Porsche-Vorstand Detlef von Platen: Interview Bringt Porsche ein viertüriges Coupé?

von Volker Koerdt 28.01.2019

Detlev von Platen, Vorstand für Vertrieb und Marketing bei Porsche, im Interview über Elektromobilität, Individualisierung, den Mythos des 911 sowie Digitalisierung und neue Vertriebsformen. Außerdem: Bringt Porsche ein sportliches, viertüriges Coupé?

Herr von Platen, mit dem Taycan und dem 911 haben Sie jetzt zwei neue heiße Eisen im Feuer? Welches Auto wird sich denn bessser verkaufen wenn beide voll verfügbar sind?

Wir sind extrem zufrieden mit dem 911er. Es ist ein außergewöhnliches Phänomen dieses Fahrzeugs, dass die Nachfrage im Verlauf des Lebenszyklus nicht nur stabil bleibt, sondern sogar zunimmt. Wir haben im vergangenen Jahr mit der letzten Generation die Auslieferungszahl noch einmal steigern können, vor allem die GT-Modelle sind heiß begehrt. Besonders bemerkenswert ist auch die Beliebtheit des Fahrzeugs in China – eigentlich ein SUV-Markt. Auch wir haben dort unsere ersten Erfolge mit dem Cayenne gefeiert. Mit dem Porsche Taycan schlagen wir ein ganz neues Kapitel auf. Das Fahrzeug haben wir erstmals mit dem Concept Car auf der IAA 2015 in Frankfurt vorgestellt. Im vergangenen Jahr haben wir damit begonnen, die ersten Vorreservierungen aufzunehmen – und die Nachfrage ist schon jetzt enorm. Mehr zum Thema: Neuer Porsche 911 dynamischer denn je

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Porsche-Vorstand Detlef von Platen im Interview

Deshalb frage ich, weil ich gehört habe, dass allein in Norwegen schon über 3000 Reservierungen vorliegen.

Norwegen ist ein kleiner Markt, der aber im Bereich Elektromobilität einige Jahre Vorsprung vor anderen hat. Allein in Norwegen, wo wir in der Regel rund 600 Fahrzeuge pro Jahr verkaufen, haben bereits 3000 Menschen ihr ernsthaftes Kaufinteresse bekundet, indem sie sich für 2500 Euro in eine Reservierungsliste haben eintragen lassen. Es ist abzusehen, dass wir die Produktionskapazitäten, die wir ursprünglich auf 20.000 Einheiten festgelegt haben, anpassen müssen. Mehr zum Thema: Porsche zeigt das 911 Cabrio

Der 911er ist ein Auto, was Sie extrem diversifiziert haben. Jetzt machen wir noch einmal den Sprung zum Taycan. Da lässt Ihnen die Elektromobilität nicht so viele Möglichkeiten. Sie haben keinen Motor, den Sie so differenzieren können. Wie wollen Sie das mit der Elektromobilität zukünftig gestalten?

Sie haben Recht. Individualisierung ist bei Porsche extrem wichtig. Kunden erwarten von uns Exklusivität und wollen am liebsten einen einzigartigen Porsche haben. Auch beim Taycan werden wir ein sehr individuelles Angebot machen können und uns damit von anderen Wettbewerbern differenzieren. Dazu gehören auch Überlegungen zu den angebotenen Versionen. Als zweites E-Fahrzeug nach dem Taycan bringen wir die Serienversion der Studie Mission E Cross Turismo auf den Markt. Und wir haben noch viele weitere Ideen zur Individualisierung.

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Im Vorjahr hat Porsche mit 256.255 Auslieferungen einen neuen Rekord aufgestellt. Nur in Europa gab es ein Minus. Lag das an der Umstellung auf den neuen Verbrauchszyklus WLTP?

