Lamborghini Countach/Porsche 959: Classic Cars Donnerkeil und Kugelblitz

von Karsten Rehmann 03.06.2020
Inhalt
  1. Der Lamborghini Countach ist so brutal, wie er aussieht
  2. Den Lamborghini Countach fährtst du nach Gehör
  3. Bei 4300 Umdrehungen bricht im Porsche 959 die Hölle los
  4. Der Porsche 959 ist ein Understatement-Meister
  5. Die 18 Liter Motoröl im Porsche 959 verlangen Geduld
  6. Countach und 959 besitzen starke Charakterzüge
  7. Technische Daten Lamborghini Countach und Porsche 959

Der Donnerkeil Lamborghini Countach und der Kugelblitz Porsche 959 lebten stets in Parallelwelten. Was passiert, wenn die Titanen der 80er-Jahre sich im Classic Cars Vergleich begegnen?

Dieser Classic Cars Vergleich hat es in sich. Denn: Lamborghini Countach und Porsche 959 sind gefährlich. Sie verdrehen dir den Hals, bist du nicht mehr weißt, in welchem Jahr wir uns befinden und wie spät es ist. Sie verbreiten schon explosive Stimmung, wenn sie im Alleingang auftauchen. Aber Seite an Seite, Rad an Rad, hebeln sie alle gewohnten Maßstäbe aus und drehen dein automobiles Koordinatensystem auf links, bis es windschief in Fetzen hängt. Dabei existieren sie in verschiedenen Sphären. Der Lamborghini Countach bewohnt sein eigenes Raum-Zeit-Kontinuum, er ist ein Science-Fiction-Klassiker, so als wäre er 1971 von Isaac Asimov erfunden worden und unfähig zu altern. Der Porsche 959 dagegen wirkt, als käme er mal eben aus der Zukunft zurück zu uns. Selbst neben dem brandneuen 911 Carrera wirkt er wie ein futuristisches Experimentalfahrzeug. Jeder von beiden ist durch eine Art imaginäre Zeitschleuse von unserer Gegenwart getrennt. Lass dich darauf ein und du läufst Gefahr, dich irgendwo in diesen Parallelwelten zu verlieren.

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Der Lamborghini Countach ist so brutal, wie er aussieht

Der Lamborghini Countach 25 ist ein Routinier. Den Namenszusatz trägt er wie einen Orden, der ihm 1988 anlässlich des silbernen Firmenjubiläums verliehen wurde. Er selbst trieb damals schon seit 14 Jahren sein Unwesen und tobte zwischen den anderen Sportwagen herum wie ein blutrünstiges Gespenst. Er ist zu breit, zu flach, zu kurz für diese Welt und benimmt sich so brutal, wie er aussieht. Seine Linienführung ist eine Ansammlung von Messerstichen, das Heck übersät mit Kühlrippen. Seine Grundform ist großartig, die Details sind grobschlächtig: Seine eckigen Rückleuchten versuchen gar nicht erst, ihre Rahmen formschlüssig zu füllen. Seinen Außenspiegel reckt dir der Countach entgegen wie den gekrümmten Zeigefinger des Butlers Riff-Raff in der Rocky Horror Picture Show, als er Brad und Janet in ihr Verderben lockt: "I think you'd better come inside." Der Lamborghini Countach ist ein Faszinosum, attraktiv und verstörend zugleich. Aber er hat noch mehr Theatralik im Repertoire: Die gen Himmel aufschwingende Pforte besitzt mehr magische Anziehungskraft als jedes nächtliche Spukschloss. Du möchtest unbedingt hinein, zögerst aber, denn wie stellst du es an, ohne vor ihm auf die Knie zu gehen, dir den Schädel zu stoßen und das Kreuz zu brechen, und was noch schwerer wiegt: Wenn du einmal drin bist, wird dich der Lambo dann je wieder rauslassen?

