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Neuer Mercedes-AMG GT 63 (2018): Erste Testfahrt So fährt der messerscharfe AMG GT 63

von Johannes Riegsinger 09.11.2018

Der neue Mercedes-AMG GT 63 (2018) betrachtet sich vorrangig als Panamera-Gegner. Die erste Testfahrt auf der Rennstrecke von Austin klärt, ob der GT 4-Türer das Zeug dazu hat, dem Porsche in die Parade zu fahren!

Der neue Mercedes-AMG GT 63 (2018) wurde lange erwartet. Immer, wenn man bei Mercedes in den letzten Jahren nach dem Porsche Panamera gefragt hat, konnte man mit einem verkniffen-achselzuckenden: „Panamera? Welcher Panamera?“ rechnen. Der Erfolg des langen Luxus-Porsche muss hinter den Untertürkheimer Kulissen aber für solche Verstimmung gesorgt haben, dass Daimler-CEO Dieter Zetsche der kantigen Idee des AMG-Chefs Tobias Moers tatsächlich zustimmt: Wir bauen einen Panamera-Fighter, supersportlich, und nehmen so den Angriff aus Zuffenhausen auf die S-Klasse volley – mit einer ganz neuen Karosserie ohne Entsprechung im Mercedes-Modellprogramm, GT-Genen und allem, was AMG zu bieten hat: böse Motorleistung, mächtiges Drehmoment, dynamische Motorlager, ausgeklügeltes Fahrwerk mit supersportlichem Allradantrieb, elektronisch geregeltem Sperrdifferenzial und aktiver Hinterachslenkung, dem ganzen Donnerwetter an Fahrdynamikregelung und sonstiger adaptiver Zauberei. So weit, so stimmig und spannend. Nur bei der Namensgebung scheinen die Ideen ausgegangen zu sein: "GT 4-Türer Coupé" strotzt nicht gerade vor Originalität, da sagen wir doch lieber der neue "Mercedes-AMG GT 63" (2018).

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GT 63 S fährt Nordschleifen-Rekord

Mercedes-AMG GT 4-Türer (2018) im Video:

 
 

Erste Testfahrt im neuen Mercedes-AMG GT 63 (2018)

Dass dies aber das nahezu einzige Problem des neuen Mercedes-AMG GT 63 (2018) sein könnte, scheint nach drei schnellen Runden auf dem Formel-1-Kurs von Austin/Texas sonnenklar. Höchstens die über zwei Tonnen Leergewicht sind dem pfeilschnellen Power-Coupé in den schnellen Wechselkurven drei bis sechs etwas im Weg. Vor uns legt DTM-Legende Bernd Schneider im rund 400 Kilogramm leichteren AMG GT R auf Semislicks eine skalpellscharf geschnittene Ideallinie hin, während wir im straßenbereiften GT 4-Türer an den Scheitel- und Einlenkpunkten ziemlich kratzen müssen, um die Fuhre noch ins nächste Eck zu bekommen. Aber das passiert auch schon bei absurdem Tempo – und irgendwie immer noch völlig neutral. Richtig Freude kommt auf dem Rest des Kurses auf: druckvolles Beschleunigen mit tiefem AMGV8-Bass, kaum spürbar durchladende Neunstufen-Automatik, ultrastabil in den schnellen Ecken und beim harten Anbremsen. Die Karbon-Keramik-Bremsen haben das Auto souverän und gut dosierbar im Griff, beim Einlenken ist der Mercedes sofort da, reagiert sensibel und ohne die Verzögerung, die man einem solchen Konzept unterstellen würde. Der neue Mercedes-AMG GT 63 (2018) lässt sich in den fahrdynamischen Modi des am Lenkrad per Drehregler steuerbaren AMG Dynamic Select-Fahrdynamikprogramms wunderbar offen mit dem Gaspedal lenken, beim Herausbeschleunigen ist die Traktion direkt parat und unerbittlich. In der Boxengasse steht Tobias Moers und freut sich: "Wir wollten kein schnelles Coupé bauen, sondern einen echten Sportwagen – der eben vier Türen hat und Platz für Gepäck sowie bis zu fünf Passagiere. Dem alten SLS AMG nehmen wir mit dem GT 4-Türer auf der Nürburgring-Nordschleife gute zehn Sekunden ab." "Und dem Panamera?" Moers grinst: "Panamera? Welcher Panamera?" Dass man in Affalterbach eben doch nach Zuffenhausen geschielt hat, beweist die folgende 200-Meilen-Runde durchs texanische Hinterland. Bei 55-Meilen-Tempolimit sind die 639 PS des Vierliter Biturbo-V8 völlig egal, jetzt zählen ansprechender Fahrwerksund Abrollkomfort, gute Sitze, geringes Geräuschniveau – und Emotionen, für die man den Grenzbereich nicht braucht. Mehr zum Thema: Die Motoren des Mercedes-AMG GT Roadster

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Neuer AMG GT 53 mit 435 PS

 

Neuer GT 63 (2018) basiert auf dem CLS

Soweit schlägt sich der neue Mercedes-AMG GT 63 (2018) in der Testfahrt solide. Zweieinhalb Stunden später sind wir zurück und immer noch frisch genug, um dieselbe Runde auch noch im sparsamer motorisierten GT 53 mit geboostetem Dreiliter-Reihensechszylinder (435 PS) zu drehen. Fazit am Abend: Wer nicht die ultimative Fahrdynamik-Faust im Genick haben muss, dürfte den GT 4-Türer auch als 53er genießen. Vermutlich sogar in der Einstiegs-Version GT 43 (367 PS). Enttäuscht sind wir am Ende trotzdem. Und zwar, weil der neue Mercedes-AMG GT 63 (2018) nicht wie die aktuelle A-Klasse oder der neue Sprinter mit dem neuen Infotainment-System MBUX ausgestattet wird. Stattdessen kommt das prinzipiell ganz ordentlich funktionierende, aber in Sachen Connectivity und Funktionstiefe veraltete System aus E- und C-Klasse zum Einsatz und wird obendrein mit einer künstlich wirkenden sowie unpräzise agierenden Touchpad-Bedienung gekoppelt. Um es also mit einem MBUX-Sprachbefehl zu sagen: "Hey, Mercedes, den GT hätten wir künftig gern mit MBUX – oder wenigstens mit einem bewährten Dreh-Drück-Steller."  Mehr zum Thema: So stark ist der Mercedes-AMG GT R

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von Johannes Riegsinger von Johannes Riegsinger
Unser Fazit

Dieser neue Mercedes-AMG GT 63 (2018) könnte ja zwischen allen Stühlen sitzen, ist aber ein überzeugendes Konzept: Hochdosierte Sportlichkeit im Viertürer-Trimm, das macht nicht nur Familienmenschen Freude. Als Viertürer wird aus dem sehr extrovertierten GT auch ein beinahe moderates Automobil – mit allem Wahnsinn eines echten Sportwagens. Nur MBUX fehlt …

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