Unsere Verkäufe in Europa lagen in 2018 tatsächlich leicht unter dem Vorjahr. Im vierten Quartal hatten wir durch die Umstellung auf den neuen Prüfzyklus WLTP und durch die Einführung von Ottopartikelfiltern für Benziner große Herausforderungen zu bewältigen. Die Auswirkungen davon werden wir auch noch im ersten Halbjahr 2019 spüren. Hinzu kommt, dass wir seit Februar 2018 keine Modelle mit Dieselmotoren mehr im Angebot haben, die in den vergangenen Jahren vor allem in Europa stark nachgefragt wurden. Mehr zum Thema: Führungswechsel an der Spitze der Sportwagen-Baureihe

Der 718 Boxster/Cayman ist im Verkauf die schwächste Baureihe. Liegt das am Vierzylinder-Motor?

Im Gegenteil. Weltweit sind wir mit dem 718 Vierzylinder sehr erfolgreich. China ist heute beispielsweise der größte 718-Markt, der Vierzylinder hat hierbei extrem geholfen. Vor allem mit Blick auf den intensiven Wettbewerb in dem Segment bin ich mit der Entwicklung des 718 sehr zufrieden.

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Heißt dies, dass auch die nächste Generation gesichert ist? Boxster Cayman wird es weiter geben?

Es wird Boxster und Cayman weiterhin in der Porsche-Familie geben.

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Und könnte der auch elektrifiziert werden?

Das ist nicht undenkbar.

Sie haben sich entschieden, die Diesel aus dem Programm zu nehmen. War das nicht voreilig?

Der Diesel sollte nicht verteufelt werden, weil er nach wie vor einen sehr hohen Beitrag zur Reduktion von CO2 leistet. Die ganze Automobilindustrie befindet sich momentan in einer enormen Transformationsphase. Wir haben uns in diesem Zuge dafür entschieden, uns auf das zu fokussieren, was wir am besten können. Porsche hatte seinen Schwerpunkt nie auf dem Diesel. Der Volumenanteil lag 2017 bei knapp 12 Prozent, seit Februar 2018 haben wir keinen Diesel mehr im Angebot. Wir konzentrieren uns in Zukunft auf drei Antriebsarten: auf weiter optimierte Benziner, Plug-in-Hybride, die für uns eine immer größere Rolle spielen und reine Elektroantriebe. Wir haben in den vergangenen Monaten gesehen, dass viele Diesel-Kunden auf Plug-in-Hybride umgestiegen sind und die Akzeptanz dieser Technologie immer weiter steigt.

Der Macan hat in Deutschland 20 Prozent Rückgang.

Der Macan befindet sich aktuell in der Übergangsphase von der ersten zur zweiten Generation. Er ist nach wie vor extrem erfolgreich und das meistverkaufte Modell bei Porsche. Wir haben in 2018 rund 86.000 Einheiten ausgeliefert; im Premium-Segment der kompakten SUV ist das eine sehr zufriedenstellende Zahl.

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Digitalisierung haben Sie gerade angesprochen. Wie möchte denn Porsche künftig an digitalen Dienstleistungen verdienen?

Die Digitalisierung ist natürlich auch für uns extrem wichtig. Insbesondere vor dem Hintergrund unseres strategischen Ziels, die Rendite von 15 Prozent auch langfristig zu erhalten. Wir werden bis 2022 mehr als sechs Milliarden Euro in Elektromobiltät investieren. Die Herstellungskosten eines Elektrofahrzeuges sind teurer als die eines konventionellen Autos. Wir können die Mehrkosten aber nicht einfach Eins-zu-Eins an den Kunden weitergeben. Deshalb haben wir ein sehr ambitioniertes Ergebnis-Programm gestartet. Es ist keine strategische Neuausrichtung, sondern eine Ergänzung unserer Strategie 2025. Ziel des Ergebnisprogramms ist es, unsere Rendite auch für die Zukunft abzusichern. Wir transferieren unsere Erfolgsgeschichte in das Zeitalter der Elektromobilität. Um unsere Rendite stabil zu halten, müssen wir einerseits neue profitable Wachstumsfelder finden, andererseits noch effizienter werden. Dazu gehören auch neue Business-Modelle, wie digitale Produkte und Dienstleistungen im Bereich Mobilitäts-Plattformen, mit denen wir künftig verstärkt Erträge realisieren wollen.

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Brauchen Sie denn dafür neue Vertriebsformen? Ich nehme an, der klassiche Handel wird das ja nicht vertreiben.

