Sonderausstattungen für dieses spezielle Fahrzeug nicht lange aufgehalten.
Wie sich kurze Zeit später herausstellt, gilt das auch für die Bremsanlage. Anstelle optionaler Scheibenbremsen versuchen Trommelbremsen rundum, die Fuhre zum Stehen zu bringen. Erstaunlicherweise geht das sogar ganz gut. Man muss nur aufs Pedal treten wie ein Ochse. Wie welche Bremssysteme funktionieren, erklären wir hier. Lenken dagegen ist kinderleicht. Und Gasgeben macht richtig Laune, solange die Straße geradeaus führt. Denn in Kurven erlaubt sich die Chevelle gerne den Spaß, uns mit abenteuerlichen Wankbewegungen zu verschaukeln.
Der 300 SEL 3.5 gleitet luftgefedert dahin
Das kann der Mercedes 300 SEL 3.5 natürlich besser. Vorausgesetzt, sein komplexes Federsystem aus Druckluftbehälter, Kompressor, Ventilen und Federbälgen ist nach all der Zeit noch dicht. Unser SEL-Fotomodell gleitet mit seinem vibrationsarmen V8 sanft durch die Lande – und zieht zumindest in langen Kurven auch zielstrebig seine Bahn, wenn man sich mit dem typischen Lenkungsspiel einmal angefreundet hat. Die Scheibenbremsen packen kraftvoll zu.
Die Viergang-Automatik dagegen hätten wir lieber gegen ein Schaltgetriebe eingetauscht. Denn obwohl Mercedes damals bewusst auf einen Wandler verzichtete und man folglich stets deutlich spürt, in welchem Gang man fährt, wirkt der Motor etwas in seiner Drehfreudigkeit gehemmt. Trotzdem hätten sich Deutsche im Benz natürlich nie von einem Cowboy oder Cowgirl im Chevy abhängen lassen. Wenn der Chevy ihm denn jemals an einer Ampel begegnet wäre.
Fazit
Nur mal angenommen, man stünde vor diesen beiden Autos und könnte sich nicht recht für eines entscheiden. Dann hilft vielleicht ein Blick in den heimischen Kleiderschrank. Hängen dort Jeans, Westerngürtel und Cowboyjacke? Dann bitte die Chevrolet Chevelle nehmen. Und dann am besten einen Blick in die Kleinanzeigen werfen, ob jemand einen passenden Bigblock zu verkaufen hat. Denn nur mit dem zaubert der Chevy die stilechten schwarzen Streifen auf den Asphalt. Der Basis-V8 ist eher was zum gemütlichen Cruisen.
Zu Nadelstreifen und Krawatte muss es dagegen der Mercedes-Benz 300 SEL 3.5 sein. Seine Verarbeitungsqualität, seine Perfektion waren einmal Weltspitzenklasse. Das spürt man beim Hinsehen und erst recht beim Fahren. Aber wehe, die komplexe Luftfederung ist nicht mehr in Ordnung. Dann wird es schnell teuer.
Technische Daten von Chevrolet Chevelle und Mercedes 300 SEL 3.5
Classic Cars | Chevrolet Chevelle | Mercedes 300 SEL 3.5 |
|---|---|---|
Zylinder / Ventile pro Zylin. | V8 / 2 | V8 / 2 |
Technik | zentrale Nockenwelle, Kettenantrieb; Fallstromvergaser | je eine obenliegende Nockenwelle pro Zyl.-Bank, Kettenantrieb; elektronische Benzineinspritzung Bosch D-Jetronic |
Bohrung x Hub | 98,4 x 82,6 mm | 92,0 x 65,8 mm |
Hubraum | 2025 cm³ | 3499 cm³ |
Leistung | 147 kW/200 PS bei 4600 U/min | 147 kW/200 PS bei 5800 U/min |
Max. Drehmoment | 300 Nm bei 2400 U/min | 287 Nm bei 4000 U/min |
Getriebe / Antrieb | 3-Stufen-Automatik / Hinterrad | 4-Stufen-Automatik / Hinterrad |
L / B / H | 5050 / 1950 / 1420 mm | 5000 / 1810 / 1410 mm |
Radstand | 2947 mm | 2850 mm |
Leergewicht | 1510 kg | 1760 kg |
Bauzeit | 1968 – 1972 | 1969 – 1972 |
Stückzahl | 2.085.000² | 9583 |
Beschleunigung null auf 100 km/h | k.A. | 8,9 s³ |
Höchstgeschwindigkeit | 180 km/h | 210 km/h³ |
Verbrauch auf 100 km | 21,0 l S | 16,9 l S³ |
Grundpreis (Jahr) | 2657 US-Dollar, ca. 25.000 Mark (1969) | 29.637 Mark (1970) |
Alle Daten Werksangaben; ²Gesamtzahl 2. Generation, Stückzahl Chevelle Malibu 307 Cui in 1968: 233.200 ³Messwerte aus AZ 5/1971 zum 280 SE 3.5 Schaltgetriebe | ||
































