Tempolimit auf Autobahnen: Kommentar "Fehlgeleitete Diskussion"

von Christina Finke 15.07.2020

Die Diskussionen um ein Tempolimit auf Deutschlands Autobahnen reißen nicht ab. Die meistgenannten Gründe dafür: Umweltschutz und die Sicherheit der Autofahrer.  Ein Trugschluss, wie Redakteurin Christina Finke findet. Kommentar!

Ein generelles Tempolimit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen zum Schutz des Klimas – so lautete bereits 2019 der Vorschlag einer Regierungskommission. Und auch 2020 reißt die Debatte um eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung nicht ab und wird – wie hierzulande üblich – natürlich ganz besonders emotional geführt.  Sobald uns Deutschen jemand sagen will, wie schnell wir in unserem eigenen Auto zu fahren haben, sind wir ruckzuck auf 180, fühlen uns unserer persönlichen Freiheit beraubt, lehnen alle Vorschläge kategorisch ab und haben auch kein ernsthaftes Interesse an fundierten Argumenten. Die derzeitige Diskussion um Tempolimits ist aber tatsächlich vollkommen fehlgeleitet: Es wird nämlich mit dem Klimaschutz argumentiert, während die Auswirkungen von Tempolimits auf Autobahnen selbst unter Experten umstritten sind. Das Einsparpotential beim gesamtdeutschen CO2-Ausstoß soll Berechnungen zufolge mit weniger als einem Prozent verschwindend gering ausfallen. Tatsächlich wird viel mehr Kohlendioxid bei Stop-and-go-Fahrten im Stadtverkehr ausgestoßen. Die Digitalisierung des Straßenverkehrs, also die Vernetzung von Fahrzeugen untereinander, um Staus zu vermeiden und den Verkehrsfluss zu optimieren, wäre demzufolge eine deutlich geeignetere Maßnahme zur Schadstoffreduktion. Mehr zum Thema: Bessere Unfallbilanz durch Tempo 130

News Tempolimit 130 (Autobahn): Umwelt/Sicherheit/Studien
Tempolimit 130 (Autobahn): Umwelt/Sicherheit/Studien Mehrheit laut Studie für Tempolimit

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Kommentar: Redakteurin Christina Finke gegen Tempolimits auf Autobahnen

Ein weiteres, gern genutztes Argument für ein generelles Tempolimit auf Autobahnen: die Verkehrssicherheit. 3046 Menschen kamen 2019 in Deutschland im Straßenverkehr ums Leben – und damit so wenige wie noch nie seit mehr als 60 Jahren. 11,7 Prozent von ihnen, also 356 Personen, starben bei Unfällen auf Autobahnen. Ein Jahr zuvor waren es noch 424. Deutlich gefährlicher ist man der Unfallstatistik des Statistischen Bundesamts zufolge auf Landstraßen unterwegs: Hier gab es mit 57,7 Prozent, also 1758 Getöteten, mit Abstand die meisten Verkehrstoten – das sind fast fünf Mal so viele Personen, wie bei Unfällen auf Autobahnen starben. Auch wenn man die Anzahl der Unfälle mit Personenschaden aufschlüsselt, ergibt sich ein eindeutiges Bild: Von insgesamt 300.143 Unfällen ereigneten sich 207.625 innerorts, 72.538 außerorts und 19.980 auf Autobahnen. Dabei war nicht angepasste Geschwindigkeit in gerade einmal 11,6 Prozent aller registrierter Verkehrsunfälle mit Personenschaden die Ursache. Und: Mit "nicht angepasster Geschwindigkeit" ist auch nicht immer nur ein Überschreiten des Tempolimits gemeint, sondern auch eine unangemessen hohe Geschwindigkeit bei schlechten Straßen-, Verkehrs-, Sicht- und Wetterverhältnissen. Außerdem: Zwar wird ein Drittel der in Deutschland gefahrenen Kilometer auf Autobahnen zurückgelegt, doch ereignen sich dort nur 6,6 Prozent der Unfälle mit Personenschaden. Auf Landstraßen ist man also statistisch gesehen weitaus gefährlicher unterwegs. Und jetzt mal ehrlich: Wer glaubt ernsthaft, dass Tempolimits notorische Raser und Drängler zur Räson rufen? Dass unsere Autobahnen durch ein generelles Tempolimit schlagartig sicherer werden? Wer mich fragt: reine Illusion. Tempolimits auf bestimmten Autobahnabschnitten sind nur sinnvoll, wenn Verstöße registriert sowie entsprechend geahndet werden und Strafen nicht symbolisch, sondern endlich saftig ausfallen. 

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