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Den Lamborghini Countach fährtst du nach Gehör

Seinen Drohgebärden folgen die Gewalttaten auf dem Fuß. Entschlossenheit ist gefragt. Fädel den kleinen Schlüssel ins Zündschloss, tritt beherzt das Kupplungspedal durch und weck den Berserker, der hinter dieser Bühne auf seinen Auftritt lauert. Mit dem rotierenden Anlasser beginnt der Time Warp, jetzt fordert der Wahnsinn seinen Tribut. Der Zwölfzylinder grollt wie ein gepiesackter Bär und klingt schon im Leerlauf aggressiver als der Porsche 959 bei voll durchgetretenem Gaspedal. Solange er nicht rückwärts rollen muss, lässt sich der Lamborghini Countach überraschend leicht dirigieren. Die Sicht nach vorn ist großartig, den Blick auf die in einer Art Armaturenschatulle versteckten Uhren kannst du dir sparen, denn einen Lamborghini Countach fährst du immer nach Gehör und grundsätzlich zu schnell. Jeder Schaltvorgang will wie ein Ritual zelebriert werden. Energisch und präzise schiebst du den glänzenden Alustock durch die offene Kulisse, und wenn du einmal im dritten Gang angekommen bist, möchtest du ihn am liebsten stundenlang dort belassen, denn er taugt für jedes Tempo zwischen 70 und 170 km/h. Ortschaften kommen da meistens eher ungelegen.

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Bei 4300 Umdrehungen bricht im Porsche 959 die Hölle los

Der Lamborghini Countach fällt stets mit der Tür ins Haus, der Porsche 959 dagegen überwältigt seine Fans mit einer Taktik aus Suspense-Effekten und Tsunami-Wucht: Er lullt seinen Fahrer beinahe ein, bis dieser kaum noch Verdacht schöpft, zögert die Krafteruption bis zum Äußersten hinaus und fällt dann in einer Art und Weise über ihn her, dass es schwerfällt, rechtzeitig vor dem Drehzahllimit nach dem Schalthebel zu greifen. Seine fulminante Beschleunigungskraft ist keine Zauberei, sie lässt sich mit Messapparaturen objektiv dokumentieren. Dennoch bleibt das, was dieses Auto anstellt, wenn bei 4300 Touren der zweite Turbolader anspricht, subjektiv unfassbar. Die plötzliche Urgewalt, mit der es den Porsche 959 nach vorn und seinen Fahrer nach hinten reißt, degradiert den zeitgleich gebauten 930 Turbo 3.3 beinahe zum lammfrommen Allerweltsauto. Dabei macht der 959 wenig Aufheben um seine Potenz. Mit der glattgebügelten Nase und seinem lang gezogenen Heck sieht er aus wie eine aerodynamisch optimierte Vorstudie zum 993. Der kurze Radstand und die Türen entsprechen millimetergenau dem 911 SC, im Vergleich zum Countach ist das blankes Understatement.

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Der Porsche 959 ist ein Understatement-Meister

Wäre da nicht zwischen Türgriff und Hinterrad diese kreisrunde Eintritt eines verdächtig großen Luftschachts, kämst du im Leben nicht auf den Gedanken, dass einer der schnellsten Sportwagen aller Zeiten vor dir steht. Der Porsche 959 ist vielleicht das einzige Auto mit beinahe siebenstelligem Marktwert, das selbst auf einem Supermarkt-Parkplatz wenig Beachtung finden wird. Der 928 wirkt exaltierter, ein 911 GT3 wie ein Rennwagen. Unter der Kevlar-Hülle steckt sehr viel Porsche-Folklore. Abgesehen vom breiteren Seitenschweller steigst Du einfach ein wie in jeden anderen Porsche. Das Interieur sieht aus wie im Typ 964, bloß gab es den damals noch nicht. Im Gedanken an die Rallye-Monster der Gruppe B drehst du den Zündschlüssel um und denkst: "Jetzt wacht das Tier auf." Aber das erwartete Gebrüll bleibt aus. Nur der starke Widerstand des Kupplungspedals gibt einen dezenten Hinweis darauf, welche brutalen Kräfte im Heck sinnvoll walten könnten. Die Bedienelemente für die Antriebssperren kannst du geflissentlich ignorieren, der Porsche 959 regelt den Kraftfluss zu Vorder- und Hinterachse selbsttätig, und er macht das so gut, dass es schon eines Schusses Größenwahnsinn bedarf, um auf öffentlichen Straßen seine Grenzen der Haftung auszuloten.