Ich persönlich glaube fest an den Handel. Neben den klassischen Porsche-Händlern bauen wir sogenannte Porsche-Studios auf – markenprägende Boutiquen, die Sie in Innenstädten finden werden. Daneben investieren wir intensiv in eine Online-Plattform mit unseren Händlern. Es geht nicht nur um Online-Verkauf, es geht um ein ganzheitliches System für den Kunden: angefangen beim Kauf eines Fahrzeuges oder einer Dienstleistung über die Finanzierung bis hin zur Reservierung eines Hotels oder den nächsten Urlaub. Hierfür sind wir in sehr enger Zusammenarbeit mit unseren Händlern. Auch Konnektivitätsdienste, die wir direkt oder „over the air“ in den Autos anbieten, werden wir online vertreiben. Schlussendlich werden aber auch die weltweiten Porsche-Partner für uns immer eine große Rolle spielen.

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Ab welchen Modellen werden denn over the air-Updates möglich sein? Derzeit geht das ja noch nicht.

Mit dem Taycan wird es möglich sein, eine neue Software „over the air“ aufzuspielen.

Marc Webber testet Porsche Taycan (Video):

 

Jetzt ist Porsche ja eine typische Marke, die man selbst fahren möchte. Inwieweit spielen jetzt trotzdem Fahrerassistenzsysteme, die autonome Möglichkeiten bieten, überhaupt eine Rolle?

Bei Porsche spielen Fahrassistenten bereits heute eine sehr wichtige Rolle. Wir haben mit dem 911er einige Neuheiten vorgestellt, wie den „Wet Mode“ oder „Emergency Braking“. Daneben arbeiten wir intensiv mit anderen Marken des Konzerns an dem Thema – vor allem mit Audi. So können wir den Entwicklungsprozess beschleunigen und Synergien nutzen. Ein anschauliches Beispiel ist unsere „Mark Webber-App“; eine Art virtueller Trainer, mit der das Auto autonom auf der Rennstrecke fahren kann und dabei die „Ideal-Linie“ anzeigt. Letztlich wird ein Porsche meiner Überzeugung nach aber immer ein Lenkrad haben, damit das Gefühl, selbst einen Porsche zu fahren, erhalten bleibt.

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Sie haben gerade den Panamera erwähnt. Er ist ja inzwischen eine feste Größe im Modell-Programm geworden. Wie verhält sich denn der prozentuale Anteil an der Limousine und dem Sport Turismo?

In Europa ist der Anteil 50/50 – 50 Prozent der Panameras sind entweder eine Limousine oder ein Sport Turismo. In China hat der Sport Turismo einen Anteil von ungefähr 12-13 Prozent. In den USA sind es anteilig weniger. Das Shooting Brake-Konzept, wie wir es in Europa lieben, ist in den USA schlichtweg weniger etabliert. Mehr zum Thema: Gran Turismo Sport mit 460 PS

Wie weit sind Ihre Pläne nach einem möglichen, sportlichen, viertürigen Coupé á la 8er BMW oder ähnlichem?

Sie kennen ja meine persönliche Leidenschaft für diese Art von Fahrzeugen.

Detlef von Platen auf der New York Auto Show 2018:

 

Sie glauben, dass so ein Auto gut in das Portfolio passt?

Ich persönlich bin davon überzeugt, dass so ein Auto sehr sehr gut zu Porsche passen würde. Aber wir prüfen sehr genau, zu welchem Zeitpunkt wir welches Fahrzeug und welches Produkt auf den Markt bringen.  Mehr zum Thema: Cayenne mit E-Motor getestet

Wie weit wird eine Marke wie Porsche von den wirtschaftlichen Unwegbarkeiten tangiert? Wir haben den Brexit vor der Tür, wo keiner weiß wie er ausgeht. Der chinesische Markt ist das erste Mal seit langer Zeit rückläufig, dann haben wir die Politik von Trump, die man nicht einschätzen kann. Wie schätzen Sie das kommende Jahr für Porsche ein?

Es ist offensichtlich, dass die Welt volatiler wird. Natürlich verfolgen wir die globalen wirtschaftspolitischen Themen sehr aufmerksam. Das ist jedoch nichts, was wir selbst beeinflussen könnten.

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