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Die 18 Liter Motoröl im Porsche 959 verlangen Geduld

Der Porsche 959-Motor pfeift auf das verwegene Geraspel der alten Porsche-Boxer. Er brummelt sonor, aber nicht aggressiv vor sich hin. Das liegt am dämpfenden Effekt der Registeraufladung, am geräuschisolierenden Wassermantel der Zylinderköpfe, möglicherweise aber zuerst an einem Faible seiner Entwickler für Hitchcock-artige Hochspannung. Ein Porsche 959 fordert von dir nämlich noch lange nach dem Kaltstart gehörig viel Geduld, ehe er mit dir auf die Jagd gehen kann. 18 Liter Motoröl zirkulieren in seinem Leichtmetallgehäuse. Solange die nicht wohltemperiert sind, bleiben hohe Drehzahlen streng verboten. Zur Einstimmung kannst du erst einmal die Einzelheiten des extrem aufwendig konstruierten Fahrwerks auswendig lernen. Wenn du bei den variablen und das Niveau regulierenden doppelten Dämpfern angekommen bist, entsteht langsam, aber sicher Hitchcock-artige Suspense – Hochspannung. Du ahnst, gleich knallt es, aber du weißt nicht, wann und wie laut es tatsächlich knallt. Es knallt, wie erwähnt, bei 4300 Umdrehungen, und wenn du dann einen Wimpernschlag lang Zeit hättest, die Instrumente zu beobachten, würde dir klar, warum die Skala des Tachometers so eng eingeteilt ist: Die Nadel hielte sonst mit dem Tempozuwachs nicht Schritt.

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Countach und 959 besitzen starke Charakterzüge

Der 959 benötigt 3,9 Sekunden, um aus dem Stand auf 100 km/h zu beschleunigen und reißt nach gut 13 Sekunden die 200-km/h-Mauer ein. Mit seinen 450 PS erreicht er 315 km/h, die Tachonadel trifft dabei fast den Anschlag und meldet 340 km/h. Hand aufs Herz: Du hast immer daran gezweifelt, wenn es hieß, ein 959 sei auch nichts anderes als ein besonders starker 911 Turbo. Jetzt weißt du, die Zweifel waren berechtigt. Selbst wenn die Zeitsprünge mit Lamborghini Countach und Porsche 959 nur eine Stunde dauerten, verbringst du den Rest des Jahres mit dem Versuch zu begreifen, welche Naturgewalten du da erlebt hast, welche Furien gerade mit voller Wucht in dich gefahren sind. Miura und 911 S sind ästhetischer, Diablo und GT3 fokussierter als der Countach und mitreißender als der 959. Aber keine anderen Modelle fallen derart aus dem Rahmen und besitzen so starke Charakterzüge wie Lamborghini Countach und 959. Daran muss jeder ernsthafte Vergleich scheitern. Das einzig funktionierende Differenzierungsmerkmal bleibt ihre Halbwertzeit: Der Porsche 959 war ein richtungweisendes Leuchtfeuer. Doch er lebte kaum mehr als drei Jahre – der Countach aber fast zwei Jahrzehnte. Seine Keilform prägt noch heute jeden neuen Lamborghini.

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Technische Daten Lamborghini Countach und Porsche 959

Classic Cars 1/2020Lamborghini CountachPorsche 959
Zylinder/Ventile pro Zylin.12/46/4; Registeraufladung
Hubraum5167 cm³2849 cm³
Leistung335 kW/455 PS 7000/min331 kW/450 PS 6500/min
Max. Gesamtdrehmoment bei500 Nm 5200/min500 Nm 5500/min
Getriebe5-Gang-Getriebe6-Gang-Getriebe
AntriebHinterradAllrad
L/B/H (mm)4140/2000/10704260/1840/1280
Leergewicht1490 kg1350 kg
Bauzeit1988-19901985-1988
Stückzahl658278
Beschleunigung0 auf 100 km/h in 5 s0 auf 100 km/h in 3,9 s
Höchstgeschwindigkeit295 km/h315 km/h
Verbrauch22,4 l/100 km18,3 l/100 km
Grundpreis (Jahr)145.000 US-Dollar (1989)420.000 Mark (1987